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Sitzung am 27. März 1930.
Gleichzeitig ist ja wohl bei diesem Ankauf
des Gutes Düppel ein Prozeß losgegangen zwischen
denen, die sich diese Beute, die sie bei der Stadt
Berlin gemacht hatten, teilen wollten. Es ist der
berühmte Prozeß Biller, auf den ich hier nicht
näher einzugehen brauche, der aber blitzlichtartig 172
gezeigt hat, welche Leute ihre Tasche vollgestopft 172
haben, wie viele Millionen sie geschluckt
haben, wie die Millionen geteilt worden sind. Auf
gut Deutsch sagt man — na, einen parlamentarischen 172
Ausdruck gibt es dafür nicht —, sie haben
mal ein christlich-nationales gutes, solides, kapitalistisches 172
Geschäft gemacht.
(Heiterkeit.)
Ehe ich auf das eigentliche Gebiet noch
weiter eingehe, möchte ich auf eine andere Sache
hinweisen, die sich hier in Berlin gleichzeitig abspielt. 172
Ich habe eine Zeitung zugeschickt bekommen. 172
Die haben Sie sicher auch gekriegt. Ich
möchte über die Qualität dieser Zeitung nichts
sagen. Aber es ist nun ja einmal so in Berlin, daß
gewisse Zeitungen über das Pressemonopol usw.
und bestimmte Interessentenkreise hinaus solche
Dinge verschlossen sind. Es ist gewöhnlich leider
so, daß sich dann die Leute, die etwas zu bestimmten 172
Dingen zu sagen haben, in die Skandalpresse 172
verflüchtigen und dort ihre Sache ablegen,
womit nicht gesagt ist, daß die Männer, die dieses
Material dort hineingeben, Ehrenmänner sind.
Meistenteils sind es betrogene Betrüger oder geprellte 172
Ganoven, die beim Geschäft mitwirken
wollten, abgeblitzt sind oder sich übervorteilt
fühlen, die bei dieser Gelegenheit einmal gründlich 172
auspacken. Das tun sie dann in solch einer
Zeitung. Ich möchte für diese Zeitung weiter
keine Reklame machen. Man hat hier Behauptungen 172
über Magistratsmitglieder aufgestellt. Es ist
mir nicht bekannt, daß das „8-Bhr-Abendblatt"
bisher eine Berichtigung gebracht hätte. Ich bin
gewohnt, von Magistratsmitgliedern nur noch im
„8-Bhr-Abendblatt" bzw. im Nachrichtenamt Dementis 172
zu finden, im Nachrichten^mt meistens so
verklauseliert, daß man überhaupt nicht weiß,
was es bedeuten soll. Dieser „Berliner Herold“,
diese Zeitung schreibt z. B. über einen „City-Klub“,
der auch eine sehr merkwürdige Einrichtung 172
in Berlin ist, die desto merkwürdiger anzusehen 172
ist, weil nämlich in diesem Klub
Magistratsmitglieder sitzen. Dieser Klub, der sich
so als eine Art Nebenmagistrat in Berlin scheinbar 172
etabliert hat, hat den preußischen Ministerialdirektor 172
von Leyden herzitiert, um einen Vortrag
zu halten. Der Reichsminister a. D. Koch hielt
ebenfalls einen Vortrag, und man stimmte darüber
ab, wie man zu der Verfassung, zu der Einführung
der kommunalfaschistischen Diktatur Stellung
nehmen soll. Aber nicht nur mit diesen Dingen
beschäftigt sich der Klub, sondern auch gleichzeitig 172
mit sehr realen wirtschaftlichen
Dingen, und diese wirtschaftlichen
Dinge pflegen ja für die politischen Dinge
gewöhnlich die solide Grundlage zu
bilden.
Diese Zeitung schreibt über diesen Klub und
über die prominenten Mitglieder dieses Klubs:
„Kaufte nicht erst Herr Heinrich Mendelssohn 172
ein Grundstück im Rathausviertel, von
dem sich dann wie zufällig herausstellte, daß
es die Berliner Verkehrs-Gesellschaft für ihre
Zwecke brauchte? Und verkaufte dann Herr
Heinrich Mendelssohn dieses Grundstück nicht
mit Millionengewinn an die Berliner Verkehrs-Gesellschaft?
