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Periodical volume

Full text: Deutscher Nachhaltigkeitsalmanach Issue 2017

Deutscher
Nachhaltigkeitsalmanach
Initiativen und Eindrücke zur gesellschaftlichen Realität der Nachhaltigkeit

TEXTE

NO 5 2

03.2017

© Photograph on the right: Microgen / Shutterstock.com; Photograph on the left: André Wagenzik

2017

WAS BEDEUTET
NACHHALTIGKEIT?
Nach|hal|tig|keit, die
Dauerhaft ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse
der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren,
dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse
nicht befriedigen können. […] Im Wesentlichen ist
nachhaltige Entwicklung ein Prozess des Wandels,
in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von
Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung
und institutioneller Wandel miteinander harmonieren
und das derzeitige und künftige Potenzial vergrößern,
menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen.
BRUNDTLAND-KOMMISSION 1987

INH A LT

Vorwort	 ___________________________________________________________ 	4
Sigmar Gabriel, Außenminister der Bundesrepublik Deutschland

Wie wir die Welt sehen _____________________________________________ 	 5
Eine Einführung in diesen Almanach von Marlehn Thieme

Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie _____________________________ 	 6
Wie setzt Deutschland die Agenda 2030 um? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 	 7
Nachhaltigkeit als gesellschaftlicher Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 	 14

Wer ist der Rat für Nachhaltige Entwicklung
und was tut er?_____________________________________________________ 	 19
Der erste Open SDGclub.Berlin_____________________________________ 	 21
Soziale Gerechtigkeit in Deutschland ______________________________ 	 27
Bestandteil der Nachhaltigkeitsagenda

Anders planen _____________________________________________________ 	 43
Neue Herausforderungen für unsere Städte

Anders konsumieren	______________________________________________ 	 65
Unsere Entscheidungen für eine global tragfähige Konsumgesellschaft

Besser wirtschaften ________________________________________________ 	 83
Auf der Suche nach neuen Koordinaten für das Wirtschaftssystem

Die Energiewende _________________________________________________ 	 101
Ein Gemeinschaftswerk im Zukunftslabor Deutschland

Die Anthropozän-Idee _____________________________________________ 	 123
Konflikt und Konsens	______________________________________________ 	 132
Auf dem Weg zum grünen Innovationsstandort ____________________ 	 139
Impressum ________________________________________________________ 	 146

VORWORT

Sigmar Gabriel
Außenminister der Bundesrepublik Deutschland

Dieser Almanach enthält konkrete Beispiele
nachhaltigen Denkens und Handelns, das für unsere
Gesellschaften immer wichtiger werden wird.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es gibt unzählige beeindruckende Beispiele
nachhaltigen Handelns in unserem Land. Auch
im Ausland agieren deutsche Unternehmen
nachhaltig. Mit ihren Produkten und Dienst­
leistungen stellen sie sich erfolgreich den öko­
nomischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit und beweisen damit,
dass Nachhaltigkeit unserer Wirtschaft und
Gesellschaft große Chancen bietet.
Dieser Almanach enthält konkrete Beispiele
nachhaltigen Denkens und Handelns, das für
unsere Gesellschaften immer wichtiger werden
wird. Über die Jahre ist dieses Bewusstsein
in Deutschland zum politischen Leit­bild geworden. Dies zeigt sich etwa an der Agenda 2030
für nachhaltige Entwicklung wie auch an der
Nach­­haltigkeitsstrategie für Deutschland
2016. Nachhaltigkeit ist in den Mittelpunkt
des Interesses ge­rückt. Nur so stellen wir
das Wohl­ergehen der uns nach­folgenden
Generationen sicher.

4

Verschiedene Krisen unserer Welt lassen sich
darauf zurückführen, dass es im konkreten
Handeln an Nachhaltigkeit fehlte. Deshalb sind
alle drei Pfeiler der Nachhaltigkeit – der wirt­
schaft­liche, der ökologische und der soziale –
Grundprinzipien deutscher Außenpolitik.
Dauerhaft können wir Frieden und Sicherheit
nur erreichen, wenn wir die ökonomischen
Lebensgrundlagen der Menschen sichern,
unsere Umwelt schützen und den sozialen
Zusammenhalt stärken. Doch niemand wird
die große Transformation, die die Weltgemeinschaft sich mit der Agenda 2030 verordnet hat,
allein bewältigen können: Wir alle müssen diese
Anstrengung als Partner gemeinsam schultern.
Der Deutsche Nachhaltigkeitsalmanach 2017
stellt mustergültige Verfahrensweisen vor, von
denen wir alle lernen und uns anregen lassen
können. Das Werk enthält Informationen über
herausragende Initiativen und Projekte als Bei­
spiele von Nachhaltigkeit „made in Germany“.

W IE W IR DIE W ELT SEHEN

Wie wir die Welt sehen
Eine Einführung in diesen Almanach von MARLEHN THIEME
Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Wir können die Welt aus verschiedenen Perspektiven sehen.
Je nach Blickwinkel und Fokus nehmen wir unterschiedliche Dinge wahr.

© Foto Thieme: RNE

Mit dem Blick auf das kurzfristig Aktuelle sehen
wir Flucht und Vertreibung, Nationalismus und
Populismus, Gesellschaften mit vielen alten oder
vielen jungen Menschen. Mit einem längeren
Blick geraten die Übernutzung der Natur, das
Aufheizen der Atmosphäre, die soziale Spaltung
zwischen Arm und Reich und Nord und Süd in den
Fokus sowie die Sackgassen eines Wachstums,
das seinen Zweck vergeblich in sich selbst sucht.
Wir sehen aber auch die Chancen des Wandels, die
mit dem Begriff der nachhaltigen Entwicklung
verbunden sind. In Deutschland ist dieser Wandel
mittlerweile für viele Menschen wichtig.
Nachhaltigkeit: die Bedürfnisse der heute lebenden Menschen auf eine Weise erfüllen, dass
zukünftige Generationen eine faire Chance auf
eine intakte Welt, ein gesundes Leben, die Schönheit der Natur und ein gutes Miteinander haben.
Alte Denkmuster müssen dem Bemühen um
partnerschaftliche Lösungen weichen. Althergebrachte Konzepte für Wirtschaft und Gesellschaft
müssen auf den Prüfstand der Zukunftsfähigkeit
gestellt werden. Nachhaltigkeit entwickelt genau
hieraus die notwendige Lebendigkeit. Mitunter
schadet auch eine nur oberflächliche und
modisch-effekthascherische Kommunikation der
Idee der nachhaltigen Entwicklung. Dann ist
Widerspruch nötig. Es gibt jedoch noch ein weiteres Kommunikationsdefizit. Im Ausland ist bisher
das „Sustainability – Made in Germany“ noch zu
wenig bekannt. Dass wir toleranter und weltoffener sind als je zuvor, mag vielen noch ebenso
5

bekannt sein wie die Stichworte Energiewende,
Ressourcenproduktivität, Nachhaltigkeitsstrategie. Aber was dahintersteht und für das Möglichmachen sorgt, ist zu wenig bekannt. Deshalb gibt
es diesen Almanach. Mit praktischen Beispielen
und Diskussionsfäden zeigt er, wie sich in
Deutschland die breite Gesellschaft dem Thema
Nachhaltigkeit stellt. Maßnahmen und Verantwortlichkeiten des Staates bleiben sehr wichtig,
stehen aber hier nicht im Vordergrund. Wie wir
wirtschaften und konsumieren und wie wir unser
Leben und Wirtschaften in Deutschland und mit
unseren internationalen Partnern gestalten, hat
nicht nur Auswirkungen auf uns und unseren
Wohlstand, sondern auch auf das Leben von
Menschen in vielen Teilen dieser Welt, auf die
Natur und ihre Ressourcen. Unsere Verantwortung endet nicht mehr an unseren Landesgrenzen. Das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung in
Deutschland bedeutet eben auch eine aktive
Übernahme globaler Verantwortung.
Der Prozess der nachhaltigen Entwicklung hat
eine große gesellschaftliche Resonanz bewirkt,
die über die Grenzen allein staatlicher Verantwortung hinausgeht. Dies will der Almanach
anschaulich, hintergründig und kritisch darstellen. Keineswegs mit dem Anspruch auf Voll­
ständigkeit erzählt er konkrete und greifbare
Geschichten. Die Ziele einer nachhaltigen
Entwicklung sind eine Chance für alle.

© trabantos / Shutterstock.com

DIE DEUTSCHE
NACHHALTIGKEITSSTRATEGIE

D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

Wie setzt Deutschland die Agenda 2030 um?
Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie

Die Strategie bündelt die Nachhaltigkeitsbeiträge der unterschiedlichen Politikfelder
und wirkt angesichts der Vielzahl syste­mischer Wechselwirkungen auf stärkere
Kohärenz und die Lösung von Zielkonflikten hin. Damit steuert sie eine global
verantwortliche, generationengerechte und
gesellschaftlich integrative Politik.

Was ist die Deutsche
Nachhaltigkeitsstrategie?
Für die Bundesregierung ist die Förderung
einer nachhaltigen Entwicklung grundlegendes Ziel und Maßstab des Regierungshandelns. Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie definiert die Bedeutung der
nachhaltigen Entwicklung für die Politik
der Bundesregierung und legt konkrete
Ziele und Maßnahmen über die gesamte
Breite politischer Themen fest. Sie bildet
damit den Rahmen für die notwendige
langfristige Orientierung der nachhaltigen
Entwicklung. Basis der Nachhaltigkeitsstrategie ist ein ganzheitlicher, integrativer
Ansatz: Denn nur wenn auch die Wechselwirkungen zwischen den drei Nachhaltigkeitsdimensionen beachtet werden,

Die Neuauflage 2016 – Nachhaltigkeit in,
durch und mit Deutschland
Die vom Bundeskabinett beschlossene
Neuauflage 2016 der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie bildet einen wesentlichen
Rahmen für die nationale Umsetzung der
Agenda 2030 durch die Bundesregierung. Sie
stellt die umfassendste Weiterentwicklung
der Strategie seit ihrem erstmaligen
Beschluss im Jahr 2002 dar und zeigt, dass
Deutschland sich zur ehrgeizigen
weitreichenden Umsetzung der Agenda
2030 mit ihren Sustainable Development
Goals (SDGs) bekennt. Die Deutsche
Nachhaltigkeitsstrategie 2016 legt
Maßnahmen Deutschlands zur Umsetzung
der 17 SDGs auf drei Ebenen dar: Neben
Maßnahmen mit Wirkung in Deutschland
geht es um Maßnahmen durch Deutschland
mit weltweiten Wirkungen. Hinzu kommt
die Unterstützung anderer Länder in
Form der bilateralen Zusammenarbeit
(Maßnahmen mit Deutschland).

Nachhaltigkeit ist Maßstab
unseres Regierungshandelns.
lassen sich langfristig tragfähige Lösungen
erreichen. Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie
ist eine wirtschaftlich leistungsfähige,
sozial ausgewogene und ökologisch verträgliche Entwicklung, wobei die planetaren
Grenzen unserer Erde sowie die Orientierung an einem Leben aller Menschen
in Würde die absoluten Leitplanken für
politische Entscheidungen bilden.

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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

NACHHALTIGKEIT –
EIN GEMEINSAMER PROZESS

MANAGEMENTREGELN

Zwölf Managementregeln definieren
allgemeine Handlungsanforderungen
für eine nachhaltige Politik.

Bei ihrer Erarbeitung der Neuauflage
der Strategie hat die Bundesregierung auf
Dialog und Kooperation gesetzt. Zwischen
Herbst 2015 und Frühjahr 2016 fanden fünf
öffentliche Konferenzen mit hochrangiger
Beteiligung von Vertretern der Bundesregierung, der Landesregierungen und der
Kommunen, einer Vielzahl nicht staatlicher
Gruppen sowie von Bürgerinnen und
Bürgern statt. Ende Mai 2016 gab die
Bundeskanzlerin den Startschuss für die
zweite Phase des Dialogs zum online
veröffentlichten Entwurf der Strategie.
An einer nachfolgenden Konsultationsveranstaltung im Bundeskanzleramt nahmen
Vertreter von mehr als 40 Verbänden teil,
darüber hinaus wurden viele Stellungnahmen abgegeben. Die Anregungen aus dem
Dialogprozess ergaben wertvolle Hinweise.

Jede Generation muss ihre Aufgaben
selbst lösen und darf sie nicht den kommenden
Generationen aufbürden. Zugleich muss
sie Vorsorge für absehbare zukünftige
Belastungen treffen.
SO LAUTET DIE ERSTE GRUNDREGEL DER STRATEGIE

ERFOLGSKONTROLLE
DURCH ZIELE UND INDIKATOREN

Die Nachhaltigkeitsstrategie enthält
63 sogenannte Schlüsselindikatoren. Die
Indikatoren sind meist mit quantifizierten
Zielen verbunden. Zu jedem der 17 SDGs
wird mindestens ein indikatorengestütztes
Ziel definiert. In der Öffentlichkeit wird
nachhaltige Entwicklung oft primär mit
Umweltthemen oder Fragen der internationalen Zusammenarbeit verbunden.
Tatsächlich betrifft das Nachhaltigkeitsprinzip aber alle Politikbereiche.
Gegenstand der Nachhaltigkeitsstrategie
sind daher nicht nur z. B. Klima- und
Biodiversitätsschutz, Ressourceneffizienz
oder Mobilität. Auch Themen wie
Armutsbekämpfung, Bildung, Gesundheit,
Gleichstellung, solide Staatsfinanzen,
Verteilungsgerechtigkeit oder Korruptions­
bekämpfung werden in der Strategie mit
politischen Zielen aufgegriffen. In Einklang
mit den Inhalten der Agenda 2030 wurden
hierfür 13 zusätzliche Themenbereiche und
30 Indikatoren neu in die Nachhaltigkeitsstrategie aufgenommen.

Nachhaltigkeitsmanagement
Herzstück der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie bildet ein Nachhaltigkeitsmanagementsystem mit konkreten Zielen und
Zeitrahmen zur Erfüllung, Indikatoren
für ein kontinuierliches Monitoring sowie
Regelungen zur Steuerung und Festlegungen zur institutionellen Ausgestaltung.

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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

REGELMÄSSIGES MONITORING: WIE LÄSST
SICH NACHHALTIGKEIT MESSEN?

FOLGENABSCHÄTZUNG NACHHALTIGKEIT

Das Leitbild der Nachhaltigkeit soll bei
jedem Gesetz und jeder Rechtsverordnung
von Anfang an berücksichtigt werden.
Deswegen ist Nachhaltigkeit in der
Gemeinsamen Geschäftsordnung der
Bundesministerien als verpflichtender
Prüfstein der Folgenabschätzung von
Vorschlägen der Bundesregierung für
Gesetze und Verordnungen verankert.

Ein transparentes und regelmäßiges
Monitoring erlaubt die wichtige Kontrolle
der Erfolge und Misserfolge bei der
Erreichung der Ziele der Strategie. Es dient
als Grundlage der Steuerung nachhaltiger
Politik und notwendiger Neujustierungen,
aber auch als transparente Informationsgrundlage demokratischer Willensbildung
und Auseinandersetzung. Alle zwei Jahre
veröffentlicht das Statistische Bundesamt
einen Bericht zum Stand der Indikatoren,
alle vier Jahre wird die Strategie selbst
weiterentwickelt. Die Analyse der
Indikatorenentwicklung nehmen die
Statistiker unabhängig in eigener fachlicher
Verantwortung vor. Der Indikatorenbericht
verwendet Wettersymbole, um zu
veranschaulichen, ob die gesetzten
Nachhaltigkeitsziele bei Fortsetzung
derzeitiger Entwicklungen erreicht werden.
Die aktuelle Analyse des Statistischen
Bundesamts zeigt: 27 Indikatoren mit
eher positivem Status oder Trend stehen
29 Indikatoren mit eher negativem
Status bzw. Trend gegenüber; bei sieben
Indikatoren ist eine Status- oder Trendaussage derzeit nicht möglich. Auch wenn
bei vielen Zielen positive Entwicklungen
bestehen, verbleiben Bereiche mit
wenigen oder keinen Fortschritten.

MASSNAHMENPROGRAMM NACHHALTIGKEIT

Mit gutem Beispiel vorangehen: Unter
diesem Motto hat die Bundesregierung
2015 ein neues umfassendes Maßnahmenprogramm für nachhaltiges Verwaltungshandeln beschlossen. Es umfasst beispielsweise Ziele und Maßnahmen zur Ver­ringerung des Energieverbrauchs der eigenen
Gebäude, zu Anforderungen an die Beschaffung, ein nachhaltiges Veranstaltungsmanagement oder die bessere Vereinbarkeit
von Familie bzw. Pflege und Beruf.
CHEFSACHE NACHHALTIGKEIT –
MITWIRKUNG ALLER BUNDESMINISTERIEN

Nachhaltigkeit umfasst alle Aufgabenbereiche der Politik. Aufgrund dieses übergreifenden Querschnittcharakters und der
besonderen Bedeutung liegt die Zuständigkeit für die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie beim Bundeskanzleramt. Nachhaltige
Entwicklung ist damit in Deutschland
„Chef-“ bzw. „Chefinsache“. Die Gestaltung
und Umsetzung der Strategie erfolgt unter
intensiver Mitarbeit und Einbeziehung
aller Ressorts. Um die Kohärenz politischer
Maßnahmen weiter zu stärken, werden
künftig in allen Ministerien Ressortkoordinatoren für nachhaltige Entwicklung als
zentrale Ansprechpartner eingesetzt.
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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

Nachhaltigkeitsmanagement
Statistisches
Bundesamt

Rat für Nachhaltige
Entwicklung

Parlamentarischer Beirat
für nachhaltige Entwicklung

Länder

Kommunale
Spitzenverbände

ggf. auf Einladung Teilnahme an Sitzungen und Beiträge zu Berichten

Staatssekretärsausschuss
für nachhaltige Entwicklung
Geschäftsstelle
(Bundeskanzleramt)

Vorbereitung
AG für nachhaltige
Entwicklung
Leitung
Teilnahme

Ressort

Entscheidungen

Ressort

Ressort

Ressort

Ressort

Ressort

Nachhaltigkeitsprüfung

Gesetzesfolgenabschätzung

Parlamentarische Beirat für nachhaltige
Entwicklung die nationale und europäische
Nachhaltigkeitsstrategie. Auch prüft er die
Nachhaltigkeits-Folgenabschätzung von
Gesetzen.

DIE SCHALTSTELLE:
DER STAATSSEKRETÄRSAUSSCHUSS

Der Staatssekretärsausschuss unter der
Leitung des Chefs des Bundeskanzleramts
dient als zentrale Schaltstelle der
Nachhaltigkeitsstrategie. Seine Aufgabe ist
es, darauf zu achten, dass die Strategie als
roter Faden in allen Politikbereichen
Anwendung findet. Zu den Sitzungen des
Ausschusses werden externe Expertinnen
und Experten aus der Wirtschaft, der
Zivilgesellschaft, aus Verbänden, Ländern,
Kommunen oder der EU-Kommission
eingeladen. Zudem stellen die Ministerien
Ressortberichte zu Nachhaltigkeit vor.

RAT FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

Seit 2001 berät der Rat für Nachhaltige
Entwicklung die Bundesregierung in allen
Fragen der Nachhaltigkeit und trägt das
Thema in die Öffentlichkeit. Seine zuletzt
am 26. Oktober 2016 von der Bundeskanzlerin für die Dauer von drei Jahren berufenen
15 Mitglieder stehen nach ihrem fachlichen
und persönlichen Hintergrund für die drei
Dimensionen der Nachhaltigkeit. Der Rat
ist fachlich unabhängig und veröffentlicht
Stellungnahmen und Vorschläge zur
Weiterentwicklung der Strategie.

PARLAMENTARISCHER BEIRAT
FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

Seit 2004 ist Nachhaltigkeit im Deutschen
Bundestag verankert. Seitdem begleitet der
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Quelle: Bundesregierung

Berichte der Ressorts

D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien
Die Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele erfordert neue Formen der
Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nicht staatlichen Akteuren.
Um diesem Ansatz und der regionalen und lokalen Relevanz der globalen Nachhaltigkeitsziele gerecht zu werden,
wird seit 2016 auf Initiative des RNE das Projekt „Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien“ (RENN) umgesetzt.
Koordiniert durch die Leitstelle beim RNE wurden länderübergreifend vier regionale Netzstellen eingerichtet.
Diese vernetzen bereits vorhandene Projekte und Initiativen für eine nachhaltige Entwicklung, laden ein zum
Erfahrungsaustausch und geben Impulse für einen gesellschaftlichen Wandel. Damit wird das komplexe Konzept
der Nachhaltigkeit über Regionen und Ländergrenzen hinweg erlebbar.
Weitere Infos finden Sie hier:
www.renn-netzwerk.de

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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

die gesellschaftlichen Akteure künftig noch
stärker als bisher in die laufenden Arbeiten
an der Strategie und ihre Umsetzung
einzubinden. Hierfür sind u. a. ein regelmäßiges Dialogformat sowie eine stärkere
Einbindung der gesellschaftlichen Akteure
bei der Vorbereitung der Sitzungen des
Staatssekretärsausschusses vorgesehen.
Aus der Wissenschaft sind verschiedene
Initiativen zu einer Begleitung der Umsetzung der SDGs auf den Weg gebracht
worden. Die Bundesregierung kündigt an,
diese Initiativen aufzugreifen und eine
Plattform zu bieten, in der die wissenschaftliche Begleitung der Umsetzung der SDGs
gebündelt wird.

ENGE ZUSAMMENARBEIT VON BUND,
LÄNDERN UND KOMMUNEN

In wichtigen Bereichen nachhaltiger
Entwicklung liegen die Rechtsetzungs- bzw.
Durchsetzungskompetenzen bei den
Ländern und Kommunen. Die Nachhaltigkeitsstrategie schafft Mechanismen und
einen Rahmen für eine bessere Koordination von Maßnahmen für eine nachhaltige
Entwicklung zwischen Bund, Ländern und
Gemeinden. Der Bund arbeitet eng mit den
Ländern zusammen und unterstützt die
kommunale Ebene dabei, einen Beitrag zur
Umsetzung der Agenda 2030 zu leisten.
Dazu dienen u. a. auch Aktivitäten wie das
vom Rat für Nachhaltige Entwicklung
initiierte und unterstützte Nachhaltigkeits-Netzwerk von Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern oder
die neue Initiative zur Schaffung
regionaler Netzstellen.

AUF GUTEM WEGE

Die Neuauflage der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist aus Sicht der Bundesregierung ein erster wichtiger Schritt auf dem
Weg zur Umsetzung der Agenda 2030, den
sie auch künftig konsequent fortzuführen
ankündigt. Sie lädt alle staatlichen und
nicht staatlichen Institutionen, gesellschaftliche Gruppen sowie jede Einzelne
und jeden Einzelnen dazu ein, sich hieran
tatkräftig zu beteiligen.

Nachhaltigkeit – breit verankert
in Gesellschaft und Politik
Die Strategie unterstützt den Dialog und
die Kooperation nachhaltigkeitsengagierter
Gruppen der Gesellschaft und fördert
Wissen, Kompetenz und Beteiligungsmöglichkeiten. Die Bundesregierung kündigt
in der Nachhaltigkeitsstrategie 2016 an,

Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie 2016

Weiterführende Publikationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  Mutiger und nicht nur moderat verändern! Der Regierungsentwurf zur Nachhaltigkeit bleibt hinter den Erfordernissen zurück –
	 Stellungnahme des Rates für Nachhaltige Entwicklung zum Regierungsentwurf der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie vom 31. Mai 2016
·  Mehr Mut! Nachhaltigkeit muss politische Relevanz beweisen. Erwartungen und Empfehlungen an die Bundesregierung
·  Nachhaltigkeit – Made in Germany. Das zweite Gutachten

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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Die Agenda 2030 und die „Five P’s“ ¹
People – Menschen
Wir sind entschlossen, Armut und Hunger
in allen ihren Formen und Dimensionen
ein Ende zu setzen und sicherzustellen,
dass alle Menschen ihr Potenzial in Würde
und Gleichheit und in einer gesunden
Umwelt voll entfalten können.

Peace – Frieden
Wir sind entschlossen, friedliche, gerechte
und inklusive Gesellschaften zu fördern,
die frei von Furcht und Gewalt sind.
Ohne Frieden kann es keine nachhaltige
Entwicklung geben und ohne nachhaltige
Entwicklung keinen Frieden.

Planet
Wir sind entschlossen, den Planeten vor
Schädigung zu schützen, unter anderem
durch nachhaltigen Konsum und nachhaltige Produktion, die nachhaltige
Bewirtschaftung seiner natürlichen
Ressourcen und umgehende Maßnahmen
gegen den Klimawandel, damit die Erde
die Bedürfnisse der heutigen und der
kommenden Generationen decken kann.

Partnership – Partnerschaft
Wir sind entschlossen, die für die
Umsetzung dieser Agenda benötigten
Mittel durch eine mit neuem Leben
erfüllte globale Partnerschaft für
nachhaltige Entwicklung zu mobilisieren,
die auf einem Geist verstärkter globaler
Solidarität gründet, insbesondere auf die
Bedürfnisse der Ärmsten und Schwächsten ausgerichtet ist und an der sich alle
Länder, alle Interessenträger und alle
Menschen beteiligen.

© Pexels

Prosperity – Wohlstand
Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen,
dass alle Menschen ein von Wohlstand
geprägtes und erfülltes Leben genießen
können und dass sich der wirtschaftliche,
soziale und technische Fortschritt in
Harmonie mit der Natur vollzieht.

1  Quelle: „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“

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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

Nachhaltigkeit als gesellschaftlicher Prozess 
Beitrag des Rates für Nachhaltige Entwicklung zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie

Das Neue

Nachhaltigkeitspolitik geht in Deutschland weit
über das hinaus, was Regierungen tun (können).

Wir stehen heute da, wo noch keine Generation vor uns gestanden hat. Noch nie war
unser Vermögen größer, die Natur zu schädigen. Noch nie zuvor waren die Lebensgrundlagen aller Menschen auf so prekäre
Weise von dem anthropogenen Einfluss auf
das Klima abhängig. Nie konnten Finanzkrisen mehr Menschen aus der ökonomischen
Bahn werfen als heute. Noch nie ließen uns
digitale Datenwelten eine sogenannte Singularität von Mensch und Maschine erahnen. Noch nie zuvor hatten wir mehr Grund,
vom Anthropozän zu sprechen.

Der Nachhaltigkeitsrat bringt das Anliegen der nachhaltigen
Entwicklung in die Breite der Gesellschaft und an die Unternehmen heran. Diese wichtige Aufgabe anerkennt auch die
Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. In diesem ganzheitlichen
Verständnis hat die Nachhaltigkeitsstrategie den „TripleAnsatz“ in Politik und Öffentlichkeit gebracht. Er gibt ein
klares Bild der notwendigen Maßnahmen:
a) innerhalb Deutschlands (etwa zur Verringerung des
ökologischen Fußabdrucks),
b) mit Deutschland (mit den Mitteln der Friedenssicherung,
der Entwicklungszusammenarbeit und der internationalen
Kooperation) und – als neues Element –
c) durch Deutschland (durch Schaffung von Lösungsoptionen

Aber auch noch nie zuvor wurde so intensiv
nach Wegen zur Nachhaltigkeit gesucht.
Noch nie zuvor waren Wohlstand und ein
gutes Leben für alle so greifbar möglich
wie heute. Noch nie zuvor fanden solche
Impulsbegriffe wie universelle Nachhaltigkeitsziele, Dekarbonisierung oder
Schadens­neutralität der Bodennutzung
Eingang in politische Verpflichtungen auf
höchster Ebene.

auf nationaler Ebene, die auch anderen Ländern nützlich sind,
wie etwa in der Photovoltaik)

sich selbst und gegenseitig mit allen anderen zugesagt, ambitioniert und namhaft zur
Nachhaltigkeit und zum Klimaschutz beizutragen. Die Universalität des Anliegens
bringt eine neue Qualität; globales und
republikanisches Denken rücken unmittelbar zusammen. Folglich ist die politische
Konzeption der Nachhaltigkeitsstrategie
neu zu ordnen und zu gestalten. Hierzu
haben wir der Bundesregierung in einer
frühzeitigen und ausführlichen Analyse
Herangehensweisen und Reformansätze

Die Frage stellt sich: Was machen wir aus
der Gleichzeitigkeit von Bedrohung und
Chance? Die Weltdiplomatie hat 2015 in
Addis Abeba, Paris und New York die Richtung vorgegeben. Auch Deutschland hat für

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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

empfohlen. Vor allem sollten sich die deutschen Nachhaltigkeitsziele strukturell an
den globalen orientieren und dem TripleAnsatz folgen (Maßnahmen innerhalb
Deutschlands, positive Wirkung auf die
Welt durch heimische Maßnahmen und mit
deutscher Hilfe in Partnerländern).

Die Kraft
Seit 2002 gibt es in Deutschland eine Nachhaltigkeitsstrategie. In der breiten Öffentlichkeit ist sie kaum bekannt. Das ist ein
ernst zu nehmendes politisches Manko –
zumal Nachhaltigkeitsstrategien in interessierten Kreisen und im Fachpublikum
längst ihre Nützlichkeit und innovative
Kraft bewiesen haben.

Das muss nun vom Papier zur Praxis werden,
vom guten Konzept zur gestaltenden Kraft.
Dabei treten konkurrierende Ziele auf. Das
spricht nicht gegen, sondern für Nachhaltigkeitsstrategien. Egal ob beim Staat, in
Kommunen oder bei Unternehmen, sie
müssen auf lernende Weise koordiniert und
gesteuert werden. Das betrifft – auf jeweils
entsprechendem Niveau – alle Handlungsebenen der Republik. Politisch geht es um
das Management der öffentlichen Dinge;
individuell geht es um alltägliche Entscheidungen. Jeder entscheidet.

Unsere Dialoge mit Experten und Ziel­
gruppen wie den 100 jüngsten Kommunalpolitikern, mit Oberbürgermeistern,
Jugendlichen, Hochschulen und Wissenschaftlern aus sozialen und ökologischen
Forschungsvorhaben, aber vor allem
auch mit Unternehmen und Wirtschaftsbranchen zeigen das auf.
Nicht zuletzt die Basisinitiativen haben
einen positiven Trend ausgelöst. Die Spitze
eines breiten Eisberges zeichnen wir jedes
Jahr als Projekte der Werkstatt N aus und
dokumentieren ihre Initiativen. Sie unterstreichen, dass Nachhaltigkeit zu einem
Teil der Lebenswirklichkeit geworden ist
und sich die kreative politische Kultur
daran ausrichtet.

Jeder ist Teil einer Generation, die für ihre
Zukunft und alles Leben auf der Erde
Verantwortung trägt, indem sie ökologische
Belastungsgrenzen respektiert.
Es gilt, würdevoll und fair mit sozialen und
finanziellen Ressourcen umzugehen, sodass
Belastungen und Risiken vermieden und
Chancen und Freiheitsgrade im globalen
Kontext vergrößert werden. Sofern der
Zukunft Lasten aufgebürdet werden müssen, sollen diese vorsorgend minimiert und
durch Innnovation und bessere Herangehensweisen soll für spätere Lösungsalternativen gesorgt werden. Das muss zum
Grundprinzip der Nachhaltigkeit werden.

Es ist eine ermutigende Resonanz, wenn
gleichzeitig immer mehr Menschen in
Unternehmen, in Kommunen und in der
Wissenschaft auf Nachhaltigkeitskurs
gehen. Es sind sicher noch nicht so viele
wie nötig und wohl auch möglich. Aber ihre
Beteiligung zum Beispiel am Deutschen
Nachhaltigkeitspreis zeigt, dass sie nicht
mehr zu übersehen sind.

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D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

Insgesamt ist viel Raum nach oben. Deshalb
bauen wir regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien auf. Wir setzen uns für
den Aufbau von Nachhaltigkeitsstrategien
in Kommunen, Unternehmen und in der
Wissenschaft ein, ermuntern Branchen und
Nichtregierungsorganisationen zu weiteren
und ambitionierteren Nachhaltigkeitsstandards für Wertschöpfungsketten wie etwa
im Bereich Kaffee, Textil, Palmöl, Kakao, Soja,
Biomasse etc. Wir unterstützen neues Denken zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung, zu nachhaltiger Kreislaufwirtschaft und nachhaltiger Unternehmens­führung und zur Nachhaltigkeit.

schaften in den Markt einzuflechten. Als
neuartige und praktische Transparenzinitiative genießt er hohe Reputation und findet
viele namhafte Anwender in Wirtschaft und
Politik. Bei allem Erfolg ist die Hauptaufgabe noch nicht angegangen: Nachhaltigkeit ist noch weit davon entfernt, als Normalität Teil des Entscheidens und Handelns
zu sein. Nachhaltigkeitsprofile von Auftraggebern und Auftragnehmern, Geldgebern
und Investoren sollten in Zukunft Grundlage für finanzielle Transaktionen sein. Das
würde Risiken mindern und Chancen für
eine nachhaltige Wirtschaft vergrößern.

Das Ziel nachhaltiger Städte und Siedlungen
ist eine wesentliche Voraussetzung für den
engagierten Klima- und Ressourcenschutz und
soll diese mit einer demokratischen und allen
zugänglichen Daseinsvorsorge verbinden.

Jüngste RNE-Projekte (Auswahl)
Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex

Hierzu bekennen sich die über 30 am Dialog
„Nachhaltige Stadt“ beteiligten Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister.

OB-Dialog „Nachhaltige Stadt“
Deutsche Aktionstage Nachhaltigkeit
Auszeichnung Projekt N

Den „Nachhaltigen Warenkorb“ führen wir
als Projekt seit 2001 fort, jüngst auch als
türkische Ausgabe. Die klare Entscheidungshilfe zur Produktkennzeichnung
spricht uns alle als Konsumenten an. Wir
aktualisieren sie kontinuierlich. An die Politik gerichtet zeigt das, dass die Messung der
Nachhaltigkeit im Konsum mittels Indikatoren möglich und machbar ist.

Dialog Hochschule und Nachhaltigkeit
Dialog Zukunft Vision 2050
Dialog „Generation Carlowitz“
Dialogprojekt Kommunale Nachhaltigkeit
Der Nachhaltige Warenkorb
RENN, Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien
Wettbewerb BodenWertSchätzen (in Kooperation mit DBU)

Der Nachhaltigkeitsrat hat den Nachhaltigkeitskodex erfolgreich platziert. Er bietet
eine große Chance, das nachhaltige Wirt-

Unterstützung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises

16

D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

Wird er Innovationen und Reformen antreiben oder wird er wegverwaltet werden?
Wird der Nachhaltigkeit auch wirklich
der Verfassungsrang gegeben, der ihr als
Gestaltungsprinzip der Zukunft zukommt?
Werden wir unsere institutionellen Anfänge
ausbauen können?

Nach 15 Jahren
In diesem Jahr besteht der Nachhaltigkeitsrat 15 Jahre. Das ist ein Grund zum Staunen
und zur Ungeduld. Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in der Gesellschaft angekommen.
Das mag jene erstaunen, die uns vor 15 Jahren attestierten, wir setzten auf ein Plastikwort und seien kaum mehr als ein Alibi für
regierendes Nichthandeln. Umweltschützer
befürchteten, dass ihr Anliegen im Interessenausgleich mit sozialen oder ökonomischen Zielen zu kurz komme. Das praktische Handeln hat diese Vorbehalte und
Vorurteile widerlegt. Heute wird in der
Nachhaltigkeitsdebatte wie selbstverständlich über konkrete Ziele, planetare Grenzen,
das Anthropozän und die globale Nachhaltigkeitsagenda gesprochen.

Gerade jetzt droht die politische Kraft
des Begriffs zu erlahmen.
Gerade jetzt, wo Nachhaltigkeit und
Klimaschutz global vorangebracht werden
müssen, stellt das politische Momentum
uns vor Rätsel. Was bedeutet es politisch,
wenn zwar viele Menschen schon freiwillig
beim Einkaufen auf Plastiktüten verzichten,
aber jedes Buch einzeln eingeschweißt verkauft wird und verpackte Lebensmittel den
offen angebotenen vorgezogen werden?

Damals waren wir unter den Ersten bei dem
Versuch, quantifizierte Ziele und Indikatoren in den Politikbetrieb einzubringen. Der
wehrte sich mit grundsätzlichen Vorbehalten. Heute ist das Prinzip akzeptiert und
selbst auf globaler Ebene ein mehr oder
weniger anerkanntes Format der Politik.

Wenn die Furcht vor dem Armutsrisiko
politisch ein höheres Gewicht hat als die
Bekämpfung der tatsächlichen Armut?
Wenn die Energiewende auf große öffent­
liche Unterstützung bauen kann, aber selbst
erste Schritte zur Trans­formation anderer
wichtiger Felder ausbleiben?

Immer mehr Menschen kennen den Begriff
der Nachhaltigkeit und lassen sich beim Einkauf
und im täglichen Leben davon leiten oder
versuchen es wenigstens.

Gerade auf der Welle der relativen Erfolge
sind weder Zufriedenheit noch bescheidenes Abwarten gute Ratgeber. Genaues Hinsehen auf das, was ist, und konzeptionelles
Denken über das, was kommen mag und
soll, sind jetzt gefragt.

Aber ist Nachhaltigkeit wirklich schon der
parteiübergreifende Konsens, von dem alle
reden? Und ist er auch schon ein gefestigter
gesellschaftlicher Konsens? Wie wird er in
die Regierungsbildung der 2017 zu wählenden Bundesregierung eingehen?

17

D I E D E U T S C H E N A C H H A LT I G K E I T S S T R AT E G I E

In unserer Republik hat jeder Wertekonsens
den politischen Effekt, dass er sowohl Verzagte und Geängstigte als auch Gestalter
und Mutige zusammenführt. Die Reflexe
von Abwehr und Erhaltung treffen auf Veränderungswillen und die Notwendigkeit zu
strukturellen Impulsen, wie etwa beim
Autobau oder bei der Kohleverstromung.

Das weist beispielhaft die Richtung,
wenn es um Sharing Economy und die
digitale Agenda, um Wettbewerbsfähigkeit und gutes Leben geht.

Ein „business as usual“ darf
es nicht geben, natürlich.
Es ist gut, dass sich viele hierzu bekennen.
Aber die Maxime ist trivial, solange nicht
deutlich wird, worin eigentlich das Übliche
besteht und was eigentlich mit dem aus
dem Englischen so schwer übertragbaren
Inhalt des „business“ gemeint ist. Es sind
gewiss weite Wege, die wir zu gehen haben.
Unsere republikanische Grundordnung
muss Demokratie und Markt zu Integration
und Ambition befähigen. Trotz der grundsätzlich guten Voraussetzungen wird manches wohl schwierig werden. Aber es wird
auch Chancen geben, entdeckte und noch
viel mehr solche, die uns überraschen werden. Halten wir uns bereit und nutzen wir,
was sich uns bietet.

In einer nachhaltigen Entwicklung sollte es
gelingen, ein Mehr an Verteilungsgerechtigkeit zu schaffen.

Wichtiger noch aber muss uns sein,
die Wurzel von Krise, Unbehagen und
Mutlosigkeit in Europa anzugehen.
Dazu braucht es mitreißende Ideen zur
Um­stellung des Energiesystems auf
erneuerbare Energien, zur abfallfreien
Kreislauf­ökonomie, zur gemeinwohlorientierten Pflege und Rente, zum nachhaltigen
Bauen im Gebäudebestand, zum öffent­
lichen Nahverkehr.

Nachhaltige Entwicklung heißt, Umwelt­gesichtspunkte gleichberechtigt
mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen.
Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern
und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches
Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.
RAT FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

18

W ER I S T DER R AT FÜR N ACHH A LT IGE EN T W ICK LUNG UND WA S T U T ER?

Wer ist der Rat für Nachhaltige Entwicklung
und was tut er?
NACHHALTIGKEIT HAT VIELE GESICHTER.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung wurde erstmals im April 2001 von der
Bundesregierung berufen. Ihm gehören 15 Personen des öffentlichen Lebens an.
Er berät die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitspolitik und soll mit
Vorschlägen zu Zielen und Indikatoren zur Fortentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie beitragen sowie Projekte zur Umsetzung dieser Strategie vorschlagen.
Eine weitere Aufgabe des Rates für Nachhaltige Entwicklung ist die Förderung
des gesellschaftlichen Dialogs zur Nachhaltigkeit. Mit dem Aufzeigen von Folgen
gesellschaftlichen Handelns und der Diskussion von Lösungsansätzen soll die
Vorstellung von dem, was Nachhaltigkeitspolitik konkret bedeutet, bei allen
Beteiligten und in der Bevölkerung verbessert werden.
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel setzt die nationale Nachhaltigkeitsstrategie fort und hat den RNE zum 1. November 2016 für weitere drei Jahre
berufen. Als fachlich unabhängiges Gremium berät der Rat für Nachhaltige
Entwicklung sie dabei und gibt regelmäßig Impulse zur Fortentwicklung
der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.

MARLEHN THIEME
Vorsitzende des Rates, Mitglied des Rates
der Evangelischen Kirche in Deutschland
(EKD), Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates

OLAF TSCHIMPKE
Stellvertretender Vorsitzender des
Rates, Präsident des Naturschutzbund
Deutschland (NABU)

PROF. DR. ALEXANDER BASSEN
Professor für Betriebswirtschaftslehre
an der Universität Hamburg

ULLA BURCHARDT
Mitglied des Bundestages a. D.

KATHRIN MENGES
Personalvorstand und Vorsitzende
des Sustainability Council von Henkel

ALEXANDER MÜLLER
Beigeordneter Generaldirektor der
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) a. D.,
Staatssekretär BMVEL a. D.

KATHERINA REICHE
Hauptgeschäftsführerin des Verbandes
kommunaler Unternehmen (VKU),
Parlamentarische Staatssekretärin a. D.

PROF. DR. LUCIA A. REISCH
Professorin Copenhagen Business School,
Gastprofessorin an der
Zeppelin Universität Friedrichshafen

19

DR. WERNER SCHNAPPAUF
Senior Advisor der Bank of America
Merrill Lynch in Deutschland/EMEA;
Bayerischer Staatsminister für Umwelt,
Gesundheit und Verbraucherschutz a. D.,
Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie a. D.

FRAU DR. IMME SCHOLZ
Stellvertretende Direktorin des Deutschen
Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)

PROF. DR. ULRICH SCHRAML
Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden Württemberg, Freiburg i. Br.

ACHIM STEINER
Direktor Oxford Martin School/University
of Oxford; Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen
(UNEP) a. D.

PROF. DR. HUBERT WEIGER
Vorsitzender des Bundes für Umwelt und
Naturschutz Deutschland e. V. (BUND)

HEIDEMARIE WIECZOREK-ZEUL
Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung a. D.; Vizepräsidentin
der Freunde des Globalen Fonds Europa

PROF. DR. GÜNTHER BACHMANN
Generalsekretär des Rates

VICTORIA DIEKKAMP
Stellvertretende Generalsekretärin
des Rates

Weiterführende Publikationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  Revue der Positionen – 15 Jahre Rat für Nachhaltige Entwicklung
·  Interaktive Chronik des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  www.nachhaltigkeitsrat.de

20

PROF. DR. WOLFGANG SCHUSTER
Oberbürgermeister der Landeshauptstadt
Stuttgart a. D., Vorsitzender
der Deutsche Telekom Stiftung

© Foto Bassen, Diekkamp, Menges, Schuster, Thieme, Tschimpke, Weiger: Rat für Nachhaltige Entwicklung; © Foto Mueller: Thomas Ecke; © Foto Burchardt: Ulla Burchardt; © Foto Wieczorek-Zeul: Heidemarie Wieczorek-Zeul; © Foto Steiner: Oxford Martin School;
© Foto Schraml: C. Gräber; © Foto Bachmann: Noel Tovia Matoff Copyright Rat für Nachhaltige Entwicklung;© Foto Scholz: Barbara Frommann; © Foto Reiche: Verband kommunaler Unternehmen (VKU); © Foto Reisch: Sachverständigenrat für Verbraucherfragen / photothek

W ER I S T DER R AT FÜR N ACHH A LT IGE EN T W ICK LUNG UND WA S T U T ER?

