Path:
Volume

Full text: Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser / Kuhn, Friedrich August (Public Domain) Ausgabe 6.1809 (Public Domain)

502 
bens Ansicht in dek damals gekannten Welt in der 
Epoche, wo die Handlung spielt; dann folgt die 
Handlung selbst, Leren Catastrophe, mit deM allge 
meinen Mord der Christen zusammenfließend, en 
det. Die Verschmelzung der Mythen beider Reli 
gionen, die Schilderungen der Franken, der Gal 
lier, Griechenlands, Italiens, Judaae, Egyptens, 
Sparra's, Athens, Roms, Neapels, Jerusalems, 
von Memphis, von Arkadiens Thälern, von The- 
bais Wüsten verleihen dem Werke ein um so höhe 
res Interesse, als Chateaubriand nicht allein die 
klassischen Arbeiten det Vorzeit und unserer Tage 
benutzt, sondern die Gegenden alle bereist hat, die 
er dem Blick des Lesers hier vorüber führt. Er 
schließt seine Vorrede mit den Worten: „Plato 
sagt bet Plutarch: er habe den Rythmus der Poe 
sie als Wagen entliehen, um darauf zum Himmel 
sich zu erheben; auch ich hätte diesen Wagen gern 
bestiegen; doch ich fürchte, die Muse, die mich be 
geisterte, sei der Musen eine, denen, auf Helikon 
unbekannt, der Fittig fehlt; die zu Fuße wandeln, 
und die Horaz irmsa pedestris nennt." 
Die Schwierigkeiten, ein Epos, wie das vor 
liegende in Prosa, eben so zu übertragen, und wie 
im Originale, in der Prosa einen Nythmus erklingen 
zu lassen, wird den Kennern sehr leicht einleuchten; 
in wie fern es mir gelang, mein Ideal zu errei 
chen, darüber mag das Publikum streng, doch bil 
lig richten. 
v. Haupt. 
Erstes B u ch. *) 
Der Christen Kampf, die Stege will ich sin 
gen, die eines Märtyrpaales ruhmvoll Streben, 
über der Hölle freche Schaaren, den Gläubigen er 
rang. 
Dich, heil'ge Muse, fleh' ich an, die auf Sor, 
renke und Albions blinden Sänger einst Begeiste 
rung niederstrvmte, dich, die in hehrer Stille auf 
Tabors Gipfel einsam thront — dich, die, der sin 
nenden Betrachtung hold, der ernsten Andacht 
Schwinge zu dem Himmel hebt. — Lehre du, auf 
Davids Harfe, mich Gesänge wiedertönen; schenke 
meinem Äuge jene Thränen, die Sions Schicksal 
einst dem Auge Jercmiens ausgepreßt; der verfolg 
ten Kirche Leiden will ich singen. 
*) Dis Ü bersetzung wird den Eitel führen: Die Märtyrer, 
oder der Triiimvy de« Christenthums, nach F. A. 
Chsreaubriand von Ly. y. Haupt. 2 £i)ie, Darm- 
stadt, bei Lekke. 1809. 
Auch du, des Pindos jungfräuliche Muse, du 
Gräzienö bilderreiche Tochter, steig' auch du vom 
Gipfel Helikoüs herab; zerpflücken will ich nicht 
die blumigten Gewinde, mit denen du selbst Grä 
ber deckst; 0 du der Dichtung heitre Göttin, die 
auch den Schmerz, den Tod sogar, nicht in des 
Ernsts Gewänder hüllt. — Herbei der Täuschung 
trügerische , herbei zum Kamvfe mit der 
Wahrheit Gölkin! — Einst ließ, in deinem Na 
men, man des Leidens herbsten Schmerz sie dul 
den; heut feice du beschämt der Sängerin Tri 
umph, bekenne Muse heut, daß ihr der Leier Preis 
gebührt. 
Neunmal brüteten der Hölle Geister Christus 
schon Verderben, neunmal war das heil'ge Schiff, 
das Gefahren nie zerstören, allen Stürmen schon 
entfloh». — Friede schwebte auf der Erde Nei 
chen; Diokletians geübte Hand schwang den Szep 
ter der Weit. Unter dieses großen Fürsten Schutze 
blühte den Christen einer Ruhe Vollgenuß, den sie 
zuvor gekannt nie hatten. Schon stieg des Weih, 
rauchs Wolke aus des wahren Gottes Tempeln; 
nicht mehr allein von dem Altar der Götzen auf: 
mit jedem Tage wuchs der Gläub'gen Heerde. — 
Reichthum, Ruhm und Ehrenstellen winkten nicht 
Zeus Verehrern mehr allein: cö war der Hölle 
Reich bedroht, sie strebte, des Himmels Sieg zu 
hemmen. Allvater sah der Christen Tugend, vom 
Glück bekrönt erschlaffen, den Höllengeistcrn gab er 
Macht, Verfolgung gegen sie von neuem anzufa 
chen — die letzte Schreckensprobe sollt' es sein; sie 
sollte auf des Weltalls Thron des Kreuzes Glanz 
erheben; es sollten der falschen Götter Tempel dann 
zerstört in Staub und Moder sinken. 
Musen, lehret mich die Wege, wie des Mcn- 
schenstammes Urfetnd der Menschen Leidenschaften, 
vor allen Lieb' und Ruhmsucht, zu Dienern seiner 
Plane schuf. Zeigt voll Unschuld mir die Jung 
frau, zeigt mir den erhabnen Büßer, die am Ta 
ge des Triumphes und der Trauer glänzten — un 
ter Götzendienern wählte sie, unter Gläub'gen ihn 
der Himmel; sie sollten die Sühnopfer der Chri 
sten, der Helden auch sein. 
Demodokos war der letzte Sprößling einer der 
Familien von Homeriden, die Chios Insel einst be 
wohnten, und ihren Stamm von HomervS ableite 
ten. Die Eltern hatten ihn in seiner Jugend 
Biütenzeit mit EptchariS, Cleobuloö aus Kreta 
Tochter, vereint, mit der schönsten der jungfräuli 
chen Mädchen, die, auf blumigten Auen am Fuß 
des Taläos, Hcrmäe Lieblingsberges, in flüchtigem 
Tanze schwebten. Er folgte der Gattin nach Gor-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.