Publication:
München: ADAC e.V., 2017
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15364592
Path:
Die Evolution
der Mobilität

Die Evolution
der Mobilität

Eine Studie des Zukunftsinstituts im Auftrag des ADAC

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Projektleitung
Christian Rauch
Lektorat
Franz Mayer
Grafik-Design
Christoph Almasy
Cover-Bild
Shutterstock, Tomas Picka
© ADAC e.V., 2017

Inhalt

Vorwort .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 5
Einleitung .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 6
Aufbruch in ein neues, multimobiles Zeitalter

Motive und Bedürfnisse  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 8
Die Treiber der Mobilität von morgen

Mobile Lifestyles 2040 .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 16
Eine Typologie der Mobilitätsgesellschaft von morgen

Prinzipien  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 24
Funktionsweisen der Mobilität von morgen

Räume .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 36
Lokale Strukturen der Mobilität von morgen

Implikationen .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 44
Handlungsfelder für eine zukunftsweisende Mobilitätspolitik

Literatur .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 48

Vorwort
Die Welt wie wir sie kennen, ist in Bewegung. Die Herausforderungen der
Zukunft sind vor allem die Herausforderungen einer individuellen, intelligenten und vernetzten Mobilität. Mobilität treibt uns an, sie bewegt uns. Die
Menschen wollen Mobilität, sie möchten mobil sein. Persönliche Mobilität
entspringt dem Wunsch, selbst zu entscheiden, wann, wie und wohin wir
uns ­bewegen. Mobilitätsmuster werden vielschichtiger und komplexer. Das
Bedürfnis nach Sicherheit, Gesundheit, intakter Umwelt und allgemeiner
Lebensqualität steigt. Die Digitalisierung wird zur zentralen Grundlage der
Prinzipien der Mobilität von morgen, die vor allem eines zu leisten hat: Sie
muss bedürfnis­orientiert sein, das Leben einfacher und sicherer machen.
Für den ADAC lauten vor diesem Hintergrund die entscheidenden Fragen: Wie
können wir als Institution einen Beitrag leisten, die Mobilität der Menschen
auch künftig sicherzustellen? Wie können wir die Menschen bestmöglich auf
dem Weg in ihre mobile Zukunft begleiten? Welche neuen Wege sollten Wirtschaft, Politik und Gesellschaft heute einschlagen? Welche Entscheidungen
sollten wir heute treffen, um die Anforderungen der mobilen Welt von morgen
erfolgreich zu meistern?
Mit der vorliegenden Studie „Die Evolution der Mobilität“ möchten wir eine
Diskussion darüber anstoßen, welche Grundmuster die Mobilität von morgen
bestimmen könnten. Wir haben das renommierte Zukunftsinstitut beauftragt,
ausgehend von den Bedürfnissen der Menschen zu untersuchen, welche langfristigen Trends und Entwicklungen unsere Mobilität bis ins Jahr 2040 dominieren könnten. Welche Rolle das Automobil der Zukunft einnimmt, wie interund multimodale Reiseketten der Zukunft aussehen könnten, wie die Städte
der Zukunft ihre Verkehrsprobleme lösen und wie individuelle Mobilität auch
abseits der Ballungsräume künftig sichergestellt werden kann.
Die Ergebnisse der Studie haben uns zum Teil überrascht, zum Teil überzeugt,
wieder andere Erkenntnisse regen zum Nachdenken oder auch zum Widerspruch an. Klar scheint eines: Uns steht keine disruptive Mobilitätswende
bevor, sondern eine evolutionäre Entwicklung und Veränderung, die umso
tiefgreifender und grundlegender sein wird.

Ich lade Sie herzlich ein, mit dem ADAC in einen Dialog über die Zukunft der
Mobilität zu treten!

Dr. August Markl
Präsident des ADAC

Die Evolution der Mobilität

Aufbruch in ein neues,
multimobiles Zeitalter
Die Art und Weise der Lebensführung wird
individueller. Deshalb prägt kaum etwas
unser Leben so sehr wie die Mobilität. Sie
ist unentbehrlich. Mobil sein ist die Voraussetzung für soziale Teilhabe und gesellschaftlichen Fortschritt, für wirtschaftliches
Wachstum, Selbstverwirklichung und
individuellen Erfolg. Mobilität entscheidet
darüber, ob Menschen ihre beruflichen und
privaten Ziele erreichen, ihre Wünsche und
Anforderungen miteinander vereinbaren,
ihre Lebensqualität steigern können. Das
heißt, Menschen wollen, sie müssen aber
auch mobil sein.

Individualisierung als
wichtigster Treiber
Einer der größten Treiber von Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft
ist der Megatrend Individualisierung. Er
bestimmt insbesondere wie kaum eine
andere Entwicklung den Wandel der
Mobilität und die Nachfrage nach neuen
Mobilitätsangeboten. Das Streben nach
Individualität führt zu einer Ausdifferenzierung von Weltanschauungen, einer
Vielfalt an Lebensentwürfen, Biografien und
Konsumgewohnheiten. Jeder kann heute
sein Leben viel stärker nach persönlichen
Wünschen und eigenen Vorstellungen gestalten. Das erzeugt eine Freiheit der Wahl,
einen zunehmenden, vor allem aber einen
veränderten Mobilitätsbedarf. Denn zugleich steigt dadurch auch die Komplexität
in den Lebensbedingungen der Menschen:
Allgemeine Flexibilitätsanforderungen
nehmen ebenso zu wie der Wunsch nach
Unabhängigkeit. Alltägliche Versorgungswege und die Familienkoordination bleiben
genauso bedeutsam wie die Pflege vielfältiger sozialer Kontakte. Nicht zuletzt sorgen
der Wandel der Arbeitswelt, zunehmende
Freizeitaktivitäten, Reisen und Tourismus
für steigende Mobilitätsansprüche.
Erst das Zusammenspiel der Megatrends Individualisierung und Mobilität sorgt für die
Realisierung neuer Chancen, eine größere
6

Optionenvielfalt, die Möglichkeit, Neues zu
entdecken und zu erfahren. Weil Mobilität
Beweglichkeit bedeutet, Veränderungs- und
Wandlungsfähigkeit garantiert. Die individuelle Mobilität entspringt dem Wunsch,
selbst zu entscheiden, wann, wie und wohin
man sich bewegt. Das hat dafür gesorgt,
dass Mobilität weltweit zum Ausdruck von
Freiheit, Unabhängigkeit, Individualität und
Selbstbestimmung geworden ist. Das wird
auch im Jahr 2040 noch so sein.

Steigender Bedarf, neuer Mix
Mobilität sorgt für einen gelingenden
Alltag ebenso wie für die Errungenschaften
des globalen Marktes. Sie ist nicht nur ein
Grundbedürfnis, sondern eine zentrale
Anforderung moderner Gesellschaften. Das
Ergebnis: Die Welt im 21. Jahrhundert ist
nicht nur durch einen weiter wachsenden
Mobilitätsbedarf gekennzeichnet, sondern
vor allem durch eine zunehmende Vielfalt
an Mobilitätsformen.
Das macht diesen Bereich zu einem der
größten Wachstumsmärkte. Alles in allem
investieren private Haushalte in der EU
jährlich über eine Billion Euro in ihre Mobilität, in Deutschland sind es pro Kopf rund
2.600 Euro im Jahr, jeder siebte Euro fließt
hier in Leistungen, die das Unterwegssein
ermöglichen (European Commission 2016).
Knapp 1,2 Billionen Personenkilometer legen
die Deutschen Jahr für Jahr zurück – per
Pkw, Bus und Bahn, mit Flugzeugen oder
Schiffen. Insgesamt verzeichnet der Personenverkehr in der Bundesrepublik seit dem
Jahr 2000 einen Anstieg um über 11 Prozent.
Nach Prognosen der Europäischen Kommission wird der Mobilitätsbedarf hierzulande
in den nächsten Jahrzehnten weiterhin
kontinuierlich ansteigen, bis 2040 auf mehr
als 1,3 Billionen Personenkilometer. Gut drei
Viertel davon werden auch in Zukunft auf
das Auto zurückgehen. Damit bleibt das
Auto auf absehbare Zeit das Verkehrsmittel
Nummer eins. Zu sehr ist das Mobilitätsverhalten auch in Zukunft mit dem Bedürfnis

Einleitung

STEIGENDER MOBILITÄTSBEDARF
Personenverkehr in Deutschland (Milliarden Personenkilometer)
Pkw und Motorräder

Öffentlicher Straßenverkehr

Luftverkehr

Schienenverkehr

Binnenschifffahrt

1.500
1.200
900
600
300
0

2000

2020

2030

2040

Quelle: European Commission; Prognose: EU Reference Scenario 2016

nach individueller Fortbewegung verknüpft.
Und individuelle Mobilität ist für die
Menschen eine so elementare Wohlstands­
erfahrung, dass sie darauf nicht verzichten
wollen. Auch im Jahr 2040 wird daher das
Auto noch der Garant für räumliche und
zeitliche Flexibilität sein.

Smart Mobility: Der langsame Abschied vom Auto, wie wir es kannten
Dass das Auto dennoch seine alles dominierende Stellung verliert, die es bis zum
Beginn des 21. Jahrhunderts hatte, hängt
mit seiner veränderten Funktionalität
zusammen. Mitnichten bleibt daher alles
wie gehabt. Denn was die Statistik nicht
verrät: Der Konsum von Mobilität, wie wir
ihn jahrzehntelang praktiziert haben, erlebt
gegenwärtig eine historische Zäsur. Was vor
uns liegt, ist der Beginn eines neuen, multimobilen Zeitalters. Wir stehen vor ähnlichen
Umwälzungen wie nach der Erfindung des
Autos vor 125 Jahren. Hinter der vordergründigen Kontinuität verbirgt sich ein evolutionärer Wandel des Systems der Mobilität, der
nicht unterschätzt werden darf.
Das eigene Auto, das lange Zeit vor allem
für die Deutschen ein Symbol für Freiheit
und Unabhängigkeit war, ein Ausdruck

der Persönlichkeit und des sozialen Status,
verliert seine einstigen Vorteile gegenüber
anderen Verkehrsmitteln, insbesondere
seine eigentliche Funktion: Angenehm und
schnell von A nach B zu kommen gelingt
mit ihm angesichts überfüllter Straßen und
staugeplagter Städte nicht mehr überall.
Das Auto wird es vielerorts daher schwer
haben und sich im Jahr 2040 nur noch dann
behaupten können, wenn es mit ihm gelingt,
individuelle Fortbewegung und öffentlichen
Verkehr zu verknüpfen: Nur wenn es sich
also in den Mobilitätsmix von morgen klug
und reibungsfrei einfügt und künftig zu
einer wirklich bedarfsgerechten Mobilität
beiträgt. Der Pkw bleibt ein wichtiges
Fortbewegungsmittel. Aber im Selbstverständnis der Menschen wird er eben nicht
mehr zwingend die erste Wahl sein, sondern
als Teil neuer, integrierter Mobilitäts- und
Verkehrssysteme eine – weitgehend gleichberechtigte – Option unter anderen.
Die Krise des Automobils ist zugleich
seine große Chance: Autos werden 2040
in allererster Linie Mittel zum Zweck sein
– allerdings nicht nur der Fortbewegung,
sondern zum Beispiel auch als elementarer
Bestandteil eines intelligenten, nachhaltigen
Energiemanagements. Aus Status-Mobilität
wird Smart Mobility.
7

M OTI V E U N D B EDÜR F NI S S E

Die Treiber
der Mobilität von
morgen

1
8

Motive und Bedürfnisse

Der Megatrend Individualisierung ist der wichtigste Treiber eines weiter wachsenden Mobilitätsbedarfs und eines vor allem auf individueller
Fortbewegung basierenden Verkehrsaufkommens.
Doch darüber hinaus gibt es vielfältige Motive,
warum Menschen mobil sind – sein wollen und
sein müssen. Manche verlieren an Bedeutung – Mobilität als klassische Luxuserfahrung und als Statusrepräsentation beispielsweise –, andere bleiben
bestehen und bekommen eine neue Bedeutung.
Die Mobilitätsmuster werden vielschichtiger und
komplexer. Die Bedürfnisprofile der Menschen
hinsichtlich ihrer Mobilitätswünsche und -anforderungen verschieben sich. Neue Player und innovative Plattformen orientieren sich ausschließlich
an den veränderten Bedürfnissen und Motiven der
Menschen, indem sie nutzer- und bedarfsorientierte Mobilitätsangebote schaffen, die das Leben
einfacher machen. Zugleich steigen jedoch die
Ansprüche und Erwartungshaltungen.
Die Frage ist: Welche Bedürfnisse und Anforderungen sind in der Mobilität von morgen besonders wichtig?

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Die Evolution der Mobilität

1. Flexibilität, Unabhängigkeit und
Work-Life-Blending
Unsere Lebenswelt erfordert mehr Flexibilität und Mobilität, Entscheidungs- und
Anpassungsfähigkeit, permanente Aufmerksamkeit und Erreichbarkeit als je zuvor.
Immer mehr Menschen wollen und müssen
mobiler leben, arbeiten und konsumieren.
Gerade die Lebensstile von Familien, jungen
Großstädtern und international vernetzten
High Potentials erfordern schon heute ein
effektives Zeit- und Mobilitätsmanagement.

In Zukunft wird zeit- und
ortsunabhängiges Arbeiten zur
Normalität.

Die Flexibilisierung des privaten wie des
beruflichen Lebens sorgt dafür, dass für die
meisten Menschen die Zahl der Orte steigt,
die sie tagtäglich ansteuern, und mit ihr die
möglichen Wege.
Der bisherige uniforme Nine-to-five-Arbeitsrhythmus mit seiner Fixierung auf Geschäftszeiten und der starren Trennung von

Foto: DavidMartynHunt CC BY

Arbeiten im Home-Office: Die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben löst sich zunehmend auf
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Job und Freizeit weicht einem hochgradig
flexiblen, mobileren Lebensstil, der vor allem
auf eines abzielt: Stärkere individuelle Selbstbestimmung, Unabhängigkeit sowie die kluge
Verbindung von Privat- und Berufsleben beispielsweise durch Home-Office-Modelle und
Mobile-Office-Lösungen. Gerade Letzteres
wird zur großen Aufgabe der kommenden
Jahre, statt weiterhin krampfhaft den Spagat
zwischen zwei scheinbar trennbaren Welten
zu versuchen. Die Idee der Work-Life-Balance
weicht daher zunehmend einem neuen Verständnis von Vereinbarkeit: Arbeitgeber und
Arbeitnehmer müssen Lösungen finden, die
steigende Belastungen durch geschäftliche
und berufliche Anforderungen kompensieren
und zu einem besseren Work-Life-Blending
führen.
2040 wird das Arbeiten dank digitaler Vernetzung, Cloud-Lösungen und innovativer
Workplace-Tools ganz überwiegend zeit- und
ortsunabhängig möglich sein. Ob unterwegs,
von zu Hause, beim Kunden, im Café oder am
Strand – mobiles Arbeiten wird zur neuen
Norm. Durch Home-Office-Modelle und Mobile-Work-Technologien löst sich die einstige
Grenze zwischen Berufs- und Privatleben
vollständig auf, mit vielen Auswirkungen von
den Arbeitszeiten bis hin zur IT-Sicherheit. So
sehr flexibles Arbeiten von Angestellten gewünscht und gefordert wird, so sehr müssen
neue Wege für eine funktionierende, kluge
Verbindung von privaten und beruflichen
Anforderungen gefunden werden.