FRAGE NICHT, WAS
„NACHHALTIGKEIT“ DIR
BRINGT, SONDERN WAS
SIE DURCH DICH WIRD!

© André Wagenzik

Der erste Open SDGclub.Berlin

Open SDGclub.Berlin

Der erste Open SDGclub.Berlin
von GÜNTHER BACHMANN
Generalsekretär – Rat für Nachhaltige Entwicklung

Skepsis ist im Raum. 90 Menschen aus
32 Ländern stehen beim Empfang, viele mit
verschränkten Armen, alle skeptisch oder
zurückhaltend. Konferenzen mit überlangen,
frontalen Vorträgen kennen sie zur Genüge.
Zu oft schon wurden ihre Hoffnungen
enttäuscht. Jetzt treffen sie zum ersten Open
SDGclub.Berlin ein, den der Nachhaltigkeitsrat im November 2016 ausrichtet.

© André Wagenzik

Mit SDG sind die Sustainable Development
Goals der weltweiten Agenda für das Jahr
2030 gemeint, die die Staaten der Welt 2015
verabschiedet haben. Insgesamt sehr all­gemein, aber durchaus auch mit einigen
Zähnen, Ecken und Kanten beschreiben
sie das Anliegen, Nachhaltigkeit universell
in allen Staaten anzugehen. Sie wollen
die Menge von Lebensmitteln halbieren,
die beim Ernten verloren geht oder vor
dem Konsum weggeworfen wird. Sie
wollen Armut und Hunger bekämpfen,
aber auch eine gesunde Ernährung,
ein faires Wirtschaften und den Schutz
der Umwelt, gute Schulbildung und
nachhaltige Städte ermöglichen.

© André Wagenzik

Erstmalig wird Nachhaltigkeit
weltweit in Zielen und Zahlen greifbar.
Aber zunächst müssen die diplomatischen
Formeln in konkretes Leben umgewandelt
werden. Das erfordert Fantasie und Mut.
Auch erfordert es staatliches Handeln und
22

Open SDGclub.Berlin

die Verantwortung von Regierenden – und ein
breites Handeln in der ganzen Gesellschaft.

Und dann: Es gibt kein Rednerpult.
Die Stühle stehen in Kreisen um eine
kreisrunde Bühne in den Farben
der 17 Sustainable Development Goals.
Meine vierseitige Begrüßungsrede gebe ich
schriftlich zu Protokoll und wir starten
stattdessen mit einem Interview in freier
Rede. Schnell folgt der generelle Gedankenaustausch aller Teilnehmer. Gesprochen wird
aus der Mitte heraus. Es zählt das freie Wort.
Ob man es glaubt oder nicht, schon das ist
eine Innovation. Die Begeisterung nimmt zu.

Unsere Einladung macht ein abstraktes
Anliegen zu einer persönlichen Sache.
Aus Überzeugung soll Inspiration werden.
Offen ist der Open SDGclub.Berlin,
weil er nicht exklusiv im Hinterzimmer
stattfindet, sondern weil sich alle einbringen.
Eingeladen sind Aktive aus Nachhaltigkeitsräten oder ähnlichen Gremien, Nichtregierungsorganisationen und Wirtschaftsvereinigungen sowie aus einigen UN-Ein­rich­­tungen zur nachhaltigen Entwicklung.
Die Schreibweise „Punkt-Berlin“ signalisiert
die Idee, das Ganze in anderen Orten zu
wiederholen. Würde das nur eine weitere
folgenlose Konferenz werden, von denen es
ohnehin zu viele gibt? Reden statt handeln,
Wohlfühlen im Schutz von Gleichgesinnten?
Und am Ende nichts geschafft?
Das ist auch meine Frage. Hoffnungen
haben sie alle, aber ihre Erfahrung warnt
sie vor Enttäuschungen. Die erste Überraschung: Nur die wenigsten kennen sich,
es ist keines der üblichen Familientreffen.

Die Debatte zeigt: Was Regierungen
tun oder unterlassen, bleibt wichtig.

© André Wagenzik

Aber entscheidend sind die Ideen und
Innovationen aus der Mitte der Gesellschaft.
Das ist einfacher gesagt als getan. Denn dort,
wo staatliche Machthaber sich ohnehin
kaum für Umweltschutz, Menschenrechte
und faire Wirtschaft engagieren, lassen
sie auch den politischen Raum für nicht
staatliche Akteure gezielt schrumpfen.
Auch dort, wo die Zivilgesellschaft einseitig
auf den Staat setzt und ihn zum Schlüssel
für die Nachhaltigkeit macht, fehlen
Lösungen. Ebenso da, wo nur über, aber nicht
mit wirtschaftlichen Akteuren gesprochen
wird. Oft legt das die ambitionierten Ziele
und Aktionen sogar eher lahm und führt
zu Verdruss und unsinnigen Kämpfen
zwischen unterschiedlich zuständigen
Fachgemeinschaften, Lobbys und „Silos“.
Erst wenn die Umsetzung der universellen
Nachhaltigkeitsziele und der UN-Agenda
für nach­haltige Entwicklung zum Anliegen
der gesamten Gesellschaft wird, gibt es
eine Chance auf Durchbrüche und reale
Verbesserungen. Im inspirierenden Aus­­­tausch vielfältiger Erfahrungen entstehen

23

Open SDGclub.Berlin

neue Ideen. Der Club fragt nach dem
eigenen Tun („durch mich“), weil die Summe
mehr ist als die Addition der Teile.

In kleineren Laboratorien und unterschied­lichen Formaten erarbeitet der Club
Annäherungen an die zeitgemäße
Interpretation von Nachhaltigkeit und
an gesellschaftliche Impulse und Bewegungen
zur Überwindung festgefahrener Silos,
kurz an das, was für mich das „18. SDG“
ist (siehe unten).
© André Wagenzik

Der zweite Club-Tag ist mit „A Space for
Ideas“ überschrieben. Wir wechseln den
Versammlungsort und ziehen in eine alte
Fabrik in einem typischen Berliner Hinterhof.
Vor hundert Jahren hat es hier gedampft
und gehämmert. Jetzt scheint es so, als
würden allein die Graffiti und die übermalten Türen und Fenster das verfallene
Gebäude zusammenhalten. Die Treppe
in den dritten Stock ist dunkel und nass.
Oben dann die nächste Überraschung.
Uns erwartet ein Werk-Loft mit warmer
Atmosphäre aus alten Industrielampen,
Spinden, Holztischen und Steinwänden:
Ein Platz für Ideen. Sie entstehen, wenn
sich Erfahrungen und Erwartung treffen.
Dabei hilft, wenn sich Zukunftsdenken
mit Konzepten verbinden lässt und wenn
man Vorhandenes neu verknüpft und
Kooperationen ermöglicht.

Müssen wir nicht selbst erst einmal unsere
historische „Umweltschuld“, gemeint
ist der ökologische Fußabdruck aus
Ressourcenkonsum und klimaschädlichen
Emissionen, verringern? Gute Freunde
rieten mir, mit eigenen Vorschlägen
zurückhaltend zu sein. Was ist richtig?
Im Space for Ideas trage ich vor, welche
unserer Projekte und Erfahrungen sich
andernorts nutzen ließen. Ich spreche
über die Aktionstage zur Nachhaltigkeit
in Deutschland und Europa.

Mit geringem Aufwand erhöhen wir
das politische Profil vieler Tausend Aktionen
auf lokaler Ebene überall im Land.

Darf man als Gastgeber und vor allem auch
als Deutscher vorangehen und Lösungen
vorschlagen? Ist man nicht besser beraten,
aus der zweiten Reihe heraus zu moderieren
und zu unterstützen? Passt das nicht eher
zur traditionellen Rolle Deutschlands?

Bei den „Taten für morgen“ zeigen wir Filme,
kochen in Gemeinschaft oder machen eine
Recyclingaktion. Schon jetzt sind wir offen
für Beiträge aus der ganzen Welt.
24

Open SDGclub.Berlin

© André Wagenzik

zugehen, führen wir noch immer Rohstoffe
ein, deren Gewinnung anderswo in der Welt
ökologisch und sozial problematisch ist.
Unter allen hoch entwickelten Ökonomien
ist Deutschland eine der vitalsten.
Die Gesamtverschuldung fällt (und ist
immer noch über der Maastricht-Grenze),
die Einkommensunterschiede haben zu­letzt nicht zugenommen. Trotzdem wächst
der Unmut weiter Bevölkerungskreise.
Allein materiell lässt sich das nicht erklären.
Noch drängt uns der stumme Zwang zum
Wirtschaftswachstum in falsche Richtungen;
sowohl kulturell, sozial wie auch ökologisch
und sogar ökonomisch.
Am dritten Tag des Open SDGclubs ist
die Skepsis vollständig der Neugier auf
die eigene Kraft gewichen. Wertschätzung
schafft Vertrauen. Vertrauen wird zur Kraft
auf Gegenseitigkeit. Im Club entstehen
die ersten Pläne für eigene Aktionen
„zu Hause“. Mitgliedsausweise für den Club
gibt es nicht. Er ist ja offen, soll sich durch
die Teilnehmenden vervielfachen.
Aber dennoch wächst der Wunsch danach.
Kleine Schnipsel aus dem Bühnengrund,
von den Teilnehmenden selbst heraus­
geschnitten, dienen als Eintrittskarte für
die erneute Einladung zum SDGclub.Berlin,
den ich für 2018 ankündige. Für mich der
größte Effekt: Es wird gesungen (wo passiert
so etwas überhaupt?). „You’ll never walk
alone“ und „What a wonderful world“, mit
Stimmen aus Barcelona und St. Lucia.

Wie einfach wäre es, dies breit und aktiv
zu unterstützen? Ich spreche über den
Nachhaltigkeitskodex, den wir im Gespräch
mit Stakeholdern und in der Praxis
entwickelt haben. Er hilft Unternehmen
dabei, über ihre Beiträge zur nachhaltigen
Entwicklung zu berichten. Er kann auch
in anderen Ländern genutzt werden.
Wie einfach wäre es, das Instrument auch
außerhalb von Deutschland anzuwenden?
Unsere Konferenzen und Meetings bringen
wir konsequent auf einen grünen Pfad,
um zu zeigen, dass Nachhaltigkeit immer
konkret ist und dass auf Reden immer
Tun folgen soll. Wäre das nicht auch
anderswo nützlich?
Natürlich stehen wir in Deutschland
in vielerlei Hinsicht an Anfängen. Auch das
wird klar. Der Agrarlandschaft mangelt es
an Biodiversität. Flächenfraß, Überkonsum
und Verschwendung verdecken gute
Ansätze zu Suffizienz und Einsparungen.
Statt in ein vollständiges Recycling über­­-

Die Schlussfolgerungen?
Der Open SDGclub.Berlin hat alle Erwartungen erfüllt und macht Mut auf mehr und
bessere Multi­stakeholder-Dialoge. Besser
im Sinne ermutigender Gesprächskultur
25

Open SDGclub.Berlin

© André Wagenzik

und gleich­berechtigter Teilhabe bei Klarheit
über Konflikte und Unterschiede. Auch für
Regierungen und Parlamente – und damit
für die Demokratie – ist das nötig für die
Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit.
Das wird harte Arbeit und erfordert mehr
Mut zu Verantwortung und Führung.
Traditionelle Führungsmodelle überzeugen nicht mehr. Ein riesiger Firmensitz
schüchtert nicht mehr ein; Rang und Titel
eignen sich immer weniger zum Symbol.
Geld zählt natürlich noch und ganze
Regierungen setzen sich nach seinem
Maßstab zusammen. Aber ihre Macht­
symbole zählen nur noch innerhalb
ihrer eigenen, geschützten Reihen.

Um die Transformation zur nachhaltigen
Entwicklung als gesellschaftliche Kraft
auf allen Ebenen voranzubringen, braucht
es andere Qualitäten von Führung.

© André Wagenzik

Macht schöpfen sie aus der Integrität
von Wort und Tat. Wer lebt, was er predigt,
überzeugt auch andere. Nicht alles muss
hundertprozentig gelingen, Zielkonflikte
lösen sich nicht in Luft auf. Wichtig ist,
dass man sie bewusst und offen angeht.
Zukunft beeinflussen diejenigen am
meisten, die sich so verhalten, als wäre
die Zukunft da. Hoffnung ist nichts für
Leute, die unzureichend informiert sind.

© André Wagenzik

Herzlichen Dank an Verónica Tomei und Isolde MaginKonietzka für die inhaltliche Vorbereitung und umsichtige
Organisation und dem ganzen Club für engagiertes Mitmachen.

Weiterlesen
·  www.nachhaltigkeitsrat.de/opensdgclub/

26

Soziale
Gerechtigkeit
in Deutschland

© Rawpixel.com/Shutterstock.com

Bestandteil der
Nachhaltigkeitsagenda

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND
SOCIAL JUSTICE IN GERMANY

Menschenrechte, Chancengerechtigkeit,

Altersaufbau in Deutschland

Rechtsstaatlichkeit, Zugang zu Bildung,

Stand 2014
www.service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/

geteilter Wohlstand – die Agenda 2030

100
95

für nachhaltige Entwicklung der

90

1930

Ohne Gerechtigkeit ist eine nachhaltige

1940

85

1935

80
75

1945

Entwicklung nicht möglich.

70

1950

65

1955

von ROBER T BÖHNK E und VERÓNIC A TOMEI

60

1960

55

1965

50

1970

Der Brundtland-Bericht der Weltkommis­
sion für Umwelt und Entwicklung, der
als einer der größten Impulsgeber für Nachhaltigkeitspolitik gilt, rückte bereits 1987
den Aspekt der Generationengerechtigkeit
ins Zentrum seiner richtungs­weisenden
Definition: „Nachhaltige Entwicklung ist
eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse
der gegenwärtigen Generation deckt, ohne
die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Mit der Konferenz der Vereinten Nationen von Rio de Janeiro 1992 erhielt das
Prinzip globale Gültigkeit – nachhaltige
Entwicklung umfasst die soziale, ökologische und ökonomische Dimension. Das ist
auch die Grundlage der im September 2015
verabschiedeten Agenda 2030 und ihrer
17 globalen Nachhaltigkeitsziele. Kein Ziel
steht dabei für sich allein, sie wirken und

45

1975

40

1980

35

1985

30

1990

25

1995

20

2000
2005
2010

5

2015

700 600 500 400 300 200 100
Männer (Tausend)

15
10

0

0

0

100 200 300 400 500 600 700
Frauen (Tausend)

beziehen sich aufeinander. Die Agenda
30
führt damit die Politik- und
Diskussionsstränge der klassischen Ent­wicklungs­
politik und der globalen Nach­haltigkeits­
politik zusammen. Alle Mitgliedstaaten der
Vereinten Nationen haben sich dazu verpflichtet, diese Ziele bis 2030 zu erreichen.
Nachhaltige Entwicklung kann

Entwicklung
international
Das Leitbild
der nachhaltigen Entwicklung lässt

1987

Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung
definiert im sogenannten Brundtland-Bericht
„Unsere gemeinsame Zukunft“ das Konzept einer
nachhaltigen Entwicklung.

sich in Deutschland bis ins 18. Jahrhundert zurück
datieren. Auch in anderen Staaten und Wirtschaftsräumen hat es lange Wurzeln, die weit zurück
Entwicklung
Deutschland reichen. In Deutschland
in dieinVergangenheit
hat das Leitbild innerhalb der letzten 20 Jahre
besonderen Aufwind erhalten.
28

Quelle: Destatis

Vereinten Nationen verdeutlicht:

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

nur gelingen, wenn Gerechtigkeit und
Freiheit es den Menschen ermöglicht, ihre
Potenziale zu nutzen. Verlässliche Rahmenbedingungen, gemeinsame Werte, Chancengerechtigkeit, vertrauenswürdige Institutionen oder eine transparente und unab­hängige Rechtsprechung sind laut „Bericht
über die menschliche Entwicklung 2015“
der UNDP ¹ unerlässlich für eine lang­fristig
positive und nachhaltige wirtschaftliche
Entwicklung. Rahmenbedingungen, die
in Deutschland gegeben sind.

BEST PRACTICE

Kiron Open
Higher Education:
Hochschulbildung
für Geflüchtete

© Foto: Kiron

Kiron Open Higher Education wurde 2015 von Studenten
als Crowdfunding-Projekt gegründet. Das Ziel des Social
Start-ups ist der Abbau von bürokratischen Barrieren,
die Geflüchteten bei der Aufnahme eines Hochschul­
studiums in Deutschland entgegenstehen. Studierende
absolvieren ein zweijähriges Onlinestudium und
schließen daran ein einjähriges Studium an einer Partnerhochschule an. Kiron unterstützt die Studierenden
zudem mit Beratung und Equipment.

Das Ziel sozialer Gerechtigkeit
hat Tradition in Deutschland
Die Diskussion der sozialen Dimension von
Nachhaltigkeit ist durch den internationalen Agenda-2030-Prozess auch in Deutschland noch einmal verstärkt worden. Dabei
blicken wir auf eine Tradition, die bereits
Ende des 19. Jahrhunderts mit dem sozial
aufgeklärten sogenannten rheinischen
Kapitalismus und vor allem mit der
Sozialgesetzgebung Bismarcks begann:
Krankenversicherung, Unfallversicherung
und Invaliditäts- und Altersversicherung
der Arbeiter nahmen erste Umrisse an, um
dann bis heute zum Konzept der sozialen
Marktwirtschaft und der ökosozialen
Verantwortung heranzureifen.

Im Gegensatz zu staatlichen Hochschulen ist dieses
Studium unabhängig von Aufenthaltsstatus und -ort
sowie ohne den Nachweis von Zeugnissen möglich.
Das Bachelorstudium ist kostenfrei. Die derzeit
1.500 Studierenden können zwischen den Fachrichtungen Informatik, Sozial-, Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften wählen. Kiron konnte bereits
mit 24 Hochschulen in Deutschland, Frankreich,
Jordanien und Italien Partnerschaften abschließen.
Unterstützt wird Kiron Open Higher Education vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung und
einem Netzwerk aus Stiftungen und Unternehmen.
www.kiron.ngo/about

1  Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen

Entwicklung international

1992

2000

Der UN-Weltgipfel in Rio de Janeiro
beschließt die Agenda 21.

Entwicklung in Deutschland

Die Vereinten Nationen beschließen die acht MillenniumEntwicklungsziele u. a. zur weltweiten Bekämpfung von Armut.

26. Juni 1998

Der Abschlussbericht der Enquetekommission „Schutz des Menschen
und der Umwelt – Ziele und Rahmenbedingungen einer nachhaltig
zukunftsverträglichen Entwicklung“ des Deutschen Bundestages fordert
die Bundesregierung dazu auf, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln.

29

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

Gerechtigkeit ist dabei nicht allein Aufgabe
des Staates und der Gesetzgebung. Für
Deutschland charakteristisch ist, dass alle
gesellschaftlichen Ebenen einbezogen sind:
vom Staat über Gewerkschaften, Arbeit­
geberverbände, Nichtregierungsorgani­
sationen bis hin zu Initiativen von Bürgern
exis­tiert ein flächendeckendes Netz aus
Institutionen und Gesetzen, das dafür
sorgen soll, dass jeder die Grundvoraus­
setzungen für ein menschenwürdiges
Leben erhält. Den freien Kräften des
Marktes ist damit in Deutschland das
Instrument des sozialen Ausgleichs
korrigierend zur Seite gestellt.
Wenn wieder ins allgemeine Bewusstsein tritt,
dass sich gesellschaftlicher Wohlstand nicht allein
an der Steigerung des Bruttosozialprodukts bemisst, sondern zuallererst danach, wie eine Gesellschaft mit ihren schwächsten Gliedern umgeht,
dann werden die notwendigen Maßnahmen
zum Umbau des Sozialstaats erfolgreich sein.
HEINRICH BEDFORD-STROHM

© Foto Bedford-Strohm: ELKB / mck

Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Die Selbstorganisation der Gesellschaft ist
dabei ein hohes Gut und sichert wichtige
Funktionen des gesellschaftlichen Lebens.
Über 20 Millionen Menschen engagieren
sich ehrenamtlich unter anderem in Sport­vereinen sowie Bildungs- und Kultureinrichtungen. Ohne ehrenamtliche Arbeit

Entwicklung international

2001

Die Europäische Union beschließt ihre erste
Strategie zur nachhaltigen Entwicklung.

Entwicklung in Deutschland

30

wäre in den letzten Jahren beispielsweise
die Aufnahme der zahlreichen Geflüchteten
schwerer zu bewältigen gewesen. Auch
Genossenschaften und Wohlfahrtsverbände
sind tragende gesellschaftliche und wirtschaftliche Säulen. Das duale Ausbil­dungs­
system sorgt für gut ausgebildete junge
Menschen und eine im internationalen
Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit.
Hinzu kommt ein von der Grundschule
bis zu den Hochschulen kostenfreies
Bildungssystem in Verantwortung der
Länder. Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft haben eingespielte Verfahren
entwickelt. Konsens und Dialog, Ausgleich und Gerechtigkeit sind dabei
tragende Werte. Gerechtigkeit ist aber
kein Zustand, sondern ein fortwährender
Prozess. Die Agenda 2030 gibt auch
Deutschland Aufgaben mit auf den Weg.

Wo steht Deutschland?
Recht auf Bildung, Gleichberechtigung,
Meinungsfreiheit, die Herstellung
gleich­wertiger Lebensverhältnisse –
die Grundrechte sind elementar.
Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie
benennt an vielen Stellen die Herausforderungen und Ziele sozialer Gerechtigkeit
explizit. Laut OECD (Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung) steht in Deutschland einer

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

im internationalen Vergleich durchschnittlichen Einkommensungleichheit eine hohe
Ungleichverteilung der Vermögen gegenüber. Die großen Unterschiede zwischen
den Bundesländern spiegeln die regionale
wirtschaftliche Entwicklung wider – mehr
als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung
liegen die Einkommen in den neuen
Für mich sind die Menschen in ihrer Würde
gleich, aber nicht in ihren Lebenschancen.
Da gibt es furchtbare Diskrepanzen. Die Politik
ist dazu da, diese so weit es geht auszu­gleichen.
Es geht um Chancengerechtigkeit.
GESINE SCHWAN

© Foto Schwan: Hans-Christian Plambeck

Präsidentin und Mitgründerin der HUMBOLDTVIADRINA Governance Platform gGmbH

Bundesländern weiterhin mehr als
20 Prozent unter denen in den alten
Bundesländern, und auch dort sind
sie regional sehr unterschiedlich. Im weltweiten Vergleich sind die Ungleichheiten
der Einkommen in Deutschland noch eher
nur mäßig gravierend, zumal der deutsche
Exportüberschuss auch abmildernd wirkt.
Aber das spielt in der Diskussion innerhalb
Deutschlands kaum eine Rolle.

niedrig wie möglich zu halten ist erklärtes
Ziel. Insoweit ist Armut auch für eine reiche
Nation wie Deutschland eine Herausforderung. Das geht aus dem Armuts- und Reichtumsbericht zur sozialen Lage in Deutschland hervor. Laut statistischem Monitoring
zur nachhaltigen Entwicklung in Deutschland galten daher im Jahr 2015 10,7 Prozent
der Bevölkerung in Deutschland als
materiell depriviert, 4,4 Prozent waren von
erheblicher materieller Entbehrung
betroffen. Dies ist ein leichter Rückgang
gegenüber 2010. Wichtig sind jedoch auch
die regional starken Unterschiede: Insbesondere in Großstädten finden sich oft
geringere Einkommen als im Durchschnitt
einer Region. Höhere Wohnkosten in den
Städten führen dabei häufig zu Überlastung
der Haushaltseinkommen. Abnehmende
Bevölkerungszahlen in vielen ländlichen
Regionen führen oftmals wiederum zu
Fachkräftemangel, sinkenden Steuereinnahmen und Finanzierungsproblemen
der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Die Gerechtigkeitsfrage umfasst aber mehr
als Ungleichheit bei Wirtschaftsentwicklung, Einkommen und Vermögen. Was den
Bildungsbereich anbelangt, so verfügen
über 97 Prozent der Bevölkerung mindestens über eine Sekundarschulbildung,
das Bildungsniveau steigt beständig an:
40 Prozent einer Altersgruppe beginnen

In Deutschland gilt als „armutsgefährdet“,
wer über ein bedarfsgewichtetes Einkommen unterhalb von 60 Prozent des MedianEinkommens verfügt. Diesen Anteil so

Entwicklung international

Entwicklung in Deutschland

4. April 2001

Bundeskanzler Gerhard Schröder beruft
erstmalig den Rat für Nachhaltige Entwicklung.
Ab 2005 setzt Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
die Berufung fort.

31

17. April 2002

Verabschiedung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie durch die Bundesregierung.
Fortschreibung der Nachhaltigkeitsstrategie
ab 2004 alle vier Jahre.

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

BEST PRACTICE

Genossenschaften:
Die Gesellschaft befähigt sich selbst
Genossenschaftsmodelle existieren in Deutschland seit 1847. Die ersten Vorläufer waren
Hilfsvereine und Darlehenskassen. Sie unterstützten Landwirte beim Erwerb von Saatgut und
Düngemitteln. Die Kredite konnten mit der eingefahrenen Ernte refinanziert werden.
Heute gibt es in Deutschland rund 7.700 Genossenschaften und genossenschaftliche Unternehmen
mit mehr als 22 Millionen Mitgliedern und rund einer
Million Angestellten. Genossenschaften reagieren auf
strukturbedingte Herausforderungen: Genossenschaft­
liche Dorfläden, Dorfgasthäuser oder Schwimmbäder
gestalten die Regionen lebenswerter. Kinderbetreuung
über Familiengenossenschaften fördert die Vereinbarkeit
von Beruf und Familie. Die flächendeckende Gesundheitsversorgung wird teilweise über genossenschaftliche Ärztehäuser gesichert.

Genossenschaften auf einen Blick
Die genossenschaftliche Gruppe ist die mit Abstand mitgliederstärkste
Wirtschaftsorganisation in Deutschland. Mit mehr als 22 Millionen
Mitgliedern und fast einer Million Mitarbeitern sind die rund
Quelle: DGRV

7.700 Genossenschaften eine treibende Kraft für Wirtschaft und
Gesellschaft. Jeder vierte Bundesbürger ist statistisch gesehen
Mitglied einer Genossenschaft. Genossenschaften gibt es
in vielen verschiedenen Bereichen und Branchen.
818 (Bilanzsumme)

1.021

61 (Umsatz)

18,3

Kreditgenossenschaften

Die über 2.000 Baugenossenschaften in Deutschland
haben mehr als drei Millionen Mitglieder. Von insgesamt
über 41 Millionen Wohnungen in Deutschland werden
mehr als zwei Millionen Wohnungen von den Baugenossenschaften verwaltet.2

1,4

Raiffeisen-Genossenschaften

2.000

2,8

Wohnungsgenossenschaften

1.332

gewerbliche Waren- und
Dienstleistungsgenossenschaften

854

Energiegenossenschaften

332

Konsum- und Dienstleistungsgenossenschaften

Deutscher
Genossenschafts- und Raiffeisenverband:
Entwicklung
international
www.dgrv.de

Anzahl
Genossenschaften

4,5 (Investitionen)
122 (Umsatz)

2.250

Die Baugenossenschaftsmitglieder zahlen günstige
Mieten und treffen demokratische Entscheidungen
über ihre Wohnanlagen. Die überwiegend aus der Mitte
des 20. Jahrhunderts stammenden Wohnungen sind
zu 90 Prozent saniert und modernisiert. Neue Wohn­
formate wie Mehrgenerationenhäuser sind oft nach
dem genossenschaftlichen Modell organisiert.

191.544

0,34

0,16

0,3

86.250

27.900

611.100

2 (Umsatz)

1.200

14.000

Mitglieder Mitarbeiter

(in Mio.)

0,2 (Umsatz)

Betriebswirtschaftliche
Kennzahlen 2015
(in Mrd. EUR)

Entwicklung in Deutschland

2  Quelle: Statistisches Bundesamt

	 www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/
	EinkommenKonsumLebensbedingungen/Wohnen/Tabellen/Wohnungsbestand.html

32

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

heute ein Studium. Dennoch ist der
Bildungserfolg weiterhin stark abhängig
von der sozioökonomischen Situation
der Familien – eine zentrale Herausforderung für die Chancengerechtigkeit
in Deutschland. Das betrifft auch die
Gleichberechtigung der Geschlechter: Zwar
verfügen Frauen heute über das gleiche und
in jüngeren Altersgruppen sogar über ein
höheres Bildungsniveau als Männer – dennoch verdienen sie im Schnitt noch über
20 Prozent weniger als Männer in gleichen
Positionen. Trotz ihrer Qualifikation liegt
der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei nur 30 Prozent und damit unter
dem Durchschnitt der 28 EU-Staaten. Geschlechtergerechtigkeit ist eines der Ziele
der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.

Neue Herausforderungen oder:
Geld allein macht nicht glücklich
Wie in anderen Ländern gibt es auch in
Deutschland zahlreiche Kritiker klassischen
Wirtschaftens. Neue Arbeitszeitmodelle,
mehr Zeit für die Familie, private Ziele statt
Einkommensziele – Werte und Einstellungen verändern sich laufend. Nicht monetäre
Lebensqualität gewinnt in vielen Bevölkerungskreisen an Bedeutung. Damit verändern sich auch unsere Vorstellungen von Entwicklung, die durch die Industrial­isierung
der letzten 200 Jahre stark geprägt wurden.
Ich wünsche mir, dass Nachhaltigkeit
im Uni-Lehrplan verankert wird.
THOMAS FINGER

Zur nachhaltigen Entwicklung einer
Gesellschaft gehört aber auch: Wie passen
die Anforderungen des Arbeitsmarktes
und familiäre Verpflichtungen zusammen?
Nicht monetäre Lebensqualität gewinnt
an Bedeutung, ebenso der Wunsch vieler
Frauen und Männer, weniger zu arbeiten
und flexibel auf die familiären Anforderungen reagieren zu können. Ungleichheit
und soziale Gerechtigkeit haben viele
Dimensionen – was als gerecht oder
ungerecht gilt, ist auch immer Ausdruck
einer Zeit und ihrer gesellschaftlichen
Verhältnisse. Das gilt auch in Deutschland.

Befürworter der Green Economy kritisieren
das konventionelle Wirtschaften und
Wirtschaftswachstum als Selbstzweck.
Sie plädieren für die Orientierung auf
den klaren Nutzen für Mensch und Umwelt
und betonen, dass dieser Ansatz neue
wirtschaftliche Impulse schafft und Alternativen im unternehmerischen Denken
aufzeigt. Schon jetzt haben diese in Deutschland einen bedeutenden Marktanteil.
Das weitere Marktpotenzial ist enorm
und Start-up-Gründungen zeigen, dass
es sich auch ständig ausweitet.

Entwicklung international

Entwicklung in Deutschland

9. Januar 2004

Der Bundestag richtet den Parlamentarischen
Beirat für nachhaltige Entwicklung ein.

33

2008

Der erste Deutsche Nachhaltigkeitspreis
wird vergeben.

© Foto Finger: TRIAD Berlin

Gründer von Bamboo Bikes

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

Die „Green Economy“ umfasst den engen
Bereich der grünen Technologie, geht aber
gleichzeitig weit darüber hinaus. Nicht die
Branche zählt, sondern was ein einzelnes
Unternehmen tut. Es kommt darauf an, alte
Geschäftspraktiken umzugestalten und
neue, innovative Geschäftsfelder aufzubauen, um Produktion und Produktionsverfahren mit Nachhaltigkeitskonzepten zu
verbinden. Auch Unternehmen der
Wohnungswirtschaft, der Kreditwirtschaft
oder aus der Chemie können das.

BEST PRACTICE

Arbeitsstelle
WELTBILDER e. V.

Die Arbeitsstelle WELTBILDER ist eine Fachstelle für
Globales Lernen und Interkulturelle Pädagogik sowie ein
Experimentierraum für innovative entwicklungspolitische
Bildungsarbeit. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der
Entwicklung, Auswahl und Systematisierung ganzheitlicher Methoden und Vermittlungsformen – auch und
besonders in Richtung zukunftsfähige Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Zunehmend stellen Teile der Bevölkerung
in Deutschland das Wachstum jedoch
ganz grundsätzlich infrage, teilweise auch
das „grüne“ Wachstum. Sie fordern den individuellen Verzicht und eine Politik der
Suffizienz (genügsame Lebensstile). Noch
existiert ein starker Zusammenhang
zwischen Wohlstand, beispielsweise dem
HDI (Human Development Index), und
ökologischem Ressourcenverbrauch
→ siehe Grafik „Ökologischer Fußbadruck“.
Statt auf eine immer höhere Steigerung
des Bruttoinlandsproduktes zu setzen,
plädieren immer mehr Menschen dafür,
Fragen der Lebensqualität und neuer
Formen des Arbeitens und Zusammen­
lebens in den Mittelpunkt zu rücken.
Sie wollen eine Praxis des Teilens und
Reparierens sowie der solidarischen
Versorgung aufbauen –

Mit dem Bildungsprojekt „African Ways of Life“ stößt
die Arbeitsstelle WELTBILDER einen Image- bzw. Pers­
pek­tivenwechsel des gängigen „Afrika-Bildes“ in der
deutschen Gesellschaft an und vermittelt ein differenziertes Bild des Chancenkontinents Afrika. Das im
Herbst 2016 veröffentlichte Buch berichtet von gelungenen, ungewöhnlichen, überraschenden, nachhaltigen Beispielen eines African Way of Life.

© Foto: Lucie Kirstein

Informationen unter:
www.facebook.com/african.ways.of.life

Entwicklung international

Entwicklung in Deutschland

2009

Erster Peer Review der nationalen Nachhaltigkeits­strategie: Deutschland verfügt zwar
über gute Voraussetzungen für den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit, vermisst wird jedoch
ein zukunftsweisendes „Grand Design“ der deutschen Nachhaltigkeitspolitik.

34

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

Ökologischer Fußabdruck pro Person und
Index der menschlichen Entwicklung (HDI) nach Weltregionen (2012)
Ökologischer Fußabdruck pro Person (gha)
Hohe
menschliche
Entwicklung

14

Sehr hohe
menschliche
Entwicklung

Afrika
Naher Osten/Zentralasien

12

Asiatisch-pazifischer Raum
Lateinamerika und Karibik

10

Nordamerika
EU

8

Sonstige Länder in Europa

Deutschland

4
Weltweite Biokapazität im Jahr 1961

Weltweite Biokapazität im Jahr 2012

2

Quadrant der globalen
nachhaltigen Entwicklung

0

0,2

0,4

0,6

0,8

und damit eine höhere Lebensqualität nicht
mit mehr Ressourcen erkaufen. Eine dritte
Wachstumskritik geht noch einen anderen
Weg. Sie sieht Deutschland inmitten eines
säkularen Trends der Stagnation, die schon
seit den 1930er-Jahren als weltweite
Bedrohung diskutiert wird, wenn die
Nachfrage nach Gütern und Leistungen
chronisch zu gering ist. Die aktuellen
Sozialstaatskonzepte Deutschlands und

Entwicklung international

1

Index der menschlichen Entwicklung (HDI)
der Vereinten Nationen

anderer entwickelter Industriestaaten
geraten, so die Kritik, aus vielen Gründen
unter massiven Druck. Wie kann der
Sozialstaat auch ohne kontinuierliches
Wachstum aufrechterhalten und zukunftsfähig gemacht werden? Diese Debatte muss
intensiver geführt werden. Die Details sind
hoch umstritten; gemeinsamer Ausgangspunkt ist jedoch die Auffassung, dass ein
„Weiter so“ nicht gelingen wird.

2012

Auf der dritten Rio-Nachfolgekonferenz, „Earth Summit“,
beschließen 192 Staaten auf Vorschlag Kolumbiens und
Guatemalas, globale Nachhaltigkeitsziele zu erarbeiten.

Entwicklung in Deutschland

2011

Die von der Bundesregierung berufene Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“ empfiehlt
einen Atomausstieg bis 2022 bei weiterhin ambitionierten Klimazielen: Die Energiewende startet.

35

2013

Zweiter Peer Review zur deutschen Nachhaltigkeitspolitik:
„Deutschland hat einigen Grund, auf seine Errungenschaften im Übergang zu einer nachhaltigeren Welt stolz zu
sein. Aber die Reise ist noch lange nicht zu Ende.“

Quelle: Global Footprint Network

6

„Jeder entscheidet“
Infofilm
www.nachhaltigkeitsrat.de/mediathek/
audio-video/jeder-entscheidet/

Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

Neue Wege
Nachhaltige Entwicklung öffnet Wege für
eine offene, pluralistische und gerechte
Gesellschaft – sie ist menschenzentriert
und braucht die aktive Beteiligung aller.
Und ist damit auch ein gemeinsamer Weg
gegen Verdruss und Isolation. Der Almanach
zeigt exemplarisch die Herausforderungen
und die gesellschaft­liche Kraft und Dynamik der Veränderungsprozesse in
Deutschland hin zu mehr Nachhaltigkeit.
Der Erfolg der Energiewende in Deutschland ist ohne die breite Beteiligung der
Menschen nicht denkbar → siehe Thema
„Energiewende“. Auch nachhaltige Städte
lassen sich nicht am Reißbrett planen,

sondern sind auf die Innovationskraft
und aktive Beteiligung der Menschen vor
Ort angewiesen → siehe Thema „Stadt“.
Unser Handeln hat Wirkungen und Auswirkungen – die Agenda 2030 gibt uns
den Auftrag, unsere globale Verantwortung
hier vor Ort wahrzunehmen. Für eine
nachhaltige Entwicklung gehen viele
Unternehmen bereits jetzt „bessere“
Wege des Wirtschaftens → siehe Thema
„Wirtschaft“. Als Konsument trifft jeder
Mensch täglich Entscheidungen – Nach­
haltigkeit gewinnt dabei immer mehr an
Bedeutung → siehe Thema „Konsum“.

Weiterführende Publikationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  Verfassungsrang für Nachhaltigkeit – Rechtsgutachten
·  Länder in Entwicklung. Globale Nachhaltigkeitsziele
·  Dialoge Zukunft Vision 2050

Entwicklung international

2015

Die Vereinten Nationen verabschieden die „Agenda 2030
für nachhaltige Entwicklung“ mit 17 universell für alle Staaten
gültigen Globalen Nachhaltigkeitszielen (SDGs);
in Paris wird das Klimaabkommen beschlossen.

Entwicklung in Deutschland

2015

Der Nachhaltigkeitsrat empfiehlt die Neuausrichtung
der Nachhaltigkeitspolitik auf Grundlage
der Sustainable Development Goals.

36

2016

Ki-moon erhält den
Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

2017

Neuauflage der Deutschen
Nachhaltigkeitsstrategie.

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

Thomas Krüger
PRÄSIDENT DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG

© TRIAD Berlin

Die Ungleichheit wächst.

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

INTERVIEW

THOMAS KRÜGER
PRÄSIDENT DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE
BILDUNG

Der von der Bundeszentrale für politische
Bildung herausgegebene Datenreport
2016 stellt eine umfassende Bilanzierung
der Lebensverhältnisse in Deutschland
dar. Wie fällt die Bilanz aus? Leben wir
in einer gerechten Gesellschaft?
Zunächst werten sich statistische Daten
nicht von selbst aus, sondern es bedarf
einer Interpretation. Jeder Einzelne muss
sich selber eine eigene Meinung bilden.
Aber der Datenreport führt deutliche
Fakten vor Augen, die eingeordnet werden
können – zum Beispiel, dass Führungs­kräfte in Deutschland dreimal so viel verdienen wie normale Arbeiter, dass Frauen
im Gesamtdurchschnitt deutlich weniger
verdienen oder im Dienstleistungsbereich
in Bayern über 22 Euro und in Sachsen und
Thüringen nur 15 Euro pro Stunde gezahlt
werden. Das sind gravierende Unterschiede,
die einer Interpretation bedürfen,
und jeder kann daraus für sich die ent­
sprechende Ableitung ziehen.

Der Niedriglohnsektor führt dazu, dass
Ungleichheiten zementiert oder geöffnet werden.
Welche Schlüsse ziehen Sie
aus dem Datenreport?
Für mich ist ganz klar, dass wir eine wachsende Ungleichheit in Deutschland haben.
Der Datenreport macht das deutlich und
es bedarf verschiedenster Anstrengungen
im ökonomischen Bereich und im Bildungssektor, um diese Unterschiede in der Ge­sellschaft nicht weiter wachsen zu lassen.
Es geht in demokratischen Gesellschaften
nie um Gleichmacherei, sondern um
den gleichen oder gleichwertigen Zugang
zu Chancen. Das gilt es zu berücksichtigen.

38

Dennoch wird Deutschland ein hoher
Sozialstandard attestiert. Wo haben
wir Defizite und wie können wir
diesen begegnen?
Was die Sozialleistungen betrifft, haben
wir in der Tat hohe Standards, aber eben nur
in bestimmten Bereichen. Die OECD weist
Deutschland nur einen mittleren Platz zu,
weil auch gemessen wird, mit welchen
Konzepten auf Globalisierungs- und Entgrenzungsprozesse von Arbeitsmärkten
reagiert wird. Der Niedriglohnsektor führt
dazu, dass Ungleichheiten zementiert
oder geöffnet werden. Die sozialen
Standards relativieren sich vor diesem
Hintergrund. Deshalb gibt es bei den Sozial­standards, aber auch generell in der Wirt­
schaftsordnung einen deutlichen Nach­
holbedarf und die Politik muss mehr Gleichwertigkeit in der Gesellschaft herstellen.
Inwiefern begünstigt unser System
der sozialen Marktwirtschaft die nach­
haltige Entwicklung? Was sind positive
Faktoren und wo sehen Sie Hindernisse?
Hier gibt es natürlich großen Streit.
Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man diese Herausforderung lösen will.
Der Soziologe Stephan Lessenich ver­
deutlicht in unserem im Oktober 2016
erschienenen bpb:magazin die Bedeutung
der Instrumente der sozialen Marktwirtschaft. Seine These ist, dass die sozial­staat­lichen Maßnahmen die nachhaltige
gesellschaftliche Entwicklung eher begünstigen und stabilisieren.

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

INTERVIEW

THOMAS KRÜGER
PRÄSIDENT DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE
BILDUNG

Der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank
vertritt hingegen die Meinung, dass
die sozialstaatlichen Maßnahmen nicht
zum Abbau von Ungleichheiten führen.
Daher stellt Hank die sozialstaatlichen
Instrumente prinzipiell infrage. Ich persönlich unterstütze die Auffassung von Stephan
Lessenich. Insbesondere wenn man sich
im Längsschnitt anguckt, welche Stabilitäten in Deutschland erreicht worden sind,
muss konstatiert werden, dass die soziale
Marktwirtschaft als Wirtschafts- und
Sozialordnung diesem Land ein hohes
Maß an Stabilität beschert hat.
Gleichzeitig stellen wir aber auf der
Mikroebene eine soziale Spaltung fest,
die sich zum Beispiel in der Vermögens­
ungleichheit manifestiert. Wie können
wir gleichwer­tigere Lebensverhältnisse
schaffen?
Gleichwertigkeit darf nicht mit „gleich“
im Sinne von Gleichartigkeit verwechselt
werden. Gleichwertig heißt, dass in einer
Gesellschaft die Unterschiede in den Entwicklungschancen und in den Einkommensstrukturen nicht wegdefiniert werden
können. Menschen sind nun mal unterschiedlich und entwickeln sich im Bildungssystem verschieden. Manche schöpfen das
Potenzial mehr aus – manche weniger. Hier
gilt es, darauf zu achten, dass die Unterschiede in der Gesellschaft nicht zu groß
werden, sodass ein sozialer und gesellschaftlicher Zusammenhalt noch möglich
bleibt. Das geht natürlich nicht, wenn die
Gesellschaft weiter auseinanderdriftet und
Ungleichheit der Wirtschaftsordnung immanent wird: Wenn also einige wenige

39

Menschen viel Geld verdienen und viele
andere Menschen abgehängt werden.
Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt,
über den diskutiert werden muss. Jeder
sollte sich im Klaren darüber sein, wie viel
Ungleichheit eine offene und demokratische
Gesellschaft aus­hält. Deshalb plädiere
ich stark dafür, den Begriff der Gleichwertigkeit in den Blick zu rücken, die
Chancen gleich zu halten und die Zu­gänge
zu Chancen entsprechend zu stärken.

