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Full text: Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Charlottenburg (Public Domain) Issue1908 (Public Domain)

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für den Zeichenunterricht gelegen. Zwei Zeichensäle nehmen die ganze Rückseite über dem Schulsaal ein, während 
der erweiterte Vorslur zur Unterbringung der Reißbrettschränke ausgenutzt ist. Links und rechts von diesem 
Vorflur besinden sich noch zwei kleinere Zimmer für den Zeichenlehrer und für Sammlungen. 
Der an die Längsseite der Säle vorgelagerte Mittelslur des Saalbaues stellt in jedem Geschoß eine 
Verbindung zwischen der östlich gelegenen Haupttreppe und der westlich gelegenen Nebentreppe her und macht 
gleichzeitig die nach der Straße zu gelegenen Räume des Saalbaues einzeln zugänglich. Hiervon bilden die 
östlichen in jedem der unteren 4 Geschosse eine geräumige Vorhalle, in welcher sich der größte Verkehr an der 
Haupttreppe genügend entwickeln kann. Westlich von dieser Vorhalle liegen nach vorn heraus im Erdgeschoß die 
Wohnung des Schuldieners und des Heizers sowie ein Zimmer zur Verabfolgung von Frühstück an die Schüler, 
im I. Stock die geräumige Bücherei für Lehrer und Schüler, im zweiten Geschoß die Räume für den naturwissen 
schaftlichen, im dritten die für den physikalischen Unterricht, jedesmal mit einem besonderen Hörsaal ausgestattet, 
dessen Bankreihen ansteigend angeordnet sind. Ein dritter derartiger Hörsaal ist im 4. Obergeschoß über den 
Vorhallen untergebracht und dient ebenso wie die an diesen Hörsaal sich anschließenden Räume der Straßenseite 
dem Unterricht in der Chemie. 
In seiner Ostecke enthält der Saalbau diejenigen Zimmer, welche für den Direktor und die Lehrer 
sowie auch für den Schularzt bestimmt sind. Bon allen diesen Räumen aus ist der Schulhof gut zu übersehen. 
Uber den drei Eingangstüren in dem Kupferdach des Vorbaues sind drei kleine Räume gewonnen, welche als 
Sprechzimmerchen für die Lehrer mit den Angehörigen der Schüler dienen. 
Verschiedene Teile des Saalbaues, namentlich die sämtlichen Räume des Zeichenunterrichts, sind mit 
einem flachen Dach versehen. Diese Plattformen können sowohl im allgemeinen zum Aufenthalt im Freien benutzt 
werden, als auch sür einige Unterrichtszwecke, hauptsächlich Zeichenunterricht und astronomischen Unterricht, aus 
genutzt werden. Die große Plattform über den Zeichensälen hat an ihrer Südseite eine überdeckte Säulenhalle 
erhalten, welche Schutz gegen Sonne und Wetter gewährt. Hier kann deshalb bei ungünstigem Wetter ein Teil 
des astronomischen Unterrichts erledigt werden, während für die Beobachtungen durch das große Fernrohr ein 
noch etwa 12 m höher als die Plattform belegener runder Raum von etwa 3,5 m Durchmesser angelegt ist, 
welcher durch eine drehbare Kuppel mit Beobachtungsschlitz abgeschlossen ist. Diese Kuppel liegt unmittelbar 
über den Vorhallen und bildet die höchste Bekrönung des ganzen Gebäudes. 
Das Wohngebäude des Direktors enthält im Erdgeschoß 3 Zimmer, welche sich um eine Diele 
mit Treppe herumgruppieren, und die Küche mit Nebenräumen. Im Obergeschoß liegen Schlafräume und ein 
Badezimmer, im Dachgeschoß eine Waschküche. 
Während das Wohngebäude eine Warmwasserheizung erhalten hat, ist für das Schulge 
bäude eine Niederdruckdampfheizung gewählt worden, und zwar weil es möglich war, den größeren 
Teil der Heizungsflächen in die unter der Erde belegenen Kellerräume zu verlegen, welche fast ausschließlich 
Heizungs- und Lüftungszwecken dienen. Je nach der Windrichtung tritt die frische Luft durch eine der nach 
allen vier Windrichtungen über Dach angeordneten Öffnungen in das Haus ein und wird durch einen der 
vier im Innern angeordneten Lüftungsschlote von je 1 qm lichtem Querschnitt sofort in das Kellergeschoß ge 
leitet. Hier erfolgt zunächst eine allgemeine Vorwärmung und alsdann noch eine zweite für jede der 24 Klassen- 
räumc getrennt in 24 unterhalb des jedesmaligen Zulustkanals angeordneten Schränken. In den Klassen selbst 
sind dann nur noch kleine Heizkörper untergebracht, welche lediglich die Abkühlung der Fensterfläche aufzuheben 
haben. Diese Anordnung ermöglicht es, eine ausreichende Regelung der Klassenwärme im Keller selbst vor 
zunehmen, ohne daß der Heizer die Klassen zu betreten braucht, zumal ihn eine Fernthermometeranlage über 
die Wärme in den Klassen vollständig unterrichtet. 
Die Beleuchtung erfolgt durchweg durch elektrisches Glühlicht. Selbst für den Zeichensaal ist 
entgegen den bisherigen Anordnungen kein Bogenlicht gewählt worden, wiel dies bei dem vorhandenen 
Wechselstrom ein zu unruhiges Licht gibt, sondern Glühlichtlampen von 400 N.-K. Stärke. Nur für den 
Turnsaal sind 6 Bogenlampen eingerichtet. 
