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Band Nro. 55, Montag, den 18. März 1805

Volltext: Der Freimüthige oder Ernst und Scherz (Public Domain) Ausgabe 1805 (Public Domain)

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den, Tritt (wfcH -mit ffikikterlletzor Gewalt «m Mi ««jrifoi, 
und bieftv ^rtüt A»»i« »er Widerflkrech-ntze». bildet eine »rii- 
ckeude Spannung in den allgemeinen VerbaltmstVii. 
Am letzt-n Tage des Laruav.il«, — durch »essen Watn 
sich Prag von scher portheildaft auszeichnete. — kam ich aut 
Venedig wieder hier an. und um alle« in der äßclt halte ich 
die Fastnachttrcdouke Nicht versäumen mögen. Ich erwarkete 
viel; »der meine Erwartung ward durch die Wirklichkeit weit 
nbertroffe». Der Saal (eiiemaiS alrmvdig demahlt und schlecht 
deleuchlct,! war wahrend meiner Adwesenheik un ickonsten Ge 
schmack decorirt worden; zahllose Lichter drvbieu das'Auge lu 
vrrblrnden, und eine Versammlung, des glanzenden Salons 
würdig, fand «ch hier. Die Flora des Prager schonen Geschlechts 
strahlte au« der Legion Anwesender, schön und lieblich hervor, 
und gewahrte dem kunstverständigen iowohl, als dem gefühl- 
vollen Verehrer des weidlichen biebreizes, den höchsten Genuß. 
Mit reitender Unbesangenhcit hüpfte ein freundliches Dauere 
madchen aus mied »u, und bor mir ihr Körbchen voll iiaiürli- 
chcr Blumen zur Auswahl dar: ich wählte und gerieth oük 
rem iralpen erränge! madchen in «in Geipräeb; die Herankunft 
zweier reichgekttidetrn Niohrsnnen unkerbra» es. Sie verspra 
chen mir die Schatze ihrer Erde, wenn ich ihnen sogleich in 
der gedrängtesten Kurie eine tabellarische Uebersicht meiner vier- 
sjhrigcn Rcilebemerkungen entwerfen wolle. 
Ich verspreche viel, sagle die eine, aber ich mache auch 
eine Forderung « I» Napoleon! wie er sich das Kamische Sn- 
steni aus einen Bogen zusammen drangen ließ, so fordre ich in 
wenigen Zeilen die Resultake driner Erfahrungen. 
Mehrere Masken schlossen einen Kreis um uns, man be 
grüßte mich als eineu lauge Vermißten, man erinnerte mich an 
langlkvergangene Genüg«, und weckte manche süße Erinnerung 
au« frühern Jghre«. ES freute mich, uurer den Masken fast 
lauter gcbildett und witzige Menschen zu finden i ehemals war 
es gegen alle bieget» »es guttu Ton», masquirk auf die Rcdout« 
«u gehn. 
Ich stand einen Augenblick allein im Vorzimmer, als eine 
männliche Maske mit verstörtem Ansehn und gelösten Haaren 
aus mich zukam, ein Buch in rothem Maroquin gebunden, mit 
gvidvem Schnitt, in »er Hgnd tragend. 
Ich glande, flüsterte er mU heisrer Stimme mir lli, ich 
glaube an Friedrich Sckilegel. den alleinigen Schöpfer der poe 
tischen Poesie, den Wiederherstellcr des schon Jahrtausende ver 
lornen guten G-schmackS; ich glaube an seine Jünger, August 
Wilhelm Schlegel und Tiek. 
Ich glauhke tu träumen. Nie hatte mich noch etwas so 
sehr tidrrraschk, und lächelnd fragte ich ihn, in welch einem 
Buche er seine Andachi verrichtetet und gri» darnach; aber als 
fürchtete er, es werde entweiht, zvg er es hastig zurück. 
Halt, sagte er, es liegt »war in »er Natur des Mannes 
ein gewisser tvlpelhasier Enthufiasmut, »er gern mit allem Zar 
ten und Heilige» herausplatzt; doch will ich dir nur einzeln« 
Worte der Weihe aus meinem Brevier mittheilen. Er las: 
„Und ich bar dich, du mochtest dich meiner Wuth ganz hinge- 
„ben, und ich flehte dich «»: tu mochtest unersättlich seyn" — 
Lneinden erkennend, bar ich ihn, einzuhalien, und »erließ 
»eu S»l-glianer, der wahrlich sein« undankbare Rotte mit vie 
lem Witze und Haltung spielte. 
Diese Maske, UN» der allgemeine Beifall den man ihr 
tollte, bewiesen mir, daß »<e Krankheit, an welcher so Viele 
Städte Deutschlands darnieder liegen sollen, »te einstimmig für 
unhoiibattr, al, das gelbe Ueber anerkannt wird, das gute Prag 
verschont habe; — sehr gut, denn es giebt andre Uebel in Ile- 
»erfluß hier! Ich überjeugti mich, daß der «u« guke Ge 
schmack hier noch an der Tagesordnung, und Wieland noch nicht 
