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Band Nr. 172, 25.07.1909

Volltext: Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 16.1909 (Public Domain)

(Friedenauer 
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Kr. 172. 
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Aepeschm. 
Letzte Nachrichten. 
Paris. Bleriot und Latham, die heute früh ihren 
Flug antreten wollten, müssen ihre Absicht wegen deS 
stürmischen Windes, der im Aermelkanal herrscht, vertagen. 
Ta morgen Sonntag ist. werden sie die Fahrt vor 
Montag wahrscheinlich nicht antreten. 
Madrid. Die Regierung hat beschlossen, weitere 
Streitkräfte in Höhe von 12 000 Mann nach Marokko zu 
entsenden. In Tanger ist die Nachricht eingetroffen, daß 
200 Riffleute sich den Spaniern anschließen wollen. — In 
Madrider militärischen Kreisen befürwortet man die Er- 
nennung des Generals Wepler als Oberkommandierenden 
der spanischen Truppen in Marokko. Man glaubt, daß 
der Minister des Aeußeren die Mächte zu bewegen ver 
suchen wird, daß Mulay Hafid keinen Einspruch gegen das 
Vorgehen der spanischen Truppen im Riffgebiet erhebt. 
Prag. Der hervorragende böhmische Großindustrielle 
Franz Freiherr v. Ringhofen ist gestern nach langem 
Leiden in Bad Kisstngen verschieden. Der Verstorbene. 
Herrenhausmitglied, war Seniorchef der bekannten Firma 
S. Ringhofkn, aus deren Etablissements u. a. die Luxus 
wagen der Erpreßzüge, die auf den südamerikanischen 
Bahnen und mehreren anderen Staaten laufen, stammen. 
DaS Unternehmen wird auf einen Wert von 60 Millionen 
Mark geschätzt. 
Krakau. In Stanislau in Galizien hatte ein an 
geblich preußischer Untertan namens Oeser ein Kinemato 
graphentheater eröffnet. Gegen dieses Theater wurde von 
den Polen heftig propagiert. Es fanden große Menschen 
ansammlungen davor statt, die am Abend zu Exzessen 
ausarteten.— Polnische Studenten verhinderten die Zu- 
schauer, einzutreten. Der Bezirkshauptmann bemühte sich 
im Verein mit der Polizei, die Menge zu besänftigen, 
was ihm schließlich auch gelang. 
Budapest. Großes Aussehen erregt hier die gewalt 
same Internierung deS 22 jährigen Grafen Nikolaus Vay 
in einem Sanatorium durch seine Verwandten, mit denen 
er in Unfrieden lebte. Die Polizei hat eine strenge Unter- 
fuchung eingeleitet. 
Bern. Der 7. Kongreß des Internationalen In 
stituts für Soziologie beendete heute feine Beratungen. 
Der nächste Kongreß wird voraussichtlich 1911 zu Rom 
zusammentreten. 
Allgemeines. 
[]o Die Eisenbahn-Fohrkarten- und Billett-Automaten- 
Gesellschaft (Esubog) und die Deutsche Abel-Postwertzeichen- 
Automaten-Gesellschaft (Dapag) haben sich vereinigt. Das 
Aktienkapital beträgt l x / 2 Millionen Mark. Der Auf- 
sichtsrat besteht aus den Herren Justizrat Ferd. Lowe, den 
Direktoren Osienbach und Wollheim, Otto Bock-Hamburg 
und vankdirektor Witscher. 
(Neuer HrüMng. 
Roman aus der Gegenwart 
von 
O. E l st e r. 
g* (SJladjbtiiä tttSoltn.) 
Und ihr eigenes Bild konnte diese finsteren Gedanken 
eigentlich nicht erwecken. Denn wenn sie auch längst über 
die fünfzig hinaus war, so hatte sich ihr Antlitz doch die 
Spuren früherer Schönheit bewahrt; voll und reich legte 
sich ihr leicht ergrautes Haar, das wie von leichtem Puder 
überstreut schien, um ihr seines aristokratisches Gesicht. Die 
Fältchcn um Mund und Augen waren nur leicht ange 
deutet und konnten durch Puder und Schminke noch ver 
deckt Ivcrden. Ihre Gestalt war noch voll und stattlich 
und die Schultern und Arme, die aus dem Frisiermantel 
hervorschauten, zeigten noch eine frische und weiße Run 
dung, um die nianch junges Mädchen die Baronin hätte 
beneiden können. 