(Bei den Kommunisten: Hört, hört!)
Und wies er nicht nach dem Verkauf noch einen
Mietvertrag vor, laut dessen er noch für
20 Jahre in dem Hause als Mieter fungieren
durfte,
(Hört, hört!)
so daß die Berliner Verkehrs-Gesellschaft noch
genötigt war, ihm diese Mietrechte für eine
Extraabfindung abzukaufen, damit sie, was ja
der Zweck des ganzen Kaufes war, sofort über
das Grundstück verfügen durfte? Mendelssohns
Spekulation ist auch geglückt, denn er hat noch
350 000 Ml als Extraabfindung seiner Mietrechte 172
nach dem vollzogenen Kauf eingesteckt!
Kräftigten ihn diese Aktionen, von denen die
Öffentlichkeit bisher geschwiegen hat, nun so,
daß er sie in den Wettbewerb für den Reichskanzlerplatz 172
stecken konnte?“
— Dort hat er nämlich große Projekte. —
„Dient das der BVG. abgeluxte Geld vielleicht
dazu, das Preisgericht für den Wettbewerb am
Reichskanzlerplatz zu finanzieren und, den
Herren Stadtrat v. Reutter und Adler —“
— von Reutter steht hier. Das ist aber, glaube
ich, ein Irrtum.
(Heiterkeit.)
(Zuruf: Er wird vielleicht noch geadelt
werden!)
Der hat wahrscheinlich Reuter bloß umherstolzieren 172
sehen und angenommen, daß er adlig
ist.
(Heiterkeit.)
„charakterfeste Preisrichterhonorare zuzuschanzen 172
?“
Ich habe bereits Herrn Adler gesprochen.
Herr Adler hat mir versichert, daß er mit dem
Preisrichtergericht nichts zu tun hat. Aber ich
habe erfahren, daß bei diesem Preisrichtergericht
Stadtbaurat Hahn und Stadtbaurat Wagner nicht
ganz unbeteiligt sein sollen, die hier nicht genannt 172
sind.
Es wäre also doch besser gewesen, wo sie mit
Dementis doch schnell bei der Hand sind, daß sie
sich vielleicht auch hier dazu geäußert hätten,
daß sie etwas gesagt hätten. Es ist keine Zeitung,
die eine große Bedeutung hat, aber sie legen doch
sonst dem kleinsten Dreck die größte Bedeutung
bei, wenn es darauf ankommt, in Berlin die weiße
Weste zu repräsentieren. Nun ist eS heute in
Berlin schon so, daß der Ruf eines Stadtrats
nicht mehr so gefestigt ist, daß er sich hinstellt
und sagt: Bei mir usw. kommt das gar nicht in
Frage!
(Hört, hört! — Heiterkeit.)
Der Berliner Stadtrat hat heute alle Ursache, auf
Anzapfungen, ganz gleich woher sie kommen, zu
reagieren und sich zu äußern.
Nun, dieser City-Klub wird wohl wahrscheinlich 172
auch noch'bei andern Dingen beteiligt gewesen 172
sein, nicht nur bei diesem einen Kauf. Es
wird notwendig sein, einmal zu untersuchen, in
welchem Verhältnis sich die Mitglieder des Magistrats 172
zum City-Klub oder neben diesem City-Klub
vielleich noch zu einem Ausschuß befinden,
bei dem mitunter Dinge berührt werden, die diesen
City-Klub geschäftlich auf das allerhöchste
interessieren.
(Stadtv. Pieck: Das ist die Magistratsgruppe!)
(Stadtv. Kasper: Die Bescheid wußte!)
Sehen Sie, ich habe heute abend nur ganz
schnell die Abendpresse durchgesehen, um ungefähr 172
die Stimmung der Berliner Presse zu diesen
Dingen festzustellen, die sich hier abspielen. Da
ist der „Berliner Börsen-Courier“. Er ist eine