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Friedenau, Sonntag, den 31. Dezember 1911.
18. Jahr-.
►»33 »»»»»»»»»»»»»»»>
Beim Jahreswechsel
sagen wir unseren rerehrlichen Leiern, Inserenten und
Mitarbeitern für die »ns im verflossenen Jahre gewährte
Unterstützung unseren herzlichen Dank. — Unabhängig
von rechts und links, oben und unten, waren wir immer
bestrebt, nur dem IntereNe frieckenao» zu dienen. Daß
dabei gewisse Gegensätze unvermeidlich und manche im
ässentlichen Leben stehende Persönlichkeit ein« kritische
Beleuchtung erfuhr, ist erklärlich. Ebenso erklärlich ist es,
daß manches, was wir brachten nicht nach Jedermanns
Geschmacke war. Doch recht zu machen Jedermann, ist
eine Kunst dir Niemand kann, — Mir werden also auch
ferner nach dem Grundsatz handeln, nur im Interesse der
Allgemeinheit zu wirken und entbieten daher unseren
Lesern, Inserenten und Mitarbeitern, um deren Unter
stützung wir auch ferner bitten,
ein glückliches, geluncles
neues Iakr!
Uerlag und Schriftleitung des
„Friedenauer Lokal-Anzeigers".
Aas neue Jahr.
von Otto Promber.
Horch! Was summt jetzt durch die Nacht?
Erste- NeujahrSglockenläuten —
Rasch die Fenster aufgemacht!
Sag', war soll der Klang bedeuten?
Kündet uns die Glocke an,
Laß die Welt gedeihen werde,
Oder kommt ein Weltorkan,
Zu verwüsten unsre Erde?
Tönt aus jenem Glockenmund
TaS Gedonner der Kanonen?
Oder wird unS hiermit kund:
Frieden soll auf Erden wohnen?
Rufl'S vom Turm: Gefahr! Gefahr!
Epidemien! Hungersnöte!
Oder bringt das neue Jahr
Eine neue Morgenröte?
Höhen und Tiefen.
Roman von M, Eitner.
33
(Nachdruck verboten.)
Während die'c-s G. sprächst- humpelte Senden, auf den
Doktor und de:: Pastor gestützt, in das Haus und in fein
Zimmer . an::, „Pier.zehn Sage lang nur von: Pult auf das
«vf-.r uns via-.- v.ecklca.tr der Doktor.' „So wird es
wa:,rsck>eu:l:a> werden. Soviel ich gehört habe." w n:d:e er sich
an Pastor E crl, a.ben Sie eine x :»z tüchtige D:a:o::isse in,
Dorf. Die wi-.d mit betn Der! and Be'cheid wissen, so da'; ich
unseren j-lra kr.: a, o teste rer-org: uetg."
.Ja." ..::cac.-,ae:e .r Panor, „Schwerer Agne? ist korzng-
lrch. Sir braa.a-eir wirklich keine «»rge um Irren Krani-.-n
z,i haben. 2-stas ui tm'eren Li rasten steht, werken w:r tun,
um sein Leiden .zu erleichtern. Es wird keine Kleinigkeit für
Sie sein, H-rr nttttineitter, hier vierzehn Tage auszuhalten,
während Sie Ihre S.baoadron im Manöver wissen,'
Senden müßte läa.eln. ..Ich würde eigentlich denken, Herr
Pastor," jagte er, „ec- sei keme Kleinigkeit für Sie. mi t) hier
zu behalten, denn dass -:e das beabstchligen, gehl ja aus Ihren
freundlichen Worten hervor."
.Wohin wollen Sie denn eigentlich?" fragte der Pastor
erstaunt.
Senden sagte nichts mehr. Ueber ihn kam cs wie eine
Wohltat, laß er in diesen friedlichen Räumen noch einige Zeit
bleiben sollte. Er segnete fast den Unfall, der ihn getrosten
hatte. Auch nicht ein Wort des Bedauerns kam über seine
Lippen, als am Spätnachmittag dle im Schloß und Torf
einquartierten Kameraden im Pfarrhaus erschienen, um ihm
,hr Beileid zu bezeigen und sich nach feinem Befinden zu er
kund igen.