Motive und Bedürfnisse

Autos als Third Places
Die große Chance autonomer Fahrzeuge
liegt darin, dass sie künftig verstärkt
soziale Funktionen als Third Places erfüllen können: Verkehrsmittel werden
zu Refugien zwischen Arbeitsplatz und
Zuhause, in denen man sich gerne aufhält,
wohlfühlt, seine Zeit aber auch sinnvoll
verbringen kann, während man unterwegs
ist. Wenn Autos in Zukunft von künstlicher
Intelligenz gelenkt werden, müssen die
menschlichen Fahrer sich nicht mehr auf
das Verkehrsgeschehen konzentrieren,
vielmehr können sie sich entspannen, lesen,
Videos schauen oder Arbeit erledigen.
Damit ändert sich die Funktion des Autos
im Alltag radikal. Selbstfahrende Autos
werden dann erstmals wirklich zur Verlängerung des Büros und des Wohnzimmers
samt multimedialer, digitaler Vernetzung,
die die Erweiterung der Lebenswelt ins
Virtuelle unterstützen.
Foto: DHL

2. Nahversorgung: Mobiler Lebenswandel – situativer Konsum
Mit voranschreitender Urbanisierung bei
gleichzeitiger Zersiedelung wächst das
Verkehrsaufkommen – gerade aufgrund
alltäglicher Wege zur individuellen Versorgung mit Waren. Städte und Ballungsräume
stehen vor besonders großen Herausforderungen. Hier verdichtet sich das
Verkehrsaufkommen auf engstem Raum,
was häufig zum Stillstand führt. Personen
und Güter kommen nicht schnell genug
ans Ziel. So wird auch die Neugestaltung
der Nahversorgung im urbanen Raum zu
einem dynamischen Innovationsfeld. Denn
auch das starke Wachstum des E-Commerce führt nicht etwa zu weniger Versorgungswegen. Im Gegenteil: Er erzeugt ein
massiv steigendes Sendungsaufkommen
und damit neue Anforderungen an die
Handelslogistik und an Paketdienstleister, die mehrfach, dezentraler und in
kleineren Mengen ausliefern müssen. Der
Online-Handel mündet auch keineswegs in
der vollständigen Verdrängung stationärer
Geschäfte. Der stationäre Handel investiert
vielmehr hohe Summen in den Ausbau des
Online-Standbeins, um im Wettbewerb mit
den reinen Onlinern zu bestehen. Die klassischen Vorzüge des stationären Handels
– hohe Beratungsqualität und anfassbare
Produkte – werden immer häufiger mit
der Inszenierungen von Produkt- und

Paketlieferung in den Kofferraum: Das Auto wird zur Packstation

Servicewelten am Point of Sale kombiniert,
um dem Kunden eine auf ihn zugeschnittene persönliche „Experience“ zu bieten. Die
Individualität des Shopping-Erlebnisses
wie auch die forcierte Revitalisierung von
Innenstädten als Handelslandschaft sorgt
auch in Zukunft für ein anhaltend hohes
Mobilitätsaufkommen.
Unsere Gesellschaft ist nicht nur hochgradig mobil, sie ist oft auch sprunghaft
und ungeduldig geworden. Der immer
mobilere Lebenswandel führt zu einem
mobileren, situativen Konsum. Getätigt
wird er zunehmend an neuen, wachsenden
Verkaufsorten, praktisch „im Vorbeigehen“.
Es sind vor allem die Orte des Transits, die
zum Shopping einladen. Tankstellen haben
längst ihre Geschäftsstrategie umgestellt
– hin zum Retail-Shop für die Nahversorgung rund um die Uhr. In dem Maße,
wie die klassischen Knotenpunkte in der
Verkehrsinfrastruktur zu Third Places
werden, drängt dort der Handel immer
stärker in den Vordergrund: Mobility Hubs
wie Bahnhöfe, Flughäfen oder Hotels
realisieren mit Shopping- und Gastronomieflächen inzwischen einen Großteil
ihrer Erlöse. Das fördert die Verbindung
von Unterwegssein und alltäglicher
Versorgung.
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Die Evolution der Mobilität

3. Soziale Kontakte und
­Familienkoordination
Die Pflege sozialer Beziehungen, menschliche Begegnungen oder die ganz praktische
Bewältigung des Familienalltags machen
auch im digitalen Zeitalter physische,
räumliche Mobilität unverzichtbar. Gemeinsame Aktivitäten in der Freizeit verlangen
genauso nach Mobilität wie der Wunsch
nach kulturellen Erlebnissen und Kontakten
zu Verwandten, Freunden, Bekannten und
Kollegen. Menschen wollen und müssen sich
daher auch künftig persönlich austauschen.
Sie sind kulturell so geprägt, dass sie notwendigerweise mobil sind, denn Mobilität
entspringt immer auch dem Drang nach
gesellschaftlicher Teilhabe. Man möchte
oder muss dazugehören, sei es als Mitglied
von Familien, Freundeskreisen oder sozialen
Gruppierungen. Zugleich erhöht gerade die
Allgegenwärtigkeit digitaler Kommunikationsformen das Bedürfnis nach realen Orten
und Optionen zur persönlichen Interaktion
mit Menschen, ob mit der Familie und
Freunden oder für neue Bekanntschaften.
Gleichzeitig vervielfältigen sich Lebensformen und Familienstrukturen. Das erhöht
zwangsläufig den Mobilitätsaufwand. Zeichneten sich etwa Familienverbünde, aber
auch Wohn- und Arbeitsorte früher durch
zeitliche und räumliche Nähe aus, driften sie
in Zukunft stärker auseinander. Das verleiht
der Mobilität eine besondere Bedeutung
zur Aufrechterhaltung von Beziehungen.

Foto: flinc GmbH

Freizeitaktivitäten erzeugen einen anhaltend hohen Mobilitätsbedarf
12

Zudem treffen Familienmitglieder immer
häufiger individuelle Lebens- und Konsum­
entscheidungen, was die Alltagskomplexität weiter erhöht. Hinzu kommt: Mit der
Herausbildung breiter Speckgürtel rund
um Großstädte und der Zersiedlung des
urbanen Raums verlängern sich individuelle
Wegstrecken. Mobilität ist daher nicht nur
der Garant für Lebensqualität, Selbstbestimmung und hohen Freizeitwert, sondern ein
alltagspraktisches Erfordernis.
Indem das Sozial-, Freizeit- und Familienleben sich immer öfter an vielen Orten
parallel abspielt, findet es nicht selten unter
einem erheblichen Maß an Zeitnot statt. In
jedem Fall erhöht sich mit dem Synchronisations- auch der Mobilitätsaufwand. Durch
die multiplen Mobilitätsanforderungen im
Alltagsleben verstärkt sich der Wunsch nach
Komplexitäts- und Stressreduktion massiv.

4. Berufliche Anforderungen:
­Mobiles Arbeiten 2040
Gesellschaftliche Trends und disruptive
Prozesse in der Wirtschaft sorgen für einen
fundamentalen Wandel der Arbeitswelt. Der
Übergang von der klassischen Industrie- hin
zu einer Service- und Netzwerkökonomie ist
geprägt von einer neuen Kultur des Arbeitens und zunehmend digitalen Wertschöpfung. Die Arbeitsorganisation findet im Jahr
2040 unter völlig neuen Bedingungen statt:
Flexible, team- und projektorientierte Arbeitsformen sind der Normalfall. Kollektive
Arbeitszeitregelungen werden zwar nicht
vollständig verschwinden, sodass auch in
Zukunft Arbeitswege an mehr oder weniger
feste Tageszeiten gebunden sein werden.
Doch mobiles, vernetztes Arbeiten wird integraler Bestandteil des Alltags sein – mit allen
Konsequenzen für die Unternehmensorganisation und -kultur, die Businessmodelle und
Produkte, die Kommunikation etc.
Unternehmen sind immer seltener geschlossene, hierarchische Systeme, sondern offene
Netzwerke und Plattformen, die durch
Kooperation und Kollaboration extrem
agil, kunden- und bedarfsorientiert agieren
und neue, vielfältige Business-Ökosysteme
erschaffen. Solche Netzwerke erfordern
höhere Selbstverantwortungs- und Autonomiegrade der Mitarbeiter. Dadurch steigt
die Komplexität von Arbeitsumfeldern – mit
weitreichenden Folgen.

Motive und Bedürfnisse

Foto: Unsplash Clem Onojeghuo

Wegzeit wird zur Arbeitszeit: Komfortabel zu reisen und zugleich produktiv sein zu können wird immer wichtiger

In Deutschland gehört laut Erhebungen
des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) für rund 14 Prozent und
damit für Millionen Erwerbstätige eine sehr
hohe berufliche Mobilität schon heute zum
Alltag. Ihr Anteil wird in den kommenden
Jahrzehnten weiter steigen. Dass Pendler
generell mehr Stress empfinden und
gesundheitliche Nachteile in Kauf nehmen
müssen, ist in vielen Untersuchungen nachgewiesen worden. Zuletzt hat eine Studie
des BiB die negativen Folgen innerhalb der
Gruppe belegt: Wer mehr als eine Stunde für
die Fahrt zur Arbeit braucht, hat deutlich
mehr physische und psychische Nachteile
als Personen, die aufgrund ihres Jobs an
mindestens 60 Tagen auswärts übernachten
(Rüger/Schulze 2016).
Flexibel, unabhängig von Ort und Zeit arbeiten zu können wird immer wichtiger. Der
Wunsch, komfortabel zu reisen und zugleich
produktiv sein zu können, steigt und damit
die Nachfrage nach einer Infrastruktur fürs
mobile Arbeiten, die Wegzeiten zu wirklicher
Arbeitszeit werden lässt. Wenn es darum
geht, Reisezeiten effektiv fürs Arbeiten
nutzen zu können, sind digitale Vernetzung,
ruhige Arbeits- und Meeting-Möglichkeiten
aber erst der Anfang. Künftig wird es darum
gehen, kluge, ganzheitliche Konzepte für
mobiles Arbeiten zu entwickeln. Arbeitgeber
wie auch Mobilitätsdienstleister müssen
produktive, kreative und sichere Arbeitsumfelder schaffen – mit allem, was dazugehört,
um gute Leistungen auch unterwegs zu

erreichen. Verkehrsmittel, aber auch Bahnhöfe, Flughäfen, Hotels, Co-working Spaces
werden zum festen Bestandteil unserer
Arbeits- und Lebenswelt. Sie bilden die
„Hardware“ des Mobile Office in der Netzwerkökonomie von morgen. Smart-Travel
bedeutet dann nicht nur zuverlässig, sicher
und bequem zu reisen, sondern zugleich
sinnvoll arbeiten zu können – und nicht
zuletzt sich gesund fortzubewegen.
Die steigende Digitalisierung und Virtualisierung von Geschäftsprozessen verstärkt
den Trend. Doch entgegen dem Drohbild
einer von künstlicher Intelligenz bestimmten
Arbeitswelt werden Computer, Software und
Algorithmen menschliche Mitarbeiter nicht
überflüssig machen. Weil Wissen, Talent und
Kreativität die zentralen Erfolgsfaktoren
sind, kommt es künftig auf ein kluges Zusammenspiel von Menschen und Maschinen an.
Die Arbeitswelt von morgen wird aber nicht
durch eine 360-Grad-Virtualisierung geprägt
sein. Der Mensch wird in der Wertschöpfung
auch 2040 noch eine wichtige Rolle spielen.
Auch in der digitalen Ökonomie werden soziale Prozesse und menschliche Fähigkeiten
enorme Bedeutung haben, die auf persönlichem Austausch, auf Teamstrukturen und
interdisziplinärer Zusammenarbeit basieren.
Das führt in einer zunehmend dezentral
organisierten Arbeitswelt auch zu einem
hohen berufsbedingten, aber individuelleren Pendlerverkehr und einem weiterhin
steigenden Bedarf an Business-Mobilität.
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Die Evolution der Mobilität

5. Freizeitaktivitäten:
Zwischen Mobilitätsmanagement
und Entschleunigung
Die Multi-Mobilität prägt nicht nur das
Berufsleben, sie überträgt sich auch in die
Freizeit: Ob Shopping, Wochenendtrip,
Familienbesuche oder sportliche Aktivitäten
– Mobilität wird zur integralen Voraussetzung des Freizeitlebens der allermeisten
Menschen.
Unternehmungen, Ausflüge, Sport, auch
bestimmte Formen von Mobilität selbst
– etwa Motorradfahren – bleiben in den
kommenden Jahrzehnten ein wichtiger
Teil der Freizeitaktivitäten. Das schließt
auch die Freude am sportlichen Fahren
ein, die künftig jedoch zunehmend von
öffentlichen Straßen in „Freizeitbiotope“
verlagert werden wird. Der unmittelbar
aus bestimmten Freizeitaktivitäten und

Trendwende in der Freizeit­
mobilität: mehr Qualität, Genuss
und Zeitautonomie.

fungieren: Sie werden Freizeitaktivitäten
und Mobilitätsservices individuell auf spezifische Anforderungen zuschneiden – von
der Fahrzeit und den Kosten bis hin zu den
gewünschten Transportmitteln.
Das Freizeitverhalten gibt mehr als andere
Lebensbereiche Auskunft über die wahren
Bedürfnisstrukturen und Befindlichkeiten
unserer Gesellschaft. Wurde die Zeit
jenseits der Arbeit früher vorrangig dazu
genutzt, sich auszuruhen und passiv zu
erholen, dient sie in immer stärkerem Maße
der körperlichen Bewegung und aktiven
Erlebnissuche als Ausgleich zu beruflichen
Tätigkeiten und zum Joballtag. Freizeitgestaltung findet neue Ausdrucksformen
und verbindet sich beispielsweise immer
öfter mit dem Sport. Bewegung wird zu
einem elementaren Baustein der aktiven
Freizeitgestaltung, der Gesunderhaltung, der
Lebensenergie.
Damit wächst inzwischen aber auch der
Wunsch nach Entschleunigung und achtsamer Mobilität in der Freizeit, ihre Sinnhaftigkeit und Wirkung rücken stärker in den
Fokus. Das sorgt für eine Trendwende hin
zu mehr Qualität und Zeit für Genuss in der
Freizeitmobilität.

