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Zweiter Theil Vierter Abschnitt Die Industriebauten

Full text: Berlin und seine Bauten (Public Domain)

Die Industriebauten. 
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der Berliner Tuohindustrie die neuen verbesserten, in Frankreich und Holland 
entstandenen Methoden der Fabrikation von Einfluss gewesen, welche besonders 
in den ausserhalb aufgebauteu Fabriken sich Eingang verschafften. 
Nach den Freiheitkriegen folgte naturgemäss eine längere Periode des Still 
standes. Die mehrfachen Invasionen des Landes und die Anstrengungen zur 
Befreiung desselben hatten, wie in ganz Preussen so auch in Berlin, das gewerbliche 
Leben erdrückt. Das verhältnissmässig nur schwach bevölkerte Laud hatte sich 
fast erschöpft und nur langsam erholten sich die Gewerbe und der Handel von 
ihren Verlusten. Von wesentlichem Einflüsse hierauf war neben der direkten 
Unterstützung, welche die Regierung (durch Beuth) einzelnen Industriezweigen 
zu Theil werden Hess, die Entwickelung des preussischen Chausseenetzes. — Der 
Handel und die Industrie von Berlin waren bereits wieder zu einer gewissen 
Selbstständigkeit erstarkt, als die Anlage der Eisenbahnen dem Lande und der 
Stadt eine neue grossartige Entwickelung brachte. Für viele Frachten trat eine 
sehr wesentliche, selbst bis zu 9 / 10 des Betrages gehende Reduktion ein, wodurch 
zum Theil ganz neue Konkurrenz-Verhältnisse geschaffen wurden. Allerdings 
wirkte für eine schnelle Hebung des Verkehrs neben den neuen Transportmitteln 
auch die allmälige Befreiung desselben von den Zollschranken. Ein äusserliches 
Zeichen für das Aufblühen des Berliner Verkehrs seit den Freiheitkriegen ist 
das Entstehen und das Aufblühen der grossen Spedition-Geschäfte. Aus 
den mit dem Fuhrverkehr beschäftigten Gasthausbesitzern, welchen die Expedition 
und Abrechnung mit den Frachtfuhrleuten oblag und welche Güter, die nach der 
selben Richtung bestimmt waren, aufspeicherten, bis ganze Fuhren zusammen 
waren, entwickelten sich die Berliner Spediteure, die schon früh einen grossen Ruf 
auch nach ausserhalb genossen. Die ältesten derselben sind Phaland (jetzt Plia- 
land & Dietrich), J. G. Henze, beide seit 1816; Steffens (jetzt Moreau Valette) seit 
1820; J. A. Fischer seit 1825. 
Für den Schiffverkehr von und nach dem Auslande diente wesentlich das 
auf Veranlassung des grossen Kurfürsten seit 1670 angelegte Niederlaghaus 
(Paekhof) in der Niederlagstrasse, welches damals bis an die Spree und die 
jetzige Schlossbrücke reichte*). 
Unter den Gegenständen des Handels traten in Berlin vor Allem der Ge 
treidehandel, der Wollhandel und der Viehandel hervor. 
Einen bedeutenden Getreidehandel sowohl zu Wasser wie zu Lande hat Berlin 
schon früh gehabt, während die Mehlzufuhren gering waren. Das Getreidc- 
lieferungs-Geschäft fing erst wenige Jahre vor 1830 an. 
*) Es nimmt jetzt den Platz des Niederlagbauses die 1832 angefangene Bauakademie 
nebst ihrem mit Bäumen bepflanzten Vorplatze ein und es sind die jetzigen, von Schinkel projek- 
tirten Packhofaulagen erst 1832 fertig geworden, nachdem durch Verbreiterung des Kupfer 
grabens für die Schiffahrt ein neuer bequemerer Weg frei gelegt war. Schinkel schaffte sich 
durch diese Stromregulirung nicht blos Platz für sein Museum an der Stelle des damals den 
Lustgarten quer durchschneidenden Wasserarmes, er entlastete auch den Theil der Spree, wo 
von der neuen Friedi-ichstrasse abwärts hauptsächlich der Heu- und Kornhandel sich abwiokelto. 
Es lagen hier häufig so viele Schiffe, dass die Wasserstrasse nach dem alten Niederlaghause 
oft schwer zu passiren war. Dieser Wassermarkt, welcher meistens gegen 12—1 Uhr abschloss, 
konnte kaum 55 beladene Kähne fassen, so dass grössere, meistens aufwärts fahrende Vorräthc 
in Moabit warten mussten. Die Geschäfte wurden bei schlechtem Wetter vielfach in einem 
Keller der Uantianstrasse abgeschlossen.
	        
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