Nur der finstere Zug zwischen ihren Augenbrauen und 
der harte, stolze Ausdruck ihrer stahlblauen Augen störten 
den fast jugendlichen Eindruck ihrer Erscheinung. 
Nach einer Weile erhob sie sich und klingelte. 
Ein älteres Stubenmädchen trat ein. 
„Frau Baronin befehlen?" fragte das Mädchen in 
mürrischem Tone, denn sie war durch das Klingeln in 
ihrer liebsten Beschäftigung — die darin bestand, neben dem 
Herde in der Küche zu sitzen und Obst und Süßigkeiten 
zu naschen — gestört worden. 
„Ist mein Sohn zu Hanse?" 
Friedenau, Sonntag, den 25. Juli 1909 
[]o Die Neubaustrecke Topper—Meseritz im Eisenbahn- 
Direktionsbezirke Posen wird am 1. August dem öffent 
lichen Verkehr übergeben werden. Die an der 42 Kilo 
meter langen Bahnstrecke liegenden Bahnhöfe Grunosa, 
Lagow, Schönow, Starpel, Kalau und Nipter erhalten die 
Befugnis zur Abfertigung von Personen, Gepäck, Leichen, 
lebenden Tieren, Stückgut und Wagenladungen, die Bahn 
höfe Lagow und Starpel auch die Befugnis zur Abfertigung 
von Fahrzeugen. Bis auf Weiteres verkehren auf der 
neuen Strecke werktäglich je 5 Züge in beiden Richtungen, 
außerdem je ein Sonntagszug von Meseritz nach Topper 
bezw. von Topper nach Starpel. 
Sonntagsptauderei. 
Die Frau im Gleichnis. Von den Sprichwörtein 
fremder Völker können eine ganze Anzahl genannt werden, 
in denen die „Frau" mit einem anderen „Lebewesen", 
Objekt oder Begriff in Verbindung gebracht wird. So 
sagt der Franzose: „Frauen, Wind und Glück wechseln 
stets', während wieder der Marokkaner meint: „In dieser 
Welt gibt es drei Dinge, denen man nicht trauen darf: 
dem Glück, den Frauen und den Pferden.' Dem Italiener 
ist das Sprichwort geläufig: .Wer Schererei in seinem 
Leben haben will, muß sich ein Schiff oder ein Weib 
nehmen", sowie ein anderes: „Die Natur hat die Frauen 
und die Kirsche zu deren eigenem Schaden schön gemacht." 
Der Schotte sagt: „Mädchen und Gläser sind spröde Ware.' 
Der Spanier meint nicht gerade liebenswürdig: .Wer 
einen Aal beim Schwanz und eine Frau beim Wort 
nimmt, kann wohl sagen, daß er nichts hat.' Ein chine 
sisches Sprichwort sagt: „Die hübschen Frauen sind ge 
wöhnlich sehr unglücklich; die häßlichen Frauen dagegen 
sind kostbare Schätze.' Viel „Barbarisches" liegt in den 
Gleichnissen, die im russischen Sprichwort zur Illustrierung 
der Frau vorkommen. So sagt der Russe: „Lieb dein Weib 
wie deine Seele und schüttle es wie deinen Obstbaum", 
„Der Kopf des Weibes ist wie der Geldbeutel des Tataren" 
und .Eine Frau ohne Furcht ist kecker als die Ziege." In 
welchem Kontrast stehen zu diesen Aussprüchen unsere 
deutschen Sprichwörter, die über die Frau aussagen, oder 
der viel zitierte Schiller'sche VerS: „Ehret die Frauen, sie 
flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben!" 
Jedenfalls ist es von Interesse, zu ersehen, worauf die ver 
schiedenen Völker in ihren Sprichwörtern bei ihren Re 
flexionen über die „Frau" Bezug nehmen. 
