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bens Ansicht in dek damals gekannten Welt in der
Epoche, wo die Handlung spielt; dann folgt die
Handlung selbst, Leren Catastrophe, mit deM allge
meinen Mord der Christen zusammenfließend, en
det. Die Verschmelzung der Mythen beider Reli
gionen, die Schilderungen der Franken, der Gal
lier, Griechenlands, Italiens, Judaae, Egyptens,
Sparra's, Athens, Roms, Neapels, Jerusalems,
von Memphis, von Arkadiens Thälern, von The-
bais Wüsten verleihen dem Werke ein um so höhe
res Interesse, als Chateaubriand nicht allein die
klassischen Arbeiten det Vorzeit und unserer Tage
benutzt, sondern die Gegenden alle bereist hat, die
er dem Blick des Lesers hier vorüber führt. Er
schließt seine Vorrede mit den Worten: „Plato
sagt bet Plutarch: er habe den Rythmus der Poe
sie als Wagen entliehen, um darauf zum Himmel
sich zu erheben; auch ich hätte diesen Wagen gern
bestiegen; doch ich fürchte, die Muse, die mich be
geisterte, sei der Musen eine, denen, auf Helikon
unbekannt, der Fittig fehlt; die zu Fuße wandeln,
und die Horaz irmsa pedestris nennt."
Die Schwierigkeiten, ein Epos, wie das vor
liegende in Prosa, eben so zu übertragen, und wie
im Originale, in der Prosa einen Nythmus erklingen
zu lassen, wird den Kennern sehr leicht einleuchten;
in wie fern es mir gelang, mein Ideal zu errei
chen, darüber mag das Publikum streng, doch bil
lig richten.
v. Haupt.
Erstes B u ch. *)
Der Christen Kampf, die Stege will ich sin
gen, die eines Märtyrpaales ruhmvoll Streben,
über der Hölle freche Schaaren, den Gläubigen er
rang.
Dich, heil'ge Muse, fleh' ich an, die auf Sor,
renke und Albions blinden Sänger einst Begeiste
rung niederstrvmte, dich, die in hehrer Stille auf
Tabors Gipfel einsam thront — dich, die, der sin
nenden Betrachtung hold, der ernsten Andacht
Schwinge zu dem Himmel hebt. — Lehre du, auf
Davids Harfe, mich Gesänge wiedertönen; schenke
meinem Äuge jene Thränen, die Sions Schicksal
einst dem Auge Jercmiens ausgepreßt; der verfolg
ten Kirche Leiden will ich singen.
*) Dis Ü bersetzung wird den Eitel führen: Die Märtyrer,
oder der Triiimvy de« Christenthums, nach F. A.
Chsreaubriand von Ly. y. Haupt. 2 £i)ie, Darm-
stadt, bei Lekke. 1809.
Auch du, des Pindos jungfräuliche Muse, du
Gräzienö bilderreiche Tochter, steig' auch du vom
Gipfel Helikoüs herab; zerpflücken will ich nicht
die blumigten Gewinde, mit denen du selbst Grä
ber deckst; 0 du der Dichtung heitre Göttin, die
auch den Schmerz, den Tod sogar, nicht in des
Ernsts Gewänder hüllt. — Herbei der Täuschung
trügerische , herbei zum Kamvfe mit der
Wahrheit Gölkin! — Einst ließ, in deinem Na
men, man des Leidens herbsten Schmerz sie dul
den; heut feice du beschämt der Sängerin Tri
umph, bekenne Muse heut, daß ihr der Leier Preis
gebührt.
Neunmal brüteten der Hölle Geister Christus
schon Verderben, neunmal war das heil'ge Schiff,
das Gefahren nie zerstören, allen Stürmen schon
entfloh». — Friede schwebte auf der Erde Nei
chen; Diokletians geübte Hand schwang den Szep
ter der Weit. Unter dieses großen Fürsten Schutze
blühte den Christen einer Ruhe Vollgenuß, den sie
zuvor gekannt nie hatten. Schon stieg des Weih,
rauchs Wolke aus des wahren Gottes Tempeln;
nicht mehr allein von dem Altar der Götzen auf:
mit jedem Tage wuchs der Gläub'gen Heerde. —
Reichthum, Ruhm und Ehrenstellen winkten nicht
Zeus Verehrern mehr allein: cö war der Hölle
Reich bedroht, sie strebte, des Himmels Sieg zu
hemmen. Allvater sah der Christen Tugend, vom
Glück bekrönt erschlaffen, den Höllengeistcrn gab er
Macht, Verfolgung gegen sie von neuem anzufa
chen — die letzte Schreckensprobe sollt' es sein; sie
sollte auf des Weltalls Thron des Kreuzes Glanz
erheben; es sollten der falschen Götter Tempel dann
zerstört in Staub und Moder sinken.
Musen, lehret mich die Wege, wie des Mcn-
schenstammes Urfetnd der Menschen Leidenschaften,
vor allen Lieb' und Ruhmsucht, zu Dienern seiner
Plane schuf. Zeigt voll Unschuld mir die Jung
frau, zeigt mir den erhabnen Büßer, die am Ta
ge des Triumphes und der Trauer glänzten — un
ter Götzendienern wählte sie, unter Gläub'gen ihn
der Himmel; sie sollten die Sühnopfer der Chri
sten, der Helden auch sein.
Demodokos war der letzte Sprößling einer der
Familien von Homeriden, die Chios Insel einst be
wohnten, und ihren Stamm von HomervS ableite
ten. Die Eltern hatten ihn in seiner Jugend
Biütenzeit mit EptchariS, Cleobuloö aus Kreta
Tochter, vereint, mit der schönsten der jungfräuli
chen Mädchen, die, auf blumigten Auen am Fuß
des Taläos, Hcrmäe Lieblingsberges, in flüchtigem
Tanze schwebten. Er folgte der Gattin nach Gor-