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Volume No. 98 (575-577), 3. November 1879

Full text: Vorlagen für die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin (Public Domain) Issue1879 (Public Domain)

SSO 
f) Graphische Darstellung der Temperaturen der Wässer der Tegeler 
Tiefbrunnen in verschiedenen Lagen, Tiefen, sowie zu ver 
schiedenen Jahreszeiten. 
Auf Grund dieser Unterlagen und der Besichtigungen an Ort und 
Stelle haben die Sachverständigen 
Herr Professor l)r. Wehrend, 
Herr Baurath Ho brecht, 
Herr Civilingenieur Veitmeyer, 
unter dem 10. Juni d. I. ein Gesammtgutachten aufgestellt und ein 
gesandt. 
Die umfangreichen Untersuchungen haben nach Ansicht dieser Herren, 
welcher wir beitreten, über die Entstehungsart der Crenothrix, die Ursache 
der Verunreinigung des Tegeler Wassers zwar keinen Aufschluß gegeben, 
aber festgestellt, daß das Prinzip der Brunnen und die Bauart derselben 
zur Einführung der Alge keine Veranlassung gegeben haben kann. 
Radicalmittel zur Beseitigung des Uebels haben die Herren zwar 
nicht in Vorschlag gebracht, aber die nachstehenden Palliativmittel an 
empfohlen : 
1. Herstellung des Algenfanges im Charlottenburger Reservoir; 
2. Beseitigung des Circulationsfystems in dem Vertheilungsrohrnetz, 
sowie gänzliche Trennung der Versorgungsgebiete der Wasser 
hebungsstationen zu Charlottenbnrg und vor dem Stralauer 
Thore durch Schieber; 
8. Herstellung von richtig construirten Grundablässen; 
4. Verstärkung des Wasserconsums in der Stadt; 
5. Reichlichere Ventilation der Reservoire; 
6. Zuführung von Licht und Luft in die Tegeler Brunnen, und 
schließlich 
7. abzuwarten, ob nicht vielleicht im vergangenen Sommer eine 
Abnahme, sa em Deeschnnnben bee CrenoihAx emteeben würbe. 
Acl. 1. Der Algenfang im Charlottenburger Reservoir ist vor Schluß 
des Monats December v I vollendet und in Betrieb genommen worden. 
Seitdem wurde das Reservoir viermal gereinigt und war der Bodensatz 
nach den erstatteten Berichten im Verhältniß zu der Betriebsdauer zwischen 
den einzelnen Reinigungen weder geringer noch größer wie früher. 
All. 2. Die Verwaltung der Wasserwerke hat schon im August v. I., 
insoweit es ohne Nachtheil für die Wasscrzuführung in diejenigen Stadt 
theile, welche ihren Bedarf aus Tegel erhalten, thunlich war, an 67 ver 
schiedenen Stellen durch Schließen der Absperrschieber in dem Bertheilungs- 
netz das Circulationssystem interimistisch in ein Berästelungssystem um 
gestaltet und dasselbe Verfahren auch in diesem Jahre fortgesetzt, so 
daß dies letztere System nunmehr an 100 Stellen besteht. 
Durch diese Maßregel ist jedoch die Leistungsfähigkeit der Rohr 
stränge und der auf denselben befindlichen Hydranten, welchen bei dem 
vor der Absperrung bestehenden Circulationssystem von beiden Seiten, 
nach der Absperrung aber nur von einer Seite Wasser zugeführt wurde, 
selbstverständlich fast um die Hälfte verringert worden. 
Dieser Zustand könnte bei Feuers brünsten und dem dadurch ge 
steigerten Consnm sehr üble Folgen haben. Trotzdem ist jedoch die Ab 
sperrung vorgenommen worden, um eine wirksamere Spülung der Ver 
theilungsröhren und eine raschere Bewegung des Wassers in denselben 
herbeizuführen. 
Auch ohne die Schieber der Hauptröhren zu schließen, ist es durch 
entsprechende Bertheilung der Arbeit aus die Stationen Charlottenburg 
«nd Stralau erreicht worden, daß ihre Versorguugsgebiete insoweit ge 
trennt sind, daß ihre Grenze wenig und dann nur allmälig nach Maß 
gabe der wechselnden Jahreszeiten verschoben wird. 