Bildung ist die Schlüsselressource generell.
Inwieweit hängt die Gleichwertigkeit
denn konkret mit Bildung und Demokratie
zusammen? Ist Bildung eine Schlüssel­
ressource für unsere Demokratie?
Bildung ist die Schlüsselressource generell.
Wir haben in Deutschland durch die Schulpflicht jedem Menschen den Zugang zum
Bildungssystem gewährleistet. Dennoch
setzt das deutsche Bildungssystem sehr
stark auf Selektion und benachteiligt sehr
stark bestimmte Gruppen in der Gesellschaft. Man kann sogar sagen, dass sich
Armut im Bildungssystem vererbt. Kinder
aus Arbeiterfamilien schließen im Vergleich
sechsmal weniger die Schule mit dem Abitur
ab oder haben Zugang zu universitärer
Weiterbildung als Kinder aus privilegierten
Verhältnissen. Das verdeutlicht, dass wir im
Bildungssystem nachsteuern müssen, damit
die Chancenungleichheit nicht zu groß wird,
da Bildung in der Tat ein Schlüsselkapital
im 21. Jahrhundert ist. Bildung gibt jedem
die Möglichkeit, am ökonomischen
Wachstum und Wohlstand teilzuhaben.

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

INTERVIEW

THOMAS KRÜGER
PRÄSIDENT DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE
BILDUNG

Das funktioniert aber nur, wenn jeder für
sich die Chancen und Potenziale abruft.
Dazu braucht es ein starkes familiäres und
nachbarschaftliches Umfeld, dazu braucht
es die gesellschaftliche Soli­darität und
natürlich auch einen eigenen Willen und
eine eigene Motivation, das Beste aus seiner
Bildungskarriere zu machen.
Wie kann ein komplexes Thema wie Nach­
haltigkeit besser im Bewusstsein veran­
kert werden? Wie kann Nachhaltigkeit
stärker kommuniziert werden?

Ich glaube, dass Nachhaltigkeit eine Klammer ist,
um in dieser Gesellschaft Verschiedenheiten auszuhalten und eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen.
Nachhaltigkeit darf kein Zuständigkeitsthema werden. Nachhaltigkeit ist ein Thema,
das Grenzen sprengt, das interdisziplinär ist,
das eben nicht nur Umwelt und die Energiefrage ist. Ich finde, Nachhaltigkeit kann
auch sehr gut im Bildungssektor kenntlich
gemacht werden. Eine nachhaltige Bildung
ist eine, die all­gemeine Zugänge ermöglicht,
die die Bildungs­potenziale der vielen in den
Blick nimmt und nicht nach kognitiven
Maßstäben und nicht nach der Höhe des
Intelligenzquotienten misst, sondern
danach, was jemand mit seinem Potenzial in
der Gesellschaft beitragen kann. Ich glaube,
dass Nachhaltigkeit eine Klammer ist,
um in dieser Gesellschaft Verschieden­heiten auszuhalten und eine gemeinsame
Zukunft zu ermöglichen.

40

Die bpb ist selbst sehr aktiv in der
Bildungsförderung von bildungs­fernen
Schichten. Sie haben zum Beispiel das
Programm „Zusammenhalt durch Teilhabe“
ins Leben gerufen oder kooperieren mit
Sendungen wie „Berlin – Tag und Nacht“.
Warum gehen Sie diese Wege?
Das Programm „Zusammenhalt durch
Teilhabe“ zielt auf demokratische Defizite
im ländlichen Raum ab. Das ist eine
der meistunterschätzten Entwicklungen,
die wir stärker zum politischen Thema
machen müssen. Es gibt eine massive
Bewegung vom Land in die Städte,
die zu erheblichen Defiziten im ländlichen
Raum führt, auch zu demokratischen
Defiziten. Wir beobachten hier den Rückbau
von öffentlicher Infrastruktur und das
Zurückbleiben von bildungsbenachteiligten
Zielgruppen. Diejenigen, die im Bildungs­
bereich Erfolg haben, wandern im Sinne
eines Brain-Drains in die Städte ab.
Das erfordert ein Umsteuern – beziehungsweise ein Stabilisieren von demokratischen
Potenzialen im ländlichen Raum. Wir haben
deshalb Demokratie-Trainer-Ausbildungen
realisiert und mittlerweile haben über
700 Leute teilgenommen.

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

INTERVIEW

THOMAS KRÜGER
PRÄSIDENT DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE
BILDUNG

Der zweite Punkt hat mit einer politischen
Bildung zu tun, die dem Leitsatz folgt, dass
politische Bildung für alle da ist. Wenn wir
eine Klientel adressieren, die nicht mehr
liest oder keine klassischen Instrumente
wie Seminare in Bildungsstätten besucht,
dann müssen wir uns überlegen, wie wir
diese Menschen erreichen können.
Natürlich erreichen wir sie am besten,
wenn wir an ihre Alltagswelten und Mediengewohnheiten anknüpfen. Wir beobachten,
dass bildungsbenachteiligte Zielgruppen
verstärkt Privatfernsehen und online WebVideo-Formate nutzen. Da scheuen wir uns
nicht, jeden potenziellen Kooperationspartner zu adressieren. „Berlin – Tag und
Nacht“ ist nicht gerade als ein politiknahes
Format, sondern als Entertainment-Format
bekannt. Aber warum sollte in einem solchen Format nicht auch politischer Inhalt
untergebracht werden? Vor den letzten
Bundestagswahlen haben wir einen Wettbewerb zur Thematisierung der Bundestagswahl ausgelobt. Die uns sympathischste
und nahe­stehendste Möglichkeit war
der Einsatz des Wahl-O-Mats. Als der WahlO-Mat in der Sendung genutzt wurde,
sind seine Abrufzahlen in dieser Stunde
exorbitant gestiegen.

41

Über solche Formate bekommen wir so
niedrigschwellig den Zugang zu politischen
Themen. Eine zweite Variante dafür sind
Web-Video-Formate. Wir haben uns gerade
mit den Begriffswelten des Islams aus­
einandergesetzt. Dafür haben wir mit
so­genannten Influencern, in diesem Fall
mit YouTube-Stars wie Hatice Schmidt,
zusammengearbeitet. Hatice Schmidt,
eine Beauty-Bloggerin, ist mit einem deutschen Mann verheiratet und ermutigt
ihre Klientel, vor allem junge Muslimas,
dazu, sich mit Beauty-Fragen auseinanderzusetzen. Dieses Angebot hat eingeschlagen,
weil die Leute natürlich nicht nur über
Lippenstifte reden, sondern auch über

Will politische Bildung für alle da sein,
muss sie sich öffnen und neue,
innovative Wege gehen.
religiöse und weltliche Lebensbezüge:
Wir hatten mehrere Hunderttausend
Downloads und viele Kommentare. Auch
die Salafisten haben versucht, ihre Botschaften unterzubringen. Aber wir waren
vorbereitet und haben mit professionellen
Islamwissenschaftlerinnen kommentiert
und die kritische und kontroverse Auseinandersetzung gesucht. Das sind neue Formate
im Bereich der poli­tischen Bildung, über
die wir Leute erreichen, die wir auf anderen
Wegen überhaupt nicht mehr erreichen
können. Wenn politische Bildung steuer­
finanziert ist, muss sie sich fragen lassen,
ob sie wirklich für alle da ist. Will sie für
alle da sein, muss sie sich öffnen und neue,
innovative Wege gehen.

SOZIALE GERECHTIGKEIT IN DEUTSCHLAND

INTERVIEW

THOMAS KRÜGER
PRÄSIDENT DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE
BILDUNG

Welche Chancen und Herausforderungen
bieten der demografische Wandel und
die Zuwanderung für uns?
Das ist ein sehr kompliziertes Thema,
weil viele Menschen Zuwanderung als eine
große Gefahr sehen und sich einbilden,
dass Homogenität und Abschottung die
Rettung seien. Wir wissen aus den ökono­
mischen Entwicklungen und aus dem
Globalisierungsprozess, dass dem nicht
so ist – ganz im Gegenteil. Jetzt stellt sich
die Frage, wie Zuwanderung als Chance
vermittelt werden kann. Hier ist es wichtig,
auf die Erfolge von Menschen hinzuweisen,

Es ist ein gutes Zeichen, dass sich viele Leute
mit völlig unterschiedlichen Biografien
für Deutschland engagieren.
die mittlerweile in zweiter oder dritter
Generation in Deutschland leben und sich
mit ihrer Herkunftskultur gar nicht mehr
richtig identifizieren, sondern sich selber als
Deutsche mit unterschiedlichen Wurzeln
sehen. Es gibt verschiedene Vereine, die sich
gegründet haben, sogenannte „Neue Deutsche Vereine“, mit denen wir kooperieren.
Die Neuen Deutschen Vereine machen
deutlich, dass sie zu diesem Land stehen,
aber eben noch eine andere Perspektive
in die Gesellschaft einbringen. Dazu gehört
leider auch die Erfahrung von Diskrimi­
nierung, und damit muss man sich kritisch
auseinandersetzen. Von diesen Vereinen
können wir noch viel lernen. Mein Lieblingsverein heißt Deutscher Soldat e. V. und wird
repräsentiert von einem Deutsch-Libanesen
und einer Deutsch-Afghanin.

42

Beide sind in der Bundeswehr in Krisenund Kriegsgebieten unterwegs und nehmen
internationale Verantwortung für dieses
Land wahr. Ich finde, es ist ein gutes Zeichen,
dass sich viele Leute mit völlig unterschied­
lichen Biografien für Deutschland engagieren. Deshalb muss Zuwanderung als
Gewinn für diese Gesellschaft dokumentiert
werden, die eine Perspektive schafft. Der
demografische Wandel ist nicht eine Gefahr,
sondern eine große Chance für dieses Land.
Zum Abschluss bitte noch ein persönliches Statement: Für mich bedeutet
Nachhaltigkeit, dass …
… wir vor allem ein Bildungssystem schaffen,
das allen einen Zugang gibt und Möglichkeiten bietet, sich in einer Gesellschaft zu
positionieren. Und zwar in einer offenen und
demokratischen Gesellschaft, die keinen
zurücklässt, aber trotzdem
versucht, die demokratische Gesellschaft
als Grundprinzip hochzuhalten.

Anders planen

© superburo / Shutterstock.com

Neue Herausforderungen
für unsere Städte

ANDERS PLANEN

Weltweit wachsen die Städte –
insbesondere in den Ländern Afrikas
und Asiens. In Deutschland leben
bereits heute drei Viertel der Bevölkerung in Städten. Statt neue Städte
zu planen, sind wir herausgefordert,
bestehende Städte, Häuser und
Infrastrukturen nachhaltig zu machen.
Wie nachhaltig sind deutsche
Städte schon heute und was wird
konkret unternommen?

und Versorgung. Die schrumpfenden
Gemeinden sehen sich dagegen mit der oft
schwierigen Aufgabe konfrontiert, die
Lebensqualität der Menschen zu steigern
und aus der Verringerung der Bevölkerung
Nutzen für neue Formen von Stadtkultur
zu schöpfen. Natürlich müssen sie lernen,
ihre nun oftmals überdimensionierte
Infrastruktur anzupassen. Auch für die
„Schwarmstädte“ hat der neuerliche Zuzug
nicht nur Vorteile: Steigende Mieten,
knapper Wohnraum und eine mangelnde
Zahl von Kindertagesstätten zählen ebenso
zu den unerwünschten Folgen wie eine
Zersiedelung des Umlands, Lärm- und
Schadstoffbelastung oder stark beanspruchte Verkehrssysteme – Probleme, aus
denen sich wiederum Fragen sozialer
Gerechtigkeit und Teilhabe ergeben.

von SUSANNE EHLERDING und ROY FABIAN

Im Juli 2000 sah der damalige UNOGeneralsekretär Kofi Annan eine Zeiten­­­wende heranbrechen. „Wir sind in das
Jahrtausend der Städte eingetreten“,
sagte er während einer Rede in Berlin. Seine
Einschätzung hat bis heute Bestand: Derzeit
lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen, bis 2050 werden
es voraussichtlich mehr als zwei Drittel sein.

Ausländische Beobachter loben deutsche
Städte für ihr engagiertes Bürgertum und
eine lebendige Zivilgesellschaft, für
Sauberkeit, einen engmaschigen und
sicheren öffentlichen Personennahverkehr
sowie den anderswo eher unbekannten
Typus des kommunalen Unternehmens.
„Gleichzeitig verbrauchen deutsche Städte
pro Einwohner vier bis fünf Mal mehr
Ressourcen, als ihnen durchschnittlich
weltweit zusteht“, sagt Stefan Kuhn vom
Verband Local Governments for Sustain­
ability (ICLEI) und ergänzt damit das Bild.

In Deutschland sind bereits heute drei von
vier Bürgern in Städten oder deren dicht
besiedeltem Umland zu Hause. Metropolen
wie Berlin, Hamburg oder Leipzig, aber auch
kleinere Städte wie Heidelberg, Jena oder
Münster verzeichnen sogar ein deutliches
Wachstum – ein Trend, der bis auf Weiteres
anhalten wird.
Die Konsequenzen sind weitreichend.
Attraktive Städte versprechen bessere
Chancen für Ausbildung und Beruf, Kultur
44

ANDERS PLANEN

Angesichts dieser Gemengelage ist daher
auch in Deutschland relevant, was die
Vereinten Nationen als Ziel für nachhaltige
Entwicklung formuliert haben:
„Städte und Siedlungen inklusiv, sicher,
widerstands­fähig und nachhaltig machen.“

Stadt der kurzen Wege
Als ein Leitbild hat sich die Stadt und
Region der kurzen Wege herauskristallisiert.
Darin sollen alltägliche Ziele sicher und
zeitsparend im sogenannten Umweltverbund erreichbar sein – also zu Fuß, mit
dem Fahrrad oder dem öffentlichen
und allgemein zugänglichen Personen­
nahverkehr (ÖPNV).

Die konzeptionellen Ansätze dafür sind
vorhanden. „In der deutschen Stadt- und
Raumplanung gibt es schon lange den
Kerngedanken, Ressourcen effizient zu
nutzen und zugleich in allen Teilräumen
Entwicklungen zu ermöglichen“, sagt Rainer
Danielzyk, Professor an der Universität
Hannover, und verweist auf das Raumordnungs- und Baurecht, das ausdrücklich eine
nachhaltige Entwicklung vorsieht.

Ziel ist es, die Dominanz des Autos
aufzubrechen. Knapp drei Viertel der im
deutschen Personenverkehr gefahrenen
Strecken werden mit dem eigenen Pkw
zurückgelegt. Die Umwelteffekte sind
erheblich: Vor allem Ballungsräume
haben mit schadstoffbelasteter Luft und
Straßenlärm zu kämpfen. In mehr als
50 deutschen Städten gibt es daher bereits
Umweltzonen, in denen nur Fahrzeuge mit
bestimmten Abgasstandards zugelassen
sind. Mancherorts, wie in Freiburg oder Köln,
existieren sogar ganze Viertel, in denen Pkw

Mobilität in Stadt und Land

4,3 %
1,8 %

42,4 %
13,4 %
Berlin
Zu Fuß	
Fahrrad	
MIV	
ÖPV	

7,7 %
6,9 %

4,3 %
7,7 %
45,3 %
42,4 %

Lemwerder
Zu Fuß	 1,8 %
Fahrrad	 6,9 %
MIV	
77,8 %
ÖPV	
13,4 %

Lem
we r de r

Be r l i n

45

45,3 %
77,8 %

Quelle: Mobilität in Städten – SrV 2013, TU Dresden

Dass sich diese Vorgabe nicht ohne Weiteres
in die Praxis übersetzt, wird noch am
Beispiel des Flächenverbrauchs für neue
Siedlungen und Gewerbegebiete zu zeigen
sein. Auch das Thema urbane Mobilität ist
Gegenstand anhaltender Debatten.

ANDERS PLANEN

mehr oder weniger ausgeschlossen sind.
Zudem will die Bundes­regierung den
Bei­­trag des Autoverkehrs zum Klimawandel
redu­­zieren: Derzeit verursacht er pro Jahr
rund 100 Millionen Tonnen KohlendioxidÄquivalente, ein Zehntel der Gesamt­
emissionen. Diese Werte sollen bis 2030
um rund 40 Prozent und bis 2050 sogar
auf null sinken.

grenzen zeigt Ermutigendes. So wurde
das Karlsruher Straßenbahnnetz an Eisenbahnstrecken im Umland angeschlossen,
um Pendlern die Fahrt in die Stadt zu erleichtern – ein Modell, das mittlerweile
unter dem Label „Tram-Train“ u. a.
auch in Saarbrücken oder Kassel läuft.
Ich achte darauf, möglichst wenig zu
fliegen und dafür andere Verkehrsmittel
zu nutzen oder mit dem Rad zu fahren.

Hierfür werden in Städten und Gemeinden
erhebliche Anstrengungen nötig sein –
weit jenseits der erforderlichen technischen
Innovationen. Denn bislang wurden
tech­­nische Effizienzgewinne bei Energieverbrauch und Abgasausstoß regelmäßig
dadurch „aufgefressen“, dass die Menschen
immer mehr Auto fahren – und zwar in
zunehmend größeren und schwereren Pkw.

HARALD WANGER
Student

In der Fachwelt gilt daher zweierlei als
ausgemacht: Das Auto muss klimaneutral
und auf erneuerbare Energien umgestellt
werden. Allerdings ist Deutschland hierbei
noch lange nicht so weit wie nötig und
per politische Zielangabe (eine Million
Elektro­autos im Jahr 2020) vorgegeben.
Außerdem muss die öffentliche Mobilität
gestärkt werden, denn hier sind die
Pro-Kopf-Emissionen deutlich geringer;
überdies benötigen Straßen- oder Stadtbahnen im Vergleich zum Auto mindestens
drei Mal weniger Raum pro Fahrgast.

Ebenso wichtig ist die Aufwertung des
Fuß- und Radverkehrs. Dies meint nicht nur
den Ausbau entsprechender Wegenetze,
sondern auch, die Verkehrs- mit der
Siedlungsplanung abzustimmen. Durch
neue Bau- und Wohnformen können so
funktional gemischte Quartiere entstehen
– und Wege verkürzt werden.

Schon heute ersetzen Bus, U- und S-Bahn
sowie Tram oft den eigenen Pkw, in den
Großstädten nutzt sie fast jeder zweite
Einwohner mindestens einmal pro Woche.
Nun geht es darum, den ÖPNV mit Fuß- und
Radverkehr sowie Bike- und Carsharing zu
verbinden. Der Blick über die Gemeinde46

© Foto Wanger: TRIAD Berlin

Nachhaltige Mobilität in Deutschland
hat viele Facetten: Städte wie Hannover,
Dresden, Leipzig oder Berlin machen
konkrete Fortschritte, in anderen fehlt es
jedoch neben Geld auch an genauen
Vorgaben zur künftigen Mobilität. Diese
seien aber wichtig, sagt Jürgen Gies,
Mobilitätsexperte am Deutschen Institut
für Urbanistik. „Je weniger Interpretationsspielraum es gibt, desto mehr entfaltet sich
ein gewisser Handlungsdruck.“ Zudem sei
ein Ausbau der öffentlichen Verkehrs-Kapazitäten dringend notwendig. „Denn für
viele ist es immer noch bequemer, morgens
mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, als sich
in eine überfüllte Regional- oder U-Bahn
zu quetschen“, sagt Gies.

ANDERS PLANEN

Noch nimmt die Wohnfläche pro Person
immer weiter zu. Viele alte Menschen
wollen zu Recht in dem Eigenheim wohnen
bleiben, das einst für eine ganze Familie
gebaut wurde. Außerdem wächst die Zahl
der Singlehaushalte in den Großstädten,
was die Wohnfläche pro Kopf ebenfalls
statistisch vergrößert. Weiterhin ist das
frei stehende Eigenheim im Grünen noch
immer der Traum vieler Deutscher. Die
Folge sind noch mehr Neubausiedlungen
auf der „grünen Wiese“, auch Gewerbegebiete werden noch in landwirtschaftliche
Flächen hineingeplant. So nimmt die
Zersiedelung immer noch zu, weit weniger
zwar als noch vor Jahren, aber spürbar in die
falsche Richtung. Das will die Bundesregierung ändern und hat in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen, den Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr bis
zum Jahr 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag
zu verringern. 2002 lag er bei 129 Hektar am
Tag, aktuell liegt er bei 70 Hektar am Tag.

Die verdichtete Stadt:
Nachhaltiges Bauen und Wohnen
Wie ansprechend nachhaltiges Bauen sein
kann, zeigen die mittelalterlichen Städte in
Deutschland. Nur aus Holz und Lehm
wurden die schönen Fachwerkhäuser einst
gebaut und haben doch Jahrhunderte
überdauert.
Natürlich sehen die meisten deutschen
Städte anders aus als diese Puppenstuben,
viele Gebäude wurden nach dem Zweiten
Weltkrieg errichtet. Auch das urbane Leben
selbst hat sich verändert: Konnte man
früher noch alle Wege zu Fuß machen, sind
die Distanzen heute länger geworden.
Das liegt an der schieren Größe der Städte,
aber auch an der Trennung von Wohnen
und Arbeiten, die international mit der
Charta von Athen ab 1933 als moderner
Städtebau galt, aber insgesamt in eine
falsche Richtung wies. Heute zeigt sich
die Attraktivität von Städten oft in der
Mischung der Nutzungen und in engmaschiger Vielfalt.

Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche

Gebäude- und Freifläche, Betriebsfläche¹

in Hektar pro Tag

Erholungsfläche, Friedhof
Verkehrsfläche

120

120

gleitender Vierjahresdurchschnitt

80
69
63
40

Ziel:  
unter 30

0
1993 – 1996

2000

01

02

03

04

05

06

07

1  ohne Abbauland

47

08

09

10

11

12

13

14

2030

Quelle: Statistisches Bundesamt 2015

120

ANDERS PLANEN

Sie folgt damit einer Empfehlung des Nachhaltigkeitsrates. Das Ziel – 30 Hektar – steht
als Symbol für die Zukunftsstadt: bunter,
dichter, attraktiver, nachhaltig. Dieses Ziel
wirkt in alle Bereiche hinein. Wer es
in seiner Stadt gut umsetzt, schützt
die Umwelt, stärkt die finanzielle
Selbstbestimmung der Kommune,
fördert den sozialen Zusammenhalt,
ermöglicht flexible Wohnformen,
verbessert die Innenstadt und
macht die Kommune attraktiver.

dick mit Erde bedeckt, dass sogar Bäume
darauf wachsen können, und hinter den
Häusern verläuft ein Grünzug, der den nahe
gelegenen Park mit Grünflächen in der
Nachbarschaft verbindet.

In stark wachsenden Städten stellt sich
die zentrale Frage nach der Schaffung
von bezahlbarem Wohnraum. In diesem
Zusammenhang müssen wir insbesondere
auf den sozial verträglichen Umgang
mit dem Bestand achten, der Gentrifizierung
entgegen­wirken sowie gute moderne
und kosten­günstige Lösungen finden.
Die Erhaltung und Schaffung sozial
verträglicher Strukturen ist keineswegs
ein Selbstläufer, sondern erfordert immer
wieder Verhandlungen – mit Bürgerinnen
und Bürgern und Investoren.

Diesem Ziel dient auch die Überarbeitung
des Baurechts. Die Bundesregierung will
hier eine neue Kategorie schaffen, die
„urbanen Gebiete“. Dort soll man dichter
und höher bauen dürfen. Auch die
Lärmschutzauflagen werden abgesenkt,
sodass ein Nebeneinander von Wohnen
und Arbeiten möglich wird. Ziel ist eine
„Verdichtung“, nämlich das Bebauen von
Flächenreserven innerhalb der Stadtgrenzen. Brachflächen oder ehemalige mili­tärische Liegenschaften können so „recycelt“
werden. Rein rechnerisch stünden hierfür
bundesweit mehr als 100.000 Hektar zur
Verfügung. Allerdings sind Angebot und
Nachfrage nicht immer deckungsgleich:
Wo viele Menschen wohnen wollen,
nämlich in den Großstädten, sind die
Flächen oft schon gut ausgenutzt.

DR. ULRICH MALY

1,1 Millionen zusätzliche Wohnungen
könnten zudem durch das Aufstocken von
Dachflächen entstehen, ermittelte kürzlich
die Technische Universität Darmstadt. Altes
umzunutzen statt neu zu bauen wäre ganz
im Sinne von Architekten wie Daniel
Fuhrhop. Er hat viel Aufsehen erregt mit
seinem Buch „Verbietet das Bauen“.
Denn in neuen Häusern sei viel „graue“
Energie in Form von Beton verbaut,
argumentiert Fuhrhop. Doch um Dinge
zu verbieten, braucht man in einer
pluralistischen und föderalen Gesellschaft
mit kommunaler Planungshoheit einen
extrem breiten Konsens – zumal Nachhaltigkeit auch bedeutet, dass Dinge sozial
von Bestand sein sollen.

Ein Wohngebiet mit Vorbildcharakter
entsteht auf einer Brache mitten in Berlin:
Im Quartier Bautzener Straße sind die
Wohnungen klein und nutzen modernste
Formen erneuerbarer Energien. So wird ein
Gutteil der Wärme zum Heizen aus einem
Abwasserkanal gewonnen, der entlang des
Grundstücks verläuft. Die Dächer sind so
48

© Foto Maly: Stadt Nürnberg / Ludwig Olah

Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

© Dietmar Strauß

ANDERS PLANEN

Alle Nominierten für den diesjährigen
DGNB-Preis vereinen Nachhaltigkeit, Innovation und gestalterische Qualität und zeigen
auf beispielhafte Weise auf, wie Gebäude
unterschiedlicher Nutzungstypologien
den Menschen in den Fokus rücken und zu
dessen Lebensqualität beitragen können.
MARTIN HAAS

NACHHALTIGKEITSPREIS BAUEN

DGNB Vizepräsident

GEWINNER 2015
In Deutschland muss der Bestand an
Gebäuden grundlegend fit für Energie­
effizienz und moderne Energiestandards
gemacht werden. Schließlich dauert die
Heizperiode in Zentraleuropa mindestens
sechs Monate pro Jahr. Dabei entsteht
rund ein Viertel aller energiebedingten
Treibhausgasemissionen.

Generalsanierung und
Aufstockung Wohnhochhaus
in Pforzheim
Für das in den 1970er-Jahren erbaute Wohnhochhaus in
zentraler Lage Pforzheims wurde unter dem Primat der
„Ästhetischen Nachhaltigkeit“ ein interdisziplinäres Generalsanierungskonzept erarbeitet. Photovoltaik­module
und eine Kleinwindkraftanlage auf dem Dach erzeugen
erneuerbaren Strom aus eigenen regenerativen Quellen.
Durch die Verwendung recyclingfähiger Baustoffe und
den Verzicht auf Verbundkonstruktionen konnte bei der
Generalsanierung und Aufstockung des Wohnhochhauses die eingesetzte graue Energie reduziert werden.
Überzeugend ist auch die nur moderate Anpassung der
Mieten, denen etwa 10 Prozent der ursprünglichen Energiekosten bei erheblich gesteigertem Wohnkomfort
gegenüberstehen.

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges
Bauen – eine Initiative von Architekten,
Bauingenieuren, Projektentwicklern
und Bauunternehmern sowie Herstellern
von Bauprodukten – geht hier neue Wege.
Sie legt ambitionierte Standards für
Neubauten fest und prämiert die besten
Praxisbeispiele – eine partnerschaftliche
Herangehensweise, die das „Made in
Germany“ vorantreibt und die Kreativität
und innovatives Denken hervorbringt.

49

© Foto Haas: Holger Hill

www.dgnb.de

ANDERS PLANEN

© Carolin Hirschfeld

Eine offensive kommunale
Informationspolitik trägt in Delitzsch
mit dazu bei, die Einwohner für die Ziele
einer nachhaltigen Stadt zu begeistern
und aktiv in Prozesse rund um die
Stadtentwicklung einzubinden.
DR. MANFRED WILDE
Oberbürgermeister der Stadt Delitzsch

NACHHALTIGKEITSPREIS BAUEN

Schmuttertal-Gymnasium
Diedorf
Das Schmuttertal-Gymnasium Diedorf ist ein Gebäude
mit Plusenergiestandard, errichtet in Modulbauweise, um
eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen des
pädagogischen Konzepts zu ermöglichen. Der Holzbau
nutzt eine durchgehende digitale Datenkette von der
Planung über die Fertigung bis zur Montage und bietet
damit eine effiziente und rationale Fertigung mit sehr
kurzer Bauzeit. Durch die Holzkonstruktion kommt ein
nachwachsender Baustoff zum Einsatz, der nur wenig
graue Energie benötigt und eine gute CO₂-Bilanz ermöglicht. Der Einsatz hocheffizienter Haustechnik­systeme
und einer Photovoltaikanlage mit einer Nennleistung
von 440 kWp ermöglicht die Erzeugung von mehr
Energie, als verbraucht wird.

Ein anderes Beispiel zeigen Genossenschaften wie die Wohnungsbaugenossenschaft
Märkische Scholle in Berlin. Sie ist gemeinnützig und hat nur einen Teil der Modernisierungskosten auf die Miete umgelegt.
Den Rest finanziert sie quer. So zahlen die
Bewohner kaum mehr als vorher, leben aber
in vorbildlich sanierten Gebäuden, die fast
ausschließlich durch erneuerbare Energien
mit Strom und Wärme versorgt werden.
Menschen, die im ländlichen Raum oder

www.schmuttertal-gymnasium.de

50

© Foto Wilde: Stadt Delitzsch

Das Aktivhaus – ein Haus, das mehr Energie
selbst erzeugt, als seine Bewohner
verbrauchen – ist heute eine Realität und
seine Standards gehen nach und nach in
den Städtebau über. Besonders zukunftsweisende Projekte werden jährlich durch
die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges
Bauen (DGNB) ausgezeichnet. Auch in der
Wohnungswirtschaft tut sich viel, wie das
Beispiel des Berliner Märkischen Viertels
zeigt. Viele Unternehmen der Wohnungswirtschaft wenden den Deutschen Nachhaltigkeitskodex an und modernisieren
so ihre Verfahrensweisen.

GEWINNER 2016

ANDERS PLANEN

in Kleinstädten leben, empfinden sich
hingegen oft als abgehängt. Sie beklagen
eine schlechte ärztliche Versorgung sowie
fehlende Bildungs- und Arbeitschancen.
Schon wird davon gesprochen, dass der
ländliche Raum in Ost und West in den
Genuss eines Solidaritätszuschlags
kommen muss.

Die grüne Stadt:
Die Rolle der Natur

© Foto Messari-Becker: Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU)

In Zeiten von Klimawandel und Rohstoff­
knappheit ist eine Kreislaufwirtschaft
im Bausektor nicht nur eine ökologische
Notwendigkeit, sondern auch ökonomische
Vernunft. Unsere gebaute Umwelt hat zudem
soziokulturelle Funktionen zu erfüllen. Beim
Wohnen etwa geht es, neben Qualitäten wie
flächeneffizienten Grundrissen, schad­stoff­freien Baustoffen sowie energieeffizienter
Gebäudehülle und -technik, um das Zuhause.
Ein nachhaltiges Stadtquartier ist sozial
und ökonomisch stabil, beliebt und bietet
hohe Lebensqualität. Hier kommt es auf
gute Infrastruktur, nachhaltige Mobilität
und soziale Durchmischung an. Am Ende
identifizieren sich die Menschen nur dann
mit ihrem Umfeld, wenn es lebenswert ist.
PROF. DR. LAMIA MESSARI-BECKER

Hannover oder Berlin haben ihren Wert
daher in Form entsprechender Strategien
unterstrichen, und im Bündnis „Kommunen für Biologische Vielfalt“ tauschen sich
rund 100 Gemeinden über naturschutzfachliche Belange aus. Auch die Bundesregierung fördert regelmäßig Vorhaben mit
Bezug zu „urbaner Wildnis“.
Dennoch stellt ein Bericht des Forschungsprojekts „Naturkapital Deutschland“ fest,
dass viele Kommunen die Ökosystemleistungen von Stadtnatur bislang nicht oder
unzureichend berücksichtigen. Um ein
Wachstum der Städte ins Umland zu verhindern und den Verkehr zu reduzieren, sei
Innenverdichtung zwar nachvollziehbar,

© kadenundpartner

Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik,
Universität Siegen

© pexel

Ein weiteres kritisches Thema im Zuge der
beschriebenen Umwälzungsprozesse ist die
Stadtnatur. Denn von „grünen Infrastrukturen“ hängt die Lebensqualität in Städten
entscheidend ab. Grünflächen, Straßenbäume und Stadtwälder beugen in Zeiten
des Klimawandels Hitzestress vor und
puffern heftige Niederschläge ab. Weiterhin
säubern sie die Luft, dämpfen Lärm und
helfen bei der Trinkwasserneubildung.
Stadtnatur ist zudem ein Begegnungs- und
Erholungsraum, in Form von Klein- oder
Gemeinschaftsgärten kann sie sogar zur
Lebensmittelversorgung beitragen.

51

ANDERS PLANEN

sagt Ingo Kowarik, Ökologieprofessor an der
Technischen Universität Berlin und
leitender Autor des Berichts. „Allerdings
gerät sie an ihre Grenzen, wenn die
Menschen nicht mehr in den Genuss der
vielfältigen Wohlfahrtswirkungen von
Stadtnatur kommen.“

Den Kosten von 4,5 Milliarden Euro stehen
Analysen zufolge volkswirtschaftliche
Effekte in mehr als doppelter Höhe
gegenüber.
Ein Management nachhaltiger
Stadtentwicklung setzt das
Bewusstsein und die Bereitschaft
voraus, Nachhaltigkeitsthemen
ernsthaft und konsequent
im täg­lichen Tun umzusetzen,
in Gremien, auf Mitarbeiterebene
in der Verwaltung, in der Politik.

Auch die Tier- und Pflanzenwelt leidet.
Erstaunlich viele Arten haben sich in den
Städten ökologische Nischen erschlossen.
Angesichts zunehmend ausgeräumter
Landschaften ist Stadtnatur daher in ihrer
Rolle für die biologische Vielfalt nicht zu
unterschätzen. Die Ziele der Deutschen
Nachhaltigkeitsstrategie zu diesem Thema
wurden jedoch bereits deutlich verfehlt:
So liegt in Siedlungsgebieten der Bestand
ausgewählter Vogelarten knapp ein
Drittel unter den für das Jahr 2015 angepeilten Werten.

DR. KURT GRIBL
Oberbürgermeister der Stadt Augsburg

Stadtplaner setzen vor diesem Hintergrund
verstärkt auf die sogenannte doppelte
Innenentwicklung. Dabei werden Flächen­reserven nicht nur baulich, sondern auch
mit Blick auf die „grünen Infrastrukturen“
gestaltet. Im Ruhrgebiet etwa wandeln
20 Gemeinden ehemalige Industriebrachen
zum Emscher Landschaftspark um. Ziel
ist es, Wohn- und Gewerbegebiete durch
die Vernetzung mit Grün- und Freiflächen
aufzuwerten. Zugleich wird das Flusssystem der Emscher, einst als größte Kloake
Europas verschrien, renaturiert – eine
Maßnahme, die sich auch ökonomisch
lohnen dürfte:

52

© Foto Gribl: Stadt Augsburg

Neben solchen Großprojekten werden
zudem Straßen und Gebäude in Stadtnatur
integriert. So verfügt jede sechste deutsche
Großstadt über Förderprogramme für
Gründächer. Das Potenzial ist riesig, wird
bislang aber nur in Teilen ausgeschöpft.
Obwohl niemand mehr die grundsätzliche
Bedeutung von Stadtnatur bestreite, sagt
Ingo Kowarik, werde sie noch immer zu
stark als Kostenfaktor wahrgenommen.
„Die Einsicht aus zahlreichen Modellvorhaben, wonach Naturleistungen auch
wirtschaftliche Zinsen bringen, ist noch
nicht überall angekommen.“ Allerdings:
Urbanes Gärtnern, solidarische Landwirtschaft oder „green volunteering“, also
Freiwilligenarbeit im Naturschutz – daran
beteiligen sich bereits heute viele
Menschen. Dies rückt den Fokus auf eine
weitere Dimension der nachhaltigen
Entwicklung in urbanen Räumen: die
Beteiligung ihrer Bewohner.

ANDERS PLANEN

Oberbürgermeister-Dialog „Nachhaltige Stadt“
Oberbürgermeisterinnen und Ober­
bürgermeister von über 30 deutschen
Städten tauschen sich regelmäßig
zu Fragen der Nachhaltigkeit aus.
Seit Anfang 2010 treffen sie sich auf
Einladung des Rates für Nachhaltige
Entwicklung und gehen der Frage nach,
was Nachhaltigkeit konkret bedeutet
und wie kommunale Nachhaltigkeitspolitik mehr Profil und Gewicht auch
in der Bundes­politik erlangen kann.
Grundlage der beteiligten Oberbürger­
meister bilden die gemeinsam erarbeiteten
strategischen Eckpunkte für eine nach­
haltige Entwicklung in den Kommunen¹.
An diesen Grundsätzen richten die Oberbürgermeister ihre Politik aus. Mit vier
Eckpunkten, die das strategische Grundgerüst eines gemeinsamen Ver­ständnisses
nachhaltiger Stadtentwicklung darstellen,
bekennen sich die Ober­­bürgermeister
zu ihrer Verantwortung.

AUSZUG AUS DEN STRATEGISCHEN ECKPUNKTEN
1.	 Nachhaltigkeit muss von den Menschen her gedacht werden:
konkret, lebendig, zupackend, mit Perspektive und gemeinsam mit den Menschen, die sich in zunehmendem Maße die
Idee der Nachhaltigkeit zu eigen machen. Deshalb setzen wir
auf Dialog, Partizipation und die Unterstützung der Entwicklung von Handlungskompetenzen zur Übernahme von Verantwortung und geben der Nachhaltigkeit durch konkrete
Projekte vor Ort ein Gesicht.
2.	 Nachhaltigkeit bedeutet, nicht mehr Ressourcen zu nutzen,
als sich laufend erneuern – auch in finanzieller Hinsicht. Deshalb setzen wir uns für einen ausgeglichenen Haushalt und
den Schuldenabbau zugunsten kommender Generationen
ein und fordern eine strukturelle Stärkung der Kommunen.
3.	 Eine nachhaltige Entwicklung erfordert die Integration der
Ressorts und Sachfragen in eine große Perspektive. Deshalb
machen wir Nachhaltigkeit zur Chefsache und integrieren
diese Querschnittsaufgabe in Politik und Verwaltung.
4.	 Die nachhaltige Entwicklung erfordert, dass alle staatlichen
Ebenen an einem Strang ziehen und partnerschaftlich auf
Augenhöhe zusammenarbeiten. Die Verabschiedung von
universell gültigen Nachhaltigkeitszielen (SDG) der Vereinten Nationen stellt neue Anforderungen an Abstimmung,
Koordination und Beteiligung zwischen den Ebenen. Wir
wollen uns daran beteiligen und sehen in einem globalen
Nachhaltigkeitsziel für Städte eine wichtige Stärkung
der Rolle der Kommunen.

1  www.nachhaltigkeitsrat.de/fileadmin/user_upload/dokumente/

	publikationen/broschueren/Broschuere_Nachhaltige_Stadt_
	Strategische_Eckpunkte_texte_Nr_49_August_2015.pdf

53

ANDERS PLANEN

städtischen Aktivitäten zur Umsetzung
der Nachhaltigkeitsziele beitragen und wie
finanzielle Ressourcen eingesetzt werden.
Freiburg gehört auch zu den Kommunen mit
einem Bürgerhaushalt. Dabei können die
Bürger über einen Teil der Finanzen
mitbestimmen.

Stadt der Menschen: Bürgerbeteiligung
und Bürgerverantwortung
„Demokratie beruht darauf, dass eine
Wechselwirkung zwischen Bürger und Politiker stattfindet, dass uns die öffentlichen
Institutionen gleichsam antworten. Wir
erreichen sie und sie uns“, sagte kürzlich der
deutsche Philosoph Hartmut Rosa. „Aber
diese Erwartung geht zunehmend verloren.
Deshalb kommt es so häufig zu Protesten von
Bürgern gegen politische Entscheidungen.“
Eine echte Beteiligung der Bürger vor Ort in
ihrem eigenen Lebensumfeld kann deshalb
auch ein Heilmittel gegen die politische
Krise sein, die die Demokratien derzeit
weltweit erleben. Zugleich kann sie
nachhaltige Entwicklung vorantreiben, wie
Stefan Kuhn vom Städteverband ICLEI sagt:
„Nur wenn auf lokaler Ebene erlebbar wird,
dass das eigene Handeln sichtbare und
wünschenswerte Veränderungen hervorbringt, wird nachhaltige Entwicklung etwas
Positives und Gewolltes und bleibt nicht
länger abstraktes Konzept.“

Es gibt weithin bekannte positive Beispiele.
Die Stadt Ludwigsburg hält Zukunftskonferenzen ab, mit denen sie die Bürger in die
Entscheidungsprozesse einbindet. Dabei
werden gemeinsame Visionen für die Stadt
entwickelt, was nicht nur für die Bürger gut
ist, sondern auch für die Verwaltung:
Sie lernt, über die eigenen Ressortgrenzen
hinauszudenken und ganzheitlich zu
planen und zu handeln. Berlin verkauft
öffentliche Grundstücke nicht einfach
meistbietend, sondern belohnt das beste
Entwicklungskonzept.
Unser Wohnprojekt Generationen­wohnen Sredzki 44 baut nachhaltig
und barrierefrei. Das haben wir
gemeinsam mit der Mieter­genossenschaft
in die Hand ge­nommen. In Zukunft sollte
so ein Bauen selbstverständlich sein.

Wie das gelingen kann, macht die Stadt
Freiburg vor. Auf einem eigens eingerichteten Portal können sich die Bürger einbringen
und ihre Ideen für die Zukunft der Stadt
kundtun. Bundesweit einmalig ist die
verknüpfte Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung. Sie stellt dar, welche

DANIELA HERR

In den vielen Hundert vom Nachhaltigkeitsrat ausgezeichneten Projekten und
Initiativen übernehmen Bürger Verantwortung: Sie initiieren Aktionen zur Nachhaltigkeit, zur Vermeidung von Lebensmittelabfall,
zum Schutz der Natur, gründen Energiegenossenschaften, um selbst Strom zu erzeugen, oder tun sich zusammen, um ihre
Vorstellungen von gemeinschaftlichem
Wohnen zu verwirklichen.
54

© Foto Herr: Norbert Kriegenburg / SelbstBau e. G.

