Path:
Volume No. 1 (1), 3. Januar 1880

Full text: Vorlagen für die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin (Public Domain) Issue1880 (Public Domain)

(1.) 
1 
R- 
vom O i 
■ 1 i 
Hüt 
Vorlage 
/$ /X 
für die 
Stadtverordneten-Versammlung zu Berlin. 
/*$ Tg 
Mi 
■1 < A-J 
. % A M' 
'-L 
yfööO . 
1. Vorlage (J-Nr. 597. G. S.) — zur Beschluff- 
faffung —, betreffend die Einrichtung einer 
Handwerkerschule. 
Der Stadtverordneten-Versammlung empfehlen wir im Verfolg un 
serer Vorlage vom 16. August cr. und des Beschlusses Wohldcrselben vom 
25. September cr. die nachfolgende Vorlage, betreffend die Errichtung 
einer Handwerkerschule, zu gefälliger baldiger Beschlußfassung; eine solche 
wird außerhalb der Elatsberathung stattfinden können, weil keine Neu 
bewilligung von Geldern erforderlich ist, sondern nur die Genehmigung 
zu einer anderweitigen Verwendung bereits vorhandener Etalsposttionen. 
Nach dem Regulativ vom 6. August 1873 werden unsere Fortbil 
dungsanstalten im Anfang jedes Winters neu errichtet; im Sommer 
finden nur ausnahmsweise einzelne Kurse statt. Wo das Bedürfniß nach 
Bildung sich zeigt, soll die Gelegenheit dazu geboten werden. Indem 
man die Contmuität opfert, gewinnt man die Sicherheit, nur solchen 
Unterricht eintreten zu lassen, der wirklich begehrt wird. 
Diese Einrichtung entsprach den Verhältnißen so lange, als sich nicht 
Kategorien von Schülern herausstellten, die ein dauerndes Bedürfniß nach 
einem systematischen Unterricht haben. Solche sind jetzt in großer Zahl 
vorhanden. Bauhandwerker, Maler, Sluccateure, Mechaniker, Klempner, 
Tischler. Drechsler, Goldschmiede, Stuhlarbeiter haben das Verlangen 
nach sogenannten Fachschulen ausgesprochen, und es sind dergleichen auch 
eingerichtet. Die in Innungen und anderen Verbänden vereinigten An 
gehörigen der genannten Gewerbe erwarten von solchen Schulen eine 
wesentliche Förderung ihrer Interessen, sind aber nicht im Stande, aus 
eigenen Mitteln Lehrkräfte und Lehrmittel in ausreichendem Maße zu 
beschaffen. Sie einzeln unterstützen, hieße die Kräste zersplittern. Die 
jungen Leute, welche sich den sogenannten Berufsarten widmen, bedürfen 
lämmtlich eines mehrere Jahre fortgesetzten Unterrichts im Zeichnen, zu» 
Theil eines solchen in der Mathematik, Physik und Chemie. Es ist 
nicht erforderlich, daß jede Berufsklaffe gesondert unterrichtet werde, wohl 
aber, daß die Zöglinge in passende Gruppen getheilt und der Unterricht 
in aussteigende Kurse gegliedert werde. Dies ist bei der gegenwärtigen 
Einrichtung unserer Fortbildungsanstalten nicht möglich. Die einzelnen 
Anstalten können immer nur wenig Kurse für dasselbe Fach haben, und 
müssen in dieselben gleichzeitig Personen von den verschiedensten Graden 
der Ausbildung aufnehmen. Dazu kommt, daß die Lehrer der Anstalten 
den Gewerben meist fern stehen. Werden die Mittel, die jetzt auf die 
Kurse für mechanische und chemische Gewerbe in fünf verschiedenen An- 
stalten verwandt werden, auf eine concentrirt, so werden sie erfolgreicher 
benutzt werden können. 
Zu einem entsprechenden Vorschlage sind wir umsomehr bewogen, 
als der Herr Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten seine Geneigtheit 
ausgesprochen hat, sich für die Aufnahme eines bedeutenden StaatS- 
zufchuffes in den nächsten StaalshauShaltsetat zu verwenden. 
Die sür junge Kaufleute bestimmten Kurse, welche Französisch, Englisch 
und Buchführung umfassen, würden von unserem Vorschlage nicht berührt 
werden. Auch die elementaren Fortbildungsschulen beabsichtigen wir in 
der jetzigen Gestalt wefter zu führen; sie würden sehr wohl auch diejenigen 
Zöglinge der bisherigen Fortbildungsanstalten aufnehmen können, denen 
eS nur auf Ergänzung und Erhaltung der elementaren Schulbildung 
ankommt. 