Er kachelte nur. al§ es hieß:
.Das ist ja eine pechöse Ge-
lUJIVUlV. , r
Ein einziges Mal hatte Senden Pastors gegenüber von
feiner Iran geiprochen. Win Abend dt- lliyalltages stagte der
Pastor den Rittmeister, ob cs ihm nicht erwüitzcht und lieb
wäre, seine Iran hier zu haken, .Uns selber,' tagte er»
„wird cs nur eine große Freude sein, Ihre Frau Gemahlin
hier zu begrüßen, wenn sie mit der Einfachheit inneres Pfarr
hauses vorlicb nehmen will."
Und was werden du und ich,
Ich und du dabei erleben?
Liebe Glocke, künde, sprich:
Wird daS „Glück" den Ausschlag geben? —
Ach, so finster wie die Nacht
Bleibt die Zukunft uns oerschloffen I
Ehe wir eS recht bedacht,
Geht'S dahin auf flinken Raffen.
In den Bügel fest den Fuß,
Links und rechts das Auge offen —
Frohen Mut und — Gott zum Gruß! —
Vielleicht lohnte sich's, zu hoffen!
Nachricht*».
Friedrichshagen. Hier verunglückte heute Nacht
der Bildhauer Borschner; er stürzte in der Dunkelheit,
dicht bei der evangelischen Kirche, über einen niedrigen
Zaun und fiel so unglücklich, daß der Tod auf der Stelle
eintrat. Borschner, der im 41. Lebensjahre stand, war
als Bildhauer bei der Aktien-Geselljchaft Gladenbeck be
schäftigt.
München. Die abnormen Witterungsverhältniffe mit
dem seit sechs Tagen währenden Regen haben ein be
deutendes Steigen sämtlicher Flüsse in Bayern zur Folge
gehabt. Da die obere Donau fortdauernd steigt, sind große
Strecken der Täler bei Regensburg unter Wasser gesetzt
worden. Die Fluten reißen alles mit sich fort. AuS
Donaueschingen kommt die Nachricht, wonach die Brigach
und die Donau Hochwasser führen. Große Strecken Wiesen
land find überschwemmt. Im Donautal wurden zahlreiche
in der Nähe des Flusses liegende Gebäude und große Holz
lager abgerissen.
BreSlau. In der Bevölkerung Oberschlesiens ist die
Erinnerung an die furchtbare Grubenkatastrophe, die vor
fünfzehn Jahren auf dem Kohlenbergwerk „MöbiuS" bei
MySlowitz stattfand, wieder wach geworden. Man erwarKt,
wie unS ein Privattelegramm aus Breslau meldet, in den
nächsten Tagen die Bergung der Leichen von 280 Bergleuten,
die in der Grube tief im Schoße der Erde ruhen.
Köln. Nach einer Meldung der Köln. Zeitung aus
San Domingo soll der Urheber des am 19. November
d. I, an dem Präsidenten Ramon CacereS verübten
Mordes nunmehr in der Person des Finanzministers Vasquez
ermittelt worden sein.
Sölden (Tirol). In den letzten 48 Stunden haben
große Lawinenmaflen bedeutende Verheerungen angerichtet.
Ein Bauer und sein Kind wurden getötet, große Mengen
Senden wehrte: „Sie übertreiben Ihre Güte, lieber Herr
Pastor," entgegnete er. „Ich bin hier so vorzägllb cungehoven
und in so ausgezeichneter Pflege, daß die Unruhe, die durch
das Kommen meiner Frau hier und dort verurjachr werden
würde, ganz unmöglich ist. Sobald mein Bein wieder in
Ordnung, gehe ich meinem Regiment nacti, um wenigstens d:e
lehren Manövertage noch mir durchzumachen. Es in gerade
Last genug, daß Sie mich bier haben."
