(Friedenauer
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Aepeschm.
Letzte Nachrichten.
Paris. Bleriot und Latham, die heute früh ihren
Flug antreten wollten, müssen ihre Absicht wegen deS
stürmischen Windes, der im Aermelkanal herrscht, vertagen.
Ta morgen Sonntag ist. werden sie die Fahrt vor
Montag wahrscheinlich nicht antreten.
Madrid. Die Regierung hat beschlossen, weitere
Streitkräfte in Höhe von 12 000 Mann nach Marokko zu
entsenden. In Tanger ist die Nachricht eingetroffen, daß
200 Riffleute sich den Spaniern anschließen wollen. — In
Madrider militärischen Kreisen befürwortet man die Er-
nennung des Generals Wepler als Oberkommandierenden
der spanischen Truppen in Marokko. Man glaubt, daß
der Minister des Aeußeren die Mächte zu bewegen ver
suchen wird, daß Mulay Hafid keinen Einspruch gegen das
Vorgehen der spanischen Truppen im Riffgebiet erhebt.
Prag. Der hervorragende böhmische Großindustrielle
Franz Freiherr v. Ringhofen ist gestern nach langem
Leiden in Bad Kisstngen verschieden. Der Verstorbene.
Herrenhausmitglied, war Seniorchef der bekannten Firma
S. Ringhofkn, aus deren Etablissements u. a. die Luxus
wagen der Erpreßzüge, die auf den südamerikanischen
Bahnen und mehreren anderen Staaten laufen, stammen.
DaS Unternehmen wird auf einen Wert von 60 Millionen
Mark geschätzt.
Krakau. In Stanislau in Galizien hatte ein an
geblich preußischer Untertan namens Oeser ein Kinemato
graphentheater eröffnet. Gegen dieses Theater wurde von
den Polen heftig propagiert. Es fanden große Menschen
ansammlungen davor statt, die am Abend zu Exzessen
ausarteten.— Polnische Studenten verhinderten die Zu-
schauer, einzutreten. Der Bezirkshauptmann bemühte sich
im Verein mit der Polizei, die Menge zu besänftigen,
was ihm schließlich auch gelang.
Budapest. Großes Aussehen erregt hier die gewalt
same Internierung deS 22 jährigen Grafen Nikolaus Vay
in einem Sanatorium durch seine Verwandten, mit denen
er in Unfrieden lebte. Die Polizei hat eine strenge Unter-
fuchung eingeleitet.
Bern. Der 7. Kongreß des Internationalen In
stituts für Soziologie beendete heute feine Beratungen.
Der nächste Kongreß wird voraussichtlich 1911 zu Rom
zusammentreten.
Allgemeines.
[]o Die Eisenbahn-Fohrkarten- und Billett-Automaten-
Gesellschaft (Esubog) und die Deutsche Abel-Postwertzeichen-
Automaten-Gesellschaft (Dapag) haben sich vereinigt. Das
Aktienkapital beträgt l x / 2 Millionen Mark. Der Auf-
sichtsrat besteht aus den Herren Justizrat Ferd. Lowe, den
Direktoren Osienbach und Wollheim, Otto Bock-Hamburg
und vankdirektor Witscher.
(Neuer HrüMng.
Roman aus der Gegenwart
von
O. E l st e r.
g* (SJladjbtiiä tttSoltn.)
Und ihr eigenes Bild konnte diese finsteren Gedanken
eigentlich nicht erwecken. Denn wenn sie auch längst über
die fünfzig hinaus war, so hatte sich ihr Antlitz doch die
Spuren früherer Schönheit bewahrt; voll und reich legte
sich ihr leicht ergrautes Haar, das wie von leichtem Puder
überstreut schien, um ihr seines aristokratisches Gesicht. Die
Fältchcn um Mund und Augen waren nur leicht ange
deutet und konnten durch Puder und Schminke noch ver
deckt Ivcrden. Ihre Gestalt war noch voll und stattlich
und die Schultern und Arme, die aus dem Frisiermantel
hervorschauten, zeigten noch eine frische und weiße Run
dung, um die nianch junges Mädchen die Baronin hätte
beneiden können.