Lokales. 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die Lustbarkeitssteuer soll in unserer Gemeinde 
ermäßigt werden. Bekanntlich ist hier für jedes Tanz 
vergnügen eine Vergnügungssteuer von 8 M. von den 
Saalbesitzern zu zahlen. Die Steuer kommt auch zur 
Erhebung, wenn es sich um ein Vereinsoergnügen handelt. 
Dies hat zu manchen Unannehmlichkeiten geführt, da die 
„Jawohl. Der junge Herr ist soeben zurückgekommen. 
Er ist in der Bibliothek." 
„Sage ihni, daß ich ihn zu sprechen wünsche." 
Das Stubenmädchen, das zugleich die Funktionen einer 
Zofe zu erfüllen hatte, schlürfte davon, während die Ba 
ronin den Frisiermantel abwarf und einen bereits abge 
tragenen, nicht gerade eleganten Morgenrock anzog. 
Nach einiger Zeit klopfte cs, und Hermann trat ein. 
.Guten Morgen, Mama. Du wünschest mich zu sprechen?" 
„Ja. Bitte, setze Dich. Kannst Deine Zigarette weiter 
rauchen. Du weißt, ich rauche selbst." 
„Willst Du Dir eine von den meinen anzünden? Echt 
russische Zigaretten!" 
„Danke. Deine Zigaretten sind in der Tat gut. Hast 
Du noch viele davon?" 
„Vielleicht hundert." 
„So mußt Du nachbestellen." 
„Ja, Mama, aber vorher muß die erste Sendung von 
tausend Stück bezahlt sein . . ." 
Der finstere Zug in dem Gesicht der Baronin ver 
stärkte sich. 
„Ich werde sie bezahlen. Gib mir die Rechnung." 
„Ich danke Dir, Mama. Aber deshalb hast Du mich 
doch wohl nicht rufen lassen?" 
„Natürlich nicht. Ich habe ernstes mit Dir zu sprechen. 
Lies diesen Brief, bitte." 
Sie reichte ihm den parfümierten Brief, der niit einer 
Freihcrrnkrone und einem goldenen Nanicnszuge verziert 
war. 
„Ach, ich rieche es schon, der Brief ist von Tante 
Bella!" lachte Hermann. 
16. Iahrg. 
Saalbesitzer die Steuer wieder von den Vereinen ein 
fordern. Wiederholt wurde in der Gemeindevertretung 
auf diese ganz besonders unbeliebte Steuer hingewiesen 
und Herr Bürgermeister Schnackenburg hat gelegentlich der 
letzten Etatsberatung erklärt, daß man diese Steuer um 
ändern und ermäßigen werde. Wie man über diese Steuer 
denkt, mag eine Notiz in der ,V. Ztg.' beweisen, obwohl 
wir die dort geschlossenen Folgerungen nicht in allen 
Teilen anerkennen können. Die betr. Notiz lautet: 
.Während Schöneberg durch seinen „Schwarzen Adler', 
Halensee, Schmargendorf und Schlachtensee durch ihre alt 
berühmten Lokale Scharen von Tanzlustigen herbeilocken 
und selbst in dem stilleren Steglitz wie in Gr.-Lichterfelde 
fleißig das Tanzbein geschwungen wird, nimmt Friedenau 
eine Sonderstellung ein. Und das hat mit ihren hohen 
Sätzen die Lustbarkeitssteuer getan. Sind doch z. B. für 
jedes Tanzvergnügen, selbst wenn e§ von Vereinen ver 
anstaltet wird, acht Mark Steuer zu entrichten, falls über 
Mitternacht hinaus getanzt wird. Maskenbälle sind sogar 
mit 10 ÜJ). besteuert. Die Folge davon war, daß alle 
Tanzlustigen Friedenau mieden und auch die meisten 
Friedenauer Vereine ihre Vergnügungen in den Nachbar 
orten abhielten, die nur 3 M. Steuer ohne Rücksicht auf 
die Dauer des Tanzes erheben. Den Schaden davon 
haben die Saalbesitzer, Musiker, Barbiere und nicht zuletzt 
der Gemeindesäckel. Die Friedenauer Gemeindeverwaltung 
will deshalb einer Ermäßigung der Steuersätze näher 
treten, um den Tanz nicht ganz aus Friedenau zu ver 
bannen." 