6. Reisen:
Entdecken, Erholung und Genuss
-sportarten resultierende Verkehr, wenn
man etwa zum Laufen in den nahegelegenen
Wald, zum Mountainbiken mit dem Auto
ins Umland von Städten fährt oder zum
Skifahren in die Berge und zum Wassersport
ans Meer, wird weiter zunehmen. Dieser
wachsende freizeitbedingte Mobilitätsbedarf muss in der Gestaltung der Verkehrswege und -infrastruktur auch künftig
mitbedacht werden.
Wie das Arbeitsleben unterliegt auch die
Freizeit vielfach einer engen Taktung und
Logistik, die ein effektives Mobilitätsmanagement erfordert. Integrierte Mobilitätsangebote eröffnen gerade in der Freizeit
die Möglichkeit zur einfachen, verkehrsmittelneutralen Wege- und Reiseplanung
vom Start bis zum Ziel. Mittelfristig werden
intelligente Planungstools kontextbezogene
Services bereitstellen und als „digitale
Assistenten“ bei der Entscheidungsfindung
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Die Deutschen gehören zu den Tourismusweltmeistern. Kaum einer verreist so viel.
Heute wächst eine neue Generation von
Kosmopoliten heran, die global denkt und
lokal handelt. Ein Grund für ihre offene,
pluralistische Haltung ist ihre zunehmende
Mobilität. Menschen, die reisen, hinterfragen eher die eigene Sozialisation und
Weltsicht. Für die meisten 18- bis 30-Jährigen
sind regelmäßige Reisen völlige Normalität.
Weil das so ist, ändern sich aber auch die
Reisebedürfnisse. Es geht um Erlebnisse, Erfahrungen und Emotionen. Tourismus wird
zur kreativsten Möglichkeit von Mobilität.
Erleben ist das neue Erholen
Der heutige Tourist tummelt sich in abgeschotteten Tourismuswelten. Durch die
Globalisierung werden sich diese Welten
immer ähnlicher. Das gilt vor allem für die
Freizeitgesellschaft. Sie gleicht sich auch
in weit voneinander entfernten Regionen
an. Aus diesem Grund wollen immer mehr

Motive und Bedürfnisse

Reisende keine „Touristen“ mehr sein. Die
Tourismusbranche steht vor einem disruptiven Wandel. Tourismus hat einst den
Begriff des „Fremdenverkehrs“ abgelöst.
In Zukunft geht es um „Hospitality“ und
„Communities“. Gerade in einer digitalen
Welt ist es die menschliche Begegnung, sind
es emotionale Erlebnisse, die wieder wichtig
werden und den Unterschied machen. Es
geht darum, die Lebensqualität der Gäste zu
verbessern und damit ein tief verwurzeltes
menschliches Bedürfnis zu befriedigen –
Erholung, Inspiration, Freunde treffen und
mit ihnen eine schöne Zeit verbringen. Das
Leben der Menschen ist längst zu einem
Alltagstourismus geworden. „Touristification“ nennt das Byung-Chul Han, Professor
für Philosophie und Kulturwissenschaft an
der Universität der Künste in Berlin. Und wo
der Alltag touristisch – also vom ständigen
Verschieben von Ort und Zeit – geprägt ist,
sehnt man sich nach Reisen an Orte, an
denen man ankommt.
Slow Culture: Nicht alles wird schneller
Doch während der Mobilitätsaufwand steigt,
wird die Zukunft nicht zwingend schneller.
Jahrzehntelang war das Streben nach
Fortschritt vom Glauben an Beschleunigung
bestimmt. Wer im Wettbewerb halbwegs bestehen will, muss schnell, wer siegen will, der
Schnellste sein. Wer die eigene Entwicklung
voranbringen möchte, sollte die Zeit so effizient wie möglich nutzen. Entscheidungen
im Management, Innovationsprozesse,
Immobilienprojekte, kreative Geistesblitze
und vor allem beim Reisen – wenn etwas
zu lange dauerte, war es schlecht. Doch die
typische Steigerungslogik der alten Industriegesellschaft wird zunehmend hinterfragt.
„Immer mehr, immer höher, immer weiter,
immer schneller“ – allmählich wird klar, dass
dieses Prinzip nicht mehr unbedingt zum
Ziel führt.
Einiges spricht dafür, dass das Zeitalter, in
dem allein das Tempo den Pulsschlag der
Ökonomie bestimmte, zu Ende geht. Im
Jahr 2040 werden wir in einer neuen Ära
der Achtsamkeit angekommen sein, in der
Schnelligkeit längst nicht mehr überall das
Maß der Dinge ist. Gerade in der Freizeit
und beim Reisen macht sich Entschleunigung bemerkbar. Nicht das Höchsttempo
bestimmt die mobile Gesellschaft von
morgen, sondern die Art der Fortbewegung
und wie wir tatsächlich „am besten“ ans Ziel
kommen.

Foto: outstandinginthefield.com

Erholung, Inspiration, Freunde treffen: Gemeinsame Erlebnisse als Mobilitätsmotiv

Beim Reisen etabliert sich jenseits von
Pauschalurlaub, Massentourismus und
Jetset-Mythos allmählich Slow Travel als
erfolgreiche neue Form von Erlebnisreisen.
Sicherheit wird zum strategischen Thema
Sicherheit beim Reisen ist seit jeher ein zentrales Bedürfnis der allermeisten Menschen.
Sie bekommt aber in Zukunft neue Bedeutung. Denn während der Verkehr auf den
Straßen immer sicherer wird, ist die Welt des
Tourismus in den vergangenen zehn Jahren
immer unsicherer geworden.
Humanitäre Katastrophen, globale Krisen
und politische Instabilität bis hin zu
Kriegen haben dafür gesorgt, dass Länder
und Regionen, die lange Zeit zu sicheren
Destinationen zählten, von der Landkarte
des Tourismus gestrichen werden mussten.
Internationaler Terrorismus ist ein schwer
kalkulierbares Risiko geworden, von dem
auch europäische Länder und Metropolen
nicht verschont bleiben.
Fragen der Sicherheit werden daher zu
einem strategischen Thema: Die tatsächliche Sicherheit, aber auch subjektiv
wahrgenommene wird immer mehr das
Reise- und Mobilitätsverhalten bestimmen.
Wohin und wie Menschen künftig (noch)
sicher verreisen können, wird zur zentralen Aufgabe von Reiseveranstaltern und
Mobilitätsdienstleistern.
15

M OB I L E L I F E S TYLES 2040

Eine Typologie
der Mobilitäts­
gesellschaft von
morgen

2
16

Mobile Lifestyles 2040

Der Megatrend Individualisierung sorgt für eine
neue Vielfalt an Lebensstilen und biografischen
Mustern. Prägender als sozio­demografische Merkmale wie Alter, Geschlecht, Wohnort und verfügbares Einkommen werden die Lebensstile der
Menschen und die Lebensphasen, in denen sie sich
befinden. Sie bestimmen die vielfältigen Lebenswirklichkeiten, die wiederum entscheidend für das
Mobilitätsverhalten sind.
Daher kommt man beim Blick auf die Mobilität
von morgen nicht umhin, die individuellen Lebensstile und -situationen, persönlichen Einstellungen,
Bedürfnisse, Alltagsanforderungen usw. von Menschen in die Betrachtung einzubeziehen.
Statt von „Biografien“ ist von „Multigrafien“ auszugehen: Lebensverläufe, die sich mit hoher Komplexität und sich abwechselnden Phasen und Brüchen
vollziehen. Im Zeitalter der Multigrafie steigen die
Mobilitätsanforderungen der Menschen. Sie lassen
sich nicht mehr nur über einzelne, wenn auch spezialisierte Produkte befriedigen, sondern erfordern
vielfältige Mobilitätsservices.

17

Die Evolution der Mobilität

Lebenswelten prägen die Mobilität
von morgen
Entlang der Lebensstile und Lebensphasen
entstehen neue Mobilitätsmuster, die auf
prototypische Art und Weise unsere mobile
Gesellschaft im Jahr 2040 prägen werden.
So lässt sich eine ganze Reihe verschiedener
Mobilitätstypen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Ansprüchen identifizieren,
die folglich auch verschiedene Ausprägungen des Mobilitätsverhaltens zeigen:
Mobile Innovators, Forever Youngsters,
Silver Mover, Mobile Families, High-frequency Commuter, Globale Jetsetter, LowCost-Driver, Urbane Gutbürger und Public
Traveler.
Diese Mobilitätstypen sind lebensphasenabhängig, das heißt, sie können abhängig von
biografischen Situationen der Menschen variieren. Sie sind daher nicht statisch festgelegt, etwa auf ein bestimmtes, vermeintlich
fixes Milieu.
Die Mobilitätsstile bilden kein vollständiges, bevölkerungsrepräsentatives Bild

der Gesellschaft im Jahr 2040 ab. Sie sind
vielmehr Idealtypen einer Mobilitätsgesellschaft, die von Avantgarden (Innovatoren
und Early Adopter) bis in den Mainstream hineinreichen und sich zum Teil
überschneiden.
Ihre Bedeutung liegt nicht in ihrer quantitativen Verbreitung allein, die sich aus
heutiger Sicht kaum beziffern lässt. Vielmehr ist die Wirkung entscheidend, die sie
entfaltet. Ihr Impact resultiert aus dem
Vorbild- und Ausstrahlungseffekt, den sie im
Sinne der Nachahmung für die Marktdurchdringung haben. Es handelt sich also nicht
um Minderheiten-Phänomene, sondern um
mehrheitsfähige Mobilitätsstile, die eine
Sogwirkung entfalten.
Wenn von „prägenden“ Mobilitätstypen
gesprochen wird, ist damit nicht gemeint,
dass sie zahlenmäßig Mehrheiten darstellen,
sondern dass sie einen besonders wirkungsvollen Einfluss haben: Sie besitzen Zugkraft
und haben Leitbildwirkung, sind prototypische Ausprägungen entscheidender lebensstilabhängiger Mobilitätsmuster, die den
Weg in die Zukunft der Mobilität weisen.

VON DER BIOGRAFIE ZUR MULTIGRAFIE
Aus klassischen dreiphasigen Lebensläufen wird eine flexible Lebensführung

Jobs
Post-Adoleszenz

Kindheit

Zweiter Aufbruch

Rush Hour

Jugend

Un-Ruhestand

Familien

Alter

Quelle: Zukunftsinstitut
18

31

60

Mobile Lifestyles 2040

1. Mobile Innovators:
Besser unterwegs sein
Einer der prägendsten Mobilitätstypen
im Jahr 2040 wird die Gruppe der Mobile
Innovators sein. Als mobile Avantgarde
übernehmen sie eine Vorreiterrolle auf
den Mobilitätsmärkten. Sie setzen auf
smarte und nachhaltige Mobilitätskonzepte, um ihr Bedürfnis nach innovativen
Nachhaltigkeitslösungen zu befriedigen,
die zugleich intelligent auf einen hohen
Mobilitätsbedarf und Flexibilisierungsanforderungen reagieren. Als pragmatische
Idealisten haben sie hohe Ansprüche
im Hinblick auf Design, digitale Vernetzung und Umweltverträglichkeit. Hohes
ökologisches Bewusstsein wird zum
Markenzeichen ihres Mobilitätsstils: Die
supersaubere Nachhaltigkeitsbilanz ihres
mobilen Lebensstils bekommen sie durch
ein ausgeklügeltes Monitoringsystem
monatlich ausgewiesen. Mobile Innovators
sind ein Zeichen dafür, dass bestimmte
Formen der Mobilität auch 2040 noch
hohe Prestigewirkung haben können –
allerdings einen deutlich anderen Wert als
Distinktionsmerkmal besitzen, verglichen
mit früheren Zeiten.
Was ihren Lebensstil auszeichnet, ist die
Einstellung des „Sowohl-als-auch“: Am
liebsten leben sie im Grünen, ohne auf
die Vorteile der Stadt zu verzichten. Sie
sind in allen Altersgruppen vertreten und
eher einkommensstark. Ökologisches
Bewusstsein und Innovationsfreude sind
für sie kein Gegensatz. Ihr Mobilitätsmix
verschiebt sich deutlich zu intelligenten
Verkehrsmitteln in Form eines individualisierten ÖPNV, einer verstärkten
Nutzung von Fahrrädern und Carsharing.
Ein steigender Bevölkerungsanteil wird
diesem Mobilitätstyp zuzuordnen sein. Für
Produkte mit einer sauberen Ökobilanz
sind die Mobile Innovators bereit mehr zu
zahlen. Mobile Innovators wollen ganzheitliche ökologische Mobilitätskonzepte,
die auf das eigene Wohlbefinden und das
der Gesellschaft ausgerichtet sind. Sie
präferieren autonome, elektrische bzw.
emissionsfreie Autos, sind offen für Sharing-Angebote und fragen nachhaltige und
ressourcenverträgliche Mobilitätsdienstleistungen nach.

Foto: Butchers & Bicycles

Grün, gesund und günstig: Mobile Innovators werden zur
einflussreichsten Mobilitätsavantgarde

2. Forever Youngsters:
Die jungen Alten
Der demografische Wandel wird zum Treiber
innovativer Mobilität. Indem die „jungen
Alten“ sich immer jünger fühlen, wird die
Gruppe der 60- bis unter 75-Jährigen zum
wichtigen Motor für neue Mobilitätsangebote. Mit über 15,1 Millionen Menschen im
Jahr 2040 wird diese Gruppe fast ein Fünftel
der Bevölkerung in der Bundesrepublik
ausmachen. Für ihren Mobilitätsbedarf wird
ein öffentlich zugängliches Mobilitätsangebot mit einem Mix aus konventionellen
und alternativen Lösungen wichtiger. Die
Grenzen zwischen öffentlicher und privater
Mobilität werden dabei fließender.
Die Forever Youngsters stehen mitten im
Leben und sind voller Tatendrang und Neugierde. Sie stürzen sich in neue Aktivitäten,
testen ihre Grenzen und verwirklichen ihre
Träume. Als Rentner lehnen sie die klassische
Ruhestandsmentalität ab, sind erlebnis­
orientiert und genießen neu gewonnene
Freiheiten. Ihre Unabhängigkeit nutzen sie
zu immer neuen Aufbrüchen, was für eine
steigende Mobilitätsnachfrage sorgt. Sie
reisen viel, erkunden neue Länder und Regionen und besuchen ihre nahen Angehörigen
regelmäßig. Sie achten dabei ständig auf ihre
Gesundheit. Nur wer fit ist, kann ständig
mobil sein. Daher sind sie immer auf der
Suche nach dem fittesten Mobilitätsmittel.
Joggen, Radfahren und Wandern sowie Aktivurlaub stehen hoch im Kurs. Die Forever
Youngsters legen großen Wert auf Individualität, Gesundheit und Entschleunigung.
19

Die Evolution der Mobilität

3. Silver Mover:
Mobiler Unruhezustand

4. Mobile Families:
Gestresste Lebensmitte

Die Silver Mover bilden die älteste Mobilitätsgruppe. Die über 75-Jährigen machen
in Deutschland 2040 mit über 13 Mio.
Menschen gut 16 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Mit hoher Kaufkraft, aber
eingeschränktem Mobilitätsgrad und
Bewegungsradius, verglichen mit jüngeren
Lebensphasen, haben sie hohe Ansprüche
hinsichtlich Bequemlichkeit, Sicherheit
und Unterstützung. Nachgefragt wird vor
allem Mobilität im Nahbereich. Arbeiten
bis ins hohe Alter wird für die Silver Mover
zum Normalfall. Ihre Freizeit ist geprägt
von Bildungsaktivitäten, familiären
Aufgaben und gemeinnützigem Engagement. Autonomes Fahren ist für sie längst
selbstverständlich geworden, auch weil
sie als erste Gruppe erfahren haben, dass
automatische Assistenzsysteme zu mehr
Sicherheit und Einfachheit im Straßenverkehr beitragen. Sie sorgen für Entlastung
und Komfort dort, wo die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel durchs Umsteigen und
durch Menschenmengen eher als Belastung
empfunden wird.

Familienfreundlichkeit wird zum entscheidenden Mobilitätsmuster für beide
Geschlechter. In dem Maße, in dem sich die
Familie immer stärker zu einem multi-lokalen Netzwerk entwickelt, sind flexible Mobilitätskonzepte gefragt. Bei den Mobile Families sind beide Elternteile berufstätig. Zeit
und Geld sind in der „Rushhour des Lebens“
knappe Ressourcen. Ihre Mobilitätsbedürfnisse ergeben sich aus der Notwendigkeit,
Familie und Beruf optimal zu vereinbaren,
Partnerschaft zu leben und die Kinder zu erziehen. Sie achten auf ihre Mobilitätskosten,
stellen aber gleichzeitig hohe Ansprüche
an die Qualität entsprechender Dienstleistungen. Freizeit-, Berufs- und Familienleben
werden eng getaktet, unterliegen einem
straffen Zeitmanagement und einer permanenten Synchronisation. Ihr Lifestyle ist
urban orientiert, aber eben nicht nur auf die
Innenstädte ausgerichtet. Vielmehr spielt
sich ein Großteil des Lebens vieler von ihnen
auch im Umland von Städten bis in die ländlichen Regionen hinein ab. Die Erwartungen
und Ansprüche an Support-Funktionen und
Mobilitätsdienstleistungen steigen. Fahrzeuge müssen kluge, integrierte Lösungen
für den multimobilen Lifestyle bieten, die
dank smarter Vernetzung unterschiedliche
Alltagsanforderungen von Familien erleichtern – von Einkaufslieferung in den Kofferraum über die Terminkoordination bis hin
zur Hausaufgabenbetreuung.