Nur der finstere Zug zwischen ihren Augenbrauen und
der harte, stolze Ausdruck ihrer stahlblauen Augen störten
den fast jugendlichen Eindruck ihrer Erscheinung.
Nach einer Weile erhob sie sich und klingelte.
Ein älteres Stubenmädchen trat ein.
„Frau Baronin befehlen?" fragte das Mädchen in
mürrischem Tone, denn sie war durch das Klingeln in
ihrer liebsten Beschäftigung — die darin bestand, neben dem
Herde in der Küche zu sitzen und Obst und Süßigkeiten
zu naschen — gestört worden.
„Ist mein Sohn zu Hanse?"
Friedenau, Sonntag, den 25. Juli 1909
[]o Die Neubaustrecke Topper—Meseritz im Eisenbahn-
Direktionsbezirke Posen wird am 1. August dem öffent
lichen Verkehr übergeben werden. Die an der 42 Kilo
meter langen Bahnstrecke liegenden Bahnhöfe Grunosa,
Lagow, Schönow, Starpel, Kalau und Nipter erhalten die
Befugnis zur Abfertigung von Personen, Gepäck, Leichen,
lebenden Tieren, Stückgut und Wagenladungen, die Bahn
höfe Lagow und Starpel auch die Befugnis zur Abfertigung
von Fahrzeugen. Bis auf Weiteres verkehren auf der
neuen Strecke werktäglich je 5 Züge in beiden Richtungen,
außerdem je ein Sonntagszug von Meseritz nach Topper
bezw. von Topper nach Starpel.
Sonntagsptauderei.
Die Frau im Gleichnis. Von den Sprichwörtein
fremder Völker können eine ganze Anzahl genannt werden,
in denen die „Frau" mit einem anderen „Lebewesen",
Objekt oder Begriff in Verbindung gebracht wird. So
sagt der Franzose: „Frauen, Wind und Glück wechseln
stets', während wieder der Marokkaner meint: „In dieser
Welt gibt es drei Dinge, denen man nicht trauen darf:
dem Glück, den Frauen und den Pferden.' Dem Italiener
ist das Sprichwort geläufig: .Wer Schererei in seinem
Leben haben will, muß sich ein Schiff oder ein Weib
nehmen", sowie ein anderes: „Die Natur hat die Frauen
und die Kirsche zu deren eigenem Schaden schön gemacht."
Der Schotte sagt: „Mädchen und Gläser sind spröde Ware.'
Der Spanier meint nicht gerade liebenswürdig: .Wer
einen Aal beim Schwanz und eine Frau beim Wort
nimmt, kann wohl sagen, daß er nichts hat.' Ein chine
sisches Sprichwort sagt: „Die hübschen Frauen sind ge
wöhnlich sehr unglücklich; die häßlichen Frauen dagegen
sind kostbare Schätze.' Viel „Barbarisches" liegt in den
Gleichnissen, die im russischen Sprichwort zur Illustrierung
der Frau vorkommen. So sagt der Russe: „Lieb dein Weib
wie deine Seele und schüttle es wie deinen Obstbaum",
„Der Kopf des Weibes ist wie der Geldbeutel des Tataren"
und .Eine Frau ohne Furcht ist kecker als die Ziege." In
welchem Kontrast stehen zu diesen Aussprüchen unsere
deutschen Sprichwörter, die über die Frau aussagen, oder
der viel zitierte Schiller'sche VerS: „Ehret die Frauen, sie
flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben!"
Jedenfalls ist es von Interesse, zu ersehen, worauf die ver
schiedenen Völker in ihren Sprichwörtern bei ihren Re
flexionen über die „Frau" Bezug nehmen.
Lokales.