Pastor Ebert hatte getan, was er unter den Verhältnissen
für geboten erachtete, hielt sich jedoch nicht für besugr, besonders
daraus zu dringen, daß Frau von SenCfjn kam. Er sagte sich,
daß ras Verbinden des Kranken, das im Augenblick die Haupt
sache war, durch Schwester Agnes tadellos gehalst habt werden
würde.
Vierzehn Tage
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suchte ihn in liebenswürdiger Weist' feine Krampen, verarmen
zu machen. Nie bemerlte ^ er mutmeiiler, oaß feine Gegenwart,
je tu Kranksein irgendive che Unruhe oder Ilnbe.n'.en'.tichstil ver
ursachte. Jeder Dienst uuiüe ihm m cinctiijcttc geleistet, daß
es schien, als ivürde Len: Psarihans eine Freude bereitet, daß
er als Hllfsbedürstiaer dort laa.
So manche Stunde verbrachte der Nittmeister ans dein
Sofa in ernster Ueberlegnug. So nianches Wort, das unabiichr-
lid) von dem Pastor oder feiner Frau gesagt worden war, fiel
in sein Herz hinein, ans srnchtdaren Hoben. Eine neue Welt
schien sich Sensen zu erschlugen, die ihm bis dahin fremd ge
wesen ivar, die er gar nich: tzatce kennen lernen wollen, und
die ihm, min er sie gezivuligenerweise feur.cn lernte, von ivniioer-
barer Anziehnugskrasl erschien. Seiner Fra:-' war diese Welt,
das wußte er, ebenso fremd, wie sie ihm bisher gewesra war.
Barones; Hildegard mochte sie vielleicht langn bekalint [ein.
Cft, wenn er int Halbschluinmer lag. war es ihm. als
stehe die Baroneß neben 'seiner Iran mit einem Ausdruck von
Friede und Glück in ihren Zügen, der ihn wunderlich berührte.
Diese Vorstellung kehrte immer wieder. Er wollte davon los
kommen, well sie ihn gewissermaßen beuilruhigte, und konnte
doch nicht
Bieh und ganze Almen begraben. In der Nähe o
Sölden wurde ein Maultiergespann und dessen Kutsch
AlexiS Fiegel von einer Lawine ergriffen und getötet. Vi,
Straßen in Tirol sind durch die Lawinenstürze gesperrt.
London. In Mirdford fand der neunjährige Knal
Collex beim Spielen in einem Hause zwei schmale Röhren
die mit Dynamit gefüllt waren. Der kleine Junge zündet,
dar gefundene Spielzeug an. Im nächsten Augenblick er-
folgte eine heftige Explosion, durch die der Knabe sowi,
drei seiner Gespielen schwer verletzt wurden. Alle v'
Kinder schweben in Lebensgefahr.
Paris. Auf dem Bahnhof von Philippville explo
dierte die Maschine eines Güterzuges in dem Augenblick,
als er nach Konstantine abfahren sollte. Die Lokomotive
ist durch die Explosion vollständig zerstört worden. De
Heizer und der Lokomotivführer wurden durch die Gewalt
der Explosion 50 Meter weit von der Unglücksstelle fort
geschleudert. wo sie mit zerschmetterten Gliedern tot liegen
blieben. Der Zugführer sowie mehrere BahnhofSbeamte
haben Verletzungen davongetragen.
Lemberg. Der russische Oberst Dodonow ist weg«
Verdachts der Spionage verhaftet worden.
Wochenmarkt, Volksschule, Postamt.