Gerade die Lebensstile
junger Familien
erfordern künftig ein
intelligentes Zeit- und
Mobilitätsmanagement.

Foto: ADAC

Freizeit- und Familienleben: Steigender Mobilitätsaufwand
20

Mobile Lifestyles 2040

Foto: iStockphoto

Effizient unterwegs sein: Steigende Nachfrage nach Businesslösungen, die Mobilität stress- und reibungsfreier, vor allem aber produktiver machen

5. High-frequency Commuter:
Zeitgeplagte Alltagspendler
Eine hochgradig flexible und mobile Arbeitswelt wird zur neuen Norm. Im digitalen
Wissenszeitalter ist Arbeit immer weniger
an feste Orte geknüpft. High-Frequency
Commuter sind mobile Job-Nomaden, für
die tägliches Pendeln ins Büro, zum Kunden,
Geschäftspartner oder Projekt alltägliche
Notwendigkeit ist. Mobilität wird zur
Bedingung, um arbeiten zu können. Effizient
unterwegs zu sein bedeutet für sie vor allem,
mittlere und größere Distanzen – national
wie international – schnell, unkompliziert
und komfortabel zu überwinden und
zugleich produktiv sein zu können. Entsprechend hoch ist ihre Nachfrage nach
Service- und Businesslösungen, die Mobilität
insgesamt nicht nur stress- und reibungsfreier, sondern produktiver machen.
Vernetzte Arbeitsräume, die zugleich sichere,
vertrauliche Tätigkeitsumfelder garantieren,
werden zunehmend nachgefragt. Aus Warteund Fahrzeiten wird Arbeitszeit.
Insbesondere die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen führt dazu, dass
High-Frequency Commuting zunimmt.
Mobilitätsdruck und Zeitmangel treiben
die Nachfrage nach effizienten Mobilitätsdiensten an. Je mehr neue Formen
„geteilter Mobilität“ durch Sharing-Modelle
professionalisiert werden, desto weniger

wird es notwendig sein, einen eigenen Pkw
zu besitzen. Konsequent umgesetzt, liegt
darin auch die Lösung für das „Problem der
letzten Meile“. Gerade in urbanen Gebieten,
in Metropolregionen und im Umland von
Städten mit einem durch individuelle
Massenmobilität erweiterten ÖPNV wird
das Auto für High-Frequency Commuter
nur noch eine komplementäre Rolle
einnehmen, die an den letzten Defiziten des
öffentlichen Verkehrs ansetzt.

6. Globale Jetsetter:
Multi-mobile Business-Class
Für die globalen Jetsetter ist das permanente Unterwegssein der Normalfall. Sie
pendeln regelmäßig zwischen den Metropolen der Welt, ihr Leben findet oft gleichzeitig an mehreren Orten statt. Sie sind
kosmopolitische Weltbürger und kreative
Wissensarbeiter. Treiber des Typus ist vor
allem die hochgradig mobile Business Class.
Die Multi-Mobilität prägt nicht nur ihr
Berufs-, sondern auch ihr Freizeitleben. Ihr
Bedarf nach intelligenten Mobilitätsdienstleistungen, die Reise- und Vor-Ort-Flexibilität garantieren, ist enorm. Wichtigstes Ziel
ist die Synchronisierung und „Simplexity“
des Alltags. Verkehrsmittel müssen die
Funktionen eines Third Place ebenso erfüllen wie den Wunsch nach Privatheit und
Vertrautheit.
21

Die Evolution der Mobilität

7. Low-Cost-Driver:
Mobilität intelligent und günstig
Mit der allmählichen Durchsetzung des
postfossilen Zeitalters werden die Mobilitätskosten im Jahr 2040 deutlich unter
den heutigen liegen. Nach Prognosen der
Europäischen Kommission wird der Energiebedarf im Personenverkehr im Jahr 2040
rund ein Viertel unter dem Niveau von 2015
liegen (European Commission 2016). Anders
als bei fossilen Brennstoffen, sinken die
Kosten für erneuerbare Energien deutlich.
Postfossile E-Mobilität ist aber nicht der
einzige Grund dafür, dass die Mobilitätskosten weiter sinken: Sharing-Modelle, die
Autos zu „eigenen öffentlichen Verkehrsmitteln“ machen und so für eine transformative
Erweiterung des öffentlichen Verkehrs hin
zu individuellen Massenverkehrsmitteln
sorgen, automatisiertes Pooling von Fahrgemeinschaften auch bei Berufspendlern,
die Ausweitung der Fahrrad-Nutzung wie
auch die digitale Optimierung des Verkehrs
insgesamt – all das sorgt für die Realisierung
enormer Effizienzpotenziale, die die Mobilitätskosten so sehr senken werden, dass
sie 2040 deutlich unter den heutigen liegen,
wenngleich sie weiterhin einen hohen Anteil
an den Lebenshaltungskosten insgesamt
ausmachen werden.
Intelligente Vernetzung macht Mobilität
günstig. Vielfältige integrierte Mobilitätsformen werden so auch für einkommensschwache Gruppen erschwinglich: für
Schüler, Auszubildende und Studenten, die
noch nicht beruflich situiert sind, aber auch
sozial bedürftige Bevölkerungsschichten: all
jene, die auf die Reduzierung ihrer Mobilitätskosten angewiesen sind. Carsharing,
Automatisiertes Pooling
von Fahrgemeinschaften:
Intelligente Vernetzung
macht Mobilität günstig

Foto: flinc GmbH

22

Fahrgemeinschaften, der Umstieg auf das
Fahrrad oder der Fußweg sind die bevorzugten Fortbewegungsarten, die zur Optimierung des Mobilitätsbudgets beitragen.
Dennoch erwarten sie eine hohe Servicequalität und innovatives Produktdesign
von Fahrzeugen und Mobilitätsangeboten.
Das reicht bis in die Mittelschicht hinein.
Mobilität tritt hier mit anderen Bedürfnissen
in Konkurrenz: Wohnen, Kinderbetreuung,
Konsum, Gesundheit, Altersvorsorge, Bildung
und Kultur, Freizeit, Mediennutzung etc.

8. Urbane Gutbürger:
Grün und schnell die Städte erobern
Die Gutbürger sind in den großen Städten
der neue Mainstream und stoßen Veränderungen an. Sie verstehen sich als urbane
Avantgarde und verbinden den Community-Gedanken mit einer zukunftsweisenden
Umweltorientierung. Immer mehr Städte
steigen vom Autoverkehr auf ÖPNV und
Fahrrad um. Eine neue Bewegung der
„Umsteiger“ sorgt für den radikalen Umbau
der Straßen und Verkehrssysteme. Als Radfahrer bekommen sie „grüne Welle“ und sind
schneller unterwegs als Autos. Ob als klassisches Fahrrad oder E-Bike: Die urbanen
Gutbürger ziehen das Zweirad dem Auto vor.
Das gelingt ihnen vor allem deshalb, weil
immer mehr Städte zur Steigerung der Lebensqualität auf Verkehrskonzepte setzen,
in denen der Radverkehr einen Großteil des
Autoverkehrs ablöst. Im Ergebnis vielfältiger Bürgerinitiativen und kommunaler
Partizipationsverfahren kommt es zu einer
Neuverteilung des urbanen Verkehrsraums
und öffentlicher Flächen zugunsten von verkehrsberuhigten und zunehmend autofreien
Zonen mit mehr Aufenthaltsqualität.

9. Public Traveler:
Aus Mangel an Alternativen
Die Public Traveler variieren ihren Mobilitätsmix nicht aus ökologischen, sondern
aus pragmatischen Gründen. Sie rangieren
im unteren mittleren Einkommensbereich,
wohnen auf dem Land oder in Vororten und
nutzen vor allem den öffentlichen Nahverkehr, der sich dort vor allem auf autonome
Kleinbusse, Sharing-Pkw und das Bilden von
Fahrgemeinschaften stützt. An Mobilität
haben sie geringe Ansprüche: sie muss vor
allem günstig und unkompliziert sein.

Mobile Lifestyles 2040

Immobilität vs. Entschleunigung:
Ausstieg aus der Mobilitätsgesellschaft?
Im Jahr 2040 werden wir ein vielfältiges Spektrum an Mobilitätsstilen haben, mit jeweils
unterschiedlichen Ansprüchen, Gewohnheiten
und Notwendigkeiten. Allen gemeinsam ist,
dass Mobilität mehr denn je ein menschliches
Grundbedürfnis sein wird.

Hohe Flexibilität und permanentes Unterwegssein, die Verdichtung des Alltags und der
Arbeitswoche werden von nicht wenigen Menschen auch als Belastung empfunden. Deshalb
sucht gerade die hypermobile Gesellschaft
nach Möglichkeiten der Entschleunigung.

Zugleich wird es Menschen geben, die deutlich
weniger mobil sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Dazu zählt beispielsweise die größer
werdende Gruppe der Pflegebedürftigen in
Deutschland, die von heute rund 3 Millionen
auf knapp 4 Millionen im Jahr 2040 steigen
wird. Auch der demografische Wandel ist eine
unbestrittene Tatsache. Allerdings werden im
Jahr 2040 nach aktuellen amtlichen Prognosen nur knapp 1,5 Millionen Menschen im
Alter von über 90 Jahren leben. Das sind zwar
rund doppelt so viele wie heute, aber immer
noch weniger als 2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Auch wenn in diesem Alter die Einschränkungen der Mobilität zwar naturgemäß
zunehmen, führt das in dieser Gruppe jedoch
keineswegs zu einer allgemeinen Immobilität.

Denn vor allem im Privatleben erlöst man
sich von Zeitknappheit und Alltagsstress nicht
durch noch mehr Effizienz und Speed. Die
Steigerung der Lebensqualität wird mittlerweile vielfach mit der Devise verbunden: „Besser
statt schneller“. Bei allen Vorteilen und neuen
Freiheiten, die Modernisierung und Pluralisierung von Lebensmöglichkeiten mit sich
bringen, sie führen auch zu einem enormen
Zuwachs an gefühlter und tatsächlicher Komplexität. Das ist die Kehrseite der Multioptions-Gesellschaft: der Stress steigt.

Gleichwohl müssen künftig die Rahmenbedingungen und Strukturen zweifellos so
beschaffen sein, dass auch Menschen mit
eingeschränkter Mobilität – sei es aufgrund
des Alters oder infolge von Behinderungen
– umfassend am gesellschaftlichen Leben
teilhaben und sich möglichst selbstbestimmt
fortbewegen können.
Berechtigt ist allerdings die Frage, wie es sich
beim Rest der Bevölkerung in puncto Mobilitätsreduktion verhält. Denn wenngleich Mobilität vielfach als Freiheit begriffen wird, stößt
die Steigerung des Mobilitätsgrads an Grenzen.

Die zentrale Lebensknappheit ist nicht mehr
der Mangel an Waren, sondern der Mangel an
Zeit. Zeitwohlstand wird zur Luxuserfahrung,
wertvoller als teure Produkte. Was zählt, sind
Zeitautonomie, individuelles Wohlergehen
und Lebensqualität. Daher werden die Werte
in einer als extrem schnelllebig empfundenen
Welt immer öfter hinterfragt.
Wir werden daher ein steigendes Bewusstsein für die Sinnhaftigkeit und den Nutzen
umfassender Mobilität erleben. Die Notwendigkeit permanenten Unterwegsseins wird
häufiger hinterfragt und Menschen werden
auf temporäre Situationen mobiler Entschleunigung setzen. Dennoch: Nicht mobil zu sein,
sich Mobilität weitgehend zu entziehen oder
gar zu verweigern, ist kaum eine dauerhafte
Option.

23

PRI NZI PI EN

Funktionsweisen
der Mobilität von
morgen

3
24

Prinzipien

Kennzeichnend für die Mobilität der Zukunft sind sieben Grundprinzipien. Sie beschreiben die zentralen Funktionsweisen, nach
denen Mobilität funktioniert, organisiert und gestaltet wird.

1. Postfossile, klimaneutrale Mobilität
Der Megatrend Neo-Ökologie sorgt dafür, dass der Mobilitätskonsum künftig verstärkt unter Umwelt- und Ressourcengesichtspunkten stattfindet. Mehr denn je wird es in den nächsten Jahren
darum gehen, die zunehmende Mobilität auf eine ökologisch
tragfähige Basis zu stellen.
Neue Player und Plattform-Betreiber orientieren sich nicht nur
stärker an den Bedürfnissen und Motiven der Menschen. Sie zielen
vor allem auf eine effizientere Nutzung von Ressourcen und Infrastrukturen zur Fortbewegung und eine ökologische Mobilität auf
Basis erneuerbarer Energien.
Die Automobilindustrie arbeitet daran, ebenso wie die Politik, die
immer ernsthafter die Weichen stellt. Dekarbonisierung wird zum
grundlegenden Wirtschaftsprinzip und zum wichtigsten Treiber des
Wandels in der Mobilität. Die politischen Rahmenbedingungen sind
gesetzt: Bis spätestens 2050 müssen die Treibhausgas-Emissionen im
Verkehr um mindestens 60 Prozent gegenüber dem Stand von 1990
reduziert werden. Fossile Kraftstoffe als Energieträger im Straßenverkehr werden es angesichts immer strengerer Reglementierungen
künftig sehr schwer haben. In ersten Ländern arbeitet man bereits
am Abschied vom Verbrennungsmotor: Norwegen plant ab 2025
keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen.
Langfristig werden sie auch in Deutschland zum Auslaufmodell.
Während wir hierzulande bislang erst am Beginn des postfossilen
Mobilitätszeitalters stehen, wird Deutschland im Jahr 2040 mitten
im Übergang dahin sein: Von Elektro- bis hin zu Wasserstoffmotoren
werden dann rund 50 Prozent aller Pkw im Bestand mit alternativen
Antrieben unterwegs sein (vgl. auch Shell Deutschland/Prognos
2014).

25

Die Evolution der Mobilität

Systemwechsel hin zu emissionsneutraler
Mobilität
Postfossile Mobilität hängt allerdings
keineswegs allein am Auto. Möglich wird sie
nur durch umfassende Veränderungen im
gesamten Mobilitätsmix mit öffentlichem
Verkehr, Fahrradverkehr und fußgängerfreundlichen Innenstädten. Intelligente,
vernetzte Verkehrsmittelnutzung wird
dafür ebenso erforderlich sein wie neue,
nachhaltige Energieinfrastrukturen, ohne
die Elektro- und Wasserstoffmobilität nicht
denkbar sind. Elektromobilität basiert auf
der Einbindung des Fahrzeugkonzeptes in
eine multimodale Verkehrspraxis und der
Integration in eine Welt vollständig erneuerbarer Energien.
Indem Elektrofahrzeuge zum Bestandteil
des Smart Grid werden, avancieren sie zum
Game Changer für die Geschäftsmodelle
rund ums Auto und der Energiewirtschaft.
Denn Elektroautos sind der Beginn einer
anderen Logik im Zusammenspiel zwischen
Mobilität und Energie. Der Ausbau erneuerbarer Energien erfordert ein intelligentes
Netzmanagement über zusätzliche flexible
Speicher. Die Batterien von Elektrofahrzeugen bieten sich dafür geradezu an: „Vehicle-to-Grid“ lautet die Formel der Zukunft, die
Autos zu Energiespeichern werden lässt.
Nachhaltige Systemlösungen
Zur Erhaltung attraktiver und wettbewerbsfähiger Städte gewinnen schon heute
öffentliche Verkehrssysteme in urbanen
Mobilitätskonzepten enorm an Bedeutung.
Sie werden sich allerdings stark in Richtung

E-Autos oder Wasserstoff?
„Wasserstoff ist das neue Öl!“ rief Dieter Zetsche,
Chef von Daimler, im Jahr 2011. Es hat bis 2017
gedauert, bis Autohersteller und Industriekonzerne eine Wasserstoffallianz gegründet haben,
um dem alternativen Antrieb zum Durchbruch zu
verhelfen. Wasserstoff, so eine Shell-Studie, kann
in Zukunft komplett aus erneuerbaren Energien
hergestellt werden. Reichweiten von mehr als
500 Kilometer sind Standard, die Betankung
dauert nur drei bis fünf Minuten, schneller als
beim E-Auto.