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.)
o Die Lustbarkeitssteuer soll in unserer Gemeinde
ermäßigt werden. Bekanntlich ist hier für jedes Tanz
vergnügen eine Vergnügungssteuer von 8 M. von den
Saalbesitzern zu zahlen. Die Steuer kommt auch zur
Erhebung, wenn es sich um ein Vereinsoergnügen handelt.
Dies hat zu manchen Unannehmlichkeiten geführt, da die
„Jawohl. Der junge Herr ist soeben zurückgekommen.
Er ist in der Bibliothek."
„Sage ihni, daß ich ihn zu sprechen wünsche."
Das Stubenmädchen, das zugleich die Funktionen einer
Zofe zu erfüllen hatte, schlürfte davon, während die Ba
ronin den Frisiermantel abwarf und einen bereits abge
tragenen, nicht gerade eleganten Morgenrock anzog.
Nach einiger Zeit klopfte cs, und Hermann trat ein.
.Guten Morgen, Mama. Du wünschest mich zu sprechen?"
„Ja. Bitte, setze Dich. Kannst Deine Zigarette weiter
rauchen. Du weißt, ich rauche selbst."
„Willst Du Dir eine von den meinen anzünden? Echt
russische Zigaretten!"
„Danke. Deine Zigaretten sind in der Tat gut. Hast
Du noch viele davon?"
„Vielleicht hundert."
„So mußt Du nachbestellen."
„Ja, Mama, aber vorher muß die erste Sendung von
tausend Stück bezahlt sein . . ."
Der finstere Zug in dem Gesicht der Baronin ver
stärkte sich.
„Ich werde sie bezahlen. Gib mir die Rechnung."
„Ich danke Dir, Mama. Aber deshalb hast Du mich
doch wohl nicht rufen lassen?"
„Natürlich nicht. Ich habe ernstes mit Dir zu sprechen.
Lies diesen Brief, bitte."
Sie reichte ihm den parfümierten Brief, der niit einer
Freihcrrnkrone und einem goldenen Nanicnszuge verziert
war.
„Ach, ich rieche es schon, der Brief ist von Tante
Bella!" lachte Hermann.
16. Iahrg.
Saalbesitzer die Steuer wieder von den Vereinen ein
fordern. Wiederholt wurde in der Gemeindevertretung
auf diese ganz besonders unbeliebte Steuer hingewiesen
und Herr Bürgermeister Schnackenburg hat gelegentlich der
letzten Etatsberatung erklärt, daß man diese Steuer um
ändern und ermäßigen werde. Wie man über diese Steuer
denkt, mag eine Notiz in der ,V. Ztg.' beweisen, obwohl
wir die dort geschlossenen Folgerungen nicht in allen
Teilen anerkennen können. Die betr. Notiz lautet:
.Während Schöneberg durch seinen „Schwarzen Adler',
Halensee, Schmargendorf und Schlachtensee durch ihre alt
berühmten Lokale Scharen von Tanzlustigen herbeilocken
und selbst in dem stilleren Steglitz wie in Gr.-Lichterfelde
fleißig das Tanzbein geschwungen wird, nimmt Friedenau
eine Sonderstellung ein. Und das hat mit ihren hohen
Sätzen die Lustbarkeitssteuer getan. Sind doch z. B. für
jedes Tanzvergnügen, selbst wenn e§ von Vereinen ver
anstaltet wird, acht Mark Steuer zu entrichten, falls über
Mitternacht hinaus getanzt wird. Maskenbälle sind sogar
mit 10 ÜJ). besteuert. Die Folge davon war, daß alle
Tanzlustigen Friedenau mieden und auch die meisten
Friedenauer Vereine ihre Vergnügungen in den Nachbar
orten abhielten, die nur 3 M. Steuer ohne Rücksicht auf
die Dauer des Tanzes erheben. Den Schaden davon
haben die Saalbesitzer, Musiker, Barbiere und nicht zuletzt
der Gemeindesäckel. Die Friedenauer Gemeindeverwaltung
will deshalb einer Ermäßigung der Steuersätze näher
treten, um den Tanz nicht ganz aus Friedenau zu ver
bannen."