Eine gänzliche Trennung der Gebiete der beiden Stationen durch 
Schließen der Schieber der Hauptröhren halten wir nicht für rathsam, 
1. weil durch dieselbe eine Verschiebung der Grenze ausgeschlossen 
wird. 
Die Folgen derselben würden die sein, daß beide Wasserhebungs- 
stationen mit schleppendem Betriebe und deshalb unöconomisch arbeiten 
müßten. 
Nach dem geplanten Project und bei der jetzigen Betriebsweise wird 
die eine Station bis auf ihre volle Leistungsfähigkeit in Anspruch ge 
nommen und daher der unöconomische und schleppende Betrieb auf die 
andere Station beschränkt; 
2. weil keine Station im Stande fein würde im Nothfall, wie es 
jetzt geschieht, die andere automatisch zu unterstützen; 
es sei denn, daß die in verschiedenen Stadttheilen entfernt von einander 
liegenden großen Schieber geöffnet würden, was viele Umstände und großen 
Zeitaufwand erforderte. 
Ad 3. Richtig construirte Grundablässe wurden schon beim Bau der 
Wasserwerke überall da angelegt, wo die vorhandenen natürlichen und 
künstlichen Wasserläufe zur Abführung des aus den Hauptröhren abzu- 
lassenden Wassers Gelegenheit boten. 
Die eigentliche Bestimmung dieser Ablässe ist, bei vorkommenden 
Rohrdcsecten zur Entleerung der betreffenden Röhren zu dienen. 
Ein künstliches Wasserwerk darf nie Veranlassung haben, solche 
Schieber zu anderen Zwecken zu benutzen, muß vielmehr darauf Bedacht 
nehmen, nur solches Wasser in das Rohrsystem zu leiten, welches nichts 
absetzt. Wenn die Wasserversorgung wie hier in Berlin eine constante, 
also ununterbrochene ist und die Hauptröhren wirksam gespült werden 
sollen, so wird die Versorgung, wenn die Schieber vollständig geöffnet 
werden, gänzlich, wenn sie nur theilweise geöffnet werden, mehr oder 
weniger unterbrochen werden. 
Trotzdem sind diese Ablässe, nach den letzten Reinigungen der Char 
lottenburger Reservoire, versuchsweise in beschränktem Maße und, soweit 
es sich ohne Gefahr für das Rohrsystem und ohne gänzliche Unterbrechung 
der Versorgung der westlichen Hälfte der Stadt thun ließ, und die vor 
handenen Wasserläufe das Wasser abzuführen im Stande waren, zur 
Spülung der Hauptrohrstränge benutzt worden. 
tick 4. Einen verstärkten Wasserconsum in der Stadt herbeizuführen, 
sind nur die Abnehmer im Stande. Da aber die Tegeler Anlagen seit 
Anfang dieses Jahres und noch heut täglich 40—42 000 cbm Wasser, 
also dasjenige Quantum, für welches sie projectirt sind, nach Berlin 
liefern, so kann in dieser Richtung nichts geschehen. 
In dem Versorgungsgebiete der Stralauer Wasserhebungsstation 
kommen selbst bei schleppendem Betriebe und trägerer Strömung des 
Wassers keine Erscheinungen wie in der westlichen Hälfte der Stadt vor, 
weil das gut filtrirte Wasser der Oberspree nichts absetzt. 
Ad 5. Das am 6. September cr. dem Betriebe übergebene, nach 
Beschluß der Stadtverordneten-Bersammlung vom 30. December v. I. 
erbaute Reservoir hat eine reichlichere Ventilation erhalten. 
Durch Deflectoren und Luft- und Lichtschächte wird nunmehr, sowohl 
dem neuen wie dem alten Reservoir Licht und Luft zugeführt. Bei allen 
künstlichen Wasserwerken, sowohl der classischen als auch der modernen 
Zeit, hat man es bis jetzt peinlich vermieden, das Wasser den Lichtstrahlen 
auszusetzen und danach gestrebt, den Zutritt der Luft möglichst zu be 
schränken. Daß auch den Reservoiren in Tegel und Charlottenburg unter 
normalen Verhältnissen genügend Luft zugeführt wird, geht aus dem Um 
stande hervor, daß, namentlich das Charlottenburger Reservoir, täglich 
gefüllt und auch täglich wieder entleert wird, mithin alle 24 Stunden eine 
neue Lustichicht von Mindesten« 3 bi« 31/2 Meter Starte in da« Reser 
voir gelangt. 