26

individueller Massenmobilität weiterentwickeln, um wirklich ökologisch nachhaltig
zu funktionieren. Gerade Innovationen
im Flottenbetrieb sind einer der wichtigsten Faktoren für die Durchsetzung der
Elektromobilität und beschleunigen den
Systemwechsel hin zu emissionsneutraler
Mobilität.
So wird das Auto Teil intelligenter Verkehrssysteme. Nicht zuletzt gestalten jedoch
immer mehr Kommunen ihre Städte um
– mit dem Ziel einer bedarfsgerechten, an
urbaner Lebensqualität ausgerichteten Verkehrsinfrastruktur, die das Auto zusehends
verzichtbar macht. Mit zunehmendem Radverkehr – insbesondere auf Basis leistungsund beschleunigungsstarker Pedelecs –
stellen sich auch neue Fragen der Sicherheit
und Prävention im Straßenverkehr.
Die Zukunft der Mobilität wird postfossil
– vor allem deshalb, weil sie smart und
multimodal sein wird.

2. Access: Zugang statt Besitz
Die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen,
wandelt sich radikal. Denn individuelle
Mobilität funktioniert künftig nach dem
Access-Prinzip: Menschen kaufen sich den
Zugang, nicht den Besitz von Mobilitätsprodukten. „Nutzen statt besitzen“ lautet die Devise, die die Logik der Fortbewegung im 21.
Jahrhundert bestimmen wird. Das erfordert
ganz andere Geschäftsmodelle. Die Anforderungen an die zeitliche und örtliche Flexibilität steigen ebenso wie an die Verfügbarkeit
von Verkehrsmitteln.
Das Mobilitätsprinzip verändert auch das
Verhältnis zum Auto – etwa insofern, dass
Menschen sich nicht mehr verantwortlich
fühlen dafür, dass es vollgetankt ist, sicher
fährt etc.
Zwischen Commodity und All-Access
Mobility
Treiber der Entwicklung sind neue Nutzungsgewohnheiten und die enormen
Effizienzpotenziale, die im heutigen Individualverkehr schlummern und die durch digitale Vernetzung realisiert werden können.
Künftig werden Kunden über Mobilitäts-­
Flatrates nur noch „Mobilität“ pauschal einkaufen, um sie dann genau so zu bekommen,
wie sie sie je nach Situation und Standort

Prinzipien

Foto: iStockphoto

Mobilität nach dem Access-Prinzip: Das Smartphone als digitaler Schlüssel

gerade benötigen. Verschiedene Optionen in
einem netzwerkartigen, informationsgesteuerten System zu integrieren ist der Schlüssel
für smartes Mobilitätsdesign. „All-Access
Mobility“, der völlig unbeschränkte Zugang zu einer Vielzahl unterschiedlicher
Mobilitäts­angebote – national, international,
global –, wird zum neuen Statusmerkmal.
Digitale Vernetzung durchdringt alle
Lebensbereiche, eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, die dadurch geschaffen werden,
prägt längst unser berufliches und privates
Leben. Digitale Services werden in Zukunft
auch die Art und Weise bestimmen, wie
Menschen mobil sind. Digitale Vernetzung
wird Teil der Verkehrssteuerung.
Die Fülle an Carsharing-Anbietern und
Plattformbetreiber wie Uber sind prominente Beispiele für neue Geschäftsmodelle,
die Mobilität nach dem Access-Prinzip auf
Basis von Netzwerken gestalten. Immer
mehr Start-ups und Kommunen experimentieren auf diese Art mit Innovationen
innerstädtischen Verkehrs.
Individualität, Einfachheit und kluge Vernetzung, die den flexiblen und umfassenden
Zugang zu Mobilitätsleistungen ermöglichen, werden für die meisten Menschen
immer wichtiger, wenn es um Mobilität geht.
Statusrepräsentation durch Motorleistung
und klassische Luxuserfahrung verliert
hingegen an Bedeutung. Viel erstrebenswerter sind mobile Dynamik, Einfachheit,

Bequemlichkeit, smartes Design – nicht
zuletzt aber auch funktionale Zusatznutzen
von Fahrzeugen: Verkehrsmittel werden zur
Verlängerung des Büros, des Lebens- und
Kommunikationsraums. Sie werden vom
Stressort zum Mittel der Alltagsbewältigung
und -integration.
Das Smartphone als digitaler Schlüssel
Es sind vor allem digitale Services, die
den Verzicht auf Eigentum leichter denn
je ermöglichen, ohne dass auf Komfort
verzichtet werden muss. Selbstfahrende
Autos lassen sich beispielsweise künftig als
autonome Shuttles per App zum eigenen
Standort rufen. Zunächst in Städten und
Ballungsräumen verbreitet, werden bis 2040
auch Vororte und ländliche Regionen folgen.
„Always on and connected“ lautet die Devise
in einer Gesellschaft, in der das Smartphone
zum Alltagsbegleiter und Multifunktionstool geworden ist. Es wird auch der digitale
Schlüssel, das universale Steuerungsinstrument für den zeit- und ortsunabhängigen
Zugang zur multimodalen Mobilität von
morgen sein.
Zugleich wird daran deutlich: Das Prinzip
„Nutzen statt besitzen“ erfordert auch neue
Standards, stellt veränderte Anforderungen
an die Überwachung der technischen
Sicherheit von Fahrzeugen, an verbesserte
Zulassungsprüfungen sowie an die Qualität,
Zugänglichkeit und Zuverlässigkeit moderner Mobilitätsdienste.
27

Die Evolution der Mobilität

3. Sharing: Geteilte Mobilität
„Sharing“ ist das Leitmotiv einer neuen
Generation von Konsumenten, die mit
dem Tauschen und Teilen im Internet
aufgewachsen sind. In Online-Netzwerken
haben sie eine andere Logik des Gebens und
Nehmens verinnerlicht: Sie konsumieren
kollektiv und kollaborativ. Inzwischen
verfahren aber längst nicht mehr nur junge
Verbraucher nach dem Prinzip: Sharing wird
zur neuen Kulturtechnik einer vernetzten
Gesellschaft – und zum Funktionsprinzip
in der Mobilität. Immer mehr Menschen
empfinden Eigentum nicht länger als Privileg, sondern eher als Bürde – auch und vor
allem, wenn es ums Auto geht.
Sharing bedeutet eben nicht Verzicht. Es erweitert vielmehr die individuellen Möglichkeitsspielräume: Teilen, um mehr zu haben
– von dem, was man sich sonst nicht leisten
kann, oder von dem, was zur Belastung wird,
wenn man es besitzt.
Carsharing über Online-Plattformen, ob von
professionellen Anbietern oder nach dem
Peer-to-Peer-Prinzip zwischen Privatpersonen, wird immer populärer, weil Menschen auf das Auto zwar nicht verzichten
wollen, es aber nicht mehr besitzen müssen,
um es zu nutzen.
Carsharing boomt, weil es wie kein anderes
Konzept dem Wunsch entspricht, mobil
und flexibel unterwegs zu sein, zugleich
aber auch seine Mobilitätskosten zu senken

und zum Schutz der Umwelt beizutragen.
In Deutschland ist seit 2010 die Zahl der
Carsharing-Nutzer um mehr als das Zehnfache auf über 1,7 Millionen gestiegen; die
Anzahl der Sharing-Fahrzeuge hat sich im
gleichen Zeitraum nahezu vervierfacht.
Wurde Carsharing lange als massenmarktuntaugliche Alternative für Öko-Fans
belächelt, haben inzwischen nahezu alle
Autohersteller die Chancen erkannt und
entsprechende Geschäftsmodelle entwickelt. Auch Bahnunternehmen arbeiten
mit Hochdruck an der Weiterentwicklung
ihres Carsharing-Angebots. Flotten werden
vergrößert, immer mehr Städte erschlossen
und Elektrofahrzeuge einbezogen.
Carsharing ist individuelle Mobilität nach
dem Access-Prinzip – und sie wird künftig
auch in ländlichen Gebieten funktionieren.
Offen ist, wo die „Access-Points“ sein
werden. Erste Automobilhersteller wollen
Carsharing mithilfe von Autohäusern
als Kooperationspartner in die Provinz
bringen. Denkbar sind aber beispielsweise
auch Tankstellen: Als Hubs in der Verkehrs­
infrastruktur können sie in Zukunft die
Kunden-Touchpoints für neue Mobilitätsservices sein.
Das Mobilitätsnetzwerk Flinc, das Sharing
auch zum Funktionsprinzip bei Mitfahrgelegenheiten macht, schafft Corporate-Car­
sharing-Angebote für Firmenkunden – nicht
mehr nur in Städten, sondern auch im
Umland und in Regionen.

In einer hochgradig
vernetzten Welt wird
Sharing zum neuen
Funktionsprinzip der
Mobilität.
Foto: Flickr, RubyGoes CC

Teilen statt besitzen: Private Autos werden es in Städten immer schwerer haben
28

Prinzipien

Höhere Flexibilität bei sinkenden Kosten
Menschen werden also auf den Besitz eines
eigenen Autos immer öfter verzichten und
eher auf Carsharing-Angebote zugreifen,
die ihnen die flexible Nutzung eines Pkw
ermöglichen, wann und wo sie ihn tatsächlich brauchen. Das verschafft ihnen eine
höhere Flexibilität bei gleichzeitig sinkenden Mobilitätskosten bzw. steigender
Kosteneffizienz.
Eine Studie der Strategieberatung Oliver
Wyman kommt zu dem Ergebnis, dass
durch Shared Mobility im Jahr 2040 die
privaten Ausgaben für eigene Autos um 25
bis 30 Prozent gegenüber 2015 zurückgehen
werden.
Je weiter sich diese Formen „geteilter
Mobilität“ professionalisieren, desto
weniger wird es notwendig sein, dass man
immer dasselbe Auto vor der Tür hat. Der
Vorteil der Autonutzung durch Carsharing
liegt dabei nicht nur im kostengünstigen,
zeitlich und räumlich flexiblen Zugriff auf
ein Auto, wo und wann man es braucht. Für
viele Menschen ebenso entscheidend ist
die modulare, bedürfnisgerechte Optionenvielfalt, die sich durchs Carsharing
eröffnet. Man muss sich nicht mehr auf ein
bestimmtes Fahrzeugmodell festlegen, sondern findet für jeden Bedarf das passende
Gefährt: Limousinen für Langstrecken,
den Minivan für den Kurzurlaub mit der
Familie, den E-Roadster für den Cabriospaß
am Wochenende, Nutzfahrzeuge für Großeinkäufe oder geschäftliche Wege.
Neue Logik der Verkehrsmittelnutzung
Autos zu nutzen statt zu besitzen – das
wird die Logik der Fortbewegung im 21.
Jahrhundert bestimmen. Carsharing-Fahrzeuge werden zu „eigenen öffentlichen
Verkehrsmitteln“. Als Public Private Vehicles
ergänzen und stärken sie den öffentlichen
Verkehr, entlasten die Umwelt wie auch
kommunale Verkehrssysteme und ermöglichen eine individuell gestaltbare Mobilität.
So wird das Verkehrsvolumen effizienter,
schneller und mit weniger Fahrzeugen
bewegt. Zusammen mit dem Ausbau des
Radwegenetzes kann es so gelingen, die
Zahl der Fahrzeuge in Städten bis zum Jahr
2040 um bis zu 30 Prozent zu senken. Denn
insbesondere in urbanen Gebieten, die eine
hohe Mobilitätsdichte durch öffentlichen
Nahverkehr haben, braucht man das eigene
Auto immer weniger.

Foto: Flickr mariordo59 CC BY-SA 2.0

Shared Mobility: Die Ausgaben für Autos werden um bis zu 30 Prozent sinken

Dieser Wandel erzeugt unterschiedliche
Eigentums- und Nutzungsverhältnisse – und
damit auch neue Herausforderungen auf
den Märkten. Mit der Ausweitung und Professionalisierung solcher Sharing-Angebote
steigt beispielsweise auch der Bedarf nach
professioneller Absicherung. Insbesondere
muss die Sicherheit von Fahrzeugen für
das Peer-to-Peer-Carsharing gewährleistet
werden.
Hersteller müssen sich zu Mobilitätsplattformen entwickeln, um ihre Produkte noch
gewinnbringend vermarkten zu können.
Denn was Airbnb für Unterkünfte bedeutet,
ist Carsharing für die Automobilindustrie:
Die Zahl der insgesamt benötigten Fahrzeuge wird enorm zurückgehen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass ein gemeinschaftlich genutztes Auto mindestens
drei private Pkw ersetzt. Dieser Effekt wird
künftig noch gesteigert, wenn autonom fahrende Carsharing-Autos sich eigenständig
dorthin bewegen, wo sie benötigt werden.
Letztlich wird Sharing zum Funktionsprinzip nicht nur bei der individuellen,
privaten Nutzung von Fahrzeugen, sondern
auch im beruflichen Pendelverkehr in Form
von Corporate Carsharing, bei Mitfahrgelegenheiten, Shared-Bike-Systemen in Städten
bis hin zum Energie-Sharing beim Strom für
Elektrofahrzeuge.
29

Die Evolution der Mobilität

4. Digitalisierung der Mobilität
Der Megatrend Konnektivität wird zur
Grundlage der Mobilität von morgen. Digitale Vernetzung sorgt nicht nur für mehr
Mobilitätsangebote. Sie legt einen völlig
neuen Layer über die Mobilitätsstrukturen.
Durch den Datenaustausch zwischen Verkehrsteilnehmern, Fahrzeugen und der sie
umgebenden Infrastruktur wird die nächste
Stufe der Mobilität erreicht: Ein sich selbst
steuerndes System der Echtzeit-Verkehrs­
planung, der On-Demand-Verfügbarkeit
und reibungslosen Übergänge von einem
Transportmittel zum anderen.
Dass wir uns künftig viel stärker intermodal
fortbewegen werden, wird nur möglich
durch digitale Vernetzung. Der Megatrend
Konnektivität – insbesondere das Internet
der Dinge – prägt immer stärker das
­Mobilitätsverhalten und Verkehrssystem.

Digitale Vernetzung
wird zum „Enabler“ einer
neuen Mobilität und
zur Basis innovativer
Verkehrsinfrastrukturen.