Sämtliche Gebäudeteüe haben außen im Erdgeschoß eine Verblendung mit Rathenower Handstrich 
steinen erhalten, die übrigen Oieschosse sind mit Terranovaputz versehen. Sandstein ist nur für das Gesims zwischen 
Erdgeschoß und 1. Stock, für die Vorgartenmauer und sür den Haupteingang verwendet. Dieser hat an den 
vier Pfeilern Schmuckstücke erhalten, welche den eintretenden Schüler an das erinnern sollen, was er in die Schule 
mitbringen muß, wenn sein Besuch Erfolg haben soll: Fleiß (dargestellt durch Bienen), Ausdauer <Spinne), 
Verstand <Eule) und Gesundheit ISchlange). In den Schlußsteinen weisen die Abzeichen für Glaube, Liebe 
und Hoffnung aus die hauptsächlichsten Eigenschaften des Herzens hin. Uber diesem Vorbau sind im dritten Stock 
werk 6 Jünglingsgcstalten in Lebensgröße durch Antragearbeit hergestellt. Sie sollen die sechs menschlichen 
Organe, welche in der Schule ihre Hauptausbildung erfahren, versinnbildlichen und so auf den Zweck des ganzen 
Gebäudes hinweisen. In der Mitte dieser Ausbildung steht Hirn und Herz; Auge und Ohr, sowie Mund und 
Hand weisen auf die übrigen Unterrichtszwcige hin. Diese Figuren sind ebenso wie die Schmuckstücke am Ein 
gang vom Bildhauer Professor Riegelmann cntworsen. Schulklassen sind gewöhnlich nach außen hin durch 
die großen Fenster genügend bezeichnet; da aber der Klassenflügel nach der Straße hin nur die Flure enthält, 
so mußte er hier auf andere Weise kenntlich gemacht werden. Wie auf der Wartburg das männliche und weib 
liche Leben nach mittelalterlichen Quellen durch Tierfiguren versinnbildlicht, so sind hier die Altersstufen der Schüler 
durch Tierfiguren dargestellt Am Klassenslügel sind in einzelnen Feldern die Sextaner mit Lämmchen und 
Häschen, die Quintaner mit Kälbern, die Quartaner, bei denen sich die Flegeljahre am meisten zu zeigen pflegen, 
mit Böcken, die übermäßig im Wachsen begriffenen Tertianer mit Bären, die Sekundaner mit Füllen und die 
Primaner mit Löwen verglichen worden. Auf den Zwischenfeldern sind die Oster-, Sommer-, Herbst- und 
Weihnackitsferien durch diesen Zeiten entsprechende Pflanzen gekennzeichnet. Erst wenn der Schüler die An 
stalt verläßt, ist er zum wirklichen Menschen geworden. Darauf weist im Mittelteil des Klassenbaues der mensch 
liche Kops, umgeben von den Abzeichen der Weisheit und derjenigen Berufe, die er wählen kann. An dem 
östlichen Treppenhaus ist zum Schmuck eine Sonnenuhr angebracht, welche ebenfalls ihre bildliche Bedeutung 
hat: Ist doch die Sonne, das Licht, das hervorragendste Sinnbild der Wissenschaft. Der Zeiger der Sonnenuhr 
hat die Form einer Gänsefeder: Ist doch die Feder die beste Waffe der Wissenschaft im Kampf gegen die Un 
wissenheit. Die Entwürfe zu dieser Sonnenuhr sowohl als auch zu der oben erwähnten Ausschmückung des 
Klassenflügcls sind ein Werk des Kunstmalers Wiegmann, ebenso auch ihre Ausführung in Putz. In den Lei 
bungen der Ausgangstür, welche von diesem Treppenhaus ins Freie führt, sind aus dem Ziegel zwei Schul- 
knaben herausgehauen: Der eine, der fleißige, jubelt nach Schluß der Schule der freien Natur entgegen, der 
andere macht sich weniger vergnügt auf den Weg in banger Erwartung, daß ihm zu Hause eine ähnliche Be 
handlung bevorsteht, wie er sie in der Schule erfahren hat. Beide Knaben sind das Werk des Bildhauers Hans 
Latt. An dem daneben gelegenen Direktorwohnhaus sind zwei Knabcnfiguren in Galoanokupfer angebracht, 
welche auf die schriftstellerische Tätigkeit des derzeitigen Inhabers der Dienstwohnung hinweisen. Sie stammen 
von dem Bildhauer Diedrich Roehling, während Hans Latt am Wohnungseingang noch eine Backsteinauskragung 
als Brunnen der Weisheit ausgebildet hat. 
Wenden wir uns nun dem Schmuck des innern Hauses zu, so müssen wir am Haupteingang beginnen. 
Von den vier starken Granitstützen, welche das Tonnengewölbe der Haupteingangshalle tragen, sind die beiden 
mittleren säulenartig ausgebildet. Sie tragen gewissermaßen das ganze Haus, ähnlich wie Staat und Stadt 
Träger der Schulanstalt sind. Aus diesen Vergleich deutet der an der Vorderseite der Säulen angebrachte preu 
ßische Adler hin, welcher in seinen Klauen das Charlottenburger Wappen trägt. Auf der Rückseite entsprechen 
diesen Wappen zwei Jünglingsfiguren: ein Turner verrät die Nähe des Turnsaals, ein anderer mit
	        
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