Kunsthistorikerin

ANDERS PLANEN

BEST PRACTICE

Der Wettbewerb Zukunftsstadt
Leise Autos, die keine Abgase mehr ausstoßen.
Gesundes Gemüse, das auf Hausdächern gedeiht.
Neue Gebäudekonzepte, die aus Abwasser klim­a­
freundliche Energie gewinnen. Für die Stadt der
Zukunft gibt es viele Ideen, die das Leben verbessern.
Der Wettbewerb „Zukunftsstadt“ will diese mit den
Bürgern diskutieren, gemeinsame Visionen für die
Zukunft entwickeln und in ersten Städten erproben.
Die Initiative des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung sucht nach Modellen für die Zukunft der
Städte im Jahr 2030. Bürgerinnen und Bürger, Lokalpolitik,
Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft arbeiten in
drei Wettbewerbsphasen an Visionen, von denen sich
die Finalisten ab 2018 unter Realbedingungen dem Test
stellen. Thematisch beschäftigen sich die eingereichten
Konzepte mit Fragen der sicheren Arbeit, bezahlbarem
Wohnen, Klimaanpassung, nachhaltiger Mobilität
oder Energieversorgung. Das Bundesministerium
fördert den Wettbewerb mit 1,75 Millionen Euro
über die Maßnahme FONA (Forschung für
Nachhaltige Entwicklung).
www.wettbewerb-zukunftsstadt.de

Amt Peenetal/
Loitz

Oberhausen

Zubra (Bebra)

ZEITZEICHEN – DER DEUTSCHE LOKALE
NACHHALTIGKEITSPREIS
Im Rahmen des Netzwerk21-Kongress zeichnet
der Preis in den Kategorien Initiativen, Unternehmen,
Kommunen, Jugend, Bildung für nachhaltige Entwicklung
und Kommunikation und Internationale Partnerschaften
herausragende lokale Aktivitäten aus. Der Preis ist
insbesondere Anerkennung geleisteter Arbeit, die auch
in Zukunft noch fortwirkt. Es geht dabei um die Organisation einer neuen Mitverantwortung und um starke
Impulse für die Transformation der Gesellschaft.

Landkreis
Rottal-Inn

www.netzwerk21kongress.de

55

ANDERS PLANEN

Ein letztes Beispiel für die Kraft der
Transformation, die von bürgerschaftlichem Engagement ausgehen kann: In
Berlins City soll ein durch Abwässer
verunreinigter Fluss wieder zur Badeanstalt
werden. Der kanalisierte Fluss muss mit
einer natürlichen Pflanzenkläranlage
gesäubert werden, die Ufer sollen zu einem
urbanen Treffpunkt umgebaut werden,
neue Nutzungen werden möglich. Ökologie,
soziale Teilhabe und städtische Nutzungen
sollen zu einem lebendigen Ganzen finden:
Nachhaltigkeit eben. Hundert Jahre
nachdem sich das steinerne Berlin von der
Natur abgewandt hat, will diese Bürgerinitiative der urbanen Natur wieder zu ihrem
Recht verhelfen.

sagt Rainer Danielzyk von der Universität
Hannover. „Oft gibt es seitens der Kommunen die berechtigte Klage, dass Bund
und Länder Aufgaben verfügen, die nicht
mit entsprechender Finanz- und damit
auch Personalausstattung verbunden sind.“
Zudem warnt er vor Patentlösungen.
„Das hängt immer von den regionalen
Gegebenheiten ab.“ Weiterhin sei vieles eine
Frage der Einstellung, sowohl seitens der
Politik und Verwaltung als auch der Bürger.
„Das ist im alltäglichen Betrieb noch
ausbaufähig.“
Die Kommunalverwaltungen stehen vor
langfristigen strukturellen Veränderungen.
Wir müssen noch stärker als bisher hinterfragen, was wir tun und wie wir es tun.
Was hat im Sinne der Nachhaltigkeit
künftig Priorität? Was muss auf den Prüfstand? Denkverbote darf es nicht geben.

Standortbestimmung:
Erfolge und Korrekturbedarf
Wie also steht es zusammengefasst um die
nachhaltige Stadtentwicklung in Deutschland? Vieles ist in Projekten und Initiativen
auf den Weg gebracht. Kommunen stellen
sich dem Wettbewerb um Deutschlands
nachhaltigste Stadt. Zudem diskutieren sie
das Thema in Gremien wie dem Deutschen
Städtetag oder internationalen Netzwerken.
Führende Oberbürgermeister haben
Nachhaltigkeit in ihren Führungs­
strukturen verankert.

DR. FRANK MENTRUP
Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe

Insbesondere in Geldangelegenheiten gebe
es jedoch wesentlichen Korrekturbedarf
zwischen Bund, Ländern und Kommunen,

Weiterführende Publikationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  Strategische Eckpunkte für eine nachhaltige Entwicklung in Kommunen
·  Städte auf Kurs Nachhaltigkeit – Wie wir Wohnen, Mobilität und kommunale Finanzen zukunftsfähig gestalten
·  Impulspapier: Handlungsempfehlungen für eine bessere Wirkung zwischen nationalen und kommunalen Nachhaltigkeitsbestrebungen, 	
	 vorgelegt von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Dialogprojektes Kommunale Nachhaltigkeit (2015)

56

© Foto Mentrup: Stadt Karlsruhe

So gesehen muss Nachhaltigkeit erst noch
zum Normalfall des kommunalen Handels
werden. Daher gilt für die deutsche
Stadtentwicklung das, was die internationale Expertengruppe im Peer Review 2013
der deutschen Nachhaltigkeitspolitik insgesamt bescheinigte: Die Fortschritte seien
beeindruckend und anerkennenswert.
„Es wäre allerdings ein Fehler, wenn sich
Deutschland auf dem bisher Erreichten
ausruhen würde.“

ANDERS PLANEN

BEST PRACTICE

Die weltgrößte Passivhaus-Siedlung:
Heidelberg-Bahnstadt
Seit 2012 entsteht auf dem Areal des ehemaligen Güterund Rangierbahnhofs in Heidelberg ein neues urbanes Quartier
mit hoher ökologischer Lebensqualität.
Auf einer Gesamtfläche von 116 Hektar entstehen Wohnungen
für rund 5.500 Menschen und Gewerbeflächen für etwa 7.000 Arbeitsplätze. Alle Gebäude entsprechen dem Passivhausstandard.
Wärmegedämmte Gebäudehüllen sorgen für thermische Behaglichkeit,
die durch Nachheizen oder Nachkühlen reguliert werden kann.
Das Quartier wird vollständig über regenerative Fernwärme beheizt.
Die Passivhäuser verbrauchen weniger als halb so viel CO₂ wie Gebäude
herkömmlicher Bauweise. Das Heidelberger Stadt­entwicklungsprojekt
ist eines der größten Passivhaus-Projekte bundesweit. Bei der Bebauung wird auf eine Durchmischung und kurze Wege innerhalb eines
lebendigen Stadtteils geachtet: Neben Wohn-, Spiel- und Grünflächen,
Einzelhandelsgeschäften und Restaurants werden ein Bürgerzentrum,
eine Schule, mehrere Kitas, wissenschaftliche Einrichtungen und kulturelle Angebote mitgeplant.
www.heidelberg-bahnstadt.de

© Bahnstadt; Christian Buck

© Bahnstadt; Steffen Diemer

© Bahnstadt; Steffen Diemer

57

ANDERS PLANEN

Bevölkerungsentwicklung 2012 – 2030 (%)
Kreise und kreisfreie Städte in Deutschland
unter 10,0
-10,0 bis unter -6,0

Flensburg

-5,0 bis unter -4,0
-4,0 bis unter -1,5

Kiel

-1,5 bis unter 1,5

Stralsund

Neumünster

1,5 bis unter 4,0
1,5 und mehr

Hamburg

Schwerin
Neubrandenburg

Bremerhaven
Oldenburg

Greifswald

Rostock

Lübeck

Bremen

Lüneburg
Neuruppin
Eberswalde
Celle

Hannover Wolfsburg
Braunschweig
Hildesheim
Halberstadt

Cottbus

Paderborn

Essen
Duisburg

Aachen

Dessau-Roßlau

Dortmund

Göttingen

Bochum
Wuppertal

Halle

Bautzen

Kassel
Siegen

Bonn

Eisenach

Dresden

Erfurt
Jena

Marburg

Zwickau

Fulda

Plauen

Koblenz
Wiesbaden

Mainz

Frankfurt

Darmstadt

Ludwigshafen

Schweinfurt
Bamberg

Würzburg

Trier
Kaiserslautern

Hof

Coburg

Aschaffenburg

Bayreuth
Weiden

Erlangen

Mannheim

Fürth

Heidelberg

Ansbach

Heilbronn

Amberg

Nürnberg
Regensburg

Karlsruhe
Pforzheim Stuttgart

Straubing

Passau

Ingolstadt

Offenburg

Reutlingen

Ulm

Augsburg

Landshut

München
Freiburg

Görlitz

Chemnitz

Gera

Suhl
Gießen

Saarbrücken

Hoyerswerda

Leipzig

Nordhausen

Düsseldorf
Köln

Frankfurt

Potsdam

Magdeburg

Bielefeld

Münster

Brandenburg

Villingen-Schwenningen

Memmingen
Rosenheim

Ravensburg

Kempten

Konstanz

58

Quelle: www.wegweiser-kommune.de

Osnabrück

Berlin

Stendal

ANDERS PLANEN

Dr. Dieter Salomon
OBERBÜRGERMEISTER DER STADT FREIBURG IM BREISGAU

© Stadt Freiburg

Wir wollen bis 2050
klimaneutral werden.

ANDERS PLANEN

INTERVIEW
DR. DIETER SALOMON
OBERBÜRGERMEISTER
DER STADT FREIBURG
IM BREISGAU

Freiburg ist 2012 zur nachhaltigsten Großstadt gekürt worden. Was sind Leitlinien
der Nachhaltigkeitspolitik in Freiburg?
Wo ist Freiburg Vorreiter, wo gibt es
die größten Defizite bzw. Hemmnisse
bei der Umsetzung?
Freiburg hat eine lange Tradition bürgerschaftlichen Engagements in der Umwelt­
bewegung, die auch früh Eingang in die
Stadtpolitik fand. In jüngerer Zeit haben wir
uns 2006 den Aalborg Commitments für
Kommunen verpflichtet und darauf basierend 2009 im Gemeinderat 60 Nachhaltigkeitsziele in zwölf Politikfeldern beschlossen. Die Verantwortlichen in Politik,
Verwaltung und kommunalen Unternehmen
haben damit ihre Vorstellungen von einer
nachhaltigen Stadt in einer gemeinsamen
Leitlinie zusammengeführt, die als Grundlage des politischen Handelns dient.

Weniger Verkehr, aber verbesserte
Mobilität ist als eines unserer
Nachhaltigkeitsziele verankert.
Freiburg gilt heute über Europa hinaus
als Vorzeigestadt im Bereich Klimaschutz –
schon als das Thema bei Politik und Wirtschaft noch nicht auf der Agenda stand,
haben wir eine fortschrittliche Klimaschutzpolitik umgesetzt. Auch die Verkehrspolitik
hat Freiburg überregional bekannt gemacht – vor allem natürlich für Radfahre­r­innen und Radfahrer.
Ein Großteil der Freiburgerinnen und
Freiburger ist laut Bürgerumfragen
insgesamt sehr zufrieden mit dem Leben
in Freiburg und unterstützt die Nachhaltigkeitsziele der Stadt.

60

Freiburg ist eine wachsende Stadt und
deshalb brauchen wir mehr Wohnungsbau.
Diesen ökologisch und sozial zu bewältigen
ist eine Herausforderung.
Welche Rolle spielt die Frage der Mobilität
für die nachhaltige Stadtentwicklung und
welche Lösungsansätze verfolgen Sie hier?
Freiburg ist frühzeitig von einer auf motori­
sierten Individualverkehr fokussierten
Politik abgerückt, um stattdessen umweltfreundliche Verkehrsarten zu favorisieren.
Weniger Verkehr, aber verbesserte Mobilität
ist als eines unserer Nachhaltigkeitsziele
verankert. Unser Konzept einer „Stadt der
kurzen Wege“ umfasst starke Stadtteilzentren mit Grundversorgung in der Nachbarschaft sowie eine Stadtentwicklung an den
Achsen des öffentlichen Verkehrs. 27 Prozent
aller Strecken innerhalb der Stadt werden
mit dem Rad zurückgelegt und es ist unser
Ziel, diesen Anteil auf über 30 Prozent zu
steigern. Dazu modernisieren und erweitern
wir das Freiburger Radverkehrsnetz. Gleichzeitig soll der motorisierte Individualverkehr
(MIV) durch Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und die Bündelung auf Verkehrs­
achsen möglichst abseits der Wohngebiete
in neue Bahnen gelenkt werden.

ANDERS PLANEN

INTERVIEW
DR. DIETER SALOMON
OBERBÜRGERMEISTER
DER STADT FREIBURG
IM BREISGAU

Zudem hat die Stadt Freiburg ein ÖPNVNetz (Öffentlicher Personennahverkehr)
ausgebaut, das fast allen Bürgerinnen und
Bürgern eine Haltestelle nicht mehr als
400 Meter vom Wohnort zur Verfügung stellt.
Freiburg hat sich in den 1980er-Jahren für
den Ausbau des ÖPNV entschieden und
in Zusammenarbeit mit der ganzen Region
eine „Umweltkarte“ (jetzt Regiokarte)
entwickelt. Damit ist es möglich, unbegrenzt von der französischen Grenze
bis in den Schwarzwald zu fahren.

Ich engagiere mich persönlich für die Umsetzung
der Freiburger Nachhaltigkeitsziele, indem ich
2011 die Stabsstelle Nachhaltigkeitsmanagement
in meinem Dezernat gegründet habe.
Der deutsche Immobilienmarkt boomt
kräftig. Andererseits wird bezahlbarer
Wohnraum immer dringender benötigt.
Wie ist angesichts hochpreisiger Grund­
stücke und Mieten soziales und öko­
logisches Wohnen möglich?
Ohne Frage brauchen wir mehr bezahlbaren
Wohnraum in Freiburg. Sozialen Wohnungsbau zu realisieren ist bei einer Hochpreissituation, wie wir sie bei den Grundstücks- und Mietpreisen in Freiburg haben,
aber naturgemäß sehr schwierig. Der Per­
spektivplan und die vor kurzer Zeit eingerichtete Projektgruppe „Neue Wohnbauflächen“ sind zwei Instrumente zur Entwicklung neuer Wohnungen. Dabei gibt
es zwei unterschiedliche Zielrichtungen:
Erstens erstellen wir mit dem Perspektivplan einen strategischen städtebaulichen
Rahmenplan zur Entwicklung der Stadt
Freiburg in den nächsten 15 Jahren.

61

Zweitens findet mithilfe der Projektgruppe
die kurz- bis mittelfristige Realisierung fünf
konkreter Wohnungsbauprojekte statt. Da
Freiburg als sogenannte Schwarmstadt auch
in den nächsten Jahren weiter wachsen wird,
werden wir nach der 2014 erstellten „Studie
Wohnen“ bis 2030 voraussichtlich 1.000
Wohnungen jährlich benötigen, um der
Nachfrage gerecht werden zu können und
den Preisanstieg zu dämpfen. Dazu kommt
aber inzwischen noch der Bedarf an Wohnungen für ehemalige Flüchtlinge, die nach
ihrer Anerkennung integriert werden und
einen Platz in der Stadtgesellschaft finden
sollen. Deshalb ist der Bedarf voraussichtlich
sogar noch höher.
Wie können unsere Städte nachhaltig
wachsen? Welche Herausforderungen
hat Freiburg zu bewältigen?
Grundsätzlich werden wir zukünftig mehr
flächensparenden Wohnungsbau mit
höherer baulicher Dichte planen und bauen,
aber trotzdem müssen wir jetzt auch mit
einem neuen Stadtteil in die Fläche gehen,
um dem Bedarf an Wohnraum nachzukommen. Als strategisches Gesamtkonzept
soll aber immer noch der erwähnte Perspektivplan als roter Faden für eine sozial und
ökologisch nachhaltige Stadtentwicklung
dienen. Wir berücksichtigen hier Fragestellungen zur verträglichen Innenentwicklung,
Freiraumversorgung und zur perspektivischen baulichen und freiraumstrukturellen
Weiterentwicklung Freiburgs.

ANDERS PLANEN

INTERVIEW
DR. DIETER SALOMON
OBERBÜRGERMEISTER
DER STADT FREIBURG
IM BREISGAU

Das heißt, wir stellen uns im Vorhinein
gesamtstädtischen Fragen. Wo kann noch
verdichtet werden? Wie können wir Freiräume effektiver entwickeln? Wie integrieren wir neue Stadtteile? Diese planvolle
Herangehensweise ist besonders wichtig, da
uns durch natürliche Restriktionen wie
Landschaftsschutzgebiete und Waldflächen
nur wenige Flächen zur Verfügung stehen,
auf denen man tatsächlich bauen kann.
Wie kommunizieren Sie mit den
Bürgern zum Thema Nachhaltigkeit?
Wie erzeugen Sie Akzeptanz?
Bürgerinnen und Bürger mit einzubeziehen
ist unsere oberste Prämisse im Prozess einer
nachhaltigen Stadtentwicklung. Dafür
bauen wir Strukturen auf und schaffen eine
entsprechende Kultur, zum Beispiel mithilfe
von Veranstaltungen, Workshops, Beiräten
oder Arbeitsgruppen. Wir haben den 2008
gegründeten Nachhaltigkeitsrat mit
40 Vertreterinnen und Vertretern aus
Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft
und Politik, um ein möglichst breites Spektrum der Freiburger Gesellschaft im Bereich
Nachhaltigkeit zusammenzubringen.
Das sind natürlich Multiplikatorinnen und
Multiplikatoren in der Stadtgesellschaft,
die Akzeptanz schaffen.

62

Wie kann Bürgerbeteiligung für eine nachhaltige Stadtentwicklung genutzt werden?
In unseren Nachhaltigkeitszielen verpflichten wir uns, die Menschen bei unseren
Projekten vorzeitig einzubeziehen. Entscheidungen unter Beteiligung und mit hoher
Akzeptanz in der Bevölkerung sind sicherlich
nachhaltiger als ein ständiges Regieren an
den Wünschen der Bürgerschaft vorbei.

Bürgerinnen und Bürger mit
einzubeziehen ist unsere oberste
Prämisse im Prozess einer nachhaltigen
Stadtentwicklung.
Seit 2008 geben wir beispielsweise
Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit,
sich durch das Projekt Beteiligungshaushalt
an der Haushaltsplanung der Stadt zu
beteiligen.
Schlussendlich fördert Beteiligung, dass sich
Bürgerinnen und Bürger ernst genommen
fühlen und sich aus eigenem Antrieb für die
Stadt engagieren. Und bürgerschaftliches
Engagement ist, was die Gesellschaft
zusammenhält.
Was kann politisch für eine nachhaltige
Stadt geleistet werden?
Sicherlich ist es so, dass man in der Kommunalverwaltung eine klare Ansprechperson
braucht, ein Referat oder eine Koordinierungsstelle. Ich engagiere mich persönlich
für die Umsetzung der Freiburger Nach­
haltigkeitsziele, indem ich 2011 die Stabsstelle Nachhaltigkeitsmanagement
in meinem Dezernat gegründet habe.

ANDERS PLANEN

INTERVIEW
DR. DIETER SALOMON
OBERBÜRGERMEISTER
DER STADT FREIBURG
IM BREISGAU

Diese ist für die strategische Gesamtsteu­
erung verantwortlich und setzt sich sowohl
verwaltungsintern als auch durch externe
Kooperationen dafür ein, dass die Nachhaltigkeitsziele umgesetzt werden. Dass diese
zentrale Verankerung in der Verwaltung
notwendig ist, um nachhaltige Entwicklung
voranzutreiben, ist mittlerweile auch wissenschaftlich belegt, beispielsweise durch
Forschungen der Leuphana Universität
Lüneburg und der Bertelsmann Stiftung.

Das Ziel der Nachhaltigkeit gilt für alle als
der wichtigste Schlüssel für eine gute Zukunft,
für ökologische Verantwortung, für
ökonomisches Wachstum und Lebens­qualität in den Städten.
Welche Rolle spielen StädtePartner­schaften für eine nachhaltige
Entwicklung?
Globale Probleme kann man nur global
lösen. Unsere Partnerstädte interessieren
sich für unsere Strategien bei Klima- und
Natur­schutz sowie Nachhaltigkeit. So gibt
es mit Isfahan (Iran) bereits Kooperationen
im Solarbereich, mit der italienischen
Partnerstadt Padua hat Freiburg die größte
Photovoltaikanlage Italiens gebaut. In
unserer Partnerstadt Wiwili in Nicaragua
helfen wir bei nachhaltigen Projekten,
die das Vertrauen der Menschen in ihre
eigenen Kräfte und Fähigkeiten stärken,
um so ihre schwierigen Lebensverhältnisse
dauer­haft zu verbessern. Partnerschaften
sind wichtig, schließlich leben wir in einer
Welt und können viel voneinander lernen.

63

Was planen Sie im Bereich der nachhaltigen Stadtentwicklung für die Zukunft?
Freiburg ist wie viele andere Städte der
Welt auf dem Weg zu einer nachhaltigen
Stadt und somit noch nicht am Ziel.
Das Ziel der Nachhaltigkeit gilt für alle als
der wichtigste Schlüssel für eine gute
Zukunft, für ökologische Verantwortung,
für ökonomisches Wachstum und Lebens­
qualität in den Städten. Konkret haben wir
das Ziel, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Das alles kann nur gelingen, wenn die
Politiker die aktiven Bürger einbeziehen und
diese die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung auch zu ihren eigenen Zielen machen.
Deshalb gibt es eine Balance zwischen
nachhaltigem Denken und Handeln, Akzeptanz und Partizipation.
Abschließend würden wir das Gespräch
gerne mit einem kurzen Statement beenden. Bitte vervollständigen Sie den Satz:
Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, dass …
… ökologische, ökonomische und soziale
Ziele gleichberechtigt und auf der Grundlage
einer generationengerechten Finanzpolitik
vorangetrieben werden. Deshalb ist Nachhaltigkeit eine Querschnittsaufgabe, die in
Politik und Verwaltung hineinwirkt und zu
einem integrierten Handeln führt.

ANDERS PLANEN

BEST PRACTICE

Essen – die grüne Hauptstadt Europas
Essen ist die „Grüne Hauptstadt Europas 2017“. Dieser Titel
der Europäischen Kommission zeichnet die nachweislich hohen
Umweltstandards und die ehrgeizigen Ziele für die weitere
Verbesserung des Umweltschutzes und der nachhaltigen
Entwicklung aus.
Begründet wird dies mit der Vorbildrolle der Stadt Essen für viele
Städte in Europa, aber auch der Rolle der Stadt in der sozial ver­
träglichen Transformation von einer Kohle- und Stahlstadt zu einer
grünen Stadt.
LEUCHTTURMPROJEKTE DER STADT UND REGION:

Der Radschnellweg, der in Zukunft auf einer Länge von 100 Kilometern die „Metropole Ruhr“ noch stärker zusammenwachsen lässt,
ist ein zukunftsweisendes Modell für nachhaltige Mobilität
in Ballungszentren.
Das „Baden in der Ruhr“ soll wieder möglich werden und für Essener
Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit bieten, an bestimmten
Stellen wieder im Baldeneysee bzw. in der Ruhr zu baden.
www.essengreen.capital
64

© Johannes Kassenberg

Im Rahmen des kommunalen Aktionsprogramms „ESSEN.
Neue Wege zum Wasser“ sind in den letzten zehn Jahren 150 Kilometer Fuß- und Radwege geschaffen worden. Damit ist die Stadt weiter
zusammengewachsen. Die grüne Stadtentwicklung war in den letzten zehn Jahren Motor der Stadtentwicklung. Neue Grünflächen,
Wasserflächen, Fuß- und Radwege haben die Stadt und die Region
vernetzt und waren auch Ausgangspunkt für die Anpassung an den
Klimawandel. Entstanden sind neue Parkanlagen und Seen sowie
das Universitätsviertel.

© Rupert Oberhäuser

Mit dem Umbau des Emschersystems hat die Emschergenossenschaft eines der größten Infrastrukturprojekte Europas mit zahlreichen
technischen Innovationen ins Leben gerufen: Die Emscher, ein für
die Region prägender Fluss, wird bis zum Jahr 2020 von einem offenen
Abwassersystem zu einem renaturierten Gewässer umgebaut.

Anders
konsumieren

© Nicolas Balcazar 2015

Unsere Entscheidungen
für eine global tragfähige
Konsumgesellschaft

ANDERS KONSUMIEREN

Nachhaltiger Konsum liegt im Trend,
doch marktdominierend ist nachhaltiger
Konsum noch lange nicht. Welchen Beitrag
können Bürgerinnen und Bürger für eine
nachhaltige Entwicklung leisten und welche
Rund ein Viertel der – überwiegend –
Verbraucherinnen ist auch bereit, für
Biolebensmittel mehr Geld auszugeben.
Darauf haben inzwischen nahezu alle
Anbieter reagiert: Selbst konventionelle
Supermarktketten und Discounter setzen
auf Biolinien und faire Produkte, um am
grünen Boom teilzuhaben. „Bio“ ist auch
längst nicht mehr auf Lebensmittel
beschränkt, sondern umfasst heute nahezu
alle Gegenstände des täglichen Bedarfs.

Rahmenbedingungen unterstützen dabei?
von ANJA ACHENBACH und SUSANNE WOLF

Nachhaltig zu konsumieren scheint leichter
denn je. Die Biobranche in Deutschland
boomt; was früher Bückware war, ist nun
auch in jedem konventionellen Supermarkt
und Discounter gut sichtbar platziert.
Besonders in den Szenevierteln der
Großstädte schießen die Filialen von
Biosupermärkten wie Pilze aus dem Boden,
so wie an der Markthalle am Marheinekeplatz in Berlin-Kreuzberg: Hier hat die Bio
Company gleich gegenüber dem Westausgang ihre Tore aufgeschlagen, während sich
am Nordende Alnatura platziert hat und es
noch weitere Bioläden in der Nähe gibt.
Für nachhaltig orientierte Konsumenten
bleiben hier keine Wünsche offen.
Nachhaltiger Konsum liegt sichtbar
im Trend, Bio ist in den letzten 15 Jahren
bei Verbraucherinnen und Verbrauchern
ange­kommen: Laut der Consumers’
Choice-Studie der Gfk  ¹ im Auftrag der BVE  ²
aus dem Jahr 2013 kauft über ein Viertel
der Deutschen bevorzugt nachhaltige
Lebensmittel und achtet bewusst auf Bioqualität, regionale Herkunft, Tierwohl
und Fairtrade.

Der faire Handel blüht
Entwicklung der Fairtrade-Umsätze in Deutschland
in Mio. €
978

1000
827

750
533

500

400
340
267
213

250
72

110

142

2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

1  Gesellschaft für Konsumforschung
2  Bundesverband der Deutschen Ernährungsindustrie

66

Quelle: Bundesministerium der Finanzen

654

ANDERS KONSUMIEREN

„Mehr Einkommen fließt allzu oft in
schwerere Autos, größere Wohnungen
und häufigere Flugreisen – auch wenn
die Menschen sich ansonsten im Alltag
umweltbewusst verhalten. Aber gerade
diese ‚Big Points‘ beeinflussen die
Ökobilanz des Menschen am stärksten.
Der Kauf von Bio-Lebensmitteln oder eine
gute Mülltrennung wiegen das nicht auf“,
erklärt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger.

Trend – aber noch lange nicht Mainstream
Rund 60 Prozent der Deutschen achten
beim Einkauf darauf, ob Produkte
nachhaltig sind. Die meisten orientieren
sich anhand von Siegeln, zum Beispiel
Fairtrade oder Biosiegel, oder lesen die
Produktbeschreibung.
Doch marktdominierend ist nachhaltiger
Konsum noch nicht. Mit 4,4 Prozent des
Gesamtumsatzes von Lebensmitteln ist die
deutsche Biobranche immer noch sehr
überschaubar. Das breite Angebot finden
wir vor allem in Städten und auch dort nicht
überall. Zudem ist die deutsche Bevölkerung hinsichtlich des Bewusstseins für
einen nachhaltigen Konsum in zwei Hälften
gespalten: Die eine Hälfte zeigt sich
zumindest einem Aspekt der Nachhaltigkeit gegenüber aufgeschlossen, während die
andere Hälfte nahezu desinteressiert ist.
Unter den gut 50 Prozent zumindest in
Ansätzen nachhaltig bewussten Konsumenten gibt es lediglich knapp zehn Prozent, die
sich umfassend, d. h. über alle Aspekte der
Nachhaltigkeit bewusst sind. Oft nützt auch
ein hohes Umweltbewusstsein allein
nichts – viele zahlungskräftige Verbraucher
konsumieren schlicht zu viel. Eine Studie
des Umweltbundesamts (UBA) vom
Sommer 2016 stellt fest: Menschen mit
höherem Einkommen verbrauchen deutlich
mehr Ressourcen und Energien als
finanziell schwächere Haushalte.

Ich kaufe nicht bei Fast-Fashion-Ketten
und versuche, keinen schnellen Trends
zu folgen, sondern das zu kaufen,
was ich mag – gute Qualität,
klassisch, am besten vegan.
BEATRICE ERNESTI
Studentin

67

© Foto Ernesti: TRIAD Berlin

Prof. Dr. Lucia Reisch, Konsumforscherin
und Mitglied im Nachhaltigkeitsrat,
betonte: „Der Konsum privater Haushalte
ist für rund ein Viertel der Treibhausgas­
emissionen in Deutschland verantwortlich.
Großen Einfluss darauf haben die
Ernährung, die Wahl des Verkehrsmittels
und der Energieverbrauch – zum Beispiel
beim Heizen. Wer tatsächlich nachhaltig
konsumiert, kann die CO₂-Emissionen
im eigenen Einflussbereich erheblich
senken. Dazu gehören der Kauf gesiegelter
Produkte, aber auch ein grundsätzlich
anderer Konsum und der bewusste
Verzicht auf Konsum.“

ANDERS KONSUMIEREN

Auch der ökologische Fußabdruck in
Deutschland beträgt jährlich 11,8 Tonnen
pro Kopf – zwei Tonnen wären klimaverträglich, damit die globale Erwärmung,
so wie von 194 Staaten in Paris verabredet,
unter zwei Grad Celsius bleibt.

mit weniger Fleisch sowie mehr Gemüse
und Obst die Mehrkosten, die durch
den Einkauf von Biolebensmitteln
entstehen, oft auf. Und der wahre Preis,
den wir für die vermeintlich „günstigen“
Lebensmittel aus konventioneller
Landwirtschaft zahlen, ist real ein
wesentlich höherer: Umweltauswirkungen
wie Bodenverdichtung und -erosion,
Pflanzenschutzmittel, Nitratbelastung
und der Klimawandel, der durch
die Verwendung von Düngemitteln und
Tierhaltung noch weiter forciert wird –
in der Land­wirtschaft entstehen große
Menge an Treibhausgasen –, verursachen
lang­fristig hohe Kosten.

Größte Hindernisse für Verbraucher,
nachhaltig zu konsumieren, sind laut einer
GfK-Studie im Auftrag des Nachhaltigkeitsrates vor allem Routinen und höhere Preise
für nachhaltige Produkte. Verbraucher
kaufen am liebsten das, was sie kennen,
gaben 38,6 Prozent der Befragten an.
Nach Ansicht von 37,2 Prozent sind
nachhaltige Produkte teurer als konventionelle. Tatsächlich aber fängt zum Beispiel
eine Umstellung auf eine Ernährung

CO₂-Belastung nach Produktgruppen

Gesamt > 9 t

Heizung

in Deutschland

Ziel
2t

Flug
Ernährung

18,1 %
7,8 %

15,2 %

Sonstiger
Konsum

Pkw

Strom
6,9 %

Infrastruktur

ÖPNV
1,0 %

11,4 %
Möbel
3,0 %

Textil
0,9 %

68

Papier
2,9 %

Quelle: Öko-Institut 2010

18,5 %

14,1 %

ANDERS KONSUMIEREN

Kern des Problems ist, dass externe, mittelund langfristig negative Effekte nicht im
Kaufpreis repräsentiert sind. Dr. Michael
Bilharz vom Umweltbundesamt ist
überzeugt: „Nachhaltige Konsumoptionen
müssen attraktiver, günstiger und leichter
zu verwirklichen sein als nicht nachhaltige
Optionen.“ Eine aktuell intensiv diskutierte
Option ist aus diesem Grund die Einführung einer weltweiten CO₂-Steuer, die
in die Preisgestaltung einbezogen wird:
Ein Weltpreis für CO₂ würde laut Bundespräsident a. D. Horst Köhler ein „globales
Wettrennen auslösen in den Laboren
und Denkfabriken der Unter­nehmen
und Universitäten, um die besten Lösungen
für eine klimaneutrale Ökonomie
zu entwickeln“.

Fleisch oder Fisch – oder Kichererbsen?
Wichtig ist in der Kommunikation zu
nachhaltigem Konsum, die großen Hebel
in den Blick zu nehmen: Fleischkonsum
sowie die Bereiche Heizung, Wohnen
und Mobilität. Hier lassen sich durch kleine
Änderungen die größten positiven Effekte
erzielen. Wer beispielsweise Strom aus
erneuerbaren Energiequellen bezieht, smart
mobil ist, weniger fliegt (und im Falle des
Fliegens die verursachten Klimagase durch
Spenden an zertifizierte KlimaschutzProjekte ausgleicht), handelt nachhaltig.
Zudem ist es nachhaltig, auf qualifizierte,
langlebige, reparaturfähige und hoch­
wertige Güter zu setzen. Dadurch nähert
sich der ökologische Rucksack durch
individuellen Konsum schnell einem
klimaverträglichen Wert an.

Ich bin stolz darauf,
dass ich kein Essen wegwerfe
und auch alles esse,
was ich einkaufe.

Besonders der Konsum von viel Fleisch
belastet Umwelt und Klima. Er verdeutlicht
eine Reihe von systemischen Zusammenhängen, die am Beispiel industrieller Produktion veranschaulicht werden. Denn
Deutschland ist nach wie vor ein Land der
Fleischesser: Der Pro-Kopf-Fleisch­konsum
ist hierzulande seit 2011 von 61,6 Kilogramm auf 60,3 Kilogramm pro Kopf
leicht zurück­gegangen, neun Prozent der
Bevölkerung ernähren sich vegetarisch.
Der gesamte Fleischverbrauch, der Futter,
industrielle Verwertung und Verluste
einschließt, liegt bei 88,3 Kilogramm
pro Kopf (2014).

SEBASTIAN QUIROGA

© Foto Quiroga: TRIAD Berlin

Verkäufer

Bei Lebensmitteln wie Kakao, Kaffee
oder Bananen, die aus Ländern des Südens
importiert werden, sind neben der
CO₂-Bilanz auch die Arbeitsbedingungen
zu berücksichtigen: Kakao etwa wird
zu einem großen Teil in Ghana und
der Elfenbeinküste angebaut. In Ghana
verdienen Kakaobauern rund 80 Cent
am Tag, über zwei Millionen Kinder
arbeiten in Westafrika im Kakaoanbau.
Bei Produkten aus fairem Handel dagegen
sind vergleichsweise bessere Arbeits­
bedingungen garantiert. Kinderarbeit
ist verboten.

69

ANDERS KONSUMIEREN

Die Massentierhaltung bedingt nicht
nur den hohen Einsatz von Antibiotika,
die zu Resistenzen bei Menschen führen
können, sondern auch von chemischen
Dünge­mitteln und Pestiziden. Dies
wiederum be­lastet Böden und Gewässer.
Die Gewässer in Deutschland sind stark
mit Phosphor, Nitrat und Stickstoff belastet, mit negativen Folgen für Mensch
und Umwelt – nicht nur in Deutschland,
sondern dies gilt auch für die Weltmeere.

und sind noch dazu Jobmotor. Würden
alle Nutztiere in Deutschland artgerecht
gehalten und würden deutsche Bundesbürger nur die empfohlene Menge an
Fleisch oder Wurst konsumieren, wären
die Preise lediglich um etwa ein Drittel
höher und würden einen deutlich positiven Klima­effekt erzeugen. „Wenn jeder
Bundesbürger einmal pro Woche auf
Fleisch verzichten würde, könnte das zu
einer jährlichen Einsparung von rund
neun Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen führen“, hält deshalb
Tanja Dräger de Teran, WWF-Referentin
für Klimaschutz und Ernährung, fest.

Aufgrund der Schonung natürlicher
Ressourcen kommt dem ökologischen
Landbau dabei eine Schlüsselrolle zu. Für
zusätzliche Wachstumsimpulse hat das
Bundesministerium für Ernährung und
Landwirtschaft (BMEL) die Erarbeitung
einer Zukunftsstrategie Ökologischer
Landbau initiiert und das Thünen-Institut
mit der Koordinierung des Strategieprozesses beauftragt. Ziel ist es, den Anteil von
ökologisch bewirtschafteter Landwirtschaftsfläche von aktuell 6,3 Prozent auf
20 Prozent zu erhöhen. Das ist notwendig,
denn jährlich steigt die Nachfrage nach
biologischen Lebensmitteln – allein 2015
stiegen die Umsätze um elf Prozent.

Ich versuche, auf Einweg-Kaffeebecher
zu verzichten und stattdessen
Mehrweg-Becher zu verwenden.
ANNIKA TORO
Angestellte

Der ökologische Produktionsprozess
umfasst dabei auch den Arten- und
Tierschutz. Biohöfe berücksichtigen
die Bedürfnisse der Tiere, der Einsatz
von Pestiziden ist verboten. Bei der
Bio-Fütterung ist die Menge, die an Kraft­futter (Getreide, Mais, Soja) in der Futterration eingesetzt werden darf, limitiert.
Demeter-Bauern und -Hersteller leisten
darüber hinaus mit der biodynamischen
Wirtschaftsweise erheblich mehr,
als die EU-Bio-Verordnung vorschreibt,

3  Deutscher Nachhaltigkeitspreis
4  Marine Stewardship Council

70

© Foto Toro: TRIAD Berlin

Auch die Überfischung der Weltmeere
nimmt Ausmaße an, die das Ökosystem
insgesamt bedrohen: Dem Fischereibericht
der Food and Agriculture Organization
(FAO) zufolge isst jeder Mensch über
20 Kilogramm Fisch pro Jahr, fast ein Drittel
der weltweiten Bestände ist über­fischt.
Initiativen wie der DNP-Preisträger ³
Followfish, eine Marke des Unternehmens
fish & more, setzen auf Nachhaltigkeit
und Transparenz: fish & more verpflichtet
sich dazu, dass alle Zuchtfische aus bio­logischer Aquakultur und Wildfische aus
MSC-zerti­fizierter ⁴ Fischerei stammen;
Lieferanten und Beschaffungswege
werden komplett offengelegt.

ANDERS KONSUMIEREN

Weltmeere und Fischbestände sind darüber
hinaus noch in anderer Weise durch unser
Konsumverhalten bedroht: Laut einer
Studie der Ellen MacArthur Foundation
gelangen jährlich acht Millionen Tonnen
Plastik in die Ozeane. Der Plastikmüll wird
durch Wind, Wetter und Gezeiten zu
Mikroplastik zerkleinert und landet so in
den Mägen von Seevögeln und Meerestieren, die daran oft elendig zugrunde gehen.
Auch in zahlreichen Produkten des täglichen Konsums, von Kosmetikartikeln bis
hin zu Kleidung aus Kunstfasern, finden
sich viele dieser Kunststoffteilchen. Beim
Waschen werden sie gelöst und gelangen
über unsere Abwässer in die Meeresumwelt.
Schließlich landet das Plastik auf unseren
Tellern, wenn wir zum Beispiel mit Mikroplastik und Schwermetallen belasteten
Fisch essen.

Damit Konsumenten jedoch
wirklich nachhaltig konsumieren
können, brauchen sie bessere Informationen und Orientierungshilfen. Aus diesem
Grund hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung den „Nachhaltigen Warenkorb“
initiiert. Dieser als Online-Magazin ⁵
aufbereitete Einkaufsführer zeigt
nachhaltige Konsumalternativen auf
und gibt mit Faustregeln Orientierung
bei konkreten Konsumentscheidungen
in 16 Themen­bereichen. Zu Tipps in den
Bereichen Lebensmittel, Reisen und
Mobilität, Wohnen und Bauen, Haushalt
und Elektronik, Mode und Kosmetik
werden besonders glaubwürdige Siegel
vorgestellt. Die Anforderungen hinsichtlich sozialer und/oder ökologischer
Bedingungen werden im Ratgeber skizziert,
um informierte Kaufentscheidungen zu
erleichtern. „Nachhaltiger Konsum ist
heute schon möglich und macht Spaß“,
lautet eine Botschaft des Einkaufsführers.

Mehr Klarheit und Transparenz

© Christof Rieken

Mit der Wahl nachhaltiger Produkte und
Dienstleistungen wird der Geldschein
zum Wahlschein. Je häufiger Konsumenten
nach­haltigere Produktalternativen wählen,
desto stärker wird der Druck auf Unter­
nehmen, Produkte und Dienstleistungen
anzubieten, die konsequent auf eine nachhaltige Ent­wicklung hinwirken. Nachhaltig
zu konsumieren heißt aber auch, die
langfristigen Kosten und Verbräuche
mit in Betracht zu ziehen. Bei steigenden
Energie- und Wasser­preisen sind Produkte
zu bevorzugen, die sich über die gesamte
Nutzungsdauer bezahlt machen und schon
in der Produktion weniger Ressourcen in
Anspruch nehmen. Unterm Strich zeigt
sich, dass nachhaltiger Konsum sich
rechnen kann.

5  www.nachhaltiger-warenkorb.de

71

ANDERS KONSUMIEREN

Der Nachhaltige Warenkorb:
Ratgeber für nachhaltigen Konsum
Im Alltag nachhaltig zu konsumieren scheint leichter denn je:
Im Einzelhandel und bei vielen Discountern sind zertifizierte und mit
Siegeln versehene Produkte erhältlich. Dennoch sind Verbraucherinnen
und Verbraucher mit nachhaltigem Konsum häufig überfordert.