o Elektrische Waschwagen. Unsere Gemeinde
verwaltung läßt z. Zt. in die vorhandenen, bisher von
Pferden gezogenen Waschwagen versuchsweise Akkumulatoren
batterien und Elektromotoren einbauen. Heute fuhr ein
solcher Automobil - Waschwagen durch mehrere Straßen
unseres Ortes. Wenn sich die Versuche bewähren, so
dürfte unsere Gemeinde dazu übergehen, sämtliche Wagen,
event!, auch die der Feuerwehr in elektrische Automobile
umzuändern. Bekanntlich hat der Bürgerverein letzthin
in einer Eingabe den Gemeindevorstand ersucht, eigene
Bespannung für die Feuerwehr und den Kranken
wagen anzuschaffen. Diese Eingabe wurde dem Straßen
reinigungsausschuß überwiesen, der jetzt Berechnungen auf
stellt, ob für die Gemeinde der Pferdebetrieb oder der
elektroautomobile Betrieb günstiger ist.
o Die Auslosung von Gemeindevertreteru
gelegentlich der letzten Wahl. In der Klagesache
des Architekten Ruhemann gegen die hiesige Gemeindever
tretung, betr. der Auslosung gelegentlich der letzten Gemeinde
vertretenwahl, worüber wir mehrfach berichteten, hat der
Bezirksausschuß zu Potsdam das Urteil des KreiSausschusseS
bestätigt. Danach hat also auch der Bezirksausschuß den
von der Gemeindevertretung s. Zt. gewählten Weg als den
richtigen anerkannt. Wir werden daS Urteil mit Be
gründung in nächster Nummer bringen.
„Ja, von Arabella von Geldern, meiner Jugend
freundin. Lies nur."
Der Brief lautete:
„Meine teure Amalgundc! Dein letzter Brief hat
mich sehr zum Nachdenken angeregt. Du hast recht, daß
es mit Hermann, meinem Patchen, so nicht weiter gehen
kann. Er muß etwas beginnen, um seine und Eure Zu
kunft sicherzustellen. Wenn ich nun auch Dir zu Liebe seine
Leutnantsschulden bezahlt habe, so bin ich doch nicht in
der Lage, mehr für ihn zu tun, das heißt in finanzieller
Hinsicht. Wer ich bin bereit, ihm in anderer Weise zu
helfen. Du weißt, daß eine Schwester von mir sich mit
einem Bürgerlichen verheiratet hat. Er heißt Kvnrad
Steinmeister und ist Besitzer einer großen Schuhfabrik
am Rhein. Das ist zwar kein sehr poetisches und vor
nehmes Geschäft, aber es hat Geld, viel Geld abgeworfen.
Steinmeister ist mehrfacher Millionär. Außerdem besitzt
er eine Tochter, die Arabella heißt, wie ich. Sie ist
zwanzig Jahre alt und sehr schön. Diesen Winter soll
sie bei mir in Berlin verleben. Me wäre es nun, wenn
Dein Sohn auch nach Berlin käme, um sich um Arabella
zu bewerben. Ich bin überzeugt, der Vater würde seiner
Tochter gern eine halbe Million mitgeben, wenn sie einen
Baron von solch altem 4ldel, wie der Eurige ist, heiraten
kann. Steinmeister möchte selbst gern adelig werden, er
hät es aber bisher nur bis zum Kommerzienrat gebracht.
Bist Du mit meinem Plane einerstanden, so schicke
mir Deinen Sohn. Es ist jetzt Mitte September. An
fang Oktober kommt Arabella. Da wäre es besser, wenn
Dein Sohn schon einige Wochen hier weilte: es fällt dann
nicht so auf. Eine Wohnung kann Hermann in dein von