Nachdem sich nunmehr die Gemüter über den Rc
Hausbau etwas beruhigt haben und an der Wahrscheit
lichkeit, daß der Bau bald begonnen werden wird, nid
mehr gezweifelt werden kann, ist eS die Pflicht aller gute
Bürger, auch derer, die den WilmerSdorfer Platz für bess
geeignet gehalten haben, diesem Umstande Rechnung
tragen. Es wird darauf hinzuwirken sein, daß der Bt
so praktisch und für die Finanzlage der Gemeinde so vo
teilhast wie möglich hergestellt werde, daß er aber dal
doch der Bedeutung und Grüße unserer Gemeinde er
spreche und dem, der auf der großen HeereSstraße d>
Weichbild Friedenaus betritt, gleich zu Anfang ein Bai
werk vor die Augen stelle, das auf ihn einersiwürdigen Ei>
druck hervorruft und ihn zu fesseln vermag.
Darüber scheint sich auch die Bürgerschaft in ihr-
Mehrheit einig zu sein. Eine andere Frage aber ist, wc
mit dem Marktplätze geschaffen wird. Man hat schon g
hört, daß er verkleinert werden wird, da die Niedstraße ii
Bogen herumgeführt werden soll. Aber es wird auch nid
angehen, daß der Platz in seiner nüchternen Gestalt (obe:
drein mit dem „kleinen Rathaus" als Abschluß!) besteh
bletbt. Den Herrn Baurat und die Baukommisston wi:
ihr künstlerisches Gewissen geradezu zwingen, wenn nie
eine Gartenanlage, so doch ein architektonisches Wei
etwa ein Denkmal, für die Mitte des Platzes in AuSfich
zu nehmen oder aber, was noch reizvoller wäre, ein«
Schneller als man erwartet hatte, schritt die Besserm,'
de-,- verletzten Beines vor. Fan mit Bedauern merkte es d>
Rittmeister, wenn er auch einerseits froh ivar, wieder z.
Tätigte t gelangen zu können. Als er den F-uß wieder aufsetze
konnte, ohne Schmerzen in, Bein zu verspüren, saß er in
Vorliebe in dem schönen Pfarrgarten, ans einer von Ficht/
umgebenen Bank, sich selbst wie ein Kuriosum betrachten
weil die Stille, die hier über der ganzen Welt zu liegen sch'
ihn nicht irritierte, sondern ihm ivohliat. ,
Wie an manchen Menschenherzen im Sturm gearbeit'
wird, so an andere» in der Stille. Das niw-te Senden erfahret
dcr sich seht noch nicht völlig klar war über das. was si>
iu ihm vorbereitete. Als er so weit hergestellt war, daß
seinem Regiment nachreisen konnte, stand er vor Pastor Ebe'
und seiner Frau, um Abschied zu nehmen. Die Pserj
standen bereits vor der Gartentür gesattelt.
..Arme Frau Pastor." sagte ' er, „Sie mögen geseuü
haben, als Ihnen überhaupt Einauartürung drohte, und tu*
sind Sie gar dergestalt geplagt worden, daß Sie langer Zo
bedürfen, um sich zu erholen."
Frau Pastor Ebert lachte herzlich und entgegnet«
„Manchmal sieht sich ein Uebel aus der Ferne schlimmer ai
als cs sich dann in der Rähe erweist. Diesmal war es s
Rehmen Sie den Gedanken mit, daß unser Quartiergast m
sehr lieb geworden ist. Wir werden un-s freuen, ^ie au
ohne Manöver einmal hier begrüßen zu können."
Der Pastor bemerkte fröhlich: „Herr Nittmeister, dc
war viel gesagt von meiner F-rau, für welche die ununte
brochene Stille dc-S Landlebens ein Erfordernis ist. Sie hab-
ihr Herz, wie es scheint, im Sturm erobert! Siuu behüte S
Gott! Schonen Sie Ihr rechtes Bein. Gar zuviel wird
noch nickn vertragen."
„Leben Sie ivohl," sagte Senden. „Haben Sie viel
Dank. -Sie ahnen gar nicht, was ich alles bei Ihnen gclei
habe, das mir vielleicht in meinem weiteren Leben von groß
Ruhen sein ivird."
Der Rittmeister bestieg sein Pferd, das schon ungeduf
den Boden stampfte. Er grüßte noch einmal und war b
den Nachblickenden entschwunden.
(Fortsetzung folgt.)