Das mobile Internet, Social Networks,
Online-Plattformen, intelligente, vernetzte
Fahrzeuge – all das wird zum Enabler,
zum Ermöglicher einer neuen Mobilität,
zur Basis eines innovativen Mobilitätsdesigns wie auch neuer Verkehrs- und
Sicherheitsarchitekturen.
Die Intelligenz autonomer Systeme
E-Mobility, Sharing, Access-Prinzip, autonomes Fahren – alles, was die künftige
Mobilitätsgesellschaft auszeichnet, basiert
auf umfassender Vernetzung bis hin zu
künstlicher Intelligenz. Verkehrs-, Navigations- und Fahrzeugsysteme inklusive Bewegungsdaten können dank des Internet of
Things zukünftig systematisch aufeinander
abgestimmt werden. Das betrifft längst
nicht mehr nur Mobilitätsdienstleister und
Verkehrsverbünde, sondern ebenso private
30

Fahrzeuge, ganze Flotten, Straßen, Parkplätze und Ladeinfrastrukturen, Telekommunikationsnetze, mobile Geräte und vieles
andere mehr.
Auf Straßen, in Bussen und Bahnen, an
Flughäfen, bei Großevents, saisonalen Ereignissen oder am berüchtigten Ferienbeginn
wird sich in Zukunft der Verkehrsfluss über
die mobile Erfassung der Echtzeitdaten von
Verkehrsteilnehmern viel exakter abbilden
und vorhersagen lassen. In der Folge werden
sich Verkehrssysteme, letztlich Mobilität
insgesamt, sehr viel stärker selbst steuern, als
das heute der Fall ist. Dabei werden Kooperationen und strategische Allianzen zwischen
Herstellern und IT-Plattformen wichtiger.
Optimierung von Verkehrsfluss und
Sicherheit
Datenbasierte Mobilitätskonzepte machen
den Verkehr schneller, reibungsloser,
einfacher und umweltfreundlicher. Indem
anonymisierte Standort- und Wegedaten ins
Netz gespeist werden, werden aus reinen
Mobilitätskonsumenten in Zukunft Mobilitätsermöglicher. Durch lokale Mashups, also
Verknüpfungen aktueller und relevanter
Informationen, die Verkehrssystemen und
-betrieben, Menschen und Fahrzeugen dabei
helfen, den Pulsschlag der mobilen Gesellschaft zu messen, lassen sich nicht nur
Staus, Fahrzeugpannen und Unfallrisiken
frühzeitig ermitteln und vermeiden.
Fahrzeughersteller, Verkehrsunternehmen
und andere Mobilitätsdienstleister, Infrastrukturbetreiber und Mobilitätskonsumenten – ob als Autofahrer, Fußgänger,
Radfahrer oder als Fahrgast in öffentlichen
Verkehrsmitteln – verbessern durch hyperlokales Datenmanagement die Routen- und
Reiseplanung, die Bereitstellung und bedarfsabhängige Verfügbarkeit von Verkehrsmitteln, die Nutzung und Auslastung von
Fahrzeugen, aber auch den Verkehrsfluss
und die Verkehrssicherheit.
Breitband-Datennetze, intelligente persönliche Geräte, mobiles Internet und
Open-Data-Infrastrukturen, leistungsfähigere Navigationssysteme, öffentliche
Schnittstellen und Cloud Computing – die
technischen Voraussetzungen für diese
vernetzte Mobilität entwickeln sich mit
rasender Geschwindigkeit weiter. Digitale
Technologien leisten künftig einen unverzichtbaren Beitrag, den Verkehr effizienter

Prinzipien

Foto: ADAC

Dank digitaler Vernetzung und datenbasierter Systeme lässt sich der Verkehrsfluss künftig intelligent und effizient steuern

zu steuern und damit mehr Lebensqualität
in Städte und in ländliche Regionen zu
bringen.
Autonome Fahrzeuge
Die umfassende Automatisierung der
Mobilität basiert künftig auf sogenannten
cyber-physischen Systemen: Selbstfahrende
Autos sind extrem fortschrittliche Beispiele
dafür. Sie nehmen ihre eigene Situation im
Verkehr wahr, beziehen ständig Daten über
das Internet und steuern sich im Idealfall
sicher und selbstständig ans Ziel. Das Auto
wird so intelligent, dass es in der Lage ist,
aus Sinneseindrücken Schlüsse zu ziehen.
Autos werden zu eigenständig handelnden
Systemen.
Inzwischen rüsten alle Hersteller ihre
Fahrzeuge mit digital vernetzten Systemen
aus und gehen damit einen großen Schritt in
Richtung einer flächendeckenden Durchsetzung des Internet of Things in der Auto­
mobilität. Was zunächst nur für den Notfall

oder Entertainment-Anwendungen gedacht
ist, lässt sich prinzipiell für alle erdenklichen
neuen Mobilitätsservices in Connected Cars
nutzen.
Durch diese Vernetzung lassen sich spürbare Mehrwerte generieren: von der automatischen Parkplatzsuche und -reservierung,
über bessere Routenplanung und Steuerung
von Verkehrsströmen bis hin zum Finden
von Ladestationen oder zur Zubuchung
anderer Dienstleistungen.
Datensicherheit als Mindestanforderung
Zugleich wirft das Fragen des Datenschutzes
und der Informationshoheit auf. Voraussetzung für die gesellschaftliche Akzeptanz
ist ein Höchstmaß an Datensicherheit. Als
Basis- und Hygienefaktor wird Datenschutz
im Jahr 2040 zwar enorm wichtig und unverzichtbar sein, als Qualitätskriterium aber
längst eine Mindestanforderung darstellen.
Sie ist Einstiegsbedingung für jegliche
Player im Mobilitätsmarkt.
31

Die Evolution der Mobilität

Smart und safe: Supersicherer Verkehr
Intelligente Verkehrssteuerungssysteme
werden nicht nur abhängig von der jeweiligen Situation Vorschläge machen, mit
welchen Transportmitteln, auf welchem Weg
man am schnellsten von A nach B kommt.
Sie werden vor allem zu mehr Sicherheit
bei allen Verkehrsträgern beitragen. In dem
Maße, wie die zunehmende Automatisierung
des Mobilitätssystems einen spürbaren Sicherheitsgewinn mit sich bringt, wird sie sich
breitenwirksam durchsetzen. Das gilt vor
allem für autonome Fahrzeuge: Sie werden
dazu beitragen, dass es auf Deutschlands
Straßen nicht nur schneller und sauberer,
sondern auch sicherer vorwärtsgeht. Auto­
nomes Fahren und automatisierte Assistenz­
systeme sind damit in den kommenden
Jahrzehnten ein wichtiger Schlüssel zu einem
Verkehr ohne schwere und tödliche Unfälle.
Präventionskonzepte werden von der Entwicklung intelligenter Fahrzeuge und neuer
technologischer Anwendungen profitieren.
Wenn menschliche Fahrfehler als Ursache
wegfallen, sinkt die Unfallhäufigkeit deutlich. Breitangelegte Präventionsstrategien
bleiben weiterhin wichtig, basieren jedoch
zunehmend auf dem Zusammenspiel mit
vielfältigen Initiativen im Technologiebereich, um die Zahl der Unfallopfer weiter zu
verringern.

Foto: Flickr Hamza Butt CC BY

Internationale Reisen: Grenzen verlieren an Bedeutung
32

5. Globale Mobilität nach dem
­Roaming-Prinzip
Unser Leben und unsere Ökonomie sind
von einer stetigen Zunahme vor allem
internationaler Mobilität gekennzeichnet.
Mobilität ist zum Synonym geworden für
eine weltoffene Gesellschaft wie für die
Errungenschaften des globalen Marktes.
Mobilität ist ein elementarer Faktor der
globalen Wirtschaft und Gesellschaft. Insbesondere der Flugverkehr nimmt dabei eine
immer wichtigere Schlüsselstellung ein und
wird zum Motor internationaler Mobilität.
Hinzu kommt, dass die 7/24-Nonstop-Kultur
des digitalen Zeitalters die herkömmlichen
Dimensionen von Zeit und Raum sprengt.
Die Welt wächst immer enger zusammen.
Mehr und mehr Menschen haben Teil an
der globalen Mobilitätsgesellschaft. Vor
allem bei internationalen Reisen werden
wir in den kommenden Jahrzehnten einen
anhaltenden Boom erleben. Die Dynamik
des weltweiten Tourismus ist ungebrochen:
Rund um den Globus zählt die World Tourism Organization (UNWTO) Jahr für Jahr
über 1,2 Milliarden Ankünfte, über die Hälfte
davon entfällt auf Europa. Deutschland
zählt zu den Top-10-Destinationen – sowohl
hinsichtlich der Reisenden als auch der
Umsätze.

Prinzipien

Bis zum Jahr 2030 geht die UNWTO von
einem weiteren Anstieg auf weltweit 1,8 Milliarden Reisende aus, die zwischen verschiedenen Ländern unterwegs sind. Tourismus
wird unübersehbar zu einem der größten
Zukunftsmärkte in der globalen Mobilitätsgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Hinzu
kommt das weiter wachsende Segment
internationaler Geschäftsreisen – einer der
wichtigsten Treiber der Globalisierung.
Grenzenlose Mobilität
Die Welt ist in Bewegung. Mobilität ist sowohl ein Bedürfnis als auch die zwingende
Notwendigkeit einer globalen Gesellschaft.
Nichts prägt unser Leben in der globalen
Gesellschaft so sehr wie Mobilität. Von
unserer Mobilität in der internationalen
Wirtschaft hängt unmittelbar ab, ob wir in
Zukunft wettbewerbsfähig bleiben. Unsere
Lebensstile fußen auch künftig auf individualisierter, freier und globaler Mobilität.
In den kommenden Jahrzehnten bildet sich
immer weiter eine mobile Weltkultur heraus.
Sie stellt Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle vor neue Herausforderungen,
sorgt aber auch für die Entwicklung neuer
Märkte. Gerade durch globale Vernetzung
entstehen rund um Mobilität völlig neue
Trends, Wachstums- und Innovationsimpulse. Grenzenlose Mobilität ist auch in
Zukunft die Bedingung für Wohlstand und
Wachstum.
In der globalen Mobilitätsgesellschaft
verlieren Grenzen an Bedeutung. Es spricht
vieles dafür, dass wir uns im Jahr 2040 in
einer Welt grenzenloser Mobilität bewegen
werden. Internationale und globale Mobilität funktioniert in Zukunft analog zum
Roaming-Prinzip: Man muss sich nicht mehr
Gedanken darüber machen, wie man in
einem fremden Land, neuen Städten oder
Regionen unterwegs ist. Mietwagenleihe,
Carsharing und Nutzung des öffentlichen
Verkehrs im Ausland – alles wird so selbstverständlich, einfach und intuitiv, wie
heute mit dem Auto über innereuropäische
Grenzen zu fahren oder das Handy im
Ausland zu nutzen – inklusive Buchung und
Abrechnung notwendiger Services.
Ob globale Online-Netzwerke fürs Carsharing, europäische Mobilitäts-Flatrates oder
digitale Assistenz-Tools für internationales
Travel-Management – Mobilität im Jahr
2040 ist je nach individuellen Ansprüchen

Foto: Flickr Matthias Ripp CC BY 2.0

Nutzung des ÖPNV im Ausland? Künftig so einfach wie Telefonieren mit dem Handy

überall völlig reibungslos möglich. Mal
kostengünstig zu Pauschaltarifen oder
exklusiv gegen entsprechende Aufpreise
für Zusatzleistungen, die in einer globalen
Businesswelt die Basis wirtschaftlichen
Erfolgs werden.

6. Seamless Mobility: Die Auflösung
des Modal Split
Um ans Ziel zu kommen, wechseln Menschen immer häufiger das Verkehrsmittel
und wählen – situativ, ad hoc, gepoolt – das
bestmögliche: mal den Pkw, mal die Bahn
oder den Bus, mal das Rad.
Vernetzte, inter- und multimodale Mobilität,
die in Zukunft die Nachfrage bestimmen
wird, bedeutet, integrierte Mobilitätskonzepte zu entwickeln. Die Voraussetzung
dafür ist, Mobilität nicht mehr in unterschiedlichen Verkehrsmitteln zu denken, zu
organisieren und anzubieten, sondern entlang von Mobilitätsketten. Wer sich auf den
Mobilitätsmärkten von morgen behaupten
will, muss sich von der Idee des Modal Split
lösen und sich verstärkt als „Intermediär“
an den Schnittstellen verschiedener Fortbewegungsarten positionieren. Einzelne
33

Die Evolution der Mobilität

Verkehrsmittel stehen dabei nicht länger in
Konkurrenz zueinander, sondern ihre Nutzung wird intelligent miteinander verzahnt.
Mobilität wird ultra-integriert
Eine zunehmend vernetzte, intermodale Mobilität geht einher mit ultra-integrierten Mobilitätskonzepten. Mobilität wird auf diese
Weise weitgehend reibungslos vonstatten
gehen. Fluide und nahtlose Übergänge von
einem Transportmittel zum anderen – die
Vision einer hochgradig flexiblen, effizienten
Mobilität ohne Unterbrechungen wird dank
digitaler Vernetzung Realität.

Der ÖPNV entwickelt
sich in Richtung
individueller
Massenmobilität.

Individuelle Massenmobilität
Damit wandelt sich auch der Personennahverkehr als Bestandteil der öffentlichen
Daseinsvorsorge. Der ÖPNV wird stark in
Richtung individueller Massenmobilität
weiterentwickelt: Busse und Bahnen werden
künftig durch ein dichtes Netz sogenannter
Public Private Vehicles und Microcarrier wie
Elektro-Roller, autonome Shuttle-Fahrzeuge
und Fahrräder komplettiert. Fahrräder erleben eine Renaissance als zentrales urbanes
Verkehrs- und Transportmittel. Private
Autos werden zum Teil öffentlicher Flotten
und durch Sharing-Plattformen zu individuellen öffentlichen Verkehrsmitteln.
Die Verknüpfung von individueller Fortbewegung und öffentlichem Verkehr
wird zum Grundpfeiler der Mobilität von
morgen. ÖPNV und individueller Verkehr
verschmelzen zum individuellen öffentlichen Verkehr, zum „IÖV“. Auf diese Weise
komplettiert, holt der öffentliche Nahverkehr Menschen dort ab, wo sie sich gerade
befinden.
34

Im Jahr 2040 wird man auf diese Weise auch
das „Problem der letzten Meile“ intelligent
gelöst haben. Dank innovativer Lösungen
wird das Auto dann vor allem in Gebieten
mit hoher Mobilitätsdichte durch öffentliche Systeme eine komplementäre Rolle
einnehmen, die an den letzten Defiziten des
öffentlichen Verkehrs ansetzt. Nicht nur in
städtischen Gebieten, sondern bis hinein in
den ländlichen Raum.
Seamless Mobility erfordert eine größere
Vielfalt an Optionen, die praktikabel,
flexibel, zeit- und kosteneffizient kombinierbar sind, um so eine wirklich bedarfsgesteuerte Mobilität zu gewährleisten. Das
bedeutet, Mobilität funktioniert künftig
reibungslos, ökonomisch, ökologisch und
sozial nachhaltig. Sie darf keine wertvolle
Zeit verschlingen und muss Ressourcen und
den Geldbeutel schonen. Das wird die große
Aufgabe der kommenden Jahre sein, auf
denen die Innovationsanstrengungen ruhen
werden.

7. Managed Mobility: Mobilitätsdienstleister als Companion
Immer mehr Aufgaben des Alltags werden
„outgesourct“. Was man nicht permanent
braucht, wird nach Bedarf zeitweise dazu
gebucht. Das führt zu einer völlig neuen
Nachfrage nach Angeboten eines Mobilitätsmanagements – letztlich zu neuen
Mobilitätsmärkten.
Die Mobilitätsgesellschaft definiert sich
über den Wunsch nach Einfachheit und
das Bedürfnis nach der Sicherheit einer
reibungslosen Ankommensgarantie. Das
erfordert ein individuelles Mobilitätsmanagement, das unser Leben in einem
integrierten Mobilitätssystem und entlang
von Mobilitätsketten organisiert.
Erst durch ein umfassendes Mobilitätsmanagement wird es gelingen, innovative
Services entlang von Mobilitätsketten zu
organisieren und zu gestalten. Solche ganzheitlich integrierten Mobilitätslösungen
anzubieten, verlangt von Automobilherstellern wie von Verkehrsunternehmen und
sämtlichen Akteuren im Verkehrssektor, sich
zu Mobilitätsmanagern zu entwickeln. Mobilitätsdienstleister werden zum Companion,
zum unsichtbaren Begleiter im mobilen
Alltag und in einer Welt des Unterwegsseins.