o Elektrische Waschwagen. Unsere Gemeinde 
verwaltung läßt z. Zt. in die vorhandenen, bisher von 
Pferden gezogenen Waschwagen versuchsweise Akkumulatoren 
batterien und Elektromotoren einbauen. Heute fuhr ein 
solcher Automobil - Waschwagen durch mehrere Straßen 
unseres Ortes. Wenn sich die Versuche bewähren, so 
dürfte unsere Gemeinde dazu übergehen, sämtliche Wagen, 
event!, auch die der Feuerwehr in elektrische Automobile 
umzuändern. Bekanntlich hat der Bürgerverein letzthin 
in einer Eingabe den Gemeindevorstand ersucht, eigene 
Bespannung für die Feuerwehr und den Kranken 
wagen anzuschaffen. Diese Eingabe wurde dem Straßen 
reinigungsausschuß überwiesen, der jetzt Berechnungen auf 
stellt, ob für die Gemeinde der Pferdebetrieb oder der 
elektroautomobile Betrieb günstiger ist. 
o Die Auslosung von Gemeindevertreteru 
gelegentlich der letzten Wahl. In der Klagesache 
des Architekten Ruhemann gegen die hiesige Gemeindever 
tretung, betr. der Auslosung gelegentlich der letzten Gemeinde 
vertretenwahl, worüber wir mehrfach berichteten, hat der 
Bezirksausschuß zu Potsdam das Urteil des KreiSausschusseS 
bestätigt. Danach hat also auch der Bezirksausschuß den 
von der Gemeindevertretung s. Zt. gewählten Weg als den 
richtigen anerkannt. Wir werden daS Urteil mit Be 
gründung in nächster Nummer bringen. 
„Ja, von Arabella von Geldern, meiner Jugend 
freundin. Lies nur." 
Der Brief lautete: 
„Meine teure Amalgundc! Dein letzter Brief hat 
mich sehr zum Nachdenken angeregt. Du hast recht, daß 
es mit Hermann, meinem Patchen, so nicht weiter gehen 
kann. Er muß etwas beginnen, um seine und Eure Zu 
kunft sicherzustellen. Wenn ich nun auch Dir zu Liebe seine 
Leutnantsschulden bezahlt habe, so bin ich doch nicht in 
der Lage, mehr für ihn zu tun, das heißt in finanzieller 
Hinsicht. Wer ich bin bereit, ihm in anderer Weise zu 
helfen. Du weißt, daß eine Schwester von mir sich mit 
einem Bürgerlichen verheiratet hat. Er heißt Kvnrad 
Steinmeister und ist Besitzer einer großen Schuhfabrik 
am Rhein. Das ist zwar kein sehr poetisches und vor 
nehmes Geschäft, aber es hat Geld, viel Geld abgeworfen. 
Steinmeister ist mehrfacher Millionär. Außerdem besitzt 
er eine Tochter, die Arabella heißt, wie ich. Sie ist 
zwanzig Jahre alt und sehr schön. Diesen Winter soll 
sie bei mir in Berlin verleben. Me wäre es nun, wenn 
Dein Sohn auch nach Berlin käme, um sich um Arabella 
zu bewerben. Ich bin überzeugt, der Vater würde seiner 
Tochter gern eine halbe Million mitgeben, wenn sie einen 
Baron von solch altem 4ldel, wie der Eurige ist, heiraten 
kann. Steinmeister möchte selbst gern adelig werden, er 
hät es aber bisher nur bis zum Kommerzienrat gebracht. 
Bist Du mit meinem Plane einerstanden, so schicke 
mir Deinen Sohn. Es ist jetzt Mitte September. An 
fang Oktober kommt Arabella. Da wäre es besser, wenn 
Dein Sohn schon einige Wochen hier weilte: es fällt dann 
nicht so auf. Eine Wohnung kann Hermann in dein von
	        
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