Wir bezwecken die Verwendung eines Theils der bisher für die Fort 
bildungsanstalten bewilligten Mittel zur Errichtung einer Anstalt, die 
wir mit dem Namen „Gewerbeschule" bezeichnen würden, wenn derselbe 
bei uns nicht bereits einer bestimmten Gattung höherer Lehranstalten vor 
behalten wäre. Wir haben daher den Namen „Handwerkerschule" ge 
wählt. Der folgende, von dem Ministerium im Allgemeinen gebilligte 
Plan giebt ihren Zweck, ihre Organisation und die Art ihrer Unter- 
Haltung an. 
Wir schicken drei Bemerkungen voraus. 
Erstens: Für die Entwickelung einer Schule, die der Werkstatt zur 
Ergänzung dient, ist das wesentlichste Ersorderniß ein Director, der seine 
ganze Kraft darauf verwendet, den Unterricht nach Stoff und Methode 
möglichst zweckmäßig zu gestalten. 
Diese Aufgabe kann von den Angehörigen der einzelnen Gewerbe 
(JnnungSmeister u. s. f.) nicht gelöst werden, weil ihnen die Uebersicht 
über die Wissenschaften, die Lehrmittel und die Literatur, sowie über die 
bereits erprobten didactischen Methoden fehlt; und sie kann den Lehrern, 
welche an höheren oder niederen Schulen angestellt sind, nicht überlassen 
werden, weil sie eine dauernde Beschäftigung mit den Interessen der Ge 
werbe und eine eingehende Kenntniß der Betriebsstätten und Betriebs- 
verhältnisse, sowie der maßgebenden Persönlichkeiten erfordert. 
Alle Bestrebungen auf diesem Gebiete werden den Charakter des 
Dilettantischen behalten, so lange nicht das Studium eines gehörig vor 
gebildeten Mannes die von der Wissenschaft, Kunst und Technik gebotenen 
Hilfsmittel für die Bedürfniffe der Handwerkeischule einsichtig verwerthet; 
andererseits zeigt aber das Beispiel Hamburgs, daß in der Thal durch 
solche Leitung mäßig bemessene Geldmittel eine erhebliche Förderung der 
gewerblichen Bildung bewirken können. 
Ein solcher Director würde auch den Zeichenunterricht an unseren 
elementaren Fortbildungsschulen durch seinen Rath weiter zu heben ver 
mögen. 
Seiner ausgedehnten und schwierigen Ausgabe muß eine befriedigende 
Stellung entsprechen; insbesondere kann nur bei fester Anstellung ein schon 
bewährter Mann gewonnen werden. 
Zweitens: Es ist wünschenswerth, einsichtigen und einflußreichen 
Angehörigen der Gewerbe eine Einwirkung auf den Lehrplan und die 
organischen Einrichtungen der Schule zu gewähren, wir schlagen daher 
die Bildung eines Curatoriums vor, in welchem vier Stadtverordnete und 
vier Bürgerdeputirte sitzen, die nach diesem Gesichtspunkte zu wählen sein 
würden. 
Drittens: Es wird zunächst nicht möglich sein, Lehrer anzustellen, 
welche sich der Handwerkerschule ausschließlich widmen, aber man mutz 
wenigstens solche Lehrer zu gewinnen suchen, welche Kunst oder Wiffenschaft 
mit technischer Erfahrung verbinden. Lehrer dieser Art beanspruchen ein 
höheres Honorar, als das bisher an den Fortbildungsanstalten gezahlte, 
insbesondere erhalten die Lehrer am hiesigen Kunstgewerbemuseum auch in 
den Vorbereitungsklaffen 230 c/fi. für die Jahresstunde. 
Plan der Handwerkerschule. 
1. Zweck. Die Handwerkerschule soll Personen, welche dem schul 
pflichtigen Alter entwachsen sind, und mindestens das Lehrziel einer Ge 
meindeschule erreicht haben, im gewerblichen Zeichnen und Modelliren, 
sowie in den für die mechanischen und chemischen Gewerbe erforderlichen 
Wiffenschaften, wie in der Mathematik, Mechanik, Physik und Chemie, 
endlich im Buchführen und kaufmännischen Rechnen unterrichten. 
2. Local und Unterrichtszeit. Die Schule benutzt bis auf Weiteres 
einige Zimmer des Fürstenhauses, die ihr zum ausschließlichen Gebrauch 
übergeben werden, und außerdem in ihren Unterrichtszeiten soviel Klaffen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.