Prinzipien

Foto: AUDI AG

Lebenswerte Städte, effizienter Verkehr: Seamless Mobility wird zur größten Herausforderung der kommenden Jahre

Mit intelligent kombinierten, netzwerkartig
integrierten Services schaffen sie je nach
Situation, Bedürfnissen und Anforderungen
passgenaue Angebote.
Neue Koalitionen
Das schafft enorme Potenziale für die
Verlängerung der Wertschöpfungskette
durch die Erweiterung des Angebots. Es
erfordert aber auch die Bereitschaft und
Fähigkeit, über die Grenzen des bisherigen
Kerngeschäfts hinauszuwachsen, sich für
strategische Partnerschaften zu öffnen und
Anschlussfähigkeit zu entwickeln. Denn zu
leisten ist das nur im Netzwerk unterschiedlicher Anbieter.

Beispielsweise wenn es darum geht, an
gemeinsamen Standards zu arbeiten. Mit
einer Fülle innovationsstarker Start-ups
betreten neue, vielfach branchenfremde
Player den Markt. Mittelfristig erkennen die
großen, etablierten Konzerne in ihnen vor
allem Kollaborateure statt Gegner, die mit
ihren Geschäftsmodellen dazu beitragen,
das eigene Angebotsspektrum zu erweitern.
Auf diese Weise entstehen bis zum Jahr 2040
vielfältige offene Netzwerke und Plattformen, die extrem agil, kunden- und bedarfsorientiert neue Business-Ökosysteme
für innovative, zukunftsweisende Mobilität
erschaffen.

Coopetition wird zum durchgängigen
Prinzip: Kooperation wie auch Wettbewerb
bestimmen die Innovationsdynamik auf
den Mobilitätsmärkten der Zukunft. Aus
Konkurrenten werden „Frienemies“ – Unternehmen und Institutionen, die beides
sind: Wettbewerber und Koalitionspartner.
35

RÄUME

Lokale Strukturen
der Mobilität von
morgen

4
36

Räume

Die Welt im Jahr 2040 ist vor allem durch eine zunehmende Vielfalt
an Mobilitätsformen gekennzeichnet. Ob berufliches Pendeln,
Schulwege, Familien- oder Arztbesuche, Shopping und Freizeitaktivitäten, Urlaubs- und Geschäftsreisen, Smartphones, Laptops und
mobiles Internet, wir sind – immer, überall und gleichzeitig – unterwegs, zu mehr Orten als je zuvor. Das führt in der Konsequenz zu
einer Multi-Mobilität. Unser Leben in der 24/7-Gesellschaft spielt
sich künftig vor allem im „Dazwischen“ ab.
Mobilität findet auch 2040 immer noch vor allem in realen Räumen
statt. Virtuelle Anwendungen werden physische Bewegung zwar
teilweise ergänzen, aber nicht im großen Maßstab substituieren.
Mobilität wird multi-lokaler. Metropolen, Regionen, Klein- und
Mittelstädte, ländliche Gebiete – in der Praxis verschwimmen zwar
die Grenzen zwischen den Räumen. Doch wie Menschen sich in
Zukunft fortbewegen, ist mehr denn je davon abhängig, wo sie
sich mehrheitlich aufhalten und welche Strecken sie tagtäglich
bewältigen. Das hat wesentliche Auswirkungen beispielsweise auf
den Fahrzeugbestand und -besitz: Beides unterscheidet sich sehr je
nachdem, wo man überwiegend unterwegs ist. Im ländlichen Raum
etwa wird der Pkw-Bestand pro Kopf auch 2040 deutlich höher sein
als in Städten. Doch die simple Unterscheidung zwischen Stadt und
Land greift immer öfter zu kurz. Umso wichtiger ist beim Blick auf
die Mobilität von morgen die Betrachtung unterschiedlicher Raumstrukturen. Schematisch lassen sich sechs unterschiedliche Räume
unterscheiden, die für die Zukunft der Mobilität besondere Relevanz
haben werden.
1. Condensed Space: Städte (z.B. Hamburg, München)
2. Clustered Space: Metropolregionen (z.B. Ruhrgebiet,
Rhein-Main etc.)
3. Linked Space: Vorurbane Gebiete (z.B. Frankfurt – Hintertaunus)
4. Lined Space: City-to-City-Verbindungen (z.B. Frankfurt – Köln,
Berlin – Wolfsburg)
5. Interspace: Internationale, globale Mobilität
(z.B. München – Manhattan, Leverkusen – London)
6. Off-Space: Offsite-Mobilität im ländlichen Raum (z.B. Uckermark)

37

Die Evolution der Mobilität

Grenzen verschwimmen:
Die Mobilitätsstrukturen von morgen

CONDENSED SPACE

CLUSTERED SPACE

LINKED SPACE

Innerstädtisch-urbane Räume
mit hoher Mobilitäts­dichte
durch öffentlichen und
­Individualverkehr (z.B. Berlin,
Hamburg, München)

Metropolregionen und
Ballungsräume mit hohem regionalen Verkehrsaufkommen
(z.B. Ruhrgebiet, Rhein-Main,
Rhein-Ruhr, Großraum Hamburg, München oder Stuttgart)

Verbindungen zwischen
vor­urbanen Gebieten und
Städten, die weit über das
unmittelbare Umland und die
Vorortgürtel hinaus regionale
Einzugsgebiete bilden (z.B.
Hintertaunus – Frankfurt, Havelland – Berlin, Eifel – Köln)

LINED SPACE

INTERSPACE

OFF-SPACE

Achsen zwischen Großstädten,
die dank schneller, hoch­
frequenter Verbindungen trotz
erheblicher Entfernungen vielfach tägliche Pendlerdistanzen
darstellen (z.B. Frankfurt
– Köln, Berlin – Wolfsburg,
Bremen – Hamburg)

Internationale Mittel- und
Langstreckenverbindungen, die
dank globaler Vernetzung auch
über Metropolen hinaus immer
schneller zurückgelegt werden
(z.B. München – Manhattan,
Leverkusen – London)

Überwiegend ländlich geprägte
Regionen mit gering ausgebauter Verkehrsinfrastruktur (z.B.
Uckermark, Wendtland, Rhön,
Hunsrück, Schwäbische Alb)

38

Räume

1. Condensed Space: Städte als
Transformatoren der Mobilität
Der urbane Mobilitätsmix ändert sich
radikal. Vor allem in Städten und Ballungsräumen wird sich die Verkehrsmittelnutzung deutlich wandeln. Nicht zuletzt
zugunsten des öffentlichen Verkehrs, des
Radfahrens und des Zufußgehens.
Immer mehr Städte setzen zur Steigerung
der Lebensqualität auf Verkehrskonzepte,
in denen der Radverkehr einen Großteil des Autoverkehrs ablöst. Vielfach
werden neue elektrische Zweiräder zum
schnellsten Verkehrsmittel, weil nicht mehr
die Höchstgeschwindigkeit, sondern das
durchschnittliche Tempo die Mobilität in
Städten bestimmt. Verleihstationen und
Lastenräder sorgen für eine Neuverteilung
urbaner Mobilität und öffentlicher Räume.
Die Innenstädte werden zunehmend
autofrei und bekommen mehr Lebens- und
Aufenthaltsqualität.
Die Stadt von morgen wird smarter und
menschlicher: weniger Fahrzeuge, Parkraum und Umweltbelastung. Bislang
getrennte Einzelsysteme wandeln sich
zu integrierten Systemen. Auch der Wirtschafts- und Lieferverkehr wird vernetzter,
smarter, grüner.
Die Mobilität der Städte dreht sich um digitales Leben, intelligente Vereinfachung,
vernetzten Transport und autonomes
Fahren. Vor allem automatisiertes Fahren
wird die Effizienz der Fahrzeugnutzung
und innerstädtisch-urbaner Verkehrssysteme radikal verändern und für den
Durchbruch einer neuen On-demand-­
Mobilität sorgen. Erweitert um selbst­
fahrende Fahrzeuge, wird der Nahverkehr
so intelligent und komfortabel sein wie
heute Taxifahren. Die Städter kombinieren
ihre Verkehrsmittel flexibel. Das Finden
und Buchen ist einfach und geschieht
in kurzen Schritten oder gar vollständig
selbstgesteuert und unbemerkt im Hintergrund. Vor allem in den großen Metropolen wird es weniger, in ausgewiesenen
Zonen auch keine Automobilität geben.
Politische und rechtliche Rahmenbedingungen forcieren den Wandel.
Ungebrochene Attraktivität der Städte
Mobilität auf eine ökologisch tragfähige
Basis zu stellen wird gerade vor dem

Condensed Space:
Innerstädtisch-­urbane
Räume mit hoher
Mobilitätsdichte
durch öffentlichen
und Individualverkehr

Hintergrund wachsender Städte, zunehmenden Straßenverkehrs und der daraus
resultierenden Umweltprobleme immer
wichtiger. Die Bevölkerung in Deutschlands
Metropolen wächst: In Frankfurt um 80.000
bis 2035, in München um 200.000 und in
Berlin um 500.000 (IW Köln). Das Auto wird
innerstädtisch zunehmend zum Verkehrshindernis, seine Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt. In vielen Citylagen ist man schon
heute mit dem Fahrrad schneller unterwegs.
Der Verkehr in der Smart City von morgen
wird so gesteuert, dass er besser fließt. Das
reduziert nicht nur Staus, sondern auch den
Ausstoß von verkehrsbedingten Emissionen.
Die Städte von morgen sind lebenswerter,
grüner und leiser. Formten früher die Autos
die Städte, so prägen künftig die Städte
die Autos. Die Kombination verschiedener
Verkehrsträger wird immer reibungsloser
funktionieren, inklusive durchgängiger Buchungs- und Bezahlmöglichkeit. Open-Data-­
Schnittstellen sorgen für ein einheitliches
Vertriebssystem und strengen Datenschutz.
Die Orte des Transits nehmen eine zentrale
Rolle im alltäglichen Leben ein. Mit zunehmendem Unterwegssein gewinnen Third
Places an Bedeutung. Der öffentliche Raum
wird neu strukturiert und verteilt. Urban Gardening kreiert neue Oasen der Ruhe, Parks auf
nicht mehr benötigten Gleisen oder Straßen
werden zum Treffpunkt für Fußgänger und
Radfahrer. Die neuen Orte des „Draußenseins“
sind eingebunden in das urbane Leben. Natur
wird zum Stadtalltag und zum wichtigen Teil
eines hoch verdichteten Stadtlebens.
39

Die Evolution der Mobilität

Individuelle öffentliche Verkehrsmittel
Vor allem in den Städten wandelt sich ÖPNV
zum „IÖV“, zum individuellen öffentlichen
Verkehr, und wird zum wichtigsten Mobilitätsplayer. Das eigene Auto wird in der Stadt
überflüssig, sein Besitz macht keinen Sinn
mehr. Wichtiger wird der Zugang zu einem
urbanen Mobilitätsnetzwerk. Die Nutzer erwarten einen umfassenden, ganzheitlichen
Mobilitätsverbund.
Wir werden eine wachsende Vielfalt an
Verkehrsmitteln unterschiedlicher Größe
und Transportleistung bekommen. MicroBus-Shuttles werden Fahrgäste abholen, wo
sie sich gerade befinden.

Metropolregionen
werden zu
Innovationslaboren
für die Mobilität von
morgen.

Clustered Space:
Metropolregionen und
Ballungsräume mit
hohem regionalen
Verkehrsaufkommen

40

2. Clustered Space: Metropol­
regionen als Verkehrslabore
Das Verkehrsaufkommen in Ballungsgebieten wird zunehmen. Zugleich werden die
Metropolregionen zu den Innovationslaboren für die Mobilität der Zukunft. Dank
des Trends zur Mikro-Mobilität wird der
Metropolenverkehr bis 2040 mit immer
weniger Autos auskommen. Kurzstrecken
unter 50 Kilometern werden immer öfter
in Kombination von Radschnellwegen und
öffentlichem Nahverkehr absolviert.
Auch wenn Fahrräder nicht die alleinigen
Problemlöser sein werden, bestimmen
E-Bikes massiv den Verkehr. Standard-­
Pedelecs werden künftig regulär mehr als
40 Stundenkilometer schaffen – und dank
vielfältiger Präventionsmaßnahmen sichere
Verkehrsmittel sein. Radschnellwege sorgen
für ein dichter werdendes Netz innerhalb
von Metropolregionen. Städte und Unternehmen fördern die Verbindung von ­
Bike & Business-Modellen. Digitale Mobilitätsnetzwerke unterstützen das echtzeitnahe Pooling von Fahrgemeinschaften, und
Corporate-Carsharing-Modelle werden zum
Standard bei Berufspendlern. Online-Plattformen erschaffen lokale und globale
Marktplätze für das Matching von Mobilitätsangebot und -nachfrage. Sie werden so
zu multimodalen Mobilitätsplayern, die sich,
statt auf die Bereitstellung und den Betrieb
von Transportmitteln, allein auf die Vermittlung und Abrechnung von Fahrten nach
dem Access-Prinzip spezialisieren.

Räume

Linked Space: Verbindungen zwischen vorurbanen Gebieten und Städten, die weit über
das unmittelbare Umland und die Vorortgürtel
hinaus regionale Einzugsgebiete bilden

Lined Space: Achsen zwischen Großstädten,
die dank schneller, hochfrequenter Verbindungen trotz erheblicher Entfernungen vielfach
tägliche Pendlerdistanzen darstellen

3. Linked Space: Pendeln zwischen
vorurbanen Gebieten und Städten

4. Lined Space:
City to City im Stundentakt

Die Pendlermobilität zwischen den vorurbanen Gebieten und Städten steigt. Die Zahl
der Berufspendler, die aus den sogenannten
„Exurbs“ in die Städte strömen, wächst auch
in Deutschland. Dennoch macht das Pendeln
in der Zukunft immer weniger krank und
führt nicht zu Stress. Pendeln wird einfacher, umweltfreundlicher und planbarer.
Der Verkehr ist intermodal, Verkehrsmittel
werden intelligent miteinander verknüpft.
Pendler fahren aus dem Umland von Städten
im Jahr 2040 per E-Carsharing zur nächsten
Bahn-Haltestelle und legen die letzten
Kilometer zur Arbeit mit dem Leihfahrrad
oder dem E-Roller zurück. Die Basis bildet die
Erweiterung des öffentlichen Nahverkehrs
ins Umland und den ländlichen Raum. Auf
Radschnellwegen können Pendler auch
größere Entfernungen stau- und stressfrei
zurücklegen. Die Flexibilisierung des beruflichen Alltags und neue dezentrale Arbeitsformen entzerren Mobilität.

2040 erlebt Deutschland ein neues Zeitalter. Im Stundentakt verkehren autonome
Züge und Busse, die selbst Kleinstädte ab
5.000 Einwohnern verbinden. Verlässliche,
hochfrequente Verbindungen werden dank
virtueller Vernetzung und intelligentem,
hyperlokalem Mobilitätsmanagement zum
bundesweit flächendeckenden Standard bis
in ländliche Regionen hinein.

Während die Digitalisierung von Mobilitätsangeboten bislang fast ausschließlich im
Hinblick auf die Smart City diskutiert und
vorangetrieben wird, kommt es in Zukunft
nicht zuletzt darauf an, neue, digital vernetzte Angebote in die Fläche zu tragen: ins
weitere Umland von Städten, in größere Regionen und den ländlichen Raum. Auch hier
braucht es schnelle, einfache Lösungen einer
Plattform-Mobilität und smarte Hubs in der
Verkehrsinfrastruktur für die unkomplizierte
Nutzung eines vielfältigen Mobilitätsmixes.