© Christof Rieken

BEST PRACTICE

Die Produktionsbedingungen vieler Produkte sind oft so intransparent,
dass kompetente Entscheidungen schwer zu treffen sind. Der „Nachhaltige Warenkorb“ unterstützt Endkunden dabei, Kaufentscheidungen zu treffen. Per Website, Broschüre und mobile
App zeigt der Nachhaltige Warenkorb Konsumalternativen auf und liefert Faustregeln für
komplizierte Konsumentscheidungen. Der Warenkorb beschreibt Alternativen und gibt
Empfehlungen in den Bereichen Lebensmittel, Reisen, Mobilität, Wohnen, Bauen, Haushalt,
Elektronik, Geldanlagen, Mode sowie Kosmetik. Alltagstauglich und praktisch bewertet
er die relevanten Siegel und Produktkennzeichnungen.
www.nachhaltiger-warenkorb.de

wie Kostenersparnis dem Trend anschließen“,
weiß Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Universität
Lüneburg und Autor der Studie. „37 Prozent
der Befragten legen Wert auf alternative
Besitz- und Konsumformen.“ Mit ein Grund
für den Erfolg der Sharing Economy ist
das wachsende Bewusstsein für Produktions­bedingungen etwa in der Bekleidungsindustrie: In Herstellerländern wie
Bangladesch sind Löhne unterhalb der
Armutsgrenze, Kinderarbeit oder 12- bis
18-Stunden-Tage ohne Pause die Regel.
In den Unternehmen gibt es oft mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen und
ein Gewerkschaftsverbot, wie die CleanClothes-Kampagne aufzeigt. Dazu kommt
die ökologische Problematik in der Baum­-

Reuse, repair, recycle
Die Sharing Economy, das Tauschen und
Teilen von Produkten und Dienstleistungen,
hat dank Internet und sozialer Netzwerke
ein großes Comeback: Carsharing,
Tauschringe, Nachbarschaftshilfe oder
Urban Gardening sind nur einige Beispiele.
Der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit
ist gemäß einer Studie der Universität
Lüneburg einer der Beweggründe für
den neuen Trend. „Darin werden zwei
Konsumtypen der Sharing Economy
unterschieden: Menschen mit ausgeprägter
Sozialorientierung und grundlegendem
Nachhaltigkeitsbewusstsein und
Konsumpragmatiker, die sich in erster
Linie aus rein praktischen Gründen
72

ANDERS KONSUMIEREN

BEST PRACTICE

Ratgeber für die öffentliche Hand:
Die Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung
Die öffentliche Hand hat ein Beschaffungsvolumen von mindestens 350 Milliarden
Euro im Jahr. Das entspricht rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Die Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung des Beschaffungsamts des Bundesmi­nis­teriums
des Inneren (KNB) berät öffentliche Auftraggeber über die Kriterien der Nach­haltigkeit. Sie stellt einen
Wissenstransfer zwischen den rund 30.000 Vergabestellen öffentlicher Aufträge im gesamten Bundesgebiet her. Dazu führt sie Schulungen durch und informiert Entscheiderinnen und Entscheider auf Veranstaltungen sowie online. Die Kompetenzstelle arbeitet mit Expertinnen und Experten aus der Industrie, von NGOs und öffentlichen Auftraggebern zusammen, um neue Ideen und Betrachtungsweisen zu entwickeln.
www.nachhaltige-beschaffung.info

wollproduktion: Die weltweite Anbaufläche von Baumwolle beträgt 2,5 Prozent,
der An­teil der dafür eingesetzten Pestizide
jedoch 25 Prozent. 40.000 bis 50.000 Tonnen
Färbemittel gelangen durch die globale
Textilindustrie jährlich in das Wassersystem
der Produktionsländer. Auch bei elektro­
nischen Geräten sind die Produktionsbedingungen oft mangelhaft: Ein wachsender
Anteil der Unterhaltungselektronik wird
in Entwicklungs- und Schwellenländern
hergestellt, jedes zweite elektronische Gerät
wird in China produziert. Studien von
makelTfair zeigen: In China und auf den
Philippinen müssen Beschäftigte 100 bis
180 Stunden pro Monat zusätzlich arbeiten,
ohne einen Zuschlag auf den Mindestlohn
von 75 bis 85 Euro im Monat zu erhalten.
Dazu kommt der enorme Verbrauch an
Ressourcen: In jedem Handy, Tablet oder PC
steckt eine Vielzahl an Metallen und
seltenen Erden wie Tantal, Gold, Palladium,

Silber, Kobalt und Kupfer. Der Abbau von
Coltan, das für die Her­stellung von Tantal
verwendet wird, hat zu einem Bürgerkrieg
im Kongo geführt. Die Recyclingquoten
der Rohstoffe am Ende des Lebenszyklus
sind noch beschämend gering. Immerhin gibt es erste Initiativen gegen
Ressourcenverschwendung und Elektroschrott, wie beispielsweise Repair Cafés,
die in Deutschland immer populärer
werden, oder das Modell der Kreislauf­
wirtschaft, auch Cradle to Cradle genannt,
das der deutsche Umweltchemiker
Michael Braungart gemeinsam mit
dem amerikanischen Architekten
William McDonough entwickelt hat.
„Produkte sollen am Ende ihres Lebens
nicht ent­sorgt werden, sondern von
Anfang an so konzipiert sein, dass sie
sich in anderer Form weiterverwenden
oder sogar vollkommen kompostieren
lassen“, erklärt Braungart sein Konzept.
73

ANDERS KONSUMIEREN

Auch aufklärende Kommunikationsmaßnahmen zu CO₂-Bilanzen und Ressourcenverbrauch sollen das Bewusstsein für
Nachhaltigkeit stärken.

Wie wird nachhaltiger Konsum gefördert?
Neben dem individuellen Konsumverhalten
der Verbraucherinnen und Verbraucher
sind vor allem Wirtschaft und Politik
gefragt, bessere Rahmenbedingungen für
einen nachhaltigeren Konsum zu schaffen.
Grundlage sind nachhaltige Wirtschaftsund Produktionsweisen. Dies zu fördern
ist auch eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen sowie der
Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.
Die Bundesregierung verfolgt hier ver­schiedene Ansätze: Wegweisend ist das
von der Bundesregierung im Februar 2016
beschlossene „Nationale Programm für
nachhaltigen Konsum“ ⁶ mit Handlungs­
ansätzen einer Politik für nachhaltigen
Konsum, um den notwendigen Strukturwandel voranzutreiben: Das Programm
setzt dabei vor allem auf freiwillige
Selbstverpflichtungen aller Beteiligten.
So bündelt es Maßnahmen und Initiativen
z. B. in der Verbraucher- und Gesundheitspolitik, der Landwirtschafts­politik,
der Politik zu Bau und Wohnen, der
Verkehrs- und Infrastrukturpolitik,
der Forschungs- und Bildungspolitik
oder der Umwelt-, Arbeits-, Sozial- und
Wirtschaftspolitik. Insgesamt sollen
dadurch der gesellschaftliche Diskurs
und eine Sensibilisierung der Verbraucher
gefördert werden. Zu diesem Zweck werden
beispielsweise Informationen über Ursache
und Wirkung von Konsumverhalten anhand von konkreten Zahlen und Größen
(z. B. CO₂-Emissionen und Wasserverbrauch
für die Produktion einer Jeans oder von
einem Liter Milch etc.) veranschaulicht.

Das Aktionsprogramm beinhaltet ebenfalls
die Stärkung und Ausweitung dieser Siegel.
Das Projekt „Siegelklarheit“ hat sich
zum Ziel gesetzt, weitere Zeichen und
Standardsysteme einzuführen und damit
auf die Produktgruppen des täglichen
Bedarfs hinzuweisen.
Ergänzend wurde im Dezember 2016
der „Nationale Aktionsplan Wirtschaft
und Menschenrechte“ im Bundeskabinett
verabschiedet. Dieser soll die Leitprinzipien
der Vereinten Nationen für Wirtschaft
und Menschenrechte umsetzen und die
Verantwortlichkeiten deutscher Unter­
nehmen zur Wahrung der Menschenrechte
in einem festen Rahmen verankern.
Mit dem Ziel, die menschenrechtliche Lage
entlang der Liefer- und Wertschöpfungskette weltweit zu verbessern, wurden global
einheitliche und überprüfbare Standards
festgelegt. Zudem bündelt der Plan die
Stärken der verschiedenen Beteiligten aus
Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und
Gewerkschaften. Die Bundesregierung
bringt im Aktionsplan damit die klare
Erwartung zum Ausdruck, dass Unternehmen die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht einhalten müssen.

6  www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/

	Produkte_und_Umwelt/nat_programm_konsum_bf.pdf

74

ANDERS KONSUMIEREN

Zentrale Punkte hierbei sind beispiels­weise die Abgabe einer Grundsatzerklärung
zur Achtung der Menschenrechte durch
Unternehmen. Außerdem soll ein Verfahren
festgelegt werden, um tatsächliche und
potenziell nachteilige Auswirkungen
unternehmerischen Handelns auf
die Menschenrechte zu ermitteln.
Die Bundesregierung will Firmen auch
in der Berichterstattung über soziale und
ökologische Standards bei ihren Auslandsgeschäften bestärken und sieht insbesondere Mehrheitsbeteiligungen des Bundes
mit internationalem Geschäft in der
Pflicht. Bis 2020 soll nach dem Willen
der Bundesregierung die Hälfte aller
Großunternehmen mit mehr als
500 Mitarbeitern menschenrechtliche
Sorgfaltspflichten umsetzen – das
sind rund 6.000 Firmen. Ab 2018 will
sie deshalb jährlich überprüfen, ob
die Erwartungen an die Wirtschaft auch
erfüllt wurden. Verfehlen die Unternehmen
die gesetzten Ziele, könnte ein Gesetz
folgen und der Kreis der angesprochenen
Firmen erweitert werden.

BEST PRACTICE

LebensmittelRetter im Einsatz

Von der Erzeugung bis zum Endverbraucher gehen entlang
der gesamten Wertschöpfungskette von Lebensmitteln jährlich über 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland
verloren – dies entspricht fast einem Drittel des jährlichen
Nahrungsmittelverbrauchs (aktuell 54,5 Millionen Tonnen).
Die Nachhaltigkeits­strategie der Bundesregierung will die
Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit von relevanten Daten zügig
verbessern, um den Verlust von Lebensmitteln zu vermeiden.
Schon jetzt wird auch praktisch gehandelt. Verschiedene
private und staatliche Initiativen engagieren sich gegen den
Ver­lust und zeigen weg­weisende Lösungsmöglichkeiten auf.

FOODSHARING
Foodsharing e. V. ist eine bundesweite Non-ProfitInitiative gegen Lebensmittel­verschwendung in Betrieben.
Über 20.000 ehrenamtliche Mitglieder und etliche Tausend
Frei­willige setzen sich in ungefähr 2.700 Betrieben aktiv
gegen die Vernichtung von Lebensmitteln ein. Eine virtuelle
Open-Source-Plattform zeigt den Mitgliedern überschüssige
Lebensmittel in der Nähe an, die umsonst abgegeben werden.
www.foodsharing.de

© pexel

© Foto: SpeedKingz / Shutterstock.com

DIE TAFELN
Mit mehr als 900 gemeinnützigen Vereinen bündeln die
„Tafeln“ als eine der größten sozialen Bewegungen Deutschlands rund 60.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.
Diese sammeln im Handel und bei Herstellern überschüssige Lebensmittel ein, die qualitativ einwandfrei sind.
Sie verteilen sie unentgeltlich oder zu einem symbolischen
Betrag an finanziell schwächer gestellte Menschen. Jede
Woche nutzen über 1,5 Millionen Menschen das Angebot
der Tafeln, ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche.
Die Hälfte der Tafeln agiert als eingetragener Verein, die
andere Hälfte befindet sich in Trägerschaft von Wohlfahrtsverbänden, kirchlichen Einrichtungen und Stiftungen.
www.tafel.de

75

ANDERS KONSUMIEREN

Faire Wertschöpfung

BEST PRACTICE

Deutschlands Verantwortung in der Welt
umfasst jedoch auch den Beginn der
Wertschöpfungskette von Produkten,
die in Deutschland konsumiert, aber
nicht in Deutschland hergestellt werden.
Die Nachhaltigkeitsstrategie greift
deshalb exemplarisch die textile Kette auf.
Ein neuer Indikator stellt auf den Umsatz­anteil der Mitglieder des Textilbündnisses
am Textilmarkt ab → siehe „Wirtschaft“.
Auch der neue Indikator „Marktanteil von
Produkten mit staatlichen Umweltzeichen“
ist ein erster Einstieg, nachhaltigen Konsum
zu messen. In der aktuellen Nachhaltigkeitsstrategie bezieht er sich zunächst
nur auf „ökologische“ Produkte und lässt
hierunter wiederum nur Produkte mit
staatlichen Umweltzeichen (Blauer Engel,
staatliches Biosiegel) gelten.

LebensmittelRetter im Einsatz

© Foto: SpeedKingz / Shutterstock.com

QUERFELD
Bei der Ernte von Obst und Gemüse entsprechen bis zu
30 Prozent der Früchte nicht den optischen Standards
des Handels. Sie werden aussortiert, zu Tierfutter verarbeitet oder vernichtet. Die Initiative Querfeld kooperiert
mit Bio-Landwirtschaftsbetrieben, um das zu vermeiden.
Querfeld nimmt den Betrieben aussortierte Ware ab und
liefert diese an Schulen, Caterings und weitere Lebensmittelverarbeiter.
www.querfeld.bio
ZU GUT FÜR DIE TONNE!
„Zu gut für die Tonne!“ informiert über Ur­sachen und Folgen
unserer Verschwendung und gibt praktische Tipps – vom
planvollen Einkauf über die richtige Lagerung bis zur Resteverwertung. Speziell für Schulen wurden Unterrichts­
materialien erarbeitet, die im Klassensatz kostenlos bestellt
werden können. Für unterwegs gibt es die Beste-Reste-App
mit vielen Rezepten und einem integrierten Einkaufszettel.
Seit 2015 werden in Restaurants Beste-Reste-Boxen be­
worben, in denen Reste gesammelt und mitgenommen
werden können. Das Bundesministerium für Landwirtschaft
und Ernährung (BMEL) will seine seit 2012 bestehende
Initiative „Zu gut für die Tonne!“ zu einer nationalen Strategie
ausbauen. An dieser können sich alle Akteure entlang
der Wertschöpfungskette beteiligen. Eingebunden werden
Bundesländer, NGOs und auch die Gastronomie.
2016 vergab das BMEL außerdem erstmals den Bundespreis
für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung;
der Wettbewerb wird zukünftig jährlich ausgeschrieben.
www.zugutfuerdietonne.de

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung
hat als Diskussionsbeitrag zum Entwurf
der Strategie mit einem Gutachten
des Instituts für Markt-Umwelt-Gesellschaft (IMUG-Institut) einen statistisch
und normativ gangbaren Weg zur Messung
des nachhaltigen Konsums aufgezeigt
und diesen durch einen „Genügsamkeits­
indikator“ ergänzt.

76

ANDERS KONSUMIEREN

Weniger ist mehr – aber gleich!

© pexel

Das Ziel der Vereinbarung der Staatsund Regierungschefs in Paris vom Jahr 2015,
die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu
begrenzen, erfordert eine Reduktion der
CO₂-Emissionen um 80 Prozent. Um ein
auf internationaler Ebene glaubwürdiges
Beispiel abgeben zu können, erfordert
dies nach Auffassung des Nachhaltigkeitsrates ganzheitliche Strategien zur
Steigerung von Effizienz, technische
Innovationen, Umbau von Infrastruktur –
und eben auch Suffizienz.

© KREUS / shutterstock.com

Ein Umdenken findet bereits auf verschiedensten Ebenen statt: Konsumenten,
Politik und Produktion sind auf einem
guten, zukunftsweisenden Weg – stehen
aber immer noch am Anfang. Es gilt, jetzt
entschlossen zu handeln. Nachhaltiger
Konsum erfordert Innovationen, Produkt­
alternativen, neue Denk- und Handlungsmuster bei allen Akteuren gleichermaßen
– und eine ehrliche Diskussion um Leit­bilder nachhaltigen Wirtschaftens sowie
eine Transformation unseres Wirtschaftssystems insgesamt. Integraler Bestandteil
dessen muss auch das Thema der Suffizienz
werden. In Deutschland und weltweit sind
veränderte politische Rahmenbedingungen,
Anreize und Impulse für nachhaltigere
und suffiziente Produktions-, Konsumund Lebensstile erforderlich.

Weiterführende Publikationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  Der Nachhaltige Warenkorb
·  Indikatoren für den Nachhaltigen Konsum – Kurzstudie

77

ANDERS KONSUMIEREN

Klaus Müller
VORSTAND DES VERBRAUCHERZENTRALE BUNDESVERBANDS (VZBV)

© vzbv – Jan Zappner

Wir brauchen mehr
Transparenz und verbindliche
Mindestanforderungen.

ANDERS KONSUMIEREN

INTERVIEW

KLAUS MÜLLER
VORSTAND
VERBRAUCHERZENTRALE
BUNDESVERBAND (VBZV)

Wird heute nachhaltiger konsumiert
als vor 20 oder 30 Jahren? Welche Veränderungen lassen sich grob skizzieren?
Wir stellen fest, dass wir natürlich wichtige
Fortschritte machen, zum Beispiel bei
der Energieeffizienz von Geräten oder bei
der Stromgewinnung aus nachwachsenden
Ressourcen. Gleichzeitig muss man sehen,
dass vor 20 oder 30 Jahren allgemein weniger
konsumiert wurde. Das bedeutet im Um­kehrschluss einen niedrigeren Ressourcen­
verbrauch. Auch Gebrauchsgegenstände
haben früher oftmals länger gehalten.
Sie waren teurer und der Umgang mit
Gütern war deshalb bewusster und wertschätzender. So gesehen wurde früher
nachhaltiger konsumiert als heute.
Welche Rolle spielt der einzelne Verbraucher für eine nachhaltige Entwicklung?
Wie beeinflussen Verbraucher den Markt?
Verbraucher haben durch ihre Nachfrage
durchaus eine wichtige Rolle für eine nachhaltige Entwicklung. Leider können sie
ihrem Wunsch, nachhaltig zu konsumieren,
oftmals nicht nachkommen, weil das

Die Wahrung der Menschenrechte und
der Schutz unseres Planeten müssen zum
selbstverständlichen Standard werden.
Angebot an nachhaltig produzierten Gütern
zu gering, die Kennzeichnung nicht klar oder
der Preis zu hoch ist. Zudem hat sich gezeigt,
dass die sogenannte „Politik mit dem Einkaufskorb“, die allein die Verbraucher in
der Verantwortung sieht, nicht zum Erfolg
führt. Man kann nicht von den Ver­brauchern
erwarten, dass sie wichtige Entscheidungen
über Menschenrechte, Ressourcen

79

und Ökologie allein im Supermarkt treffen.
Hier brauchen wir ergänzende klare
ordnungspolitische Vorgaben für die Wirtschaft, wie produziert werden muss und was
Verantwortung für die Lieferketten bedeutet.
Dennoch, betont die Bundesregierung,
tragen Verbraucher die Verantwortung
für die Auswahl des Produktes und dessen
sozial und ökologisch verträgliche Nutzung … Wie viel Verantwortung können
Ver­braucher tragen? Und zu wie viel Verantwortungsübernahme sind sie bereit?
Wer versucht, gesellschaftliche Verant­
wortung auf individuelle Verbraucher
zu verlagern, macht es sich zu leicht.
Hier sind vor allem Politik, Hersteller und
Handel gefragt. Die Produktionsweise
der Güter leistet einen entscheidenden
Beitrag: Werden nachhaltige Ressourcen
verwendet und elementare Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte und ökologische Standards eingehalten, haben es
Verbraucher an der Ladentheke einfacher,
nachhaltig zu konsumieren. Die Wahrung
der Menschenrechte und der Schutz unseres
Planeten müssen zum selbstverständlichen
Standard werden. Dazu müssen Verbraucher
informierte Kaufentscheidungen treffen
können und über die Auswirkungen ihres
Konsums informiert werden. Nur dann
haben sie die Möglichkeit, ihr Konsumverhalten zu ändern und politische Rahmenbedingungen einzufordern, die die nachhaltige
Produktion gewährleisten. Transparenz bei
den Produktions- und Herstellungsschritten
ist hierzu ein erster, wichtiger Schritt.

ANDERS KONSUMIEREN

INTERVIEW

KLAUS MÜLLER
VORSTAND
VERBRAUCHERZENTRALE
BUNDESVERBAND (VBZV)

Können Einzelne die Nachhaltigkeit
von Produkten überhaupt
realistisch beurteilen?
Die Beurteilung von Nachhaltigkeit am
Produkt ist schwierig, weil wir in Deutschland die negativen Folgen bisher kaum
spüren. Viele negative Auswirkungen
der Produktion auf Mensch und Umwelt
werden in andere Länder ausgelagert und
sind für uns deshalb auf den ersten Blick
nicht mehr sichtbar. Deshalb fordern
wir staatliche Mindestanforderungen
für eine sozial und ökologisch verantwortliche Produktion. Alle Branchen – ob
Textilien, Lebensmittel oder Elektronik­
geräte – brauchen klare und verbindliche
staatliche Kriterien, was unter sozial und
ökologisch verantwortlicher Produktion
zu verstehen ist.

Viele negative Auswirkungen der Produktion
auf Mensch und Umwelt werden in andere
Länder ausgelagert und sind für uns deshalb
auf den ersten Blick nicht mehr sichtbar.
Differenziert für alle Produktgruppen
müssen mithilfe von Wissenschaft, Verbraucherorganisationen und Wirtschaft Mindestanforderungen beziehungsweise Kriterien (Benchmarks) im Bereich Ökologie
und Soziales entwickelt werden. So kann
das Engagement nachhaltig handelnder
Unternehmen honoriert werden. Liegt das
Engagement der Unternehmen über dem
staatlichen Benchmark, können Produkte
beispielsweise mit einer leicht wieder­
erkennbaren staatlichen Qualitätsausaus­
lobung in Form einer „Bildmarke“ auf den
Produkten platziert werden. Das ermöglicht
Verbrauchern eine schnelle Orientierung.

80

Selbstbestimmte, kritische Verbraucher
sind der Idealfall. Welche konkreten
Maßnahmen ergreift der Verbraucherzentrale Bundesverband für eine
nachhaltigere Gesellschaft?
Der Verbraucherzentrale Bundesverband
engagiert sich gegenüber Politik und Wirtschaft für Weichenstellungen zugunsten
nachhaltiger Entwicklung, etwa bei der
Energiewende, bei der Entwicklung der
Elektromobilität oder beim Tierschutz
in der Nutztierhaltung. Außerdem setzen
wir uns für Verbraucherbildung an Schulen
ein, damit die Alltags- und Konsumkompetenzen von Kindern und Jugendlichen
frühzeitig gefördert werden können.
Mit dem „Materialkompass“ stellen wir
zum Beispiel Lehrkräften geprüfte
Unterrichtsmaterialien unter anderem
zum Thema nachhaltiger Konsum
zur Verfügung.
Viele Verbraucher suchen zudem unsere
Beratungsstellen auf, weil sie unter anderem
Fragen zum Gewährleistungsrecht oder
zur Kennzeichnung von ökologisch und
sozial verträglich produzierten Gütern
haben. Auch nachhaltige Geldanlagen und
die Umwelt- und Produktsicherheit sind
wichtige Themen. Insbesondere bei der
Produktkennzeichnung herrscht viel
Unklarheit, weil „nachhaltig produziert“
kein rechtlich geschützter Begriff ist.

ANDERS KONSUMIEREN

INTERVIEW

KLAUS MÜLLER
VORSTAND
VERBRAUCHERZENTRALE
BUNDESVERBAND (VBZV)

Theoretisch haben viele Menschen den
Wunsch, nachhaltiger zu leben – tun es
aber im Alltag nicht. Wie erklären Sie
sich diese Diskrepanz?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen
handeln wir leider nicht immer rational.
Unser Alltag ist von eingeübten Routinen
geprägt, an die wir uns zu oft halten.
Zum anderen unterliegen wir Verhaltens­
verzerrungen, sogenannten „biases“.
Das heißt, wir orientieren uns in unserem
Handeln an sozialen Normen: Je mehr
Menschen einen Coffee-to-go-Becher
nutzen, desto mehr wird sich dies
zur Norm entwickeln. Meines Erachtens
ist aber der Hauptgrund für fehlendes
Handeln die mangelnde Sichtbarkeit
der Auswirkungen unseres Konsums.
Farmen oder Bergbau für Rohstoffe sind
oft in Übersee und somit nicht sichtbar.
Auch direkte Auswirkungen durch den
Klimawandel sind für die Menschen
in Europa kaum spürbar. Dies gilt ebenso
für überdüngte Böden durch unsere Landwirtschaft wie für die Arbeitsbedingungen
in der Textilproduktion. Hier brauchen
wir mehr Transparenz und Sichtbarkeit.
Wie könnte man dennoch für
nachhaltigen Konsum motivieren?
Zum Beispiel durch Sichtbarkeit von Verbräuchen und Ersparnissen: Im Hinblick
auf Haushaltsgeräte haben die EU-Energieverbrauchskennzeichnung und die EUVorgaben zum „Ökodesign“ deutliche Einsparungen bewirkt.

81

Wichtig ist aber weiterhin, dass Verbraucher
nicht benötigte Geräte auch komplett
vom Strom trennen. Hohes Einsparpotenzial
besteht außerdem bei der Wärmedämmung
von Gebäuden. Hier muss die Politik die
steuerliche Entlastung und finanzielle Unterstützung ausbauen, um die Investitionsschwelle für Eigenheimbesitzer abzusenken.

Nachhaltiger Konsum entscheidet
auch über Generationen­gerechtigkeit.
Ist nachhaltiger Konsum für alle möglich?
Momentan fristet nachhaltiger Konsum
noch ein Nischendasein. Wenn aber
die Politik eine nachhaltige Produktionsweise zum Standard erhebt, wird es auf
diesem Markt mehr Wettbewerb geben.
Dadurch sinken die Preise und ermöglichen
nach­haltigen Konsum für breite Gruppen.
Als Verbraucherverband wollen wir in
Zukunft die soziale Dimension der Nach­
haltigkeit stärken. Denn nachhaltiger
Konsum entscheidet auch über Generationengerechtigkeit. Politische Rahmen­
bedingungen sollten eine inklusive Gesellschaft fördern, die allen Verbraucher­gruppen, einschließlich Senioren, Kindern,
Menschen mit Behinderung, sozial
schwachen Menschen sowie Migranten
und Flüchtlingen, die gleiche Teilhabe
am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.

ANDERS KONSUMIEREN

INTERVIEW

KLAUS MÜLLER
VORSTAND
VERBRAUCHERZENTRALE
BUNDESVERBAND (VBZV)

Welche Rolle spielen Suffizienzaspekte
für Konsumenten und Unternehmen?
Suffizienz, also weniger oder auch maß­
vollerer Konsum, gewinnt für manche
Verbraucher immer mehr an Bedeutung.
Für einige Verbraucher gilt Konsum
oder Besitz sogar als Ballast. Deswegen
setzen immer mehr Menschen darauf,
Produkte zu teilen statt zu besitzen.
Grundsätzlich ist es wichtig, dass wir
dafür sorgen, qualitativ hochwertige und
langlebige Produkte zu produzieren,
die man auch noch reparieren kann.

Kein Mensch braucht jedes Jahr
ein neues Smartphone.
Hier sind die Unternehmen gefragt, diesem
Verbraucherwunsch nach­zukommen und
nachhaltige Produkte auf den Markt zu
bringen. Zudem wünsche ich mir, dass die
Unternehmen verantwortungsvoll mit
Werbung und dem Marketing ihrer Produkte
und Dienstleistungen umgehen, um nicht
nachhaltige Konsumwünsche und -bedürfnisse nicht unnötig anzuregen. Kein Mensch
braucht jedes Jahr ein neues Smartphone.

82

Abschließend würden wir das Gespräch
gerne mit einem kurzen Statement
be­enden. Bitte vervollständigen
Sie den Satz: Für mich bedeutet
Nachhaltigkeit, dass …
… unsere Kinder und deren Kinder eine
lebenswerte und gerechte Welt vorfinden.

Besser
wirtschaften

© hxdyl / Shutterstock.com

Auf der Suche nach
neuen Koordinaten für
das Wirtschaftssystem

BESSER WIRTSCHAFTEN

Weltweit leben 836 Millionen Menschen
in extremer Armut. Mit der Agenda 2030
hat sich die internationale Staaten­

Denn jeder Plan ist nur so gut wie seine
Umsetzung. Die Ziele der Agenda 2030
können nur durch eine intensive Zusammenarbeit im Rahmen einer neuen
globalen Partnerschaft erreicht werden.
Alle Länder sind deshalb dazu aufgefordert,
über ihre Anstrengungen und Fortschritte
zu berichten – nicht nur national, sondern
auch beim Hochrangigen Politischen Forum
für nachhaltige Entwicklung der
Vereinten Nationen².

gemeinschaft nun ehrgeizige Ziele gesteckt:
Armut und Hunger sollen weltweit besiegt
werden – und das alles ökologisch und
unter den Prämissen des Klimaschutzes.
Alle, die sich dazu äußern, zeigen sich fest
davon überzeugt, dass sich die Herausforderungen weltweit nur gemeinsam
lösen lassen. Der Dissens besteht nicht

Niemand darf zurückgelassen werden.

im Anspruch, sondern in seiner Umsetzung.

BAN KI-MOON
UN-Generalsekretär 2007 – 2016

von K ATRIN MÜLLER

Die Agenda 2030 schafft ein neues
Entwicklungs-Paradigma. Weltweit soll
wirtschaftlicher Fortschritt mit sozialer
Gerechtigkeit und im Rahmen der
planetaren Grenzen verbunden werden.
Für die Bereiche Umwelt, Soziales und
Wirtschaft wurden 17 ambitionierte Kern­ziele formuliert, die Sustainable Development Goals (SDGs), welche die „5 Ps“
betrachten: People, Planet, Prosperity,
Peace, Partnership¹. Die Agenda gilt für
Entwicklungs­länder, Schwellenländer
und Industrie­staaten gleichermaßen.
Der politische Wille ist artikuliert, doch
wie erfolgreich die Agenda 2030 dann
in den einzelnen Ländern umgesetzt
wird, muss sich noch zeigen.

Im Einklang mit der Agenda 2030 wurde
zudem auf der Klimakonferenz von Paris
beschlossen, die globale Erderwärmung bis
2050 auf 1,5 Grad zu begrenzen.

1  Menschen, Planet, Wohlstand, Frieden, Partnerschaft
2  High Level Political Forum on Sustainable Development, HLPF

84

© Foto Ban Ki-moon: Robin Lösch

Industriestaaten wie Deutschland gehören
zu den größten Produzenten von Treibhausgasen. Unternehmen und Konsumenten
profitieren von billigen Rohstoffen und
niedrigen Löhnen in Entwicklungsländern.

BESSER WIRTSCHAFTEN

Die wohlhabenderen Nationen haben
deshalb eine besondere Verantwortung bei
der Etablierung weltweit nachhaltiger
Wirtschaftsstrukturen.

Wie viele Erden bräuchten wir,
wenn alle Menschen der Welt so leben würden
wie die Bewohner von …

Die Agenda 2030 fordert ausdrücklich,
die schwächsten und „verwundbarsten“
Staaten in den Mittelpunkt zu stellen.
„Niemand darf zurückgelassen werden“,
sagte der ehemalige UN-Generalsekretär
Ban Ki-moon. „Aber der wahre Test kommt
noch, nämlich die Umsetzung.“ Bundeskanzlerin Dr. Merkel fordert deshalb,
dass die Agenda 2030 künftig „in allen
politischen Tagesordnungen fest verankert“
werden müsse.

Australien 		
5,4
USA		
4,8
Schweiz 		3,3
Südkorea 		
3,3

Deutschland 		
3,1
Frankreich 		
3,0

Im Ausland gilt die Bundesrepublik als ein
Land mit einer hohen Lebensqualität, wie
aus der Studie „Deutschland in den Augen
der Welt“ der Deutschen Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aus
dem Jahr 2015 hervorgeht. Deutschland
wird als dynamisch und leistungsfähig mit
der dazugehörigen „Innovationslandschaft“
beschrieben. Auch im Bereich nachhaltigen
Wirtschaftens sind nicht zuletzt wegen der
proklamierten Energiewende die
Erwartungen an die Bundesrepublik als
Impulsgeber international hoch. Bei der
Umsetzung der Agenda 2030 kommt
Deutschland somit eine Vorreiterrolle zu.

Großbritannien  2,9

Ob Solarstrom vom Dach der Industriehalle,
Maßnahmen zur Ressourceneffizienz oder
Investitionen in Bildung in ärmeren
Ländern: Es gibt viele Facetten ökologisch
und sozial verträglichen Wirtschaftens.
Viele Unternehmen haben längst erkannt,
dass eine Produktion auf Pump und unter
Ausbeutung von Mensch und Umwelt nicht

Japan 	

2,9

Italien 	

2,7

Spanien 	

2,1

China 	

2,0

Brasilien 	

1,8

Indien	

0,7

=

1,6

Welt 	

April

16
2016

Earth
Overshoot
Day
Germany

nur auf das Image drückt, sondern sie auf
lange Sicht auch selbst teuer zu stehen
kommt. Nach Skandalberichten über
Umweltverschmutzung und unmensch­
liche Arbeitsbedingungen in Asien geloben
Textilunternehmen Besserung und einen
kontinuierlichen Verbesserungsprozess
85

Quelle: Global Footprint Network National Footprint Account 2016

Russland 		
3,3

BESSER WIRTSCHAFTEN

der globalen Lieferketten. Die Autorin und
Innovationsberaterin Anna Handschuh
arbeitet für die unabhängige Denkfabrik
„Gottlieb Duttweiler Institute“ mit Sitz
in der Schweiz. Sie brachte die Wechselwirkung zwischen Handel und Konsum in
einem Interview mit dem Schweizer
Rundfunk und Fernsehen (SRF) mit dem
Satz auf den Punkt: „Bangladesch beginnt
in unserem Kleiderschrank.“

undurchsichtige Lieferkettenstrukturen
aufbaut, die eine Kontrolle des Rohstoffbezugs vor Ort unmöglich machen.
Bangladesch beginnt
in unserem Kleiderschrank.
ANNA HANDSCHUH

Entscheidend ist, dass die Nachhaltig­
keitsstrategie eines Unternehmens
in dessen Kerngeschäft verankert ist
und öffentlich formuliert wird, bis wann
und wie die selbst gesteckten Ziele erreicht
werden sollen. Für die Umstellung auf
ein ressourcen­­schonenderes und sozial
verträglicheres Wirt­­­schaften ist das eine
wichtige Voraus­setzung.

Doch nicht alle Bemühungen zu einer
Verbesserung der Ökobilanz sind wirksam,
und in manchen Fällen besteht die Gefahr
des „Greenwashings“. Dies geschieht
beispielsweise, wenn ein Konzern einerseits
mit der Unterstützung von Umweltprojekten wirbt, andererseits aber hochkomplexe,

© Foto Handschuh: Selina Meier

Gründerin Elephant Strategy

Gesamtrohstoffproduktivität in Deutschland
Die Gesamtrohstoffproduktivität stellt die Rohstoffeffizienz der deutschen Volkswirtschaft dar.
Dabei werden das deutsche Bruttoinlandsprodukt und der dafür benötigte globale Rohstoffeinsatz ins Verhältnis
gesetzt. Ziel des Deutschen Ressourceneffizienzprogramms (ProgRess) II ist die weitere Steigerung und damit
Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch im Kontext der Kreislaufwirtschaft.

Rohstoffentnahme und Importe

2000 = 100

in Rohstoffäquivalenten¹

140
130

125,5

120
119,6

110

Wert der letzten Verwendung
(preisbereinigt)²
Wert der letzten Verwendung
(preisbereinigt) im Verhältnis

100

zu Rohstoffentnahme
und Importen in Rohstoff-

90

äquivalenten

80
70
2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

1  2001 bis 2007 interpoliert
2  Entspricht preisbereinigt dem Bruttoinlandsprodukt zuzüglich dem Wert der Importe

86

2008

2009

2010

2011

Quelle: Statistisches Bundesamt

105,0

BESSER WIRTSCHAFTEN

in jedem Bereich des Heiztechnikunter­
nehmens verankert ist und eine besonders
energieeffiziente Produktion sowie
recyclingfreundliche Entsorgung Maßstäbe
setzen. Auch börsennotierte Unternehmen
wie der Chemiekonzern BASF und der
weltweit drittgrößte unabhängige Software-Lieferant SAP haben mit verschiedenen Maßnahmen gezeigt, dass nachhaltiges
Wirtschaften im Rahmen jeder Unternehmensgröße und -form möglich ist.

Mit gutem Beispiel vorangehen
Die Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, der jedes Jahr vergeben wird,
veranschaulichen die Bandbreite an
Möglichkeiten, die es für Unternehmen gibt,
ihre Produktionsprozesse und Leitlinien zu
optimieren. Das mittelständische
Familienunternehmen VAUDE beispielsweise entwickelt, produziert und verkauft
Outdoor-Sportartikel nach sehr hohen
Nachhaltigkeitsstandards. So produziert
VAUDE Kleidung und Sportausrüstung
unter dem „Green Shape Label“, setzt sich
im Rahmen der „Fair Wear Foundation“ für
faire Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern ein und ist Teil des „Bündnisses
für nachhaltige Textilien“. Aber auch im
Unternehmen wird Nachhaltigkeit von der
Geschäftsführung authentisch vorgelebt.
Das zeigen entsprechende Regeln wie die
„VAUDE Material Policy“, die Verpackungsrichtlinie, die Einkaufspolicy für Möbel und
Büromaterial oder das Mobilitätskonzept.
VAUDE wurde damit 2015 zu Deutschlands
nachhaltigster Marke gewählt.

Faire Produktion und Handel
Um die ehrgeizigen UN-Nachhaltigkeitsund Klimaschutzziele zu erreichen, bedarf
es auch einer Land- und Forstwirtschaft, die
ausreichend und gesunde Nahrung für alle
produziert, aber gleichzeitig auch auf den
Schutz und den Erhalt von Boden, Wasser,
Biodiversität und Luft ausgerichtet ist.
Initiativen, die Land- und Forstwirtschaft
wirtschaftlich, sozial und umweltverträglich zu gestalten, sind zum Beispiel die
„Zukunftsstrategie ökologischer Landbau“
sowie international angelegte Bündnisse
wie das „Forum Nachhaltiges Palmöl“
(FONAP) oder das „Forum Nachhaltiger
Kakao“ (FNK). Darin setzen sich Industrie
und Ministerien gemeinsam das Ziel,
Leben und Arbeit für Kleinbauern in den
Anbauländern dauerhaft und wirksam zu
verbessern und den Anteil nachhaltig
erzeugten Kakaos deutlich zu erhöhen.

Überzeugt hatte 2015 auch das Heiztech­
nikunternehmen Vaillant als „Deutschlands nachhaltigstes Großunternehmen“.
Vaillant biete Schlüsseltechnologien für
die Energiewende und komme vorbildlich
seiner ökologisch-sozialen Verantwortung
nach, hieß es zur Begründung. Ausschlag­
gebend war auch hier, dass Nachhaltigkeit

87

BESSER WIRTSCHAFTEN

BEST PRACTICE

Ein Beitrag für mehr
Transparenz in der Wirtschaft:
Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex
Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) wird vom Rat für
Nachhaltige Entwicklung (RNE) seit Ende 2011 Unternehmen
und Organisationen zur freiwilligen Anwendung empfohlen.
Im Rahmen des Projekts „Deutscher Nachhaltigkeitskodex“ (DNK)
können sich Unternehmen einer standardisierten Berichterstattung unterziehen. „Mit dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) ist für Unternehmen aller Rechtsformen ein Instrument geschaffen, das Transparenz
über die Nachhaltigkeit und damit Qualitätsvergleiche erlaubt“, sagte
Christian Strenger, Aufsichtsratsmitglied bei DWS Investments.
Bisher liegen 374 Entsprechenserklärungen von 191 Unternehmen
und Organisationen vor (Stand: März 2017). Sie nutzen den Standard,
um der Öffentlichkeit über ihre nicht finanziellen Leistungen in den
Bereichen Ökologie, Soziales und Governance zu berichten. Oft ist dies
mit der unter­nehmensinternen Neuausrichtung auf Nachhaltigkeit verbunden oder stärkt das schon bestehende Unternehmensengagement.
Der Standard ist international anwendungsfähig und liegt in mehreren
Sprachen vor. Unternehmen, Branchenverbände, Kammern und zivil­
gesellschaftliche Organisationen bekommen einen umfangreichen
Einblick in die praktische Einführung des Nachhaltigkeitskodex.
Der Rat erweitert „Made in Germany“ um die Komponente Nachhaltigkeit,
die mithilfe des DNK nachvollziehbar und vergleichbar beschrieben wird.
Damit entfaltet der Deutsche Nachhaltigkeitskodex Signalwirkung:
Die EU-Kommission sowie die Bundesregierung haben ihn als möglichen
Standard für die ab dem Berichtsjahr 2017 geltende Berichtspflicht
zur Offenlegung nichtfinanzieller Informationen genannt. Sie gilt
für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, die im öffentlichen
Interesse stehen.

Der Deut s che
N a chha lt i gkei t s ko dex
Ma ßs t a b f ür n a chha lti ge s
W i r ts cha f ten

3. aktualisierte Fassung 2016

Weitere Informationen unter:
www.deutscher-nachhaltigkeitskodex.de
und www.sustainabilitycode.org

texte Nr. 52, Juni 2016

88

BESSER WIRTSCHAFTEN

Die Nachhaltigkeits-Zertifizierung von
Produkten trägt zu einer nachhaltigeren
Produktion bei, reicht aber für die
Transformation von Konsum und
Produktion insgesamt nicht aus. Zum einen
müssen Zertifikate schrittweise ambitionierter werden, zum anderen müssen die
staatlichen und gewerberechtlichen
Bedingungen ebenso konsequent
schrittweise auf die Anforderungen an das
nachhaltige Wirtschaften ausgerichtet
werden, um Korruption und Missachtung
der Menschenrechte zu vermeiden.

Die Nachfrage steigt kontinuierlich.
Mit 1,14 Milliarden Euro erreichte der
Gesamtumsatz mit „Fairtrade“ 2015 einen
Höchststand, wie das Forum „Fairer Handel“
in seinem jüngsten Bericht mitteilte.
Der Anteil am Gesamt-Lebensmittelmarkt
liegt demnach aber noch immer unter
einem Prozent.
In den letzten Jahren haben Studien zum
Einkaufsverhalten der Deutschen allerdings
gezeigt, dass sich ein Großteil der Verbraucher speziell im Lebensmittelbereich
zunehmend dafür interessiert, woher
ein Produkt stammt, und dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher gezielt
nach Informationen suchen. Europas größte
Biomolkerei, die Andechser Molkerei
Scheitz GmbH, mit ihrer Marke „Andechser
Natur“ bietet ihren Kunden eine besonders
hohe Transparenz, indem für sie der Weg
der Milch von den Kühen der Bio-Milchbauern bis in den Laden nachvollziehbar ist.
Noch vor dem Kauf kann der Verbraucher
per QR-Code auf der Packung Informationen zum Produkt einsehen. Die Molkerei
zeigt also, wie eine Marke eine enge Beziehung zwischen Rohstoffproduzent
und Kunde herstellen kann.

Unternehmen neigen dazu, die Kosten
sozialer Konflikte zu unterschätzen.
CORALIE DAVID
OECD

© Foto David: GIZ

Eine Schlüsselrolle kommt dem Einzelhandel als Bindeglied zwischen Verbrauchern
und Produzenten von Waren zu. Verbraucher greifen auf fair gehandelte und
ökologisch erzeugte Produkte leichter zu,
wenn sie bei vielen Supermärkten und
Discountern im Regal stehen und attraktiv
präsentiert werden.

89

BESSER WIRTSCHAFTEN

BEST PRACTICE

Bündnisse für faires Wirtschaften:
Vom Rohstoff bis zum Konsumenten
Als Importeur von Waren und Rohstoffen haben deutsche Firmen
ein Interesse an guten Wirtschaftsbeziehungen. Immer mehr Firmen diskutieren
in Netzwerken über nachhaltige Produktions- und Handelsbedingungen.

Es bündelt Synergien vieler Stakeholder entlang der Textillieferkette
und verfolgt das Ziel, Produktion, Verarbeitung und Handel mit
Textilien sozial und ökologisch nachhaltiger zu gestalten. Dies betrifft
unter anderem die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der
Arbeitssicherheit, den Einsatz von Chemikalien und die Zertifizierung
von Textilien. Bereits nach einem Jahr verfünffachte sich die Zahl
der Bündnismitglieder auf 188 Mitglieder. Das sind 55 Prozent
des deutschen Textil- und Bekleidungsmarktes. Bis Ende 2017 sollen
es laut Nachhaltigkeitsstrategie 75 Prozent sein. Mit dem Beitritt
verpflichten sich die Mitglieder zu einem kontinuierlichen Ver­
besserungsprozess, der von unabhängigen Dritten überprüft wird.
www.textilbuendnis.de

© Kakaobohne VKA / Shutterstock.com

DAS FORUM NACHHALTIGER KAKAO E. V.
2014/15 lag die Gesamtfördermenge von Rohkakao bei 4.229.600 Tonnen. Deutschland importiert 10 Prozent dieser welt­weiten Gesamt­
ernte und gehört damit zu den größten Importeuren weltweit.
Um den Kakaosektor nachhaltiger zu gestalten, haben sich im Forum
Nachhaltiger Kakao e. V. mittlerweile über 70 Akteure aus der deutschen
Kakao- und Schokoladenindustrie, dem Lebensmittelhandel, der
Bundesregierung und der Zivilgesellschaft zusammengeschlossen.
Die Lebensbedingungen der Kakaobauern und ihrer Familien sollen
verbessert werden. Durch den verstärkten Import nachhaltig angebauten Kakaos sollen natürliche Ressourcen und die Biodiversität
90

© Forum Nachhaltiger Kakao e. V.

90 Prozent der in Deutschland verkauften Textilien sind aus China,
der Türkei oder Bangladesch importiert. 2014 wurde, als Reaktion
auf den Gebäudeeinsturz von Rana Plaza in Bangladesch, das Bündnis
Nachhaltige Textilien gegründet.