Da außerdem die Temperatur des Wassers nur in den Grenzen 
von -ff 80 bis 11°, die der in das Reservoir gelangenden Luft aber 
zwischen — 10° bis -j- 24° R. variirt, so resultirt aus dieser Ursache allein 
schon ein starker Luftwechsel. 
Obgleich unserer Ansicht nach die freie Zulassung von Luft und Licht 
nur dazu beitragen kann, fremde Bestandtheile, Thiere und Pflanzenkeime 
in das Wasser gelangen zu lassen, das Wachsthum der letzteren zu be 
günstigen und dadurch das Wasser zur Benutzung einer städtischen Be 
völkerung weniger geeignet zu machen, so haben wir dennoch versuchsweise 
zu dem obenerwähnten Zwecke Vorrichtungen an den Reservoiren, sowie 
an zwei von den am ärgsten von Algen heimgesuchten Brunnen aus 
führen lassen, welche eventuell leicht beseitigt werden können. 
Das zweite Reservoir in Charlottenburg soll am 4. November cr. 
dem Betriebe übergeben werden und wird alsdann die Reservoir-Wechsel- 
wirlhschaft beginnen können. 
Da aber die Tegeler Werke täglich 40 000 bis 42 000 cbm nach 
Charlottenburg fördern, das Reservoir daselbst rund 12 000 cbm faßt 
und alle 24 Stunden gefüllt und bis auf einen Rest von rot. 2 300 cbm 
entleert wird, so kann ein im Betriebe befindliches Reservoir nur in sehr 
geringem Maße als Absatzreservoir dienen. Wir bezweifeln daher, daß 
die Reservoire überhaupt zur Linderung, geschweige denn zur Beseitigung 
des Uebels beitragen können. Es ist jedoch ein zweites Reservoir für den 
Betrieb der dortigen Anlagen von sehr großem Werth, da es während 
der Ausführung der zur radicalen Beseitigung der Algenplage von uns 
beabsichtigten Anlagen die Möglichkeit gewähren würde, die Reservoire 
abwechselnd zu reinigen, ohne, wie es jetzt geschehen muß, den Betrieb der 
Station zu unterbrechen. 
Obgleich mit Ausnahme der Reservoir-Wechselwirthschaft alle empfoh 
lenen Palliativmittel, und zwar die Mehrzahl derselben schon längere Zeit 
hindurch erprobt, und die am schlimmsten von den Algenresten insicirten 
Rohrstränge mittelst der Hydranten häufig periodisch gespült worden sind, 
haben alle diese Mittel leider die Dualität des Wassers nicht verbessern 
können. 
' Letzteres war, selbst in der ersten Hälfte des Jahres, nichts weniger 
als rein, und liefen, sowohl von Hausbesitzern als auch von Gewerbe 
treibenden, bei der Verwaltung der Wasserwerke zahlreiche Beschwerden 
ein; die von den Sachverständigen angenommene Möglichkeit, daß vielleicht 
schon in diesem Sommer eine Abnahme, ja ein Verschwinden der Creno 
thrix eintreten, oder daß dieselbe wenigstens zu wuchern aufhören könne, 
ist leider auch nicht in Erfüllung gegangen. 
Da aber die Wärme in diesem Jahre später und in viel geringerem 
Grade eintrat und von kürzerer Dauer war, so kam die Zeit des massen 
haften und raschen Wucherns der Algen statt im Juli und August erst 
im August und September cr. 
Die Beschaffenheit des Wassers war auch in diesen Monaten und 
auch im laufenden Monate keineswegs besser als im vorigen Jahre. 
In dein Gebiete westlich einer von dem Schönhauser Thore bis zur 
Gasanstaltsbrücke gedachten Linie war der Zustand des Wassers vor 
kurzem sogar stellen- und zeitweise über alle Beschreibung schlecht. 
Die Zahl der eingegangenen Klagen über die Beschaffenheit des 
Wassers ist recht erheblich; wenn sie nicht noch größer war, so muß an 
genommen werden, daß sich die Betroffenen nicht aus Mangel an be 
gründeter Veranlassung, sondern vielmehr in der Hoffnung, daß die Ver 
waltung der städtischen Wasserwerke eine baldige Aenderung dieses Zu>
	        
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