Access und Seamless Mobility werden zum
Prinzip mobiler Grundversorgung nicht
nur in Großstädten und Wirtschaftsmetropolen. Autonom gesteuerte Kleinbusse und
selbstfahrende Autos erledigen die „letzte
Meile“ und holen Fahrgäste direkt vor der
Haustür ab. Die Kosten der Fahrt beziehen
sich auf den Preis für die öffentlichen
Verkehrsmittel.
Zugleich steigen angesichts des hohen
Zeitaufwands für Wegstrecken auch die
Ansprüche an Transportmittel: Sie werden
zu Third Places zwischen dem Arbeitsplatz
und dem Zuhause, in denen man komfortabel und gesund unterwegs ist, worin man
sich gern aufhält, wohlfühlt, seine Zeit aber
auch sinnvoll und produktiv verbringen
kann. Lined Spaces – das bedeutet in
Zukunft nicht zuletzt die kluge Verbindung
von Mobilität und Erholung als Auszeit für
Kopfarbeiter.

41

Die Evolution der Mobilität

Interspace: Internationale Mittel- und Lang­
streckenverbindungen, die dank globaler Ver­
netzung auch über Metropolen hinaus immer
schneller zurückgelegt werden

Off-Space: Überwiegend ländlich geprägte
Regionen mit gering ausgebauter Verkehrs­
infrastruktur

5. Interspace:
Grenzenlose Multi-Mobilität

6. Off-Space: Der ländliche Raum
organisiert sich neu

Die globale Mobilität von Mitarbeitern und
ganzen Firmen wird im Jahr 2040 unabdingbar sein. Die Welt rückt näher zusammen
und erfordert von uns, ständig an einem
anderen Ort präsent zu sein. Die Avantgarde
sind mobile Job-Nomaden und globale Jetsetter: Menschen, die nicht selten mehrmals
pro Woche zwischen den Metropolen der Welt
pendeln. Der Globus wird zum Arbeitsplatz,
die Welt zum Zuhause. Für die multi-mobile
Business Class ist ständiges Unterwegssein
keine Ausnahmesituation, sondern der
Normalfall des Berufsalltags. Ein Höchstmaß
an Flexibilität, Vernetzung und Internationalität ist selbstverständlich. Multi-Mobilität ist
längst nicht nur Lifestyle hipper Globetrotter
und smarter High-Potentials, sondern längst
zur entscheidenden Selbstverständlichkeit für
den Erfolg jedes Einzelnen und zur Voraussetzung für ein professionelles Work-Life-Management. Verkehrsmittel, Verkehrsknotenpunkte, Hotels und Business-Events werden
Teil des mobilen Office.

Auch in Zukunft werden Menschen in
Kleinstädten und Dörfern leben. Zwar kann
angesichts des Megatrends Urbanisierung
die Stadt zu Recht als der Lebensraum der
Zukunft bezeichnet werden. Doch auch in
Deutschland werden 2040 nach Eurostat-­
Prognosen immer noch 11,4 Millionen
Menschen in überwiegend ländlichen
­Regionen leben. Die Einwohnerzahl wird
zwar bis dahin insgesamt um knapp
1,6 Millionen sinken, es wird aber keineswegs
zu einer Entvölkerung des ländlichen Raums
kommen. Relativ betrachtet bleibt der Anteil
fast unverändert: Auch 2040 werden immerhin noch 15 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands auf dem Land leben (2017:
16 Prozent). Der ländliche Raum wird also
keineswegs vollständig marginalisiert. Im
Gegenteil: Angesichts der hohen Immobilienund Mietpreise in den Städten, die für viele
Bürger kaum mehr bezahlbar sind, steigt die
Attraktivität des Umlands von Metropolen
bis weit in die Regionen hinein. Weil hier
auch in Zukunft mehr Menschen leben
werden, als die aktuelle öffentliche Debatte es
vermuten lässt, ist auch der ländliche Raum
auf ein effektives Mobilitätssystem und
eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur
angewiesen. Dörfer können eine Renaissance
als Wohn- und Lebensorte erfahren, sofern
sie verkehrstechnisch gut an die Städte und
urbanen Zentren angebunden sind. Pendler
sind immer öfter bereit, weitere Strecken
zur Arbeit zurückzulegen. Hinzu kommt der
hohe Freizeitwert, den der ländliche Raum

Zugleich werden in diesen Mobilitätskontexten die Sicherheitsbedürfnisse und
-anforderungen steigen. Der Interspace,
das ist nicht nur die grenzenlose, globale
Multi-Mobilität zwischen Business-Metropolen, sondern auch zu Urlaubsdestinationen. An die Stelle von „Urlaubsreisen“ tritt
„Entschleunigungsmobilität“. Ferne Orte
werden zu Fluchtpunkten von Sehnsüchten,
Erlebnissen und Begegnungen. Der Weg zum
Ziel wird Teil der Reise.
42

Räume

LÄNDLICHER RAUM: AUCH IN ZUKUNFT WOHNORT FÜR MILLIONEN
Bevölkerung in Deutschland nach Wohnort (in Millionen)
80

Überwiegend ländliche Regionen

60
Intermediäre Regionen
40
20
0

Überwiegend städtische Regionen

2014

2015

2017

2020

2030

2040

2050

Quelle: Eurostat, Prognose: Hauptszenario

für immer mehr Menschen hat. Gerade die
Suche vieler Stadtbewohner nach Erholungsund Aktivitätsräumen sorgt für eine anhaltend hohe Offsite-Mobilität innerhalb des
ländlichen Raums.
Wie wir uns dort künftig fortbewegen, wird
mehr denn je eine Frage der Infrastruktur
sein: Neben modernen Verkehrswegen, innovativer Verkehrsplanung und -steuerung
kommt es dabei auf innovative Verkehrsmittel, neue Antriebsformen von Fahrzeugen und smarte Mobilitätsdienste an.
Smart Grid, Smart Car, Smart Home
Zudem wird die digitale Vernetzung von
Fahrzeugen ebenso wichtig wie die Vernetzung z.B. von Tankstellen mit dem Smart
Grid für die dezentrale Stromversorgung
von morgen, die ohne Elektromobilität nicht
zu denken ist. Bei der Dezentralisierung
der Netze, der Energieversorgung und des
Energiemanagements wird es künftig darum
gehen, ganz unterschiedliche Systeme zusammenzuschalten, also Mobilität mit Energieversorgung, Telekommunikation und intelligentem Gebäudemanagement. Bis 2040 wird
es darum gehen, gerade auch im ländlichen
Raum unterschiedliche, bisher getrennte
Strukturen zu vernetzen, angefangen von
Gebäuden und Haushalten mit intelligenten
Geräten, über Energiesparhäuser bis hin zu
E-Autos oder Windparks in der Region, die
künftig die Rolle der „Kraftstofflieferanten“
übernehmen – ob in Form von Strom oder

Wasserstoff als Energiespeicher. Die Funktionserweiterung der Automobilität – als
Integration von Smart Grid, Smart Car und
Smart Home – greift vor allem im Off-Space.
Fahrzeuge werden durch die Verbindung von
Elektromobilität und Digitalisierung zum
Stromspeicher in der Infrastruktur eines
nachhaltigen Energiesystems – gerade auf
dem Land, wo die Öko-Energieparks den
Treibstoff von morgen erzeugen.
Leben in kleinen Netzwerken
Der ländliche Raum organisiert sich neu.
Blockchain-Communities gründen sich
autonom als hyperlokale Netzwerke im
ländlichen Raum und ermöglichen gerade
älteren Bevölkerungsgruppen und solchen
mit vielfältigen Mobilitätsanforderungen
wie Familien und Jugendlichen den Zugang
zu Mobilität.
Ärzte und andere Dienstleister werden auch
2040 noch regelmäßig über die Dörfer fahren.
Der ländliche Raum wird daher strukturell
nicht abgehängt, sondern neu verbunden.
Vor allem in dünn besiedelten Regionen
stehen dezentrale Flotten autonomer Fahrzeuge zur Verfügung, die gemeinschaftlich
bewirtschaftet werden – quasi als Mobilitätsgenossenschaften. Fahrzeuge bringen den
Nutzer zum nächsten IÖV-Knotenpunkt, der
als multimodaler Traffic Hub den Umstieg
auf Busse und den Schienenverkehr organisiert und so die Anbindung an naheliegende
Klein- und Mittelstädte ermöglicht.
43

IMPLIKATIONEN

Agenda:
Handlungsfelder
für eine
zukunftsweisende
Mobilitätspolitik

5
44

Implikationen

Megatrends wie Individualisierung, Konnektivität, Urbanisierung
und Neo-Ökologie bestimmen die Mobilität von morgen. Haupttreiber des Wandels sind die veränderten technischen Möglichkeiten
und das Bedürfnis der Menschen nach anderen Formen der persönlichen Mobilität: vernetzt, digital, postfossil und geteilt. Der Wandel
vollzieht sich langsam, er ist aber grundlegend und tiefgreifend. Was
wir erleben, ist eine Evolution der Mobilität. Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft sind gefordert, diese Entwicklung zu begleiten.

1. Digitale Vernetzung
Deutschland hat alle Chancen, Technologieführer einer vernetzten
und digitalen Mobilitätswelt zu werden. Die digitale Vernetzung
von Nutzern, Diensten, Fahrzeugen und Infrastruktur wird zum
wichtigsten Treiber. Im Fokus der künftigen Mobilitätswelt steht
die gesamte Mobilitätskette und nicht mehr nur einzelne Verkehrs­
träger und Verkehrsmittel. Die neue Mobilitätswelt verspricht einen
besseren Service für die Nutzer, eine gute Erreichbarkeit, höhere
Verkehrssicherheit, weniger Emissionen und Lärm, aber höhere
Effizienz. Das Ziel muss sein, den Standort Deutschland heute für die
Digitalisierung der Mobilität vorzubereiten. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

2. Multimodalität und smarte Mobilität
Die Grenzen zwischen öffentlichem und Individualverkehr verschwimmen. Die Anforderungen und die Bedürfnisse der Nutzer
müssen im Mittelpunkt einer langfristigen Verkehrspolitik stehen.
In Zukunft bestimmt vernetzte, inter- und multimodale Mobilität die
Nachfrage. Es wird darum gehen, Mobilität entlang von Mobilitätsketten zu denken, zu organisieren und integrierte Mobilitätskonzepte
anzubieten.
In den Städten und urbanen Regionen wird das Auto seine allein
dominierende Stellung verlieren, wird aber im ländlichen Raum im
Verbund mit einem neuen, intelligenten öffentlichen Nahverkehr
weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Das Verhältnis zum Auto wandelt sich. „Nutzen statt besitzen“ wird zur neuen Devise. Es geht nicht
mehr um Status-, sondern um smarte Mobilität. Deutschland muss
hier weltweit eine Spitzenrolle einnehmen.

45

Die Evolution der Mobilität

3. Mobilität für alle und überall
Neue Formen der Mobilität bieten etliche Chancen – insbesondere für
den ländlichen Raum. Ein individualisierter und intelligenter öffentlicher Verkehr ermöglicht auch an den Rändern der Ballungsgebiete und
im ländlichen Raum leistungsfähige Mobilität. Mobilität als gesamtgesellschaftliche Herausforderung heißt: Niemand muss zurückbleiben.
Mobilität wird für alle bezahlbar. Langfristig setzt sich das autonome
Fahren durch und wird als neue Technologie den Mobilitätsalltag bestimmen. Wenn Autos von künstlicher Intelligenz gelenkt werden, bleibt
mehr Zeit für andere Tätigkeiten.

4. Mobiles Arbeiten
Die digitale Vernetzung macht Arbeiten zeit- und ortsunabhängig möglich. Mobiles Arbeiten wird für immer mehr Beschäftigte zur neuen
Norm. Verkehrsmittel und -orte wie Bahnhöfe, Flughäfen und Hotels
werden zum festen Bestandteil unserer Arbeits- und Lebenswelt. Die
passenden Modelle und Technologien hierfür müssen entwickelt und
gefördert werden. Eine verstärkt dezentrale Arbeitsorganisation wird zu
einer Zunahme des berufsbedingten Pendlerverkehrs führen.

5. Stadt-Land-Mobilität
Neue Mobilitätsangebote (Carsharing, Leihradsysteme, Radverkehrs­
infrastruktur) werden vor allem aufgrund des Pendleraufkommens im
Umland der Städte und im ländlichen Raum benötigt. Hier entsteht eine
neue Mobilitätsvielfalt. Über Pilotprojekte lassen sich Erfahrungen mit
hybriden Mobilitätsangeboten im Zusammenspiel von individualisiertem
öffentlichem Verkehr mit Pkw und öffentlichem Verkehr sammeln.

6. Daseinsvorsorge im ländlichen Raum
Die Gestaltung der Mobilität im ländlichen Raum bleibt eine zentrale
politische Aufgabe. Der ländliche Raum braucht eine Qualitätssicherung
und Garantie für ein öffentliches Mobilitätsangebot. Ohne eine Grundversorgung an Mobilität wird die Flucht in die Stadt weiter zunehmen.

7. Reisen und Tourismus
In einer zunehmend flexibleren und multi-lokalen Arbeitswelt ändern
sich auch die Reisebedürfnisse. Der Tourismus wird zur kreativsten
Möglichkeit von Mobilität. Der Wunsch nach Entschleunigung und
46

Implikationen

achtsamer Mobilität in der Freizeit wächst. Die Folge ist eine
Trendwende hin zu mehr Qualität und Zeit für Genuss. Deutschland wird mehr denn je zum attraktiven Zielort einer mobilen
und globalen Erlebnisgesellschaft. Es werden mehr Menschen aus
fremden Kulturen zu uns kommen. Auch für den ländlichen Raum
bieten sich dadurch neue Chancen. Die Potenziale zu heben und
den Tourismus intelligent zu entwickeln wird auch zur politischen
Herausforderung.

8. Sicheres Reisen
Reisen prägt auch künftig das Mobilitätsbedürfnis und verbindet
fremde Kulturen. Zugleich wird die Welt des Tourismus unsicherer.
Die tatsächliche und die subjektiv wahrgenommene Sicherheit wird
das Reise- und Mobilitätsverhalten in Zukunft bestimmen. Zur zentralen Aufgabe von Reiseveranstaltern, Mobilitätsdienstleistern und
staatlichen Stellen wird die Frage, wohin und wie Menschen sicher
verreisen können.

9. Sichere Daten
Der Datenaustausch zwischen Verkehrsteilnehmern, Fahrzeugen
und der sie umgebenden Infrastruktur ermöglicht die nächste
Stufe der Mobilität: Ein sich selbst steuerndes System der Echtzeit-Verkehrsplanung, der On-Demand-Verfügbarkeit und der
reibungslosen Übergänge zwischen Transportmitteln. Voraussetzung für die gesellschaftliche Akzeptanz einer digital vernetzten
Mobilität ist ein Höchstmaß an Datensicherheit. Datenschutz und
Datensouveränität werden im Jahr 2040 zu selbstverständlichen
Mindestanforderungen.

10. Neue Mobilität und Verbraucherpolitik
Die Bürger brauchen in einer unübersichtlicher werdenden Mobilitätswelt mehr Transparenz und eine unabhängige Bewertung der
Angebote und Anbieter rund um Mobilität. Dafür wird eine neutrale,
verlässliche, übergreifende digitale Mobilitätsplattform erforderlich
sein, die Nutzer informiert und digital kompetent macht. Die neuen
politischen Herausforderungen liegen in der wettbewerblichen Ermöglichung von Plattformen und ihrer Aufsicht, der Datenregelung
(Zugang und Bereitstellung), Transparenz und der Verhinderung von
Marktmissbrauch.
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Die Evolution der Mobilität

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Zukunftsinstitut: Die Zukunft der Mobilität
2030. Das Zeitalter der Managed Mobility
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Zukunftsinstitut: Lebensstile für morgen.
Das neue Modell für Gesellschaft, Marketing
und Konsum. 2014
                            
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