©Textilbündnis/T. Ecke

DAS BÜNDNIS NACHHALTIGE TEXTILIEN

BESSER WIRTSCHAFTEN

BEST PRACTICE

in den Anbauländern erhalten werden. Inzwischen stammen fast
30 Prozent des in Deutschland verkauften Kakaos aus nachhaltigem
Anbau. Das Forum bringt relevante Akteure aus Deutschland, den
Produktionsländern und aus internationalen Initiativen zusammen.
Das eigene Projekt PRO-PLANTEURS unterstützt 20.000 Kakao­bauern
und deren Familien in Côte d’Ivoire. Das Forum Nachhaltiger Kakao
ist als Leuchtturm­projekt der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie
für das Jahr 2016 ausgezeichnet worden.

© Forum Nachhaltiger Kakao e. V.

Bündnisse für faires Wirtschaften:
Vom Rohstoff bis zum Konsumenten

www.kakaoforum.de

Der weltweite Verbrauch von Palmöl in der Lebensmittel- und
Kosmetikindustrie ist hoch: 65,4 Millionen Tonnen wurden 2015 produziert. Deutschlands Bedarf macht zwei Prozent aus. Indonesien und
Malaysia stellen zusammen 85 Prozent der globalen Palmölproduktion,
doch auch in Afrika und Lateinamerika wird zunehmend produziert.
Zu großen Teilen werden Ölpalmen von Kleinbauern angebaut:
In Indonesien werden rund 45 Prozent der Ölpalmenflächen von Kleinbauern bewirtschaftet, in Afrika teilweise bis zu 80 Prozent. Ölpalmen­
anbau ist entwicklungspolitisch und ökologisch höchst relevant.
Für Palmölplantagen werden in den Regenwaldregionen vor Malaysia
und Indonesien wertvolle Primärwälder abgeholzt und teils brandgerodet. In der Folge kommt es zu Bodenerosion, drastischen
Emissionen von Treibhausgas und zur Bedrohung der Biodiversität.
Das Forum Nachhaltiges Palmöl engagiert sich dafür, den Anteil
von segregiertem und zertifiziertem Palmöl und Palmkernöl oder ent­
sprechenden Derivaten in der DACH-Region signifikant zu erhöhen.
Die Initiative aus 44 Unternehmen der Palmöl verarbeitenden Industrie,
Verbänden, Nichtregierungsorganisationen und dem Bundesminis­
terium für Landwirtschaft und Ernährung arbeitet Vorschläge zur Ver­
besserung bestehender Zertifizierungssysteme aus.
www.forumpalmoel.org/de

91

© GIZ

DAS FORUM NACHHALTIGES PALMÖL

BESSER WIRTSCHAFTEN

BEST PRACTICE

Verstehen ermöglichen – Wissen vernetzen:
Koordination von Forschungs­projekten
zu nachhaltigem Wirtschaften
durch die Initiative Nawiko
Mit der Fördermaßnahme „Nachhaltiges Wirtschaften“ trägt das
Bundesministerium für Bildung und Forschung der Komplexität
des Übergangs zu einer nachhaltigeren Wirtschaft Rechnung.
Durch das Projekt werden 30 mehrjährige Forschungs­projekte gefördert,
die sich mit verschiedenen globalen und lokalen Wirtschaftssektoren
und Aspekten des nachhaltigen Wirtschaftens beschäftigen. Begleitend
wurde die „Wissenschaftliche Koordination der Fördermaßnahme Nachhaltiges Wirtschaften“ (NaWiKo) ins Leben gerufen. Sie erzeugt durch
Vernetzung und Wissensaustausch Synergien zwischen den Projekten
und unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit sowie den Transfer von Ergebnissen in die Praxis.
www.nachhaltigeswirtschaften-soef.de

Auch Unternehmen wie Tchibo, Henkel oder
Alnatura verdeutlichen bereits, wie eine
nachhaltige Unternehmensstrategie
umgesetzt und die Zuliefer- und Wertschöpfungskette bis hin zur Personalpolitik
sozial und umweltgerechter werden kann.
Tchibo ist in Deutschland und in anderen
europäischen Staaten nach eigenen
Angaben Marktführer für Röstkaffee.

gemeinsam mit Partnern vor Ort unter
anderem bildungs- und berufsorientierte
Angebote für Kinder und Jugendliche.
Tchibo vertreibt auch Textilien. Da die
Baumwolle dafür meist aus Entwicklungsund Schwellenländern stammt, engagiert
sich das Unternehmen gemeinsam mit der
„Aid by Trade Foundation“ unter anderem
für die Förderung des nachhaltigen
Baumwollanbaus in Subsahara-Afrika. Als
ein wichtiger Schritt in Richtung einer
Mode ohne Gift gilt auch das „Bündnis für
nachhaltige Textilien“.

Das Unternehmen setzt sich im Rahmen
seines gesellschaftlichen Engagements
beispielsweise mit eigenen Projekten für
bessere Lebensverhältnisse in den
Kaffee-Anbaugebieten ein. Nach dem
Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ bietet es
92

BESSER WIRTSCHAFTEN

Die rund 180 Mitglieder haben sich dazu
verpflichtet, problematische Chemikalien
in der Textilproduktion schrittweise durch
unbedenkliche Substanzen zu ersetzen und
für menschenwürdige Arbeitsbedingungen
auch in den Herstellerländern zu sorgen.

Nachhaltige Finanzwirtschaft
Neben Bündnissen und der Optimierung
von Produktionsprozessen braucht
nachhaltiges Wachstum auch Partner für
nachhaltige Innovationen. Die universellen
globalen Nachhaltigkeitsziele – auch die
Klimaziele – fordern Politik und Finanzwelt
heraus. Nachhaltigkeit kann und muss zum
Motor für Investment werden. Nicht das
schnelle Geld zählt, sondern die Anlage in
Zukunft und Dauerhaftigkeit. Schon heute
werden „grüne Finanzanlagen“ wichtiger,
Investitionen in fossile Energieträger
werden riskanter. Doch nachhaltiges
Investieren ist mit einem Marktanteil von
2,7 Prozent laut Marktbericht 2015 des
Forums Nachhaltige Geldanlagen noch eine
Nische. Gute Absichten von Investoren sind
willkommen, aber es braucht Politik und
Strukturen, um nachhaltiges Investment
dorthin zu bringen, wo es hingehört.

Es gibt kleine Ökolabel, bei denen kann
man den Herstellungsprozess bis zu
den Baumwollfeldern zurück­verfolgen.
Bei den großen Textil- und Sportartikel­
herstellern ist so was bisher nicht üblich.
MANFRED SANTEN
Greenpeace-Chemieexperte

© Foto Santen: Mike Schmidt / Greenpeace

Leitlinien für ein ökofaires Wirtschaften
werden auch seit 2002 in der Deutschen
Nachhaltigkeitsstrategie fortgeschrieben.
Die Neuauflage 2016 erweitert das noch und
bezieht auch die internationalen Lieferketten in das Ziel und den Indikator zur
Ressourcennutzung ein. Problematisch
bleibt allerdings weiterhin der tendenziell
steigende Verbrauch an Fläche, Energie und
Ressourcen. Staatliche Maßnahmen sind
weiterhin dringend nötig. Wissenschaft und
Forschung müssen gefördert werden, um
Alternativen zu entwickeln. Das wird auch
getan. Wir brauchen mehr Strategien zur
Steigerung der Effizienz, aber daneben muss
auch die Suffizienz treten – Sparsamkeit
und Verzicht sind manchmal die besseren
Lösungen. Weil sie nicht „verordnet“ werden
können, sind neue Ideen und Instrumente
nötig. Deutschland, wie alle Länder, steht
hier erst am Anfang.

Bisher fehlen inhaltliche Mindeststandards,
Angebote sind bislang nicht vergleichbar.
Auch existiert bislang kein gesetzlicher
Rahmen, mit dem Anlagestrategien der
Pensionskassen und anderer öffentlicher
Investoren veranlasst werden könnten,
ethische, soziale und ökologische Belange
zu beachten und darüber Rechenschaft
abzulegen.
Abgesehen von einzelnen Ausnahmen
in Berlin und Münster spielen nachhaltige
Anlageprodukte in den Kommunen und
den Pensionskassen des Staates bisher
keine Rolle.

93

BESSER WIRTSCHAFTEN

Um Ausbeutung in ärmeren Ländern zu
verhindern und das Ökosystem zu bewahren,
braucht es auch auf Nachhaltigkeit
ausgelegte Finanzströme. Viele Finanzinstitute investieren weiterhin in schädliche und
nicht nachhaltige Bereiche wie Bergbau und
Ölförderung und erzielen Profite mit teils
intransparenten Geschäften. Trotz der
Maßnahmen zur Bankenregulierung nach
der Finanzkrise haben sich die Managementpraktiken und Geschäftsmodelle vor
allem im Bereich des Investmentbankings
kaum verändert. Den Entwicklungsländern
gehen jährlich Steuereinnahmen von rund
100 Milliarden Dollar durch multinationales
Offshoring, Aktientricks und Transaktionen
zur Steuervermeidung verloren. Ein
Problem sind auch die hoch riskanten
Geschäfte, die durch die Aktivitäten von
Schattenbanken entstehen. Bei diesen
Kreditgebern handelt es sich meist um
kapitalstarke Finanzunternehmen
außerhalb des regulären Bankensystems. Sie
unterliegen deshalb auch nicht den für
Banken geltenden Regulierungsmechanismen und der daraus resultierenden
Kontrolle ihrer Investitionen.

Um neue Krisen zu vermeiden, ist es
unerlässlich, dass Investoren und Banken
ihrer Schlüsselrolle gerecht werden und
nachhaltigen und innovativen Geschäftsmodellen das nötige Kapital verschaffen.
Hier funktionieren althergebrachte
Risikobewertungssysteme nicht mehr. Es ist
wichtig, dass auch in diesem Bereich die
Akteure weiter qualifiziert und neue
Chancen- und Risikobewertungssysteme
entwickelt werden. Bereits etablierte
Konzepte müssen erweitert und die
Finanzindustrie insgesamt zukunftsfähig
gemacht werden.

© TomeK K / shutterstock

Als besonders glaubwürdige Partner
profilieren sich ökologisch-ethische Banken
und transparente, nachhaltige Investments.
Sie finanzieren auf unterschiedlichen
Niveaus Unternehmen, die ihr Geld mit
erneuerbaren Energien und besonders
fairen und zukunftsfähigen Geschäftsmodellen verdienen. Sie meiden Geschäfte mit
Kohle, Erdöl und geächteten Waffen, Kinderarbeit sowie Unternehmungen, in denen
Menschen-, Grund- und Arbeitsrechte
verletzt werden. Der Marktanteil der
alternativen Geldinstitute ist noch relativ
gering, allerdings bekommen sie immer
mehr Zulauf. Deutschlands größte Nachhaltigkeitsbank GLS verzeichnete in 2015
einen Anstieg der Kundeneinlagen um
15,3 Prozent auf gut 3,6 Milliarden Euro.
In Zeiten von niedrigen Zinsen geht es nach
Angaben der GLS immer mehr Kunden
um eine sinnvolle Anlage ihres Ersparten.

94

BESSER WIRTSCHAFTEN

Auch im konventionellen Bankbetrieb und
bei Entwicklungsbanken spielen Nachhaltigkeitsstrategien zunehmend eine Rolle.
Stresstests der Bankenaufsicht in Europa
zwingen zur Überprüfung von Geschäftsmodellen, vor allem um die geforderte
Eigenkapitalquote von acht Prozent zu
sichern. Manche Banken wie die Deutsche
Bank sind außerdem derart systemrelevant,
dass sie sogar direkt von der Europäischen
Zentralbank überwacht werden. Nachhaltigkeit spielt auch dort im Kerngeschäft
eine gewisse Rolle.

Staatliche Impulse
Der deutsche Staat greift einerseits
gesetzgeberisch ein, um Sozial- und
Umweltstandards zu implementieren.
Andererseits unterstützt er nachhaltiges
Wirtschaften auf verschiedene Art und
Weise. Um nachhaltige Produkte und
Wirtschaftsprozesse zu fördern, bedarf es
der ressortübergreifenden Zusammenarbeit
der Ministerien. Wegweisend ist hier der
Umweltwirtschaftsbericht des Landes
Nordrhein-Westfalen. Die Analyse des
NRW-Umweltministeriums beinhaltet eine
Bestandsaufnahme der vorhandenen Unternehmenslandschaft und Angebotsvielfalt
in dem Bundesland. Der Bericht soll den
Ausgangspunkt für gezielte wirtschafts­
politische Maßnahmen bilden. Außerdem
geht der Staat mit gutem Beispiel voran.
Das Schonen von Ressourcen ist auch in
der Verwaltung erklärtes Ziel. Auf Bundesund Länderebene gibt es dazu zahlreiche
Projekte. Ein Beispiel mit größerer
Außen­wirkung sind die öko-sozialen
Vergaberichtlinien des Landes Berlin.
Die deutsche Hauptstadt kauft von Kaffee
über Computer bis hin zu Baumaterial
nach öffentlichen Angaben jährlich Güter
für vier bis fünf Milliarden Euro ein.

Der Preis eines T-Shirts sagt
rein gar nichts über die
Produktionsbedingungen aus.
MARIO DZIAMSKI
Gründer von Rank a Brand Deutschland

© Foto Dziamski: Mario Dziamski

Ein reiches Exportland wie Deutschland hat
auch international eine besondere
Verantwortung bei der Förderung von
nachhaltigem Wachstum und ist sich dieser
Aufgabe auch bewusst. Deutschland ist
fünftgrößter Geldgeber des „Green Climate
Fund“. Weitere Beispiele sind die Bemühungen im Bereich „Financing for Development“
des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung,
innovative Finanzierungsmechanismen wie
die Nutzung der Erlöse aus der Versteigerung von Emissionszertifikaten und Kredite
der nationalen Förderbank KfW.

95

BESSER WIRTSCHAFTEN

Im Juli 2010 wurde ein Gesetz beschlossen,
das eine 100-prozentige ökofaire Vergabe­
politik regelt. Öffentliche Ausschreibungen
des Senats müssen demnach auch öko­logische Kriterien sowie die ILO-Kern­
arbeitsnormen erfüllen. Außerdem muss
der gesetzliche Mindestlohn (ab 2017
auf 8,84 Euro erhöht) eingehalten werden.
Die Regierungskoalition verständigte
sich auch darauf, direkte und indirekte
Finanzanlagen des Landes Berlin, deren
„Rendite auf ethisch und ökologisch
besonders problematischen Geschäften
beruht, abzuziehen (divesten) und
nachhaltig zu reinvestieren“. Die grund­
legenden Finanzanlageziele „Sicherheit, Liquidität und Rendite“ wurden
damit um das Ziel „Ethik und Nachhaltigkeit“ erweitert.

Für Unternehmen bedeutet nachhaltiges
Wirtschaften eine große Chance. Indem
Ressourcen wie Energie oder Wasser
im Produktionsprozess gespart werden,
verringern sich auch die für diese Bereiche
anfallenden Kosten. Verbraucherinnen und
Verbraucher reagieren zudem sensibler auf
Umweltschäden, die in anderen Teilen der
Erde durch undurchsichtige Lieferketten
entstehen. Viele wollen ihr Erspartes auch
unter ethisch-ökologischen Gesichtspunkten anlegen. Nur fehlen oftmals die
glaubwürdige Beratung und der verlässliche
Überblick über die Angebote am Markt.
Richtig im Kerngeschäft verankert,
ist Nachhaltigkeit für Unternehmen ein
wesentlicher Wettbewerbsvorteil.

© captainblueberry / shutterstock

Die Bestrebungen von Politik und
Wirtschaft zeigen, dass sich nachhaltiges
Wirtschaften, Wachstum und Wohlstand
nicht gegenseitig ausschließen, wenngleich
es im Detail erhebliche Zielkonflikte gibt.
Wo soll man investieren, wo deinvestieren?
Wem traut man, wem nicht? Was ist „grün
gewaschen“, was ist ernst zu nehmen?

Weiterführende Publikationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex – Maßstab für nachhaltiges Wirtschaften
·  Ressourcenmanagement und Siedlungsabfallwirtschaft – Challenger Report

96

BESSER WIRTSCHAFTEN

Dr. Daniela Büchel
BEREICHSVORSTAND HANDEL DEUTSCHLAND – RESSORT HR UND NACHHALTIGKEIT BEI DER REWE GROUP

© REWE Group

Nachhaltigkeit aus
	
der Nische holen.

BESSER WIRTSCHAFTEN

INTERVIEW

DR. DANIELA BÜCHEL
BEREICHSVORSTAND HANDEL
DEUTSCHLAND – RESSORT HR
UND NACHHALTIGKEIT
BEI DER REWE GROUP

Mit der Leitlinie für Nachhaltiges
Wirtschaften hat sich die REWE Group
eine Wertebasis für das eigene Unter­
nehmen gegeben. Wie gehen Sie vor, um
diese Leitlinie in Ihrem Unternehmen
in täg­liches Handeln, Unternehmens­
strukturen und Prozesse zu übersetzen?
Nachhaltigkeit wird nur dann im Unternehmen ernsthaft gelebt, wenn jeder Mitarbeiter sich als Botschafter fühlt. Dabei
haben die Führungskräfte eine zentrale
Funktion. Führungskräfte sind für Mitarbeiter immer Orientierungspunkte. Wenn

Wir streben an, unsere spezifischen
Treibhausgasemissionen bis 2022 gegenüber
dem Referenzjahr 2006 zu halbieren.
Mitarbeiter sehen, dass Führungskräfte –
und dabei ist es völlig egal, ob in einem
REWE-Supermarkt oder in der Zentrale – das
Thema auch in schwierigen und hektischen
Phasen leben, dann strahlt das in das Unternehmen ab. Deswegen haben wir, um nur
einige zu nennen, unsere Vorstände,
Bereichsvorstände oder Generalbevollmächtigten allesamt zu internen Nachhaltigkeitsbotschaftern gemacht. Die Leitlinien sind für
uns das Fundament, auf dem alles aufbaut.
Welchen Herausforderungen müssen
Sie sich hierbei stellen und worin sehen
Sie die Chancen für die REWE Group?
Eine der größten Herausforderungen ist es
sicher, dass wir mit unserem nachhaltigen
Engagement jeden einzelnen Mitarbeiter in
unseren Märkten erreichen. Denn nur so wird
es uns gelingen, auch unsere Kunden für das
Thema zu begeistern und einen gesellschaftlichen Wandel hin zu einem nachhaltigeren

98

Konsum zu bewirken. Wir haben 70 Millionen
Kundenkontakte jede Woche in unseren
Märkten und diese stellen natürlich immer
eine Chance dar, den Kunden von einem
nachhaltigeren Produkt zu überzeugen. Eine
weitere große Herausforderung ist die Komplexität in vielen der Lieferketten sowie die
Vielzahl an Produkten, die wir in unseren
Märkten haben. In vielen Fällen lassen sich
die Hotspots nicht als Unternehmen alleine
verändern, sondern es bedarf einer Brancheninitiative. Das kann mitunter auch etwas
länger dauern, denn da müssen natürlich erst
viele Akteure an einen Tisch geholt werden.
Was bedeutet die Umstellung konkret?
Können Sie uns anhand eines Beispiels
erläutern, wie Sie Umweltbelastungen
reduzieren und die Öko-Effektivität Ihres
Unternehmens konkret verbessern?
Vor Jahren hat sich die REWE Group ein
ehrgeiziges Klimaziel gesetzt: Wir wollten
bis 2015 die CO₂-Emissionen pro Quadratmeter Verkaufsfläche gegenüber dem Basisjahr 2006 um 30 Prozent senken. Dieses Ziel
hatten wir bereits Ende 2012 vorzeitig
erreicht. Dazu beigetragen hatten insbesondere die Umstellung auf Grünstrom sowie
ein umfassendes Energiemanagement
einschließlich umfangreicher technischer
Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz. Als Vorreiter in der Branche haben wir
uns damit aber nicht zufriedengegeben,
sondern haben ein neues, noch anspruchsvolleres Klimaziel definiert: Wir streben an,
unsere spezifischen Treibhausgasemissionen bis 2022 gegenüber dem Referenzjahr
2006 zu halbieren.

BESSER WIRTSCHAFTEN

INTERVIEW

DR. DANIELA BÜCHEL
BEREICHSVORSTAND HANDEL
DEUTSCHLAND – RESSORT HR
UND NACHHALTIGKEIT
BEI DER REWE GROUP

Gleichzeitig sind jedoch auch die Wert­
schöpfungs- und Zulieferketten lang und
komplex. Ist ein einzelnes Unternehmen
überhaupt in der Lage, internationale und
globale Wertschöpfungs- und Lieferketten
zu beeinflussen?
Für ein einzelnes Unternehmen ist
das ein fast aussichtsloses Unterfangen.
Deswegen setzen wir uns stark für
Bran­chen­lösungen ein. Dabei wollen wir
alle an der Lieferkette Beteiligten mit
an Bord haben. Nur so bekommen wir Einfluss auf globale Lieferketten.
Welche Rolle spielen Unternehmen
bei der Umsetzung der Agenda 2030?
Die Verabschiedung der Sustainable
Development Goals durch 193 Staaten
im September vergangenen Jahres ist ein
großer Fortschritt. Vor allem, weil die Ziele
in einem umfassenden gesellschaftlichen
Dialog erarbeitet wurden, an dem auch die
Wirtschaft beteiligt war. Wir haben uns
eingehend mit der Agenda 2030 beschäftigt
und gemeinsam mit internen wie externen
Fachleuten erarbeitet, mit welchen der
17 Sustainable Development Goals wir
uns prioritär auseinandersetzen müssen.
Derzeit implementieren wir diese in
unsere Strategieprozesse.

Was tun Sie konkret, damit sich
die Zulieferketten sozial und umweltverträglich(er) ausrichten?
Zunächst suchen wir uns unsere Partner sehr
genau aus. Um bei uns Lieferant zu werden,
muss man viele und hohe Hürden nehmen.
Dazu gehört auch, dass unsere Partner
verstanden haben, dass wir uns als Treiber
der Nachhaltigkeit sehen. Zusätzlich setzen
wir auf interne und externe Spezialisten, die
sich die Betriebe vor Ort anschauen, auch
weil wir verstehen wollen, wo die Probleme
liegen. Nur so können wir unsere Partner
unter­stützen und gemeinsam Verbesserungen anstoßen. Kooperation bewegt
viel mehr als Konfrontation.
In der Nische haben nachhaltige Produkte
teilweise hohe Marktanteile (z. B. fairer
Kakao), doch sind sie noch lange kein
Mainstream. Ist es aus Ihrer Sicht über­
haupt möglich, dass wir nur noch nachhal­
tige Produkte haben werden? Was ist
diesbezüglich realistisch?
Mit rund 700 PRO PLANET-Produkten zeigen
wir seit Jahren, dass es möglich ist, Nachhaltigkeit aus der Nische zu holen. Dennoch ist
es noch ein weiter Weg, bis wir durchgängig
nachhaltigere Produkte haben werden.

Kooperation bewegt viel mehr
als Konfrontation.
Das liegt zum einen daran, dass ein Produkt
je nach Blickwinkel mehr oder weniger
nachhaltig sein kann. Ein Beispiel ist, dass
das Produkt als solches nachhaltiger hergestellt ist, aber seine Verpackung weniger

99

BESSER WIRTSCHAFTEN

INTERVIEW

DR. DANIELA BÜCHEL
BEREICHSVORSTAND HANDEL
DEUTSCHLAND – RESSORT HR
UND NACHHALTIGKEIT
BEI DER REWE GROUP

oder gar nicht nachhaltig ist. Zum anderen
werden wir alle unsere Konsumgewohn­
heiten überdenken und in vielerlei Hinsicht
auch umstellen müssen. Nehmen wir ein so
einfaches Thema wie Food Waste. Jeder in
diesem Land weiß, dass wir zu Hause viel zu
viel wegwerfen. Leider leiten noch viel zu
wenige eine konkrete Verhaltensänderung
daraus ab.
Abschließend würden wir das Gespräch
gerne mit einem kurzen Statement been­
den. Bitte vervollständigen Sie den Satz:
Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, dass …
… ich meinen Kindern mit gutem Gewissen
sagen kann, dass ich im Rahmen meiner
Möglichkeiten an einer lebenswerten Welt
von morgen mitgearbeitet habe.

100

Die Energiewende

© Anettphoto/Shutterstock.com

Ein Gemeinschaftswerk
im Zukunftslabor Deutschland

DIE ENERGIEWENDE

Die Energiewende in Deutschland
gilt heute als das wirtschaftspolitisch
größte Projekt seit der Wiedervereinigung.
Der Umbau einer weitgehend fossilen
Energiewirtschaft zu einer Energiever-

Mit dem Beschluss des Bundestags sollten
acht Atomkraftwerke sofort stillgelegt
und die restlichen neun Meiler schrittweise
abgeschaltet werden. Durch die in dem
Gesetzespaket verabschiedeten Maßnahmen sollten außerdem Stromnetze
schneller ausgebaut, Gebäude besser
gedämmt und der Ökostrom­anteil bis 2020
von damals 19 Prozent auf mindestens
35 Prozent erhöht werden.

sorgung aus erneuerbaren Energien
ist für eine Industrienation wie die Bundesrepublik eine enorme Herausforderung,
aber auch eine große Chance.
von K ATRIN MÜLLER

Seit den 90er-Jahren fokussierte sich
die Energiepolitik Deutschlands vor allem
auf die Reduktion von CO₂-Emissionen,
den Klimaschutz und eine jederzeit gesicherte Versorgung. Neben der effizienteren Nutzung von Energie, der Energie­
forschung und dem Ausbau der erneuer­
baren Energien wurde lange Zeit auch
die Atomenergie für unabdingbar gehalten.
Der politische Beschluss zum Atomausstieg von 2001 blieb umstritten und sah
Restlaufzeiten bis in die 2030er-Jahre
und später vor.

Die Energiewende
als „Gemeinschaftswerk“
Entscheidende Grundlage der Energiewende ist der Bericht der 2011 nach
dem Atomunfall in Japan von der Bundes­regierung berufenen Ethikkommission
„Sichere Energieversorgung“. Sie prägte
die Idee eines Gemeinschaftswerkes¹,
um die Atomenergie binnen zehn Jahren
(bis 2022) abzuschalten und den Klimaschutz ambitioniert fortzuführen.
Sie forderte die Zusammen­arbeit der
gesamten Gesellschaft – von der Politik
über die Unternehmen und Umwelt­
verbände bis hin zur Wissenschaft und
schließlich allen Bürgern.

Zu einem historischen Wendepunkt in
der deutschen Energiepolitik kam es jedoch
im Sommer 2011: Nach der Reaktorkatas­
trophe von Fukushima kehrte Deutschland
der Atomkraft als erste große Industrienation den Rücken. Der Bundestag stimmte
mit einer parteiübergreifenden Mehrheit
für den Atomausstieg.

1  Damals immerhin ca. ein Viertel

	 der deutschen Stromversorgung

102

DIE ENERGIEWENDE

Gleichzeitig warnte die Ethikkommission
vor zu erwartenden Interessenkonflikten,
die ein solcher Umbau notgedrungen mit
sich bringe: „Ein Gemeinschaftswerk
‚Energiezukunft Deutschlands‘ muss die
dabei auftretenden Zielkonflikte lösen und
die notwendigen direkten und indirekten
Beiträge aller Beteiligten, das heißt der
Energieversorger und der Energiever­
braucher, der Netzbetreiber, der Politik,
der Umweltverbände, der Gewerkschaften
und Weiterer, wie etwa der Entwickler neuer
Produkte, einbeziehen.“ Verantwortung
dürfe nicht nur bei den jeweils anderen
eingefordert, sondern müsse auch für
die Folgen des eigenen Handelns und
Ent­scheidens übernommen werden.
Der Verzicht auf die Atomenergie sei,
so die Kommission, ethisch geboten,
weil eine alternative Stromversorgung
technisch, wirtschaftlich und
kulturell durch Forschung, Innovation
und bürger­­schaftliches Engagement
ermöglicht wurde.

Betreiber größerer Windparks oder
Solar­anlagen sowie von Biogasanlagen
bekommen dadurch zukünftig für ihren
eingespeisten Strom keine feste, gesetzlich
festgelegte Vergütung mehr. Stattdessen
wird die Installation neuer Anlagen
ausgeschrieben. Wer den niedrigsten
Vergütungssatz pro Kilowattstunde Strom
verlangt, erhält den Zuschlag. Das fördert
den Wettbewerb in diesem vergleichsweise
jungen Markt.

Die Herausforderungen der Energiewende
Der Beschluss der Klimakonferenz
von Paris im November 2015 erkennt eine
der größten Herausforderungen unserer
Zeit an: die globale Erderwärmung bis 2050
auf weit unter zwei Grad, im Optimalfall auf
1,5 Grad zu begrenzen. Industriestaaten wie
Deutschland gehören zu den historischen
Hauptemittenten von klimaschädlichen
Treibhausgasen.

Der wichtigste Schritt für den Ausbau
von Wind-, Biogas- und Solarenergie
in Deutschland ist das ErneuerbareEnergien-Gesetz (EEG), das in den 90erJahren verabschiedet und kontinuierlich
reformiert wurde. Inzwischen zeichnet
sich in der Energietechnik und Energie­
wirtschaft schon der nächste grundlegende
Wandel ab – denn der Umbau des Energie­systems erzwingt ein permanentes neues
Denken und Handeln. Das EEG wurde
zuletzt Anfang Juli 2016 mit dem Ziel,
den Wettbewerb beim Ausbau der er­­neuerbaren Energien zu stärken, reformiert.

Wir müssen aus der Kohle raus –
nicht heute oder morgen, aber
doch sehr zügig. Die Erneuerbaren
werden gefördert, sie müssen noch
stärker, noch schneller ans Netz
kommen, um die Kohle zu ersetzen.
Bis zum Jahr 2035 muss das abgeschlossen sein.
TOBIAS MÜNCHMEYER

103

© Foto Münchmeyer: Gordon Welters, Greenpeace

Greenpeace-Atomexperte

DIE ENERGIEWENDE

Gegenwärtig werden ihre Emissionen von
den Schwellenländern überholt. Das ändert
aber nichts daran, dass Deutschland im
Kampf gegen die Erderwärmung eine
besondere Verantwortung wahrnimmt.
Um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen,
muss der Anteil fossiler Brennstoffe
am deutschen Energiemix zugunsten
erneuerbarer Energien erheblich gesenkt
werden – eines der zentralen Ziele der
Energiewende. Nach Angaben des
Bundeswirtschaftsministeriums lag
der Anteil der erneuerbaren Energien
an der Stromproduktion im Jahr 2015
bei rund 32 Prozent und soll mit den
aktuellen politischen Maßnahmen bis zum
Jahr 2025 auf 45 Prozent steigen. Tatsache
ist, die Energiewende ist ein Jahrzehnte
dauernder Prozess, da zum Beispiel nicht
der gesamte Bestand an Gebäuden auf
erneuerbare Energien und das Strom­sparen
umgestellt werden kann.

Stromkonzernen aber in Einzelfällen Entschädigungen in Aussicht gestellt. Für Bundesumweltministerin Barbara Hendricks
steht damit fest, „dass der Zeit­plan des
Atomausstiegs nicht verändert wird“.
Der (Atom-)Ausstieg ist nötig, um
Risiken, die von der Kernkraft in Deutschland
ausgehen, in Zukunft auszuschließen.
Er ist möglich, weil es risikoärmere
Alternativen gibt. Deutschland muss
den Weg des Ausstiegs mit dem Mut zum
Neuen, Zuversicht in die eigenen Stärken
und einem verbindlichen Prozess der
Überprüfung und Steuerung gehen.
Aus dem BERICHT DER ETHIKKOMMISSION
SICHERE ENERGIEVERSORGUNG

Neben den Stromkonzernen warnen
wirtschaftsnahe Verbände und Politiker
vor dem endgültigen Ausstieg aus der
vermeintlich billigen Atomenergie, sie
befürchten auch weiterhin Stromengpässe
sowie unkalkulierbare Kosten und damit
Wettbewerbsnachteile für Unternehmen.
Auch Landwirte klagen über höhere Preise
durch die Energiewende. Die Bodenpreise
für Nutzflächen sind in den vergangenen
Jahren zum Teil stark gestiegen und
bedrohen mancherorts den Fortbestand
der Landschaftsnutzung. Die Gründe
liegen nicht allein in der Energiepolitik.
Der sogenannte „Flächenfraß“² spielt eine
Rolle, ebenso wie die Situation auf den
Finanzmärkten, wo die Mini-Zinsen den
Agrarflächen neue Attraktivität verleihen.

Über die Notwendigkeit der Energiewende
herrscht in Deutschland weitgehend
Einigkeit. Gestritten wird jedoch vor allem
über die konkrete Umsetzung. Gegen
den Beschluss der Bundesregierung,
die Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke nach Fukushima wieder zurück­
zunehmen, zog ein Teil der Betreiber
der Atomkraftwerke vor Gericht. Neben
entgangenen Gewinnen wollten sie auch
Kosten, die ihnen im Zuge zusätzlicher
Sicherheitsanforderungen auferlegt
wurden, erstattet haben. In seinem jüngsten
Urteil hat das Bundesverfassungsgericht
bestätigt, dass das Atomausstiegsgesetz
von 2011 mit der Verfassung im Einklang
steht. Gleichzeitig hat das Gericht den

2  Die nach wie vor zu hohe Umwidmung

	 von „grüner Wiese“ in Siedlungsflächen

104

DIE ENERGIEWENDE

Natürlich steigert auch der einseitige Anbau
von Raps oder Mais für alternative Kraft­stoffe und Biogasanlagen die Bodenpreise.

Das Abschalten und erneute Hochfahren
von Kraftwerken führt zu Kosten in
Millionenhöhe, die zum Teil auch über
die Stromrechnung auf die Verbraucher
umgelegt werden.

Umweltverbänden und Grünen-Politikern
geht die bisherige Umsetzung der
Energiewende dagegen nicht weit genug.
Ein großer Streitpunkt ist die Verteilung
der zusätzlichen Kosten, die durch
den Ausbau der erneuerbaren Energien
aufkommen. So werden energieintensive
Unternehmen von der Ökostrom-Umlage
befreit und beteiligen sich damit verhältnismäßig weniger am Gemeinschafts­­werk Energiewende als beispielsweise
die privaten Haushalte.
Deutschland hat mit Milliarden-Investitionen
grünen Strom günstig und damit global
wettbewerbsfähig gemacht. Auf der zweiten
Stufe der Energiewende müssen nun Wärme,
Mobilität und Strom auf Basis erneuer­barer Energien gekoppelt werden.
ALEXANDER MÜLLER

© Foto Müller: Thomas Ecke

Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Für Verbraucher ist daher vor allem
die Kostenfrage zentral. Stromkunden
zahlen mit der Ökostrom-Umlage und den
Netzentgelten für die Energiewende kräftig
mit. Allein das Vergütungsaufkommen
für Erneuerbare-Kraftwerke aus der
EEG-Umlage wird laut Bundesnetzagentur
für 2017 auf 29,5 Milliarden Euro geschätzt,
denen nur fünf Milliarden Euro Einnahmen
für diesen Strom am Markt gegenüber­
stehen. Überdies müssen Spitzen bei
der Einspeisung von Sonnenenergie im
Sommer und Wind, der in den Winter­
monaten stärker weht, im Stromnetz
ausgeglichen werden.
105

Eine wichtige Voraussetzung für den
Umbau des Energiesystems ist der Ausbau
der Netze, um den Strom aus erneuerbaren
Energien im Land zu verteilen. Von den
rund 1800 Kilometern Stromtrassen des
2009 verabschiedeten Netzausbaugesetzes
ist gerade erst etwa ein Drittel realisiert.
Bis 2017 rechnet die Bundesnetzagentur
immerhin mit 45 Prozent Fortschritt im
Ausbau der Stromleitungen. Ein Grund für
den stockenden Ausbau sind auch
Widerstände in der Gesellschaft. Um
Windenergie aus dem Norden in den
industriestarken Süden zu transportieren,
sollen entsprechende Trassen gebaut
werden. Dagegen wird in betroffenen
Gebieten protestiert, weshalb nun Teile der
Trassen als Erdkabel vergraben werden.
Diese Erdverkabelung dauert allerdings
länger als geplant und ist auch deutlich
teurer. Ähnliche Widerstände gibt es örtlich
gegen den Bau von Windparks und
Solarfeldern, weil sie das Landschaftsbild
nach Ansicht der protestführenden
Gruppen negativ verändern und Tiere durch
die Anlagen zu Schaden kommen.

DIE ENERGIEWENDE

So kommt es nicht nur bei der Umsetzung
der Energiewende zu Zielkonflikten, auch
gegen ambitionierten Klimaschutz gibt es
Widerstände. Diese zeigen sich auch in
der Bundespolitik im Ringen um einen
Klimaschutzplan, den das Bundesumweltministerium im Herbst 2016 vorgelegt hat.
Der Plan soll aufzeigen, wie Deutschland
seine Klimaziele erreicht und seinen Beitrag
zum Pariser Klimaschutzabkommen leistet.
Den Beschluss legte die Bundesregierung
im November 2016 zur Klimakonferenz in
Marrakesch vor. Darin ist festgeschrieben,
wie viel CO₂ Deutschland in den nächsten
Jahrzehnten einsparen will. Erstmalig
werden damit die Beiträge der Sektoren
Verkehr, Landwirtschaft und Energie­
erzeugung quantifiziert.

Bruttostromerzeugung in Deutschland 2015 in TWh¹
Zahlen und Fakten zum Ausbau der erneuerbaren Energien

Steinkohle
18,3 %
Kernenergie
14,2 %

Erdgas
9,4 %
Mineralöl
0,9 %

118
92

61
6
27

Sonstige
4,2 %

155
187
Braunkohle
24,0 %

Erneuerbare
29,0 %

Wasserkraft
2,9 %
19

Windkraft
12,3 %

79

45
6

Wie können Strom, Wärme und
Mobilität verbunden werden?

Hausmüll²
0,9 %

Eine erste Zwischenbilanz scheint durch­aus positiv: Seit 2011 ist die Nachfrage
nach Ökostromtarifen mit erneuerbaren
Energien ohne Atom- und Kohlestrom
sprunghaft angestiegen. Im zweiten Halbjahr 2012 wurden 81 Prozent der neu
vermittelten Verträge über Ökostromtarife
geschlossen. Doch um die selbst gesteckten
Ziele zu erreichen, muss der Ausbau von
erneuerbaren Energien nicht nur in der
Stromversorgung weiter vorangetrieben
werden. Auch im Bereich der Wärme­
gewinnung, Kältetechnik und Mobilität
sollen fossile Energieträger schrittweise
durch erneuerbare Energiequellen
ersetzt werden. So wird in Deutschland
beispielsweise noch zu einem großen
Teil mit fossilen Energieträgern wie Öl
und Gas geheizt.

Biomasse
6,0 %

39
Photovoltaik
6,0 %

Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung
steigt in Deutschland von Jahr zu Jahr: von gerade einmal
sechs Prozent im Jahr 2000 auf über 30 Prozent im Jahr 2015¹.
2035 sollen es 55 bis 60 Prozent sein. Das Erneuerbare-EnergienGesetz (EEG) vergütet die Einspeisung erneuerbarer Energien
in das Netz; andere Pläne und Vorschriften regeln den Ausbau des Netzes, die effiziente Nutzung und die Einsparung
von Strom. Wichtig ist auch die Forschungs­­förderung,
nischer Entwicklung voranzutreiben.
Die Energiewende muss aber nicht nur die Erzeugung von
Strom, sondern den gesamten Einsatz von Primärenergie
verändern. Hier bestehen große Defizite. Lediglich 13 Prozent
der für Heizen und Warmwasser verbrauchten Energie werden
regenerativ erzeugt, im Verkehrsbereich liegt dieser Anteil
bei knapp fünf Prozent.

1  Vorläufige Zahlen z. T. geschätzt
2  Regenerativer Anteil

106

Quelle: AG Energiebilanzen; Stand 18. August 2016

um die er­neuerbaren Energien mit Innovationen und tech-

DIE ENERGIEWENDE

Das soll sich ändern, indem mehrere
Sektoren miteinander verknüpft werden.
Ein Stichwort im Bereich Wärmegewinnung
lautet „Power-to-Heat“ (Strom zu Wärme).
Diese Technologien nutzen statt fossiler
Brennstoffe Strom, um Wärme zu gewinnen.
Je mehr von diesem Strom aus regenerativen
Quellen stammt, desto erfolgreicher trägt
auch dieser Bereich zum Klimaschutz bei.

(ohne Kraftstoffe) zwischen 2000 und 2012
um knapp sechs Prozent. In den Jahren
davor war er tendenziell eher gestiegen.
Neben dem aktiven Sparverhalten werden
als Gründe für den insgesamt geringeren
Verbrauch auch eine verbesserte Wärmedämmung der Gebäude und die Nutzung
energieeffizienterer Geräte genannt.
Die Energiewende ist sowohl ein emotionales als auch ein kompliziertes Thema.
Emotional, weil es letztlich darum geht,
unsere Energieversorgung so zu gestalten,
dass sie für unsere Kinder und Enkel zukunftsfähig ist. Und natürlich muss man sich dann
mit Technik beschäftigen, und das macht
es in gewisser Weise schwierig. Ich bin aber
fest davon überzeugt, dass die Energiewende nach wie vor begeistern kann.⁴

Rund 80 Prozent der Energie in Privathaushalten werden in Deutschland vor allem
für Heizung und Warmwasser verbraucht.
Daher unterstützt die Bundesregierung
die energetische Sanierung von Gebäuden
vor allem durch zinsgünstige Kredite und
Förderprogramme der Kreditbank für
Wiederaufbau (KfW). Bis 2050 sollen alle
Gebäude nahezu klimaneutral sein. Bürger
erhalten unter anderem Beratungen zur
energetischen Sanierung und Erstellung
eines Energiekonzeptes. Zudem hat die
Bundesregierung im Frühjahr 2014 den
Energieausweis für Gebäude eingeführt.
Damit müssen Miet- oder Kaufinteressenten vom Vermieter oder Verkäufer über den
energetischen Zustand des Gebäudes
aufgeklärt werden. Die Umsetzung
allerdings stockt: Einige Zeit nach der
Einführung kritisierten die Deutsche
Umwelthilfe und der Deutsche Mieterbund,
dass viele Immobilienanbieter die
Informationspflicht missachteten. Auch die
Kontrollen durch die Behörden seien
mangelhaft. Dennoch haben viele Bürger
ihren Strom- und Heizungsverbrauch
wegen der gestiegenen Preise zunehmend
selbst im Blick. Dem Indikatorenbericht zur
Nachhaltigkeitsstrategie zufolge sank der
Energieverbrauch der privaten Haushalte

DR. PATRICK GRAICHEN
Direktor von Agora Energiewende

3  www.kommunal-erneuerbar.de/de/

	energie-kommunen/kommunalatlas.html
4  www.berliner-impulse.de/aktuell/
	impulse-interviews/interview-mit-dr-patrick-graichen.html

107

© Foto Graichen: Agora

Verbraucher sollen künftig selbst stärker
aktiv an der Energiewende mitwirken
können. Bürgergenossenschaften bekommen eine faire Chance zur Beteiligung
am Ausbau der erneuerbaren Energien:
Gewinnen sie eine Ausschreibung für
eine neue Ökostromanlage, erhalten
Genossenschaften einen Bonus. Jedes Jahr
verleiht die Agentur für Erneuerbare
Energien zudem die Aus­zeichnung
„Energie-Kommune“, welche dann in den
Kommunalatlas³ aufgenommen wird.

DIE ENERGIEWENDE

BEST PRACTICE

Ein ganzes Viertel
zusammen neu gedacht
DIE NACHHALTIGE SANIERUNG
DES MÄRKISCHEN VIERTELS BERLIN
Das Märkische Viertel im Norden Berlins wurde in den
1960er-Jahren als Vorzeige­projekt moderner Architektur entwickelt
und bietet seit 1975 mit 16.400 Wohnungen auf 3,2 Quadratkilometern
rund 40.000 Einwohnern Platz.
Während Architekten in den Anfangsjahren das Viertel als Bauprojekt mit
einem Höchstmaß an Individualität für die Bewohner lobten, wurden kurz nach
der Fertigstellung die sozialen Probleme mono­funktioneller Großwohnsiedlungen
deutlich: Das Märkische Viertel erwarb sich rasch ein schlechtes Image.