aus der Reihe der Dichter ausgestrichen se». 
Ich fragte einen Freund um die Ursache des außerordent 
lichen Glanzes »er Rkdoutt, und erfuhr von ihm, »aß man 
aus Koyedue gerechnet habe, «er aber schon io der Nacht vor 
her wieder abgefahren war. 
Einige echtck,mische Züge kan» i» Ihnen umnöglick, vor- 
ckNthtzlke«, ob schon sie eben nicht zum Lobe d.c Stadt gereiche», 
worin ich mich aushalte. Ei» feister ge.stliü cr Don Quirorc, 
— ehemals ein Cistereienser — klug!« vor kur,ein einem Freun 
de wie sehr er mit Geschäften überhäuft se»; d.nn, s»gte er, 
ich bereite injch !U iwe> Stelle» vor: entiveder ich werde C«ltt- 
chet an »er vbiiosorhischrn Fakuikar. oder ich erhalte de» Lehn 
stuhl der Dogmatik. DaS Lctztire jSge ich zwar weit vor; 
denn im erster» Falle erwartet meiner eine herkulische Arbeit. 
Ich muß alle EvstkiN« der neuern Philosophen durchstudieren, 
um ihre Irrthümer ausiudecken, sie zu Boden zu schmettern, 
und der Welt deutlich darzuchun, daß unsre Verminst ganz uix 
hinlänglich sru, und wir MI« ganz auf die göttlich« Gnade zu 
verlasse» habe«. 
Un hiesiger Professor »er Philosophie giebt unter ander» 
zu Erreichung de« höchsten Grade« d:r logische» Erkenntniß, 
folgende Mittel an: alle Dinge von der rechte« Seite zu be 
trachte», un» — den heiligen Geist anzurufen. 
Nach meinen neuesten Ersahrunge« ist Prag wahrlich das 
Vtopi» der Literatur. Andre Städte find stolz darauf, einen 
Wieland Böthe, Herder, Kant u. s. w. erzeugt zu haben, aber 
in stoiler« Bewußtsenn kann Prag auf sie herabsehen, hier 
werden Ihre Werke erst geseilt mid verbessert. Ein hiestgor 
Buchhändler ist so gefällig, die gebildete Lese welk mit 
einer Bibliothek zu versorgen, von welcher alle Jahr ist 
Daube erscheinen. Sie enthält Romane der besten Schrlsrstetter, 
i. B. Schillings Beichtvater unter dem Tit.l Alwine. Ein 
gewisser Herr Tz —, Schriftsteller, bei dem man einen Roman 
i la S»>e», Cramer oder Lafontaine bestellen kann, wie bei 
dem Schuhmacher ein Paar Stieseln, eoerigirt, verkürzt Mid 
verlängert l-des Werk von — wem immer das Glück zu Theil 
wird, seine Werke in dieser Bibliothek für die gebil 
dete Lese wett — nachgedruckt zu sehe«. 
Genug für heute, sobald ich wieder einige Memorabilia 
einsammle, sollen Stt mehr hör» von Ihrem 
Z-r. 
. ... - Seipzi-, »« tttm’Wim, 
Endlich Ist Weiss«« S B edäch t n ißfei er von Maßlman 
mit Biere«« Mufik gegeben worden, zum Erstenmale; sie 
wird nämlich drei - oder viermal gegeben, was nun manchem, 
der daS Andenken dieses Mannes zu einer Geldsveculalion be 
nutzt zu sehn glaubt, unangenehm ist. Die Idee ist sehr ein 
fach. In einen schattigen Hain, wo ein Grabhügel ist, tritt 
der «lteBauer Marti» herein, und sagt uns, daß dies Weis 
st ns Grabhügel ist, »aß das ganze Dörftbeu kommt, ' 
Zu pflanzen hier ein Bäumchen aus den Hügel, 
Und Vater Weiss,»« Grab mir Bluuien zu bestreu«. 
Ein Chor von andern Bäuerinnen und Bauern kommt nuten 
einem Traueruiarsch und formirt »m den Hügel einen Halbzir 
kel. Zwei Jünglinge haben Spaden IUI» Schaufel. Eia iunges 
Mädchen trägt das Bäumchen, das gepflanzt >mrd, worauf denn 
die Kinder das Grab mit Blumen schmucken. Jetzt tritt ein 
sremdlr Knabe aus. 
Was thut »er Knab'? er ist uns allen fremd! * 
ruft dar Chor, und als Genius steht er auf dem Grabe. Er 
sagt »um Troste der Klagenden: 
Was geistig ist, finkt nie zu Staube nieder, 
Sem Geist ist unter Euch, es tönen feine Lieder, 
So lang' ein Deutsches Lied noch Deutsche Herzen srmt, 
7— Ein nnfichtbareS Chor beschließt: 
Wen Lieb' und Dank unsterblich macht, 
Triumph, der hat vollbracht! 
So einfach das Game ist, so ist es doch nichts weniger, 
«lS oh»! Wirkung. Daß es mehreremal gegeben wir», entschul 
digt »er enge Raum des Hause«, das kaum den »chnttn Theil 
derer für« erstemal fassen konnte, die ihr« Liebling noch ein 
mal so gefitspt setz» wollt,tz.
	        
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