Der Umbau der Wohnsiedlung senkte den CO₂-Ausstoß
der Siedlung von 3,17 Tonnen auf 0,26 Tonnen. Dies wurde
durch eine Reduzierung der Primär­energie von 80 Prozent
erreicht. Die heutigen Bedürfnisse von Familien und Senioren
wurden durch neue, zeitgemäße Grundrisse und barrierefreie Gestaltung berücksichtigt. Auf vielen Plätzen wurde die
Versiegelung des Bodens aufgebrochen, was zu neuen grünen
Lebens- und Begegnungs­räumen und damit der Steigerung
von Lebensqualität führte.

108

© GESOBAU / Thomas Bruns

Um die Lebensqualität zu verbessern und das Viertel wieder attraktiver zu machen,
arbeiten seit 2009 Wohnungsbauunternehmen, Energie­versorger und die Stadt Berlin
eng zusammen. Mit städtischen Mitteln wurden soziale Infrastruktureinrichtungen
saniert und der öffentliche Raum aufgewertet. Gleichzeitig führte die städtische
Wohnungs­bau­gesellschaft GESOBAU, der mehr als 15.000 Wohnungen im Viertel gehören,
eine sozial verträgliche energetische Modernisierung ihres gesamten Bestandes durch.

DIE ENERGIEWENDE

Der Atlas dokumentiert das wachsende
Engagement im Bereich der Energie­
versorgung auf kommunaler Ebene.
Er enthält Informationen über die Projekte
der jeweiligen Kommune, die Art des
Energieeinsatzes sowie über die Akteure
der Gemeinde. „Energie-Kommunen“
profitieren von den Wertschöpfungseffekten der erneuerbaren Energien und erhöhen
auch für Bürger und Unternehmen die
Möglichkeiten zur Partizipation. Auf die
Bedürfnisse und Gegebenheiten ihrer
Anwohner und Firmen zugeschnitten, kann
eine Kommune zum Beispiel den Bau von
Solar-, Biogas-, Windkraft-, Geothermieoder Wasserkraftanlagen vorantreiben und
so den Anteil der erneuerbaren Energien
am regionalen Strommix erhöhen.

Außerdem ist der Preis über Jahre hinweg kalkulierbar. „Mieterstrom“ ist
somit wichtig für die Dezentralisierung
der Energiewende.

Wie kommt der grüne Strom
auf die Straße?
Der Verkehrssektor ist neben Strom und
Wärme der dritte große Verbrauchsbereich
für Energie in Deutschland. Von einer
Energiewende ist hier aber noch wenig
zu spüren, wie aus einer Studie des
Wirtschaftsprüfungsunternehmens
PricewaterhouseCoopers (PwC) hervorgeht.
Dies gelte sowohl für den Energieverbrauch
als auch für die Treibhausgasemissionen.
Der gesamte Energieverbrauch ist im
Verkehrssektor von 2006 bis 2014 nur
minimal gesunken. Es ist laut der Studie
nach derzeitigem Stand kaum möglich,
ihn wie geplant bis 2020 gegenüber 2005
um zehn Prozent zu reduzieren. Auch
die CO₂-Emissionen gingen nur leicht
zurück. Größter Treibhausgasemittent
ist der Studie zufolge der motorisierte
Straßenverkehr. Auf ihn entfallen allein
55 Prozent der CO₂-Emissionen. Eine Ursache ist, dass ein Großteil der Güter immer
noch auf der Straße transportiert wird.
Der Anteil von Bahnunternehmen am
Gütertransport ist in den vergangenen fünf
Jahren sogar leicht zurückgegangen, wie
aus dem „Indikatorenbericht 2016“
hervorgeht. Die wesentlich klimafreund­
lichere Bahn kommt dem­zufolge auf einen
Marktanteil von etwa 18 Prozent.

Auch für Miethaushalte werden Anreize
geschaffen, sich an der Energiewende zu
beteiligen. Wenn Vermieter Solaranlagen
auf den Dächern ihrer Häuser installieren
und den Strom ihren Mietern verkaufen,
wird die Ökostromumlage reduziert
oder entfällt sogar ganz. Von günstigem
Sonnenstrom vom Hausdach profitieren
bislang vor allem Eigenheimbesitzer.
Doch mit der jüngsten Gesetzesänderung
interessieren sich auch zunehmend
Wohnungsbaugesellschaften für die Möglichkeit, kostengünstigen und umweltfreundlichen „Mietstrom“ zur Verfügung
zu stellen. Für die Mieter ergeben sich aus
einer gemeinsamen Solaranlage auf dem
Hausdach viele Vorteile. Sie sparen Geld,
weil für diese Art von Strom das öffentliche
Stromnetz nicht genutzt wird und somit
keine Netzentgelte fällig werden.

109

DIE ENERGIEWENDE

BEST PRACTICE

Nordseeinsel
Juist

Regionale Pioniere der Energiewende
Immer mehr Menschen in Deutschland nehmen
die Energiewende selbst in die Hand. Kommunen
ent­wickeln nachhaltige Energiestrategien und
Bürger organisieren sich in Genossenschaften,
um für ihre eigene Energie zu sorgen.

Samtgemeinde Barnstorf
Kreis Steinfurt

Seit 2006 gründeten sich bereits über 800 Energie­
genossenschaften im Bereich der erneuerbaren Energien.
Damit setzen sich mit einem Gesamtmitgliederkapital
von ca. 655 Millionen Euro und einer Gesamt­investition von
ca. 1,8 Milliarden Euro bereits 165.000 Bürger dezentral
für eine umweltgerechte Energie­wirtschaft ein
(Stand: 12/2015). So können Bürger vor Ort in Energie­projekte
investieren und zu Mit­eigentümern dieser
Projekte werden.

Gemeinde Furth

Der Anteil der privat und genossenschaftlich erzeugten
erneuerbaren Energie ist hoch. Von 73 Gigawatt installierter
Leistung erneuerbarer Energie in Deutschland 2012
stammten 34 Gigawatt (47 Prozent) nicht von Energie­ver­sorgern oder institutionellen und strategischen Investoren, sondern aus Eigenheim- bzw. gemeinschaftlichen
und anteiligen Initiativen.

© encho Petkov / Shutterstock.com

Es geht auch im Kleinen: In der Start-up-Firma Bürgerwerke
schließen sich mehr als 12.000 Bürger und 62 lokale Energiegemeinschaften aus ganz Deutschland zusammen, um
Menschen mit erneuerbarem Bürgerstrom aus Solar-, Windund Wasserkraft zu ver­sorgen. Sie realisieren die Vision
einer erneuerbaren, regionalen und unabhängigen Energiezukunft in Bürgerhand.

110

DIE ENERGIEWENDE

BEST PRACTICE

Nordseeinsel
Juist

Regionale Pioniere der Energiewende
GEMEINDE FURTH
Samtgemeinde Barnstorf
Die Gemeinde Furth richtet ihren Haushalt nach Kriterien
Kreis Steinfurt
der Nachhaltigkeit aus. Alle Maßnahmen werden von einer
starken Partizipation der Bürger getragen. Bereits heute
werden 80 Prozent der Strom- und Wärmeversorgung durch
regenerative Energien gedeckt – angestrebt werden
100 Prozent. Maßnahmen hierzu sind kleine Hackschnitzel-,
Pellet- und Stückgutanlagen in großer Zahl, ein Nah­
wärmesystem auf Biogasbasis mit Kraft-Wärme-Kopplung
und ein Sonnenkollektorsystem zur Warm­wasserbereitung.
Deutschlands dichtestes dezentrales Netz aus Photo­
voltaikanlagen und ein Energie­sparkonzept, das unter
anderem den Energieverbrauch der Straßen­beleuchtung
um 80 Prozent gesenkt hat, wirken ebenfalls nachhaltig.
Gemeinde Furth
Das gesamte Dorfzentrum wird durch ein Hackschnitzelheizkraftwerk beheizt, das mit Gartengehölzschnitt aus
Sammel­aktionen der Bürgerinnen und Bürger betrieben
wird. So wird der Gartenabfall nachhaltig genutzt und
nicht im Freien verbrannt. In einer zusätzlichen Maßnahme
wurde eine ehemalige Acker- und Wiesen­fläche naturnah zur Hochwasserschutzfläche aus­gebaut und
mit einigen Tausend Laubbäumen bepflanzt, deren Holzertrag ebenfalls in das Hackschnitzelheizkraftwerk
einfließt. Ein Kommunalunternehmen legt bei baulichen Maßnahmen besonderen Wert auf ein nachhaltiges
Flächen­management. Freizeit-, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen werden bewusst platziert,
um die Lebensqualität für alle Altersgruppen zu steigern.

NORDSEEINSEL JUIST
Als erste touristische Destination will die Nordseeinsel Juist bis zum Jahr 2030 klima­neutral sein. Dazu wird
die Versorgung der Insel durch erneuerbare Energien angestrebt. Der Baubestand soll in Mikrokraftwerke
und das Stromnetz mithilfe neuer Speicher­technologien in ein Energy-Sharing-Netz umgewandelt werden.
Die Insel ist zudem autofrei – sämtliche Personen- und Warentransporte werden durch Pferdefuhrwerke
erledigt. Die besondere Herausforderung bei touristischen Destinationen ist, dass die Zahl der Menschen auf
der Insel im Sommer durch die Touristen auf ein Viel­faches der Einwohner anwächst. Darum setzt Juist stark
auf die Sensibilisierung von Touristen durch gezielte Information zu Umweltthemen.

111

DIE ENERGIEWENDE

BEST PRACTICE

Nordseeinsel
Juist

Regionale Pioniere der Energiewende
KREIS STEINFURT: ENERGIELAND2050
Samtgemeinde Barnstorf
Der Kreis Steinfurt besteht aus 24 Kommunen, in denen
Kreis Steinfurt
mehr als 443.000 Menschen leben. Der gesamte Kreis
hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 energieautark zu werden.
Dafür wurde ein integriertes Klimaschutzkonzept erstellt.
Dieses wird vom Bundes­ministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit durch den Masterplan
100 Prozent Klimaschutz gefördert. Steinfurt ist zudem
Modell­projekt „Global Nachhaltige Kommune“. Das Ziel ist,
den CO₂-Ausstoß um 95 Prozent gegenüber dem Jahr 1990
zu reduzieren. Dazu werden 21.000 Haushalte mit grünem
Strom versorgt, 400 Energielandbotschafter bestimmt,
um das Konzept zu verbreiten, und die Ange­hörigen von
23 Haushalten zu „Klimaschutzbürgern“ gemacht.
Gemeinde Furth
Die Klimaschutz­bürger konnten ein Jahr lang nachhaltigen
Lebenswandel ausprobieren und damit 70 Tonnen CO₂
einsparen. Im umfassenden Energie­konzept produzieren
Photovoltaikanlagen ca. 170.000 Megawattstunden Energie.
2050 sollen es 1,8 Millionen Megawattstunden sein.
Zur Förderung der Solarenergie hat Steinfurt ein kostenloses Solarkataster angelegt. Im Bereich der Wind­
energie sind derzeit ca. 260 Windkraftanlagen installiert. Die Bioenergie­strategie umfasst drei existierende
Biogasanlagen und zwei Hackschnitzelkraftwerke. Das Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit des Kreises
Steinfurt widmet sich seit vielen Jahren unter anderem den Handlungsfeldern Bürger­engagement und
Energieeffizienz. Um diese Handlungsfelder baut das Amt inter­disziplinäre Netzwerke auf, bindet die Kommunen des Kreises Steinfurt ein, aktiviert die Wirtschaft und organisiert eine intensive Bürgerbeteiligung.

SAMTGEMEINDE BARNSTORF
Ein gelungenes Beispiel für die kommunale Umsetzung der Energiewende ist die Samt­gemeinde Barnstorf
mit ca. 12.000 Einwohnern. Das integrierte Klimaschutzkonzept der Gemeinde sieht vor, bis 2025 die be­
nötigte Energie aus erneuerbaren Energiequellen bereitzustellen. Hierzu wird die öffentliche Infrastruktur
modernisiert: Eine neu gegründete Genossenschaft errichtet Bürgersolaranlagen auf öffentlichen Gebäuden, Beleuchtungskonzepte werden umgesetzt und Schul­gebäude mittels regenerativer Energie geheizt.
Durch die zusammenwirkenden Maßnahmen konnten seit 2013 Gewinne erwirt­schaftet und dabei jährlich
Schulden in Höhe von 800.000 Euro abgebaut werden.

112

DIE ENERGIEWENDE

Um den Verkehrssektor umweltfreundlicher zu gestalten, gibt es deshalb auch große
Bemühungen, ihn zu elektrifizieren und
von fossilen Energieträgern unabhängiger
zu machen. Die meisten Züge fahren bereits
mit Strom. Bis 2020 will die Deutsche Bahn
AG den Anteil erneuerbarer Energien im
Bahnstrom auf 45 Prozent steigern.
Der Konzern ist das größte Eisenbahn­
verkehrsunternehmen in Mitteleuropa
und will bis zum Jahr 2050 komplett
CO₂-neutralen Bahnstrom nutzen.

Die größten Chancen, sich am Markt
durchzusetzen, haben aktuell vor allem
Hybridfahrzeuge, wie die PwC-Studie zeigt.
Denn gerade diese Fahrzeuge könnten
das Problem der noch relativ geringen
Reichweite von Batterien bei Elektrofahrzeugen überbrücken. Für Lastwagen
wird die Nutzung von Oberleitungen auf
der Autobahn erprobt. Im Schwerlastverkehr kommt außerdem immer häufiger
sogenanntes Flüssigerdgas zum Einsatz.
Zusammen mit Biomethan trägt es dazu bei,
klimaschädliche Kraftstoffe überflüssig zu
machen. Laut Bundesverkehrsministerium
wird der städtische Verkehr in 40 Jahren
fast gänzlich auf fossile Brennstoffe
verzichten können.

Die deutsche Energiewende und
der globale Klimawandel verlangen
politischen Mut zu neuen Denkmodellen
und Lebensstilen. Es handelt sich ja
nicht nur um einen großen techno­logischen
Wandel, sondern ebenso um ein großes
demokratisches Experiment der Teilhabe
von Verbrauchern als engagierten Bürgern.

Signalwirkung für das Ausland
International betrachtet ist die Energiewende zu einer vielfach beachteten
Referenz geworden. Sie löst auf der einen
Seite Neugier und ernsthaftes Interesse,
auf der anderen Seite Skepsis aus, wie aus
der Studie „Deutschland in den Augen der
Welt“ der Gesellschaft für Internationale
Zusammenarbeit und Entwicklung (GIZ)
aus dem Jahr 2015 hervorgeht. Besonders
der Atomausstieg und die damit verbundenen Kosten stoßen im Ausland auf
Unverständnis. Insgesamt ist das Vertrauen
aber groß, dass die Bundesrepublik ihre
ambitionierten Ziele erreicht.

PROF. DR. FRANK TRENTMANN

© Foto Trentmann: Birckbeck Media Services 2015

Professor für Geschichte, Birkbeck College,
University of London

Damit nicht nur auf der Schiene, sondern
auch auf den Straßen immer mehr
Elektrofahrzeuge rollen, hat die Politik
Anreize geschaffen: Käufer von Elektrofahrzeugen werden mit einer Kaufprämie
unterstützt, und die Ladeinfrastruktur soll
schnell ausgebaut werden, denn noch sind
Elektroautos in der Anschaffung recht teuer
und Ladestationen nicht flächendeckend
verfügbar. Nach den Plänen der Bundesregierung sollen jedoch bis 2020 mindestens
eine Million Elektrofahrzeuge auf
Deutschlands Straßen unterwegs sein.

113

DIE ENERGIEWENDE

Vor allem Länder, die viel Potenzial für die
Erzeugung und Nutzung von erneuerbaren
Energien mitbringen, wollen der Studie
zufolge von einer erfolgreichen deutschen
Energiewende lernen.

sonnenreichen Marokko unter Mitwirkung
der Bundesrepublik einer der größten
Solarparks der Welt. Im Rahmen eines
deutsch-indischen Energieprogramms wird
außerdem ausgelotet, wie Indien seine
wachsenden Strommengen aus umweltfreundlichen Energien besser in das
nationale Netz integrieren kann.

Als Europas größte Industrienation
steht Deutschland in einer besonderen
Verantwortung. In mehr als 70 Partner­
ländern unterstützt die Bundesregierung
den Ausbau nachhaltiger Energiesysteme.
Allein in den Jahren 2014 und 2015 förderte
das Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung Projekte
im Bereich umweltfreundlicher Energien
mit mehr als vier Milliarden Euro.
Deutschland unterstützt vor allem Ansätze,
die das gesamte Energiesystem eines
Partnerlandes betrachten. So entstand im

Zudem unterstützt die Bundesregierung
Entwicklungsländer bei der Umsetzung
ihrer national festgelegten Beiträge zum
Klimaschutz – den sogenannten NDC
(Nationally Determined Contributions)
nach dem Klimavertrag von Paris aus dem
Jahr 2015. Ein Beispiel für praktische Hilfe
beim Umbau des Energiesystems gibt es
auch in Griechenland. Die Bundesregierung
unterstützt griechische Inseln beim Aus-

Prognose der Stromgestehungskosten in Deutschland bis 2030
Bis Ende des nächsten Jahrzehnts werden die Stromgestehungskosten von PV-Anlagen auf 0,055 bis 0,094 Euro/kWh sinken.
Euro2013 / kWh

0,22

Photovoltaik

0,20

Wind Offshore
Wind Onshore

0,18

Biogas
0,16

Braunkohle
Gas- und Dampfturbinen

0,12
0,10
0,08
0,06
0,04
0,02
0,80
2013

2015

2020

2025

Stand: November 2013

114

2030

Quelle: Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE

Steinkohle

0,14

DIE ENERGIEWENDE

bau von Solar- und Biogasanlagen, damit
sie ihren Strombedarf komplett unabhängig vom Festland mit erneuerbaren
Energien decken können. Bisher sind
dort noch viele umweltschädliche
Dieselgeneratoren im Einsatz.

Entgegen den Befürchtungen sind auch die
Ausgaben für Energie in der Wirtschaft und
bei den privaten Haushalten in den letzten
Jahren gesunken, wie aus dem „MonitoringBericht zur Energiewende“ des Bundeswirtschaftsministeriums von 2015 hervorgeht.
Die Rückgänge der Öl- und Gaspreise auf
den internationalen Märkten hätten
wesentlich dazu beigetragen, aber auch das
Erneuerbare-Energien-Gesetz hat dem
Bericht zufolge Wirkung gezeigt. So seien
Vergütungssätze abgesenkt und der Ausbau
auf die kostengünstigen Technologien
fokussiert worden, was auch zu sinkenden
Strompreisen insgesamt geführt habe. In
Deutschland wird nach Angaben des
Bundesministeriums für Wirtschaft und
Energie mehr Strom produziert als
verbraucht. Der deutsche Stromexport
erreichte 2015 mit 60,9 Terawattstunden
einen historischen Höchststand.
Das entspricht etwa einem Zehntel
des in Deutschland produzierten Stroms.

Gelingt die Energiewende?
Der „Indikatorenbericht“ von 2016 attestiert
Deutschland bei der Einhaltung seiner
Klimaziele deutliche Erfolge. Er weist aber
auch ausdrücklich darauf hin, dass dafür die
Treibhausgasemissionen in allen Sektoren
gleichermaßen reduziert werden und alle
Teile der Gesellschaft ihren Beitrag leisten
müssen. Die Energiewende erfordert damit
zweifellos in vielen Bereichen ein grundlegendes Umdenken. Ganze Industriezweige müssen auf ein nachhaltigeres
Geschäftsmodell umstellen. Einige Unternehmen sind mit massiven Geschäfts­
einbußen konfrontiert. Wo der Abbau von
Kohle zu Ende geht, gehen Arbeitsplätze
verloren. Energieintensive Branchen wie
die Chemie- oder Stahlindustrie befürchten
seit Jahren Wettbewerbsnachteile infolge
steigender Stromkosten sowie eine Ab­wanderung von Unternehmen und damit
auch von Arbeitsplätzen ins Ausland.
Die Wirtschaftsdaten für 2016 weisen für
deutsche Schlüsselbranchen allerdings
eine deutliche Steigerung der Umsätze
und Gewinne aus.

Windenergie und vor allem Photovoltaik
haben technologische Entwicklungen
erfahren, die sie weltweit konkurrenzfähig
gegenüber fossilen und noch mehr
gegenüber nuklearen Energien machen.
An ertragreichen Standorten werden heute
bereits Stromerzeugungskosten von drei
bis vier Cent je Kilowattstunde erneuer­
barer Energie erreicht. Auch Deutschland
ist von derart niedrigen Kosten nicht
mehr weit entfernt.

115

DIE ENERGIEWENDE

Eine möglichst vollständige Deckung des
Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien
ist keine realitätsferne Utopie, sondern eine
reale kostengünstige Alternative – und
zudem gut für den Klimaschutz und die
Wirtschaft. Die Integration von mehr als
30 Prozent erneuerbaren Stroms in das
bestehende Netz ist gelungen, der Blackout
ist ausgeblieben. Weltweit haben die
Erneuerbaren massive Investitionen
ausgelöst und tragen so auch dazu bei,
dass in Entwicklungsländern die notwendige Stromerzeugung durch moderne,
kostengünstige und klimaneutrale
erneuerbare Energien betrieben wird.

Die Beschäftigungswirkung wird mit
knapp 430.000 zusätzlichen Jobs im Jahr
2020 angegeben. Bundesumweltministerin
Barbara Hendricks erklärte: „Das KlimaAktionsprogramm wirkt wie ein Konjunkturpaket.“ Der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel verwies darauf,
dass die Ökostromförderung wie ein
„großes Modernisierungs­programm“ für
die deutsche Wirtschaft wirke. Sie habe
bereits 300.000 Arbeitsplätze geschaffen.
Die Energiewende erweist sich damit als
bezahlbar, als Investition in die Zukunft
und als ein wichtiger Wirtschaftsfaktor
in Deutschland. Die Weichen sind gestellt.
Das Gemeinschaftswerk Energiewende
ist auf einem guten Weg – und doch bleibt
noch viel zu tun.

© Gyuszko-Photo / shutterstock.com

Auch abseits der Energiewirtschaft bedeutet
der Wandel eine große Chance. Im Einklang
mit Wissenschaft und Forschung bringt die
Energiewende neue Unternehmen hervor,
die innovative Produkte entwickeln und
neue Arbeitsplätze schaffen. „Inzwischen
kommen 14 Prozent der weltweit produzierten Umwelttechnik aus Deutschland“,
erklärte Bundesforschungsministerin
Johanna Wanka. Eine vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebene Studie
kommt zu dem Schluss, dass der volkswirtschaftliche Nutzen die Kosten der Maßnahmen zum Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 deutlich übersteigt. In
diesem Zusammenhang prognostiziert
die Studie ein zusätzliches Wachstum
des Bruttoinlandsproduktes in Höhe von
etwa einem Prozent.

Weiterführende Publikationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung
·  Mit starken Kommunen die Energiewende zur Erfolgsstory machen
·  https://www.nachhaltigkeitsrat.de/fileadmin/user_upload/dokumente/studien/Oeko-Institut_	
	EEG-Vorleistungsfonds_Endbericht_31-03-2014.pdf

116

DIE ENERGIEWENDE

Prof. Klaus Töpfer
BUNDESMINISTER FÜR UMWELT, NATURSCHUTZ UND REAKTORSICHERHEIT A. D.

© Dirk Enters

Wir müssen
jetzt handeln.

DIE ENERGIEWENDE

INTERVIEW

PROF. KLAUS TÖPFER
BUNDESMINISTER FÜR
UMWELT, NATURSCHUTZ UND
REAKTORSICHERHEIT A. D.

Herr Professor Töpfer, über die Energiewende wird viel gestritten. Was denken
Sie: Schaffen wir die Energiewende?
Natürlich schaffen wir die Energiewende!
Sie ist ja auch bestens unterwegs: Wir
beziehen gegenwärtig bereits deutlich über
30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren
Energien – ein massiver Anstieg in den
letzten zehn Jahren. Die Erntekosten für
Sonne und Wind sind auf Dauer gefallen und
heute bereits auch weltweit eindeutig wettbewerbsfähig. Das gilt zunehmend auch für
die damit verbundenen Systemkosten. In
den Gebieten, wo mehr Sonne scheint und
mehr Wind weht als in Deutschland, sind die
erneuerbaren Energien mit Abstand sogar
das günstigste Angebot. Die Internationale
Energieagentur sagt uns, dass in den letzten
zwei, drei Jahren bereits mehr in erneuerbare Energien weltweit investiert worden
ist als in die traditionellen. Es gibt also über-

Natürlich schaffen wir die Energiewende!
Sie ist ja auch bestens unterwegs.
haupt keinen Grund, daran zu zweifeln.
Dass es immer wieder beharrende, kritische
Stimmen gibt, das ist richtig. Die Frage, wie
viel Netze wir brauchen, wird immer wieder
neu gestellt werden – die Frage wird richtigerweise lauten: Wie entwickelt sich die
dezentrale Stromproduktion? Das gehört
zur Normalität einer großen Infrastrukturwende. Wir nehmen ja nicht marginale
Veränderungen, sondern grundsätzliche
Veränderungen des Energiesystems vor.
Da gibt es natürlich auch Widerstände.

Was sind aktuell die großen Herausforderungen der Energiewende?
Die größte Herausforderung liegt sicherlich
darin, die gegenwärtig fluktuierend produzierten Mengen von Strom auch so zu
nutzen, dass sie wirklich ihren vollen Beitrag
zur Energiewende leisten. Wir hatten im Jahr
2015 ganze 25 Tage mit negativen Strompreisen, an denen wir so viel Ökostrom
geerntet und gleichzeitig die sogenannten
„Must-run“-Kraftwerke¹ noch genutzt haben,
dass wir einen Überschuss hatten.
Wir exportieren mehr als 50 Terawatt im Jahr
– das ist ein Exportrekord von Strom. Dies
sind also Fragen der Abstimmung zwischen
Produktion und Nutzung. Natürlich gehört
dazu auch die Frage, wie wir die Stromerzeugungswende mit der Verkehrswende verbinden. Wie können wir diese Sektoren­
kopplung erreichen? Und letztlich ist damit
eng die notwendige Frage verbunden: Wie
ist das besser zu finanzieren als gegenwärtig,
wo nur der Stromkunde die Entwicklung der
erneuerbaren Energien finanziert, während
der Nutznießer auch derjenige sein wird, der
hoffentlich bald ein Elektroauto fährt? Eine
Sektorenkopplung ist auch in der Finanzierung dringend notwendig.

1  Kraftwerke, die aufgrund der Netzstabilität auch dann laufen,

	 wenn der von ihnen erzeugte Strom nicht benötigt wird

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DIE ENERGIEWENDE

INTERVIEW

PROF. KLAUS TÖPFER
BUNDESMINISTER FÜR
UMWELT, NATURSCHUTZ UND
REAKTORSICHERHEIT A. D.

Welche strukturellen Veränderungen
hat die Energiewende in Deutschland
bereits gebracht?

Warum ist die Energiewende für
Sie international betrachtet eine
„vorsorgende Friedenspolitik“?

Sie hat dazu geführt, dass sehr viele Menschen in Deutschland die Frage der Energieversorgung wieder als ein eigenes Handlungsfeld begreifen. Sie sind wieder aktiv
mit eingebunden – ein unglaublich großer
Gewinn für eine offene Gesellschaft und
für die Rückgabe von Verantwortung an die
Bürger. In der Zukunft werden wir das noch
viel stärker erleben: Wir werden noch mehr
Selbstproduktion und autarke Haushalte
und Häuser haben. Diese Entwicklung
geht weiter und führt zu neuen Fragen:
Wie gestalten wir die Fassaden, wie
gestalten wir die Dächer unserer Häuser?
Wenn heute intensiv daran geforscht
wird, wie wir auch Dachziegel schon
als aktive Solarelemente nutzen, dann
sehen Sie, wie sich diese Energiewende
geradezu als ein Jungbrunnen für neue
Technologien herausstellt, und das
hat sich bereits sehr bewährt. Deshalb
sollten wir die Menschen, die heute schon
Aufgaben übernommen haben, nicht enttäuschen, indem wir in der Politik nicht mehr
verlässlich in der Durchsetzung von wirklich
wichtigen Zielen werden. Die Energiewende
ist zu einem höchst attraktiven Business
Case geworden – sie ist natürlich auch
alleine unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes unumgänglich.

Wir gehen auf neun Milliarden Menschen
auf dieser Welt zu und wir wissen, dass eine
Grundvoraussetzung für soziale Stabilität
und damit ein friedliches Zusammenleben
darin liegt, dass wirtschaftliche Entwicklung
vorangetrieben wird. Dazu gehört Energie.
Ich war acht Jahre lang in Afrika am Hauptsitz des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen. Ich habe tagtäglich erfahren,
dass Armut zunächst immer Energiearmut
ist. Wenn wir diese nicht überwinden,
werden wir keine friedliche Zukunft haben.
Sehen Sie sich einmal an, dass wir

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Die Energiewende ist
zu einem höchst attraktiven
Business Case geworden.
in Deutschland ein Pro-Kopf-Einkommen
nach dem Bruttosozialprodukt von
45–46.000 Euro haben – in einigen afrikanischen Ländern haben wir ein Pro-KopfEinkommen von 1.000 Euro. Ohne eine
wirkliche Entwicklung dort, und dafür ist
Energie zentral, werden wir keine friedliche
Welt haben. Insofern ist dies ein elementarer
Beitrag für eine friedliche Welt der Zukunft.
Ohne Zweifel kann unser blauer Planet Erde
auch neun Milliarden Menschen tragen,
die existenzielle Armut überwinden und
eine lebenswerte Zukunft gestalten.
Dafür werden technologischer Fortschritt
in aller Breite, aber sicherlich auch ein Überdenken des eigenen Lebensstiles und eine
kluge Selbstbeschränkung gehören. Suffizienz wird in der Zukunft kein Fremdwort
sein, genauso wenig wie Kreislaufwirtschaft.

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PROF. KLAUS TÖPFER
BUNDESMINISTER FÜR
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REAKTORSICHERHEIT A. D.

„Entwicklung ist der neue Begriff von Frieden“, zitieren Sie deshalb oft Papst Paul IV.
Wenn die Energiewende für Sie in einem
engen Zusammenhang mit Friedenspolitik
steht, warum ist der Weg dorthin so
steinig? Gerade der Ausstieg aus der
Kohleverstromung, die heute noch rund
45 Prozent der deutschen Elektrizitätsnachfrage deckt, scheint zum Beispiel
in der Lausitz alles andere als friedlich …
Das politisch breit getragene Klimakonzept
der Bundesregierung wird nicht ohne eine
schrittweise Verminderung der Kohleverstromung realisierbar. Diese Entwicklung hat
erhebliche Auswirkungen auf die Menschen,
die in der Lausitz und im rheinischen Gebiet
bereits seit Generationen Arbeit und Wohlstand im Kohlebergbau finden. Es muss alles
dafür getan werden, dass dieser Ausstieg
auch sozial verträglich gestaltet wird, damit
diese Regionen nicht zurückfallen, sondern
dort neue Impulse gesetzt werden – was in
einem prosperierenden Land wie Deutsch-

Ich habe tagtäglich erfahren, dass Armut
zunächst immer Energiearmut ist.
Wenn wir diese nicht überwinden, werden
wir keine friedliche Zukunft haben.
land keine unüberwindliche Problematik
sein sollte. Aber jetzt denken Sie mal geopolitisch weiter: Gegenwärtig importieren
wir aus Russland für 30 Milliarden Euro pro
Jahr Erdöl und Erdgas. Wenn diese Importe
schrittweise zurückgeführt werden, also
wesentlich geringer werden – welche Anpassung ist dann in den Herkunftsländern
notwendig? Welche Anpassungen sind in der
Welt überhaupt nötig, die sich bisher ausschließlich auf fossile Energieträger stützt?

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Darüber denkt man bei uns zu wenig nach.
Ich glaube, dass das genauso bedeutsam,
wenn nicht bedeutsamer für eine friedliche
Entwicklung in der Welt ist, sodass wir jetzt
zu einem regional verträglichen Umsteigen
auch in der noch verbleibenden Braunkohle
kommen können.
Wie wichtig ist die internationale Zusammenarbeit für die Energiewende? Was sind
Ihrer Meinung nach die vielversprechendsten Initiativen?
Die Zusammenarbeit ist bei einem globalen
Thema immer für jeden einsichtig. Deutschland hat einen Anteil an der globalen Emission von Klimagasen von etwa zwei Prozent.
Selbst wenn wir nichts mehr emittieren, ist
das Thema nicht bewältigt. Wir müssen die
Beiträge leisten, die andere auch in die Lage
versetzen, ebenfalls Klimapolitik engagiert
zu betreiben, ohne dafür auf wirtschaftliche
Entwicklung zu verzichten. Deswegen sind
für mich erneuerbare Energien so wichtig,
aber auch die Zusammenarbeit, die Solidarität, der Green Climate Fund.
In welchen Bereichen könnte Deutschland
wiederum von anderen Ländern lernen?
In allen Bereichen. Es ist immer eine gewisse
Besorgnis, dass wir uns oft selbst auf die
Schultern klopfen und sagen, bei uns ist alles
sauber und ordentlich. Wenn Sie die 17 SDGs,
die Sustainable Development Goals, durchgehen, werden Sie schnell feststellen, dass
noch einiges zu tun ist. Wir importieren fast
60 Millionen Hektar Fläche – rechnerisch
durch den Import von Produkten, die außer
Landes erzeugt werden. Zum Beispiel durch

DIE ENERGIEWENDE

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PROF. KLAUS TÖPFER
BUNDESMINISTER FÜR
UMWELT, NATURSCHUTZ UND
REAKTORSICHERHEIT A. D.

Kraftfutter für die Mast von Tieren hier, die
dann exportiert werden. Ist das nachhaltig?
Wir sehen, dass damit erhebliche Probleme
mit der Güllebewältigung und damit für
das Grundwasser gegeben sind. Ist das nachhaltig? Wie gehen wir eigentlich um mit
unserem Konsum? Wir werfen pro Jahr bis
zu zehn Millionen Lebensmittel weg.
Ist das nachhaltig? Der Papst hat so treffend
in seiner Enzyklika darauf hingewiesen, dass
weggeworfene Lebensmittel Raub am Essen
der Ärmsten sind. All dies ist nicht nachhaltig,
und so können wir sehr, sehr viel noch zusätzlich lernen: Was verbrauchen wir an Energie?
Über zehn Tonnen CO₂ pro Kopf rechnerisch,
bald elf. Ist das nachhaltig? Ich könnte viele
Bereiche aufführen, wo wir lernen müssen,
uns zu ändern. Deswegen sind die SDGs
global gültig und gelten auch für uns. Und da
gibt es massig auch zu tun in Deutschland,
mit Deutschland und für die Welt.
Wenn Sie zurückblicken: Wie war die Ausgangssituation in Ihrer Zeit als Umweltminister? Hätten Sie zu dieser Zeit die Energiewende für möglich gehalten?
Ein schönes Sprichwort habe ich aus Afrika
mitgebracht: Die beste Zeit, einen Baum zu
pflanzen, war vor 30 Jahren. Die zweitbeste
ist jetzt. Jetzt können wir handeln, jetzt
müssen wir handeln. Zwar haben wir 1990,
als ich Umweltminister war, das erste
Stromeinspeisegesetz² verabschiedet.

Da kannst du dir selbst auf die Schulter
klopfen, aber was hilft’s? JETZT ist zu zeigen,
dass das eine wettbewerbsfähige Energie ist.
JETZT ist zu belegen, dass wir nachhaltig
leben können, dass wir dekarbonisieren
können und weniger Material brauchen für
unseren Wohlstand, dass wir Kreisläufe
schließen können.

Was wir JETZT machen müssen,
ist alles daranzusetzen, die wahrscheinlich negativen Auswirkungen
unseres Wohlstandes in unseren
Preisen zu bezahlen und unseren
Egoismus abzulegen.
Das hat alles damals angefangen – aber jetzt
ist es Allgemeingut geworden. Nachhaltigkeit ist fast schon in der Gefahr, zu einem
modischen Artikel zu verkommen, der gar
nicht mehr hinreichend auf seine Substanz
hin befragt wird. Deshalb ist die Frage
„Hätten wir das nicht früher machen können?“
eine wirklich akademische. Vielmehr ist die
Frage JETZT: Haben wir so viel dazugelernt,
dass wir nicht jetzt wieder warten? Wahrscheinlich werden die Verantwortlichen in
zehn bis 15 Jahren sagen, das hätten Sie auch
früher machen können. Jede Generation hat
sich wiedergefunden mit Kinder- und Enkelkindergenerationen, die ihre Träume hatten,
die ihre Vorstellungen von der Welt hatten
und versucht haben, ihre Träume umzusetzen. Dies ist ja auch das, was die Menschheit in Bewegung hält.

2  Gesetzliche Regelung zur vergüteten Abnahme

	 von erneuerbaren Energien durch öffentliche
	Elektrizitätsversorgungsunternehmen

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DIE ENERGIEWENDE

INTERVIEW

PROF. KLAUS TÖPFER
BUNDESMINISTER FÜR
UMWELT, NATURSCHUTZ UND
REAKTORSICHERHEIT A. D.

Was wir JETZT machen müssen, ist alles
daranzusetzen, die wahrscheinlich negativen Auswirkungen unseres Wohlstandes
in unseren Preisen zu bezahlen und unseren
Egoismus abzulegen. Das ist heute zu
machen. Auch hierzulande werden dann
immer wieder neue Aufgaben auf uns
zukommen. Aber dass meine Enkelkinder,
die jetzt vier Jahre alt sind, möglicherweise
in einer Welt leben, in der die 100-Jährigen
zur Selbstverständlichkeit geworden sind,
wie jetzt die 80-Jährigen, da lege ich als bald
80-Jähriger sehr viel Wert drauf.
Abschließend bitte ein kurzes Statement.
Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, dass …
… ich mich wirklich bemühe, die Kosten
meines Wohlstandes in den Preisen zu
bezahlen, die sie tatsächlich kosten. Dass ich
versuche, nicht auf Kosten anderer zu leben.

122

DISK US SION:

DIE ANTHROPOZÄNIDEE
Freund oder Feind
nachhaltigen Denkens?

© NOAA’s climate.gov team, NASA-Satellitendaten verarbeitet durch Jason Box, Byrd Polar Research Center, Ohio State University

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

Die Menschheit ist zum geologischen Faktor geworden:
Wir leben nachweislich im Anthropozän – der „Epoche der Verantwortung“,
in der kleinste Alltagshandlungen bis weit in die Zukunft wirken. Doch warum
beteiligen sich die Umwelt-Community und die „Nachhaltigkeits­szene“
kaum an dieser Debatte? Stehen die Anthropozän-Idee und NachhaltigkeitsDenken im Widerspruch zueinander? Liegen in der „anthropozänen“ Idee
vielleicht sogar Gefahren für nachhaltiges Denken?

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Ein Essay von CHRIS TIAN SCHWÄGERL

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In geologischen Dimensionen betrachtet
war die Erde noch vor wenigen Augenblicken eine große Wildnis. Die menschliche
Zivilisation bildete nur kleine Inseln in
einer weitgehend unberührten Natur.
Die Nachtseite des Planeten blieb schwarz,
Unmengen an Erdöl und Kohle lagerten
unentdeckt und ungenutzt im Erdinneren.
Die Ausbreitung menschlicher Zivilisation
hat dies grundlegend geändert. Nach zwei
Jahrhunderten industrieller Revolution
ist die Erde eine andere: Heute sind es
Wildnisgebiete, die wie Inseln in einer
vom Menschen dominierten Erdoberfläche
liegen. Die Nachtseite der Erde leuchtet
im Schein riesiger Städte, und die Atmos­phäre füllt sich mit Kohlendioxid, weil
Menschen jedes Jahr Milliarden Tonnen
Kohle, Öl und Erdgas verbrennen.
Schon seit 2009 haben Wissenschaftler
versucht, nicht nur einzelne Aspekte dieses
Umbruchs zu dokumentieren, sondern
eine Gesamtschau zu erstellen. Die Wissen­schaftler um den britischen Geologen
Jan Zalasiewicz vertieften sich bei ihren

124

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

Studien in Berechnungen, denen zufolge
die Erderwämung die nächste Eiszeit aus­fallen lassen wird. Sie sammelten Zahlen
wie die, dass bereits genügend Beton
produziert wurde, um auf jedem Quadratmeter Erdoberfläche ein Kilogramm davon
abzuladen, und genug Plastik, um die Erde
einmal in Folie einzuwickeln. Die Forscher
untersuchten die langlebigen Kratzspuren,

Crutzen 1995 mit zwei anderen Wissenschaftlern den Chemie-Nobelpreis
zugesprochen. Die Entdeckung, dass
unscheinbare, vom Menschen entwickelte
Stoffe die schützende Hülle der Erde
zerstören könnten, hat Crutzen persönlich tief erschüttert. Dies führte zu
dem denkwürdigen Moment im Jahr 2000,
in dem Crutzen bei einer wissenschaft­
lichen Konferenz in Mexiko zwei Kollegen
unterbrach, die vom Holozän sprachen,
der offiziellen geologischen Erdepoche
unserer Tage. Ihren Beginn setzen Geologen
mit dem Ende der letzten Eiszeit vor knapp
12.000 Jahren an. „Aber wir leben doch gar
nicht mehr im Holozän“, sagte Crutzen
in die Runde der Kollegen, „wir leben im
Anthropozän.“ Eine kühne Behauptung: Der
Mensch kratzt nicht nur an der Oberfläche
der Erde, er verändert sie tief greifend,
global – und vor allem extrem langfristig.

Der Mensch kratzt nicht nur an der Oberfläche
der Erde, er verändert sie tief greifend,
global – und vor allem extrem langfristig.
die Schleppnetzfischer auf dem Meeres­
boden hinterlassen, und gingen sogar
der Frage nach, wo eigentlich die Überreste
von Milliarden Hühnern und anderen
Nutztieren bleiben.
Alle diese Daten führten sie zu langen
Listen von Umweltveränderungen zu­sammen. Die Beratungen der Forscher
kreisten indes um eine ganz spezielle Frage:
Wie lange werden diese menschlichen
Einflüsse nachwirken? Wird sich ihre Spur
mit der Zeit verlieren? Oder wird ein
Forscher, der in 100.000 oder 100 Millionen
Jahren auf der Erde arbeitet, sie noch
messen können?

Crutzens Hypothese zu testen war die
Aufgabe der „Anthropocene Working
Group“ von Jan Zalasiewicz. Die sieben­
jährige Untersuchung mündete im August
2016 in einem fast einstimmig beschlossenen Votum von 35 Wissenschaftlern: Ja,
die Menschheit ist zu einem geologischen
Faktor geworden; ja, was wir heute tun,
wird noch lange nachwirken und messbar
bleiben. Die Menschheit verändert den
Planeten und seine Biosphäre also nicht
länger nur auf seiner eigenen, vergleichsweise kleinen historischen Skala, sondern
auf der großen Skala der Erdgeschichte,
lautete die Botschaft der Gruppe.

Den Impuls für dieses ambitionierte
Forschungsprojekt hat ein Mann gegeben,
dem die Menschheit viel verdankt:
Der Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen
hat maßgeblich dazu beigetragen, Risiken
für die Ozonschicht der Erde durch
synthetische Chemikalien zu verstehen
und die gefährlichsten Stoffe im weit­hin bekannten Montreal-Protokoll zu
verbieten. Für diesen Verdienst bekam

Was wir heute tun, wirkt demnach über
Zeiträume weiter, die jenseits unserer
alltäglichen Vorstellungskraft liegen.
125

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

Beton, isolierte Metalle und seltene Erden
werden sich wie radioaktive Isotope aus den
Atombombenexplosionen im Gestein der
Zukunft wiederfinden, Hühnerknochen
wie Dinosaurierknochen erhalten bleiben,
Handys und andere Maschinen sich gar zu
„Technofossilien“ verwandeln. Der massive
Schwund von Biodiversität schlägt sich
darin nieder, dass bestimmte Arten aus

Bemerkenswert war und ist allerdings, dass
im Gegensatz zur Wissenschaft und zum
Kulturbetrieb die Umweltverbände und
allgemein die „Nachhaltigkeitsszene“ bisher
auf Distanz zum Anthropozän-Konzept
geblieben sind. Während selbst konservative Politiker im Anthropozän ein neues
Paradigma für das Verhältnis von Mensch
und Erde erkennen, sind die deutsche und
auch die internationale Umwelt-Community bisher kaum Teil der Debatten darüber.

Bemerkenswert war und ist, dass
im Gegensatz zur Wissenschaft und zum
Kulturbetrieb die Umweltverbände und
allgemein die „Nachhaltigkeitsszene“
bisher auf Distanz zum AnthropozänKonzept geblieben sind.

Woran könnte das liegen? Ist die geo­logische Dimension etwa nicht relevant
für den Schutz der Natur? Stehen die
Anthropozän-Idee und NachhaltigkeitsDenken im Widerspruch zueinander?
Oder liegen in „anthropozänen“ Ideen
vielleicht sogar handfeste Gefahren
für nachhaltiges Denken?

dem Fossilienbestand der Zukunft
verschwinden. Dafür könnten neue,
vom Menschen auf fremde Kontinente
verschleppte oder gar im Labor synthetisch
geschaffene Organismen hinzukommen.

Bei einer einseitigen Betrachtung könnte
man durchaus alle drei Fragen mit Ja
beantworten. In einer Zeit, in der es im
Kampf gegen einen existenziell gefähr­
lichen Klimawandel um wenige Jahre geht,
binnen derer der Ausstoß von Treibhaus­
gasen sinken muss, erscheint die geolo­
gische Zeitskala zunächst unwichtig.
Nicht über Jahrtausende hinweg wird sich
das Drama von steigenden Meeresspiegeln
und vertrockneten Ernten entfalten,
sondern in unserer eigenen Lebensspanne.
In so akuter Gefahr kann es eigentlich
nicht hilfreich sein, die Perspektive eines
hypothetischen Geologen in einer Million
Jahren einzunehmen. Zudem kämpfen
Umweltschützer um den Erhalt des Lebens.
Geologie in Form von Gestein hat da nur
nachrangige Bedeutung.

Nach den Naturwissenschaftlern begannen
um das Jahr 2010 herum auch kulturell
Interessierte und Geisteswissenschaftler,
sich mit der Anthropozän-Hypothese
zu befassen. In Folge liefen am Deutschen
Museum in München, am Haus der
Kulturen der Welt in Berlin, an mehreren
Instituten der Max-Planck-Gesellschaft und
am Institute for Advanced Sustainability
Studies (IASS) in Potsdam größere Vorhaben
an, die Implikationen des Anthropozäns
zu erkunden und zu debattieren. Die
Ausstellung „Willkommen im Anthropozän“ am Deutschen Museum zog über zwei
Jahre fast 200.000 Besucher an, auch am
„Anthropozän-Projekt“ des HKW nahmen
Zehntausende Menschen teil.

126

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

© NASA / METI / AIST / Japan Space Systems und U.S. / Japan ASTER Science Team

Mensch und Natur, Grundproblem west­lichen Denkens, würde dadurch nicht
kleiner, sondern größer. Eine amerikanische
Gruppe namens „Öko-Modernisten“
bestätigt genau diesen Verdacht:
Sie benutzt die Anthropozän-Idee, um
eine „bewusste Entkopplung“ von Mensch
und Natur mittels Einsatz von Hochtechnologie zu fordern.
Überhaupt, klingt Anthropozän nicht sehr
ähnlich wie „anthropozentrisch“? Führt
dies dazu, dass wir noch mehr nur auf uns
selbst schauen und unsere pflanzlichen
und tierischen Mitbewohner noch effektiver ignorieren werden? Die Idee, so scheint
es, steht dafür, uns Menschen zum Maß aller
Dinge zu machen und unsere Ziele mithilfe
großtechnischer Lösungen zu verfolgen.
Dazu passt es, dass sich Paul J. Crutzen –
kurz nachdem er das Wort „Anthropozän“
in die Welt gesetzt hat – dafür aussprach,
Techniken der künstlichen Erdabkühlung
(geo-engineering) zu erforschen. Wer die
Erde einmal als Kunstprodukt begreift,
befindet sich auf einer gefährlichen Bahn,
die das Ende jeder Form von Natur, ja sogar
den Einstieg in Praktiken der „Menschenzucht“ bedeuten könnte.

NASA-Satellitenbild des
Rheinischen Braunkohlereviers

Ein Widerspruch von „anthropozänem“
und nachhaltigem Denken liegt nahe.
Während sich aus dem normativen Nachhaltigkeits-Konzept konkrete Maximen
für das Wirtschaften ergeben, ist die
Anthropozän-Diagnose zunächst im besten
Fall deskriptiv, eine nüchterne Beschreibung. Im schlimmsten Fall könnte sie
wie eine Art Ermächtigungserklärung
wirken: Seht her, die Erde gehört nun uns
Menschen, wir sind die Meister ihrer
Entwicklung und können mit ihr tun und
lassen, was wir wollen! Die Trennung von

Während das Nachhaltigkeits-Konzept
ethische Maximen in sich trägt und
konkrete Aufgaben stellt, könnte die
Anthropozän-Idee dem Gegenteil dienen.
Indem sie ganz allgemein den „anthropos“,
also den Menschen als solchen, zum
Urheber von Klimawandel und Artenschwund erklärt, könnte „Anthropozän“
dafür stehen, die Spuren am Tatort zu
verwischen und die größte mögliche
Sippenhaft zu verhängen: Egal ob man
127

© NASA / METI / AIST / Japan Space Systems und U.S. / Japan ASTER Science Team

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

NASA-Satellitenbild vom
Ichkeul-See in Tunesien
(oben von 2001, unten von 2005)

als indischer Kleinbauer nur das Nötigste
verbraucht oder aber als amerikanischer
SUV-Fahrer tonnenweise CO₂ in die Luft
bläst – am Anthropozän sind irgendwie
alle Menschen beteiligt. Wenn man
dem entgegentreten will, müsste man
einen ganz anderen Begriff wählen, etwa
„Kapitalozän“ oder „Westozän“, um
die Schuldigen konkret zu benennen.

Vollends negativ wird die Betrachtung,
wenn man das Anthropozän einzig und
allein als Summe aller Umweltprobleme
sieht, als etwas, das den Wahnsinn destruk­tiven Wirtschaftens einfach nur
in ein einziges Wort gießt. Dann müsste
man in der Tat eine Anti-AnthropozänBewegung gründen. Die beste Option
wäre: Zurück ins Holozän!

128

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

Diese und weitere Gründe tragen zu einer
tief sitzenden Skepsis gegenüber der An­thropozän-Idee bei. Es geht im Folgenden
nicht darum, diese Bedenken für unbegründet zu erklären. Eine pluralistische und
kontroverse Diskussion über dieses im Wortsinn epochale Thema ist wichtig. Selbst
wenn die Naturwissenschaft die geologische

Der Fokus auf die Geologie (statt wie
bisher nur auf die Biologie) hilft dabei,
an die Wurzeln heutiger Umweltprobleme
zu kommen. Zu ihnen gehört es, dass die
Geologie als Wissenschaft selbst massiv
zu den Problemen von heute beigetragen
hat: Generationen von Geologen wurden
ausgebildet, um in engstem Bündnis mit
der Großindustrie Bergwerke zu graben,
Erze und fossile Brennstoffe zu fördern,
Deponien für Abfälle zu schaffen.
Zudem waren es vor allem Geologen,
die im 18. und 19. Jahrhundert die globale
Industrialisierung als logische Fortsetzung
bisheriger Erdgeschichte bezeichnet haben.
Unser lineares Konzept von Zeit und
Fortschrittsglauben hat die Geologie als
Disziplin ebenso geprägt wie die bis heute
währenden problematischen Bündnisse von
Wissenschaft und Mächtigen. Indem sie
diese Entwicklung reflektiert, setzt die
Anthro­pozän-Idee bei den Wurzeln heutiger
Umweltprobleme an.

Indem sie diese Entwicklung reflektiert,
setzt die Anthropozän-Idee bei den Wurzeln
heutiger Umweltprobleme an.
Hypothese akzeptieren sollte, steht es
individuellen Menschen und der Gesellschaft als Ganzes offen, dies zu erörtern.
Die Anthropozän-Arbeitsgruppe von
Jan Zalasiewicz forderte im Januar 2016
sogar selbst zu einer solchen Debatte auf,
als sie wie hilfesuchend darauf hinwies,
dass wir es mit der ersten neuen Erdepoche
zu tun hätten, „die eine Konsequenz unseres
eigenen Handelns“ sei. Dies bedeute,
schrieben die Autoren, dass die Anerkennung des Anthropozäns „weit über die
geologische Community hinaus von
Bedeutung“ sei. Allerdings lässt sich für
jeden der genannten Kritikpunkte eine
ganze andere Interpretation der Anthro­
pozän-Idee finden – auf eine Weise,
die den vermeintlichen Widerspruch
zur Nachhaltigkeit auflöst.

Die großen zeitlichen Dimensionen, um
die es in der Geologie geht, könnten die
Umweltprobleme von heute zudem nicht
kleiner, sondern größer erscheinen lassen:
Bisher trösteten sich viele Menschen, auch
viele klassische Umweltschützer damit,
dass „die Natur“ sich die Erde nach einem
möglichen Aussterben des Menschen rasch
„zurückholen“ werde, also nur oberflächliche Kratzer bleiben würden. In der Anthro­pozän-Idee steckt dagegen die Aussage, dass
heutiges Handeln epochale Folgen hat und
nichts in der Erd-Zukunft so sein wird, wie
es ohne den Menschen wäre. Als „Epoche
der Verantwortung“ hat der Wissenschaft­
liche Beirat Globale Umweltveränderungen
der Bundesregierung (WBGU) daher das

„Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg“,
lautet ein altes japanisches Sprichwort.
In diesem Sinne könnte es gerade wegen
der Dringlichkeit ökologischer Probleme
wichtig sein, größere zeitliche Dimensionen
in den Blick zu nehmen.

129

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

Anthropozän bezeichnet. Man könnte auch
sagen: die Epoche, in der kleinste Alltagshandlungen unglaublich weit in die Zukunft
wirken. Das macht jede Autofahrt und jeden
Gadget-Kauf zu einer geologischen Tat.

für sich, die eine, gültige Definition zu
besitzen. In den Worten des Wissenschaftshistorikers Jürgen Renn ist das Anthropozän denn auch ein „Prozess, der über sich
selbst reflektiert“. Hier liegt die eigentliche
Chance des neuen Paradigmas: Während
heute relativ kleine Machteliten über
die Zukunft der Erde bestimmen, könnte
im Wort „anthropos“ der Auftrag liegen,
dass alle Menschen gleichermaßen
mitbestimmen dürfen, ja dass auch die
Interessen zukünftiger Menschen zu
berücksichtigen sind – und sei es, indem
man versucht, ihnen ein möglichst großes
Spektrum von Entscheidungsoptionen
offenzuhalten. Indem „der Mensch“ als
solcher die neue Erdepoche benennt,
werden zudem alle Dimensionen von
Nachhaltigkeit angesprochen, also nicht
nur die ökologischen, sondern auch die
sozialen und ökonomischen. Für die soziale
Dimension ist wichtig, dass die Universalität etwa von Menschenrechten oder den
genannten Mitbestimmungsmöglichkeiten
widergespiegelt wird. Für die ökonomische
Dimension ist die Botschaft der Anthropozän-Idee, dass jede Form von Ökonomie Teil
einer größeren Erd-Ökonomie ist, also
einer globalen Ökologie. Ökonomie als rein
extraktives Prinzip zu betreiben, wie das
heute in der kapitalistischen Lehre der Fall
ist, verbietet sich. Das Anthropozän ist eine
riesige Herausforderung an Ökonomen,
neue Prinzipien zu entwickeln, die etwa den
Wert von Natur adäquat repräsentieren,
ohne Ökosysteme selbst zum Spekulationsobjekt zu machen. Gerade im Sozialen und
Öko­nomischen liegen die größten noch
ungelösten Probleme anthropozänen
Denkens.

Als „Epoche der Verantwortung“ hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen
der Bundesregierung (WBGU) das Anthropozän
bezeichnet. Man könnte auch sagen:
die Epoche, in der kleinste Alltagshandlungen
unglaublich weit in die Zukunft wirken.
Nichts in der Anthropozän-Hypothese
besagt, dass menschlicher Egoismus und
Großtechnologien die Zukunft dominieren
sollten. Im Gegenteil haben die Anthro­
pozän-Vordenker Paul Crutzen, Will Steffen
und John McNeill bereits 2007 vorgezeichnet, wie nach dem bisherigen destruktiven
Beginn eine dritte Phase des Anthropozäns
anbrechen sollte, in der sich Menschen
als sorgsame „Hüter des Planeten“ betätigen
und lernen, dass ihre Zivilisation integraler
Bestandteil des Erdsystems sei. Längst
hat Crutzen auch klargestellt, dass er kein
Anhänger des Geo-Engineering ist und
es keine Ausrede darstellt, auf aktiven
Klimaschutz zu verzichten. Er hält
Forschung auf diesem Gebiet nur deswegen
für angebracht, weil er fürchtet, dass
der Klimawandel viel schneller katas­
trophale Folgen zeitigen könnte als
gedacht und es nötig sei, eine Art Notfallplan zu haben.
Wenn „Öko-Modernisten“ oder andere
Gruppen versuchen, die Anthropozän-Idee
für einseitige Zwecke einzuspannen, kann
dies am besten ein pluralistischer Diskurs
entlarven. Selbst Crutzen beansprucht nicht
130

DIE ANTHROPOZ ÄN-IDEE

Ähnlich kann man die Kritik auf den Kopf
stellen, dass die Anthropozän-Idee Mensch
und Natur noch stärker trennt. Dagegen
spricht, dass sie den Menschen als inte­gralen Bestandteil des Erdsystems definiert.
Der alte Dualismus von Mensch und Natur
wird dadurch relativiert, nicht verstärkt.
Kultur und Natur, zwei bisher getrennte
Größen, vermischen sich auf neue Weise:
Wenn sich eine Megalopole über Hunderte
Kilometer erstreckt, muss diese ökologisch
wie Natur funktionieren. Aus unberührter
Natur ist berührte Natur geworden.
Die Frage ist jetzt, ob wir weiter brutal
zupacken oder lernen, die Natur sanfter zu
berühren. Nicht so sehr um die Ausdehnung
des ökologischen Fußabdrucks geht es
dabei, sondern darum, ob es ein schöner
Fußabdruck ist, der sich vielleicht in ein
neues Biotop verwandelt. Wenn Architekten
heute Städte entwerfen, die Nahrung und
erneuerbare Energie selbst erzeugen und
die neben Menschen auch Tieren und
Pflanzen Lebensraum bieten, erfüllt dies
die Idee des integrierten Erdsystems
mit Leben. Was in so einer integrierten

Platz macht. Die Fiktion neoliberaler
Ökonomie, dass die Menschheit getrennt
von einer wertlosen Natur agiert, wird
von der Anthropozän-Idee schon heute
konterkariert. Auch das macht sie zu einem
Partner des Nachhaltigkeits-Gedankens.
Bleibt die Grundsatzfrage, ob das Anthropozän vielleicht an sich etwas Böses ist.
Die amerikanische Umweltjournalistin
Elizabeth Kolbert mahnte, man solle nie
die Wörter „gut“ und „Anthropozän“ in
einem Satz verwenden, eben weil es für alle
Umweltprobleme steht. Doch stimmt das?
Würde eine solche Sicht nicht bedeuten,
vor den Problemen zu kapitulieren und
die junge Generation einer zwangsläufig
dunklen Zukunft zu überlassen? Gerade
weil die Probleme so groß sind, können
Nachhaltigkeits-Denken und Anthropozän-Idee auf komplementäre Weise einen
praktischen Optimismus wecken.
Wenn es um nicht weniger als eine Erdepoche geht, dann sind wir heute die Urmen­schen der Zukunft, auf die man eines
fernen Tages zurückblicken wird: Waren
sie trotz aller Technologie primitive
Barbaren, die ihre eigenen Lebensgrund­
lagen zerstört haben? Oder kluge und
sensible Vorfahren, die im Moment der
Krise die richtigen, weil nachhaltig guten
Entscheidungen getroffen haben? Bei allen
Unterschieden können Nachhaltigkeit
als normatives Prinzip und die Anthropozän-Idee als neuer Blickwinkel auf eine
vom Menschen gestaltete Erde sich
gegenseitig verstärken.

Gerade weil die Probleme so groß sind,
können Nachhaltigkeits-Denken und
Anthropozän-Idee auf komplementäre Weise
einen praktischen Optimismus wecken.
Sichtweise hervortritt, sind die mannigfaltigen Abhängigkeiten, Verbindungen und
Bezüge zwischen menschlichen und nicht
menschlichen Lebewesen. Die Wirkung
der Anthropozän-Idee könnte paradoxerweise sein, dass anthropozentrisches
Denken einem Bewusstsein für unsere
existenzielle Einbettung in geologische,
physikalische und biologische Prozesse
131

KONFLIKT
UND KONSENS
Zur Nachhaltigkeit
gehört die Debatte

MARLEHN THIEME

© Foto im Hintergrund: pexel; Foto Thieme: André Wangenzik; Foto Weiger: Joerg Farys; Foto Menges; Claudia Kempf

Vorsitzende des Rates
für Nachhaltige Entwicklung

PROF. DR. HUBERT WEIGER
Vorsitzender Bund für Umwelt und
Naturschutz Deutschland

KATHRIN MENGES
Personalvorstand und Vorsitzende
des Sustainability Council von Henkel

KONFLIK T UND KONSENS

Sind wir auf einem guten Weg?

© Martin Joppen

MARLEHN THIEME, K ATHRIN MENGE S und PROF. DR . HUBER T WEIGER im Gespräch

Vor rund 15 Jahren war Nachhaltigkeit noch ein Insider-Thema.
Heute bekennen sich fast alle größeren Unternehmen zum Leitbild
der nachhaltigen Entwicklung. Bio ist selbst beim Discounter
angekommen. Ist das als ein Erfolg zu verbuchen?
Oder hat der Begriff nicht vielmehr an Trennschärfe verloren?
MARLEHN THIEME: In den bald 30 Jahren seit dem Brundtland-Bericht

ist einiges, aber trotzdem viel zu wenig geschafft. Das Bewusstsein
der Menschen für nachhaltige Entwicklung ist erfreulich größer
geworden, auch wenn das nicht immer nur auf Einsicht und Respekt
vor nach­folgenden Generationen oder den Menschen in der Einen Welt
gründet. So mögen z. B. bei Bio-Konsum auch Geschmacksfragen
oder die Rücksicht auf die eigene Gesundheit eine Rolle spielen.
Ökologische Krisen und die Flüchtlingswelle tragen neuerdings
zum Bewusstseinswandel bei.
Die langfristige Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen weltweit muss zur Basis für unsere soziale
und wirtschaftliche Entwicklung werden.
HUBERT WEIGER: Ja, es ist gut, dass die Nachfrage nach Bioprodukten

so gestiegen ist und diese breit zu bekommen sind – genau wie es gut ist,
wenn der Radverkehrsanteil in den Städten steigt, wenn immer
mehr Menschen sich in Reparaturinitiativen zusammenschließen
und das Umweltbewusstsein steigt. Es zeigt sich aber gerade am Beispiel
des ökologischen Landbaus deutlich der politische Nachholbedarf,
den Rahmen entsprechend zu setzen: Trotz der hohen Nachfrage nach
Produkten des ökologischen Landbaus ist das langjährige Ziel
der Nachhaltigkeitsstrategie nicht erreicht, 20 Prozent der land­
wirtschaftlichen Fläche ökologisch zu be­wirtschaften.

133

KONFLIK T UND KONSENS

Seine Trennschärfe gewinnt der Nachhaltigkeitsbegriff dann zurück,
wenn wir klar herausstellen: Die langfristige Bewahrung der natürlichen
Lebensgrundlagen weltweit muss zur Basis für unsere soziale
und wirtschaftliche Entwicklung werden. Nur damit tragen wir den
begrenzten Ressourcen und der begrenzten Belastungsfähigkeit
unseres Planeten Rechnung. Das heißt, der Begriff der Nachhaltigkeit
muss als Basis die Sicherung der ökologischen Lebensgrundlagen,
also die Sicherung der Biodiversität haben. Die sogenannten „Säulen“
der Ökonomie und des Sozialen müssen sich diesem Primat
unterordnen und darauf aufbauen.
KATHRIN MENGES: Die eigentliche Stärke des Konzepts liegt meiner

© Henkel

Ansicht nach in der integrierten Betrachtung sozialer, ökonomischer
und ökologischer Aspekte. Diese ganzheitliche Perspektive ist nicht nur
bei ökonomisch motivierten Entscheidungen wichtig, sondern auch,
wenn wir ökologische oder soziale Ziele erreichen wollen.
Nachhaltigkeit war immer schon ein sehr breites Konzept, das in
seinen drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales natürlich
eine Vielzahl von Themen umfasst. Dass diese Fragen heute zunehmend
nicht nur von Experten diskutiert werden, sondern in der Breite
der Bevölkerung, der Wirtschaft sowie in Politik und Verwaltung
angekommen sind, ist ein wichtiger erster Schritt.
Sind wir also auf einem guten Weg?
KATHRIN MENGES: Natürlich kann keiner von uns damit zufrieden sein,

dass sich das Bewusstsein für eine nachhaltige Entwicklung noch
nicht ausreichend im Handeln der einzelnen Akteure widerspiegelt.
Wir alle entscheiden uns bei Zielkonflikten zu häufig noch für die
einfachere, einseitig optimierte Lösung und suchen zu selten nach
Möglichkeiten, kurzfristige Interessen und die langfristigere
Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung in Einklang zu bringen.

134

KONFLIK T UND KONSENS

Kritiker des nachhaltigen Leitbildes bemängeln, dass dieses
nur das Falsche verbessere, also unseren unverhältnis­mäßigen
Lebensstil perfektioniere. Wäre es deshalb nicht sinnvoll,
ganz einfach weniger zu verbrauchen und zu produzieren?

© BUND

HUBERT WEIGER: Wir haben nur eine Erde zur Verfügung – und wir wollen

diese nicht nur in gutem, lebenswertem Zustand für unsere Kinder
und Enkelkinder bewahren, sondern auch gilt es, die aktuelle massive
Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern zu verringern.
Das betrifft insbesondere einen Ausgleich und den daraus resultierenden
Nachholbedarf für die Länder des globalen Südens. Die Herausforderung
ist groß – bereits Anfang August waren in diesem Jahr die nachhaltig
nutzbaren Ressourcen der Erde verbraucht. Daraus folgt: Wir in den
Industrieländern müssen unseren Energie-, Material- und Flächen­
verbrauch drastisch reduzieren. Mit mehr Effizienz und technischen
Lösungen allein wird dies jedoch nicht gelingen; Suffizienz ist daher
ein unverzichtbarer Bestandteil einer wirksamen nachhaltigen
Entwicklung. Der BUND setzt sich dabei für eine Suffizienzpolitik ein:
Die Politik ist gefordert, die richtigen Rahmenbedingungen und
Anreize für ein „ressourcenleichtes“ Leben und für eine Befreiung
von Wachstumszwängen zu setzen.
Frau Menges, ist das auch in der Wirtschaft
eine mehrheitsfähige Position?
KATHRIN MENGES : Die Frage ist, wie wir den Begriff der Suffizienz

verstehen. Die Verringerung unseres Rohstoff- und Energieverbrauchs
ist eine der zentralen globalen Herausforderungen. Forderungen
nach weniger Konsum und weniger Produktion, also Verzicht,
sind dagegen wenig hilfreich. Wir brauchen eine positive, erstrebens­
werte, mehrheitsfähige Perspektive. Die produzierten Waren und Dienst­
leistungen sind nicht nur die wirtschaftliche Grundlage für unsere
Gesellschaft, sie sind auch ein zentraler Beitrag zur Lebensqualität.
Forderungen nach weniger Konsum und weniger Produktion,
also Verzicht, sind wenig hilfreich. Wir brauchen eine positive,
erstrebens­werte, mehrheitsfähige Perspektive.
Wir müssen allerdings deutlich effizienter werden und die mit
unserer Lebensqualität und unserer Wertschöpfung verbundenen
Ressourcenverbräuche und Emissionen erheblich reduzieren.

135

KONFLIK T UND KONSENS

Unser Leitbild muss sein, den Menschen ein gutes Leben im Einklang
mit den begrenzten Ressourcen der Erde zu ermöglichen, wie es
die Vision 2050 des World Business Council for Sustainable Development
formuliert. Dazu brauchen wir Innovationen und neue Geschäftsmodelle.
Auch unsere Lebensstile und die damit verbundenen Konsummuster
werden sich weiterentwickeln.
Bisher spielt das Thema Suffizienz nur eine untergeordnete Rolle.
Wie könnte ein suffizienter Lebensstil gefördert werden?
MARLEHN THIEME: Wir benötigen mehr klare Orientierung in den Fakten,

bei denen wir umsteuern müssen. Und wir werden umso härter
umsteuern müssen, je länger wir mit unserem nicht nachhaltigen
Lebensstil weitermachen. Je wirkungsvoller wir unsere Bildung
und Kultur darauf einstellen, umso weniger rigide können wir agieren.
Ich plädiere daher dafür, den Diskurs nicht auf Suffizienz allein,
sondern auch auf die Freiheit zur Selbstbegrenzung zu be­ziehen.
Dieser kann meines Erachtens gelingen, wenn gegenseitige Verbind­
lichkeit organisiert wird, mit wachsender Erkenntnis und Verantwortung,
einer darauf eingerichteten Wettbewerbsordnung, Gesetzen und
ggf. Sanktionen. Dann haben die Bedürfnisse zukünftiger Generationen
eine Chance, befriedigt zu werden.
Wo stehen wir aktuell in Deutschland?
Wie nachhaltig ist Deutschland im Jahr 2017?
HUBERT WEIGER: Vieles wurde in den letzten Jahren auf den Weg

Vieles wurde in den letzten Jahren
auf den Weg gebracht – doch gibt
es weiter großen Nachholbedarf.

gebracht – doch gibt es weiter großen Nachholbedarf. So sind die
Emissionen aus Industrie und Straßenverkehr unverändert zu hoch.
Gleiches gilt für den Flächenverbrauch. Zudem verschwinden immer
mehr Tier- und Pflanzenarten aus unserer Kulturlandschaft. Auch die
strittigen Handelsabkommen TTIP und CETA und der Bundesverkehrswegeplan stehen nicht für eine nachhaltige Regierungspolitik.

136

KONFLIK T UND KONSENS

Haben Sie konkrete Ideen für eine stärkere Verankerung
der Nachhaltigkeit im Politikbetrieb?
HUBERT WEIGER: Ein Schlüssel für Veränderung könnte darin liegen,

die Zuständigkeiten des Umweltressorts zu erweitern. Denn die
wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Weichen werden
in anderen Ressorts gestellt: im Wirtschafts-, Verkehrs- oder Landwirtschaftsministerium. Das Umweltministerium sollte ein Vetorecht
gegen Beschlüsse anderer Ressorts erhalten, falls diese gegen das
Prinzip der nachhaltigen Entwicklung verstoßen – damit die Bewahrung
unserer ökologischen Lebensgrundlagen tatsächlich zu einer
Conditio sine qua non wird.
Wie könnte und sollte Nachhaltigkeit stärker
innerhalb der Gesellschaft verankert werden?

© Henkel

KATHRIN MENGES: Wir müssen die Bevölkerung als Bürger und

Konsumenten stärker mobilisieren, Nachhaltigkeit in der Breite
der Wirtschaft – vom Handwerksbetrieb bis zum Großunternehmen –
verankern, um wirklichen Fortschritt erreichen zu können. Dafür
brauchen wir ganzheitliche Lösungen, die Barrieren anerkennen und
helfen, Zielkonflikte zu lösen, weniger Symbolpolitik und Bürokratie.
Bei den übergeordneten globalen Zielen haben wir in den letzten Jahren
– insbesondere im Jahr 2015 – große Fortschritte hin zu einem gemein­
samen Verständnis der Prioritäten gesehen. Mit den globalen Nach­
haltigkeits- und Klimaschutzzielen sind die langfristigen Meilensteine
gesetzt. Jetzt müssen wir ehrlich diskutieren, was Staat, Wirtschaft
und Bürger leisten können und müssen, um diese umzusetzen.
Wo sehen Sie trotz aller Schritte Handlungsbedarf?
KATHRIN MENGES: Bei vielen zentralen gesellschaftlichen Anliegen

kommen wir leider nur sehr langsam voran. Dazu gehören die
Verbesserung der Qualität unserer Bildungssysteme, die damit eng
verbundenen Fragen der Chancengleichheit und Innovationsfähigkeit
sowie bei der Modernisierung unserer Infrastruktur, insbesondere was
Mobilität und Energieversorgung betrifft. Zu häufig kommt die scheinbar
einfache Lösung oder das scheinbar unlösbare Hindernis in den „Genuss“
der kurzfristigen Aufmerksamkeit von Politik, Gesellschaft und Medien –
die dann weiterwandert, bevor wir eine langfristig tragfähige Lösung

137

KONFLIK T UND KONSENS

gefunden haben. Zu häufig diskutieren wir über Maßnahmen, ohne
ein gemeinsames Verständnis von Zielen und Prioritäten zu schaffen.
Hier wünsche ich mir einen offeneren und ehrlicheren Dialog über
das wirklich Zielführende und Notwendige, der auf einem umfassenden
und ausgewogenen Verständnis der Ausgangssituation aufsetzt.  
Mit den globalen Nach­haltigkeits- und Klimaschutzzielen sind die langfristigen
Meilensteine gesetzt. Jetzt müssen wir ehrlich diskutieren, was Staat,
Wirtschaft und Bürger leisten können und müssen, um diese umzusetzen.
Wie, denken Sie, könnte die nachhaltige Entwicklung
in Deutschland noch mehr Fahrt aufnehmen?

© Frank Nürnberger

MARLEHN THIEME: Angesichts der Diskussion um Klimawandel und

planetare Grenzen benötigen wir deutlich schneller größere Resonanz
für nachhaltige Entwicklung. Meine Sorge gilt der neuen Form
vereinfachter politischer Diskurse, wie wir sie neuerdings nicht nur
in Deutschland erleben müssen. Deutschland hat mit der sozialen
Marktwirtschaft den gesellschaftlichen Ausgleich besser als andere
Gesellschaften organisiert. Wir sollten diese Traditionen nutzen,
die Idee der Partizipation, der Verantwortungsübernahme und Verfahren
auch auf die Fragen der ökologischen, globalen und intergenerativen
Interessen ausweiten. Die Bildungs- und Forschungspolitik muss
deutlich Fahrt in Richtung Nachhaltigkeit aufnehmen und der Staat
in allen Gliederungen muss nachweisbar Nachhaltigkeitsverantwortung
übernehmen. Die mittelständisch eigentümerorientierte (d. h. auf
Übertragung auf zukünftige Generationen ausgerichtete) deutsche
Wirtschaft ist gut gerüstet, ein innovatives Wettbewerbs­modell
zu entwickeln, das Nachhaltigkeit zum Ziel hat.

138

AUF DEM WEG ZUM
GRÜNEN INNOVATIONSSTANDORT

© Christos Barbalis / StockSnap

Visionen und Impulse
für eine nachhaltige Zukunft

AU F D E M W E G Z U M G R Ü N E N I N N OVAT I O N S S TA N D O R T

Deutschland hat gute Voraussetzungen, sich zu einer weltweit führenden
Green Economy zu entwickeln. Diese ist laut Green Economy Gründungsmonitor 2015
nach dem Handel inzwischen das zweitgrößte Gründungsfeld in Deutschland.
Im Zuge des Rahmenprogramms
Forschung für Nachhaltige Entwicklung
(FONA) hat das Bundesministerium für
Bildung und Forschung den Agendaprozess
Green Economy initiiert. Der Veränderungsprozess zur Green Economy soll durch
praxisorientierte Forschung unterstützt
werden. Er soll zu einem tragenden Element
für Innovationen „Made in Germany“
und für Hightech-Lösungen werden.
Gleichzeitig hat Bundesbildungsministerin
Prof. Dr. Johanna Wanka im September 2015

Marktvolumen der grünen Zukunftsmärkte in Deutschland
2013

2025

Milliarden Euro

800

740

700
600
500
400

344

300

100

176

163

200
73

146

119

100

105
53

48

53
17

31

0
Umweltfreundliche
Erzeugung,
Speicherung und
Verteilung von
Energie

Energieeffizienz

Rohstoff- und
Materialeffizienz

Nachhaltige
Mobilität

140

Nachhaltige
Wasserwirtschaft

Kreislaufwirtschaft

Summe

Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (Hrsg.): Green Tech Atlas 4.0

die Nationale Plattform Bildung für
nachhaltige Entwicklung (BNE) gegründet.
„Wir wollen die Generation sein, die den
Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft
schafft“, sagte Wanka. Zweimal jährlich
treffen sich Entscheidungsträgerinnen und
Entscheidungsträger aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Dabei sollen ein Aktionsplan mit Zielen
und Maßnahmen entwickelt, neue Wege
beschritten und gute Ideen in die Breite
getragen werden. Erfolgreiche Praxis­

AU F D E M W E G Z U M G R Ü N E N I N N OVAT I O N S S TA N D O R T

beispiele werden gezielt gefördert und
vorbildliche BNE-Initiativen ausgezeichnet. Nachhaltigkeit soll auch in Betrieb,
Forschung und Lehre der Hochschulen
strukturell verankert werden. Das Projekt
HOCH N umfasst unter anderem einen
Praxistest des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) für Hochschulen. Der
Hochschul-DNK soll als Einstieg in die
Nachhaltigkeitsberichterstattung dienen.

Somit machen diese beiden Green-Economy-Felder zusammen etwa zwei Drittel
aller grünen Gründungen aus. Vor allem der
GreenTech-Markt wächst: Laut Bundesumweltministerium lag das Marktvolumen der
GreenTech-Branche 2013 bei 344 Milliarden
Euro und soll sich bis 2025 voraussichtlich
auf 740 Milliarden Euro erhöhen.

© Francescomoufotografo / Shutterstock.com

© ESB Professional / Shutterstock.com

© Dagmara_K / Shutterstock.com

Nicht zuletzt aus der Zusammenarbeit
von Forschung und jungen Gründern
konnte sich in deutschen Großstädten eine
dynamische Gründerszene entwickeln.
Laut Gründungmonitor 2015 haben von
den rund 190.000 grünen Start-ups, die
im Zeitraum 2006 bis einschließlich 2014
in Deutschland gegründet wurden,
36 Prozent ihren Schwerpunkt im Bereich
Erneuerbare Energien und 32 Prozent
im Bereich Energieeffizienz.

Quelle: www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/greentech_atlas_4_0_bf.pdf

141

AU F D E M W E G Z U M G R Ü N E N I N N OVAT I O N S S TA N D O R T

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis
Seit 2008 zeichnet die Stiftung Deutscher
Nachhaltigkeitspreis Spitzenleistungen
der Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Kommunen, Forschung und Bauen aus und ehrt
besondere persönliche Leistungen zur
nachhaltigen Entwicklung weltweit.
Der Preis wird in Zusammenarbeit mit
dem Rat für Nachhaltige Entwicklung,
der Bundesregierung, kommunalen Spitzenverbänden, Wirtschaftsvereinigungen,
zivilgesellschaftlichen Organisationen
und Forschungseinrichtungen in einer
festlichen Gala vergeben.

Achim Steiner als Leiter von UNEP und
sein Vorgänger und ehemaliger deutscher
Umweltminister Klaus Töpfer wie auch
Volker Hauff und Gro Harlem Brundtland
für ihre Verdienste um die Etablierung des
Nachhaltigkeitsgedankens, Prinz Charles
oder auch der Bürgermeister von Palermo
Leoluca Orlando sowie engagierte Stars
der Musik- und TV-Branche. Der Deutsche
Nachhaltigkeitspreis ist die größte
Auszeichnung dieser Art in Europa.
www.nachhaltigkeitspreis.de

© Frank Fendler

Auf der Basis von Bewerbungen und
eingehender Recherche entscheiden drei
unterschiedliche Fachjurys unter Vorsitz
des Generalsekretärs des Nachhaltigkeitsrates Dr. Bachmann über die Preisträger,
die zeigen, dass „Sustainability made in
Germany“ erfolgreich ist und neue Chancen
eröffnet. Der Next Economy Award (NEA)
zeichnet Start-ups im Bereich der
Nachhaltigkeit aus. Er verschafft „grünen
Gründern“ Rückenwind und will insgesamt
allen Akteuren Mut machen, den Wandel
zur „nächsten“, nachhaltigeren Wirtschaft
mitzugestalten.

© Faruk Hosseini

Zu den mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichneten Persönlichkeiten gehörten in den letzten Jahren unter
anderem Ban Ki-moon und António
Guterres als damaliger UN-Flüchtlings­
kommissar, Patricia Espinosa in ihrer
Funktion als Außenministerin Mexikos,

142

AU F D E M W E G Z U M G R Ü N E N I N N OVAT I O N S S TA N D O R T

Next Economy Award-Preisträger 2015
Grüne Chemie
Zur Herstellung eines einzigen Kilogramms einer Chemikalie, beispielsweise eines Arzneimittelwirkstoffes, werden oft mehrere 100 Kilogramm anderer Chemikalien benötigt. Die Rohstoffbasis dieser Chemikalien besteht bisher fast ausschließlich aus fossilen Rohstoffen. Das von
Sonja Jost gegründete Start-up DexLeChem hat das Ziel, eine umweltschonende Entwicklung der
chemischen Industrie zu unterstützen und diese in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu
überführen. DexLeChem liefert Services und Bausteine, durch die Produktionsprozesse bereits
heute grüner und wettbewerbsfähiger werden. So werden die benötigten zumeist sehr giftigen
Chemikalien in der Wirkstoffproduktion durch Wasser und andere grünere Varianten ersetzt.
Herstellern bieten sich dadurch Kostenvorteile in der Produktion sowie ökologischere Syntheserouten bei höchsten Produktqualitäten.
DexLeChem überzeugte die Jury aus Industrie, Venture Capital und NGO mit seinen grünen
Hightech-Ansätzen in der Optimierung und Entwicklung chemischer und biotechnologischer
Verfahren, die zu signifikanten Kostenvorteilen in der Produktion führen. Die Jury beurteilte
DexLeChem als Pionier in dem Bereich und Wegbereiter der Chemiewende.

© DexLeChem

www.dexlechem.com/home.html

143

AU F D E M W E G Z U M G R Ü N E N I N N OVAT I O N S S TA N D O R T

Next Economy Award-Preisträger 2016
Rettende Hände
Jährlich erkranken in Deutschland über 70.000 Frauen an Brustkrebs. Eine frühzeitige
Erkennung bietet höhere Genesungschancen – Ärzten stehen für diese wichtigen Vorsorgeuntersuchungen meist jedoch nur wenige Minuten zur Verfügung. Gleichzeitig gibt es in Deutschland
mehrere Tausend arbeitslose blinde und sehbehinderte Frauen, deren überlegener Tastsinn sie
für die Vorsorge qualifiziert.
Das Unternehmen discovering hands setzt diese besondere Fähigkeit zur Verbesserung der
Brustkrebsfrüherkennung ein. Im Rahmen einer speziellen Fortbildung an zertifizierten
Einrichtungen werden blinde und sehbehinderte Frauen zu medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) ausgebildet. Die MTU bringen vor der Untersuchung haptische Orientierungsstreifen auf dem Oberkörper der Patientinnen an und verfügen so über ein taktiles Koordinatensystem. Die Befunde der mindestens 30-minütigen Vorsorgeuntersuchung werden als Grundlage
für die weitere Behandlung digital dokumentiert. Erste Studienergebnisse zeigen, dass MTU im
Vergleich zu Ärzten bis zu 28 Prozent mehr und 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen
ertasten. Der discovering hands-Ansatz bietet den Patientinnen somit eine optimierte Vorsorge
und räumt zugleich Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung aus, da sie nicht „trotz
ihrer Behinderung“, sondern „wegen ihrer Begabung“ beschäftigt werden.

© Discovering Hands

www.discovering-hands.de

144

AU F D E M W E G Z U M G R Ü N E N I N N OVAT I O N S S TA N D O R T

Next Economy Award-Preisträger 2016
Wenn die Straße Strom erzeugt
SOLMOVE begegnet dem steigenden Energiebedarf mit einer innovativen Technologie, bei der
keine zusätzlichen Flächen beansprucht werden. Das Unternehmen hat einen Weg gefunden,
Photovoltaikmodule auch auf Radwegen, Straßen, Plätzen oder Gleisanlagen einsetzbar zu
machen. In Deutschland kommen ca. 1.400 Quadratkilometer horizontale Flächen für die
Installation dieser liegenden Photo­voltaikmodule infrage. Dadurch könnten pro Jahr 140 TWh
Strom erzeugt und perspektivisch alle Kernkraftwerke ersetzt werden.
Die Photovoltaikmodule haben die Form eines Solar­teppichs, der aus Recyclingmaterialien
besteht und ähnlich wie ein Rollrasen verlegt wird. Der Solarteppich ist dank seiner modularen
Bauweise leicht zu warten, zu 95 Prozent recycelbar, absorbiert Schall und reduziert Stickoxide.
Durch die rutsch- und bruchfeste Oberfläche können sogar Lastwagen problemlos über
das Glas rollen. In Zukunft lassen sich weitere Features wie LED-Beleuchtung, Sensoren für
autonomes Fahren, Heizelemente zur Enteisung oder induktive Ladespulen für Elektromobilität
integrieren. Während Asphaltstraßen durch ihre Instandhaltung Kosten verursachen, kann
die horizontale Photovoltaik-Lösung somit einen finanziellen Mehrwert generieren und
Straßenbau refinanzieren.

© Solmove

www.solmove.com

145

IMPRESSUM

© März 2017
Rat für Nachhaltige Entwicklung
c/o Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Verantwortlich: Robert Böhnke
Idee: Günther Bachmann
Mitarbeit: Falko Leukhardt, Verónica Tomei, Katja Tamchina, Yvonne Zwick
Potsdamer Platz 10 | 10785 Berlin
E-Mail: info@nachhaltigkeitsrat.de
Homepage: www.nachhaltigkeitsrat.de
Alle Rechte vorbehalten.
Kostenlos vertrieben durch das Auswärtige Amt.
Im Auftrag des Rates für Nachhaltige Entwicklung
erstellte TRIAD Berlin den vorliegenden Almanach.
PROJEKTTEAM TRIAD BERLIN
Projektsteuerung: Carsten Bohn, Anne Ahrens, Stefan Richter
Redaktionsleitung: Nana Hengelhaupt, Maximilian Heiser
Inhalte, Redaktion: Aaron Rahe, Felix Dunkl, Maria Merseburger
Gestaltung: Lisa Worbis, Felicitas Walter
FREIE AUTOREN
Anja Achenbach, Susanne Ehlerding, Roy Fabian, Katrin Müller,
Christian Schwägerl, Christian Vock, Susanne Wolf

ÜBERSETZUNG INS ENGLISCHE
TL TRANSLATIONES GmbH
TRIAD BERLIN PROJEKTGESELLSCHAFT MBH
Marburger Str. 3 | 10789 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 2360780
Fax: +49 (0) 30 236078381
E-Mail: info@triad.de
Homepage: www.triad.de
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Engeldamm 14 | 10179 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 29778190
E-Mail: info@translationes.net
Homepage: www.translationes.net

146

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LEKTORAT
Petra Thoms
        
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