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Das Schlafstellenunwesen bildet in unsern großen Städten einen tiefen Sumpf,
dessen verderbenbringende Miasmen verpestend in weite Kreise des städtischen Lebens
dringen, aus dem eine Flut von Unsittlichkeit und Verbrechertum hervorquillt, welche zahllose
männliche und weibliche Schlafsteller erfaßt und mit sich reißt, und der mit seinem
Hauch das Familienleben der zahllosen kleinen Leute vergiftet, die wegen der unzulänglichen
und teuren Wohnungsverhältnisse der großen Städte genötigt sind, Schlafstellen zu eröffnen
und zu vermieten. Ein Kind, welches in einem Schlafstellenhause aufwächst, erfüllt
seine Seele mit den traurigsten Bildern der dunkelsten Nachtseiten des Lebens, sieht sie im
eigenen Heim und rechts und links neben sich alltäglich und wird ihrer so gewohnt, daß es
sich kaum jemals wieder in seinem Leben von den bestimmenden Eindrücken dieser Gewohnheiten
wird befreieil können. — So wirkt das Schlafstellenunwesen gleich verderblich auf die
Schlafsteller und Schlafstellerinnen, wie auf die Familien und Kinder derer, die jene beherbergen.
Es ist ein großes und häßliches llbel, das auf alle Weise zu bekämpfen und zu
vernichten ist.
Um das mit Erfolg zu tun, dazu genügt aber nicht der Bau von gesunden und billigen
Familienhäusern mit der n e g a t i v e n Maßnahme des Verbots von Aftervermietungeil
an Schlafsteller, sondern dazu sind in Ergänzung dieser Familien-Wohnungsbauten auch
positive Maßnahmen nötig zur einwandfreien Unterbringung jener zahlreichen Schlafsteller
und Schlafstellerinnen — in Groß-Berlin zählt man allein über 50 000 Schlafburschen
—, die doch ohne ein Unterkommen nicht bleiben können. Diesen Weg der positiven Maßnahmen
hat die Stadt Charlottenburg mit dem Bau des sogenannten Ledigenheims
beschritten, das am 1. April dieses Jahres eröffnet worden ist und das als ein Versuch zur
Lösung der Frage des Schlafstellenwesens angesehen sein will.
* Das Charlottenburger Ledigenheim ist ein „Hotel" für ledige
Männer aus den minderbemittelten Volksschichten, für Arbeiter aller Art, Handwerker,
kleine Kaufleute und Techniker und ähnliche mehr, die bisher als Schlafsteller ein Unterkommen
suchen mußten. So bezeichne ich es wohl am faßlichsten, um die richtige Anschauung
von seiner Eigenschaft hervorzurufen. Nur daß die „Hotelgäste" im Ledigenheim
nicht täglich wechseln, sondern längere Zeit, Monate, Jahre hindurch in ihm, wie in einem
liebgewordenen Heim, Wohnung behalten sollen. — Der Gedanke des Ledigenheims ist
den englischen Rowton-Häusern entnommen, die in London von dem bekannten, im Jahre
1903 verstorbenen Philanthropen Lord Rowton und der von ihm gebildeten Rowton-House-Gesellschaft
errichtet und verbreitet worden sind mit der Absicht und dem Erfolg
einer guten Rentabilität dieser Häuser, so daß die für den Bau und den Betrieb aufgewendeten
Kosten durch die Einnahmen mit 4 bis 5 Prozent verzinst werden, wodurch auch
das Privatkapital zur Beteiligung herangelockt werden sollte und herangelockt worden ist.
Aber wenn wir in Charlottenburg den Gedanken des Ledigenheims den englischen
Vorbildern entnommen haben, so haben wir dessen Einrichtung nicht dem englischen
Muster nachgebildet, sondern vielmehr den Gewohnheiten des deutschen Arbeiters anzupassen
gesucht. Dahin gehört vor allem, daß wir nicht das in England beliebte Kabinenoder
Schlafzellensystem übernommen haben. Bei diesem sind die in einem großen Saale
nebeneinanderliegenden Schlafzellen von vier Wänden umgeben, die etwa 2 m hoch sind,
aber nicht bis zur Decke des Saales reichen, so daß jeder Laut aus einer Schlafzelle auch
in den Nebenzellen zu hören ist. Auch fehlt es in diesen englischen.Schlafzellen an einer
Waschgelegenheit. Statt dessen sind in dem großen Saale an geeigneten Stellen außerhalb
der Schlafzellen Räume mit Wascheinrichtungen zu gemeinsamer Benutzung angeordnet.
— Wir haben erwogen, daß der deutsche Arbeiter sich mit diesem englischen Zellensystem
nicht befreunden, vielmehr ein abgeschlossenes Zimmer mit allen für den deutschen Bewohner
gewohnten Einrichtungen, d. h. also auch einem Waschtische vorziehen wird, das ihm die
Möglichkeit der Absonderung von seinen Nachbarn, sowie der größeren Ruhe und Selbstständigkeit
und der Gemütlichkeit eines eigenen Heims gewährleistet. Wir haben deshalb
bei dem Charlottenburger Ledigenheim von den englischen Kabinen gänzlich abgesehen
und nur vollständige Zimmer in ihm errichtet. Die öfters gehörte Ansicht, daß bei dem
Zimmersystem der doppelte Flächenraum gegenüber dem Kabinensystem für die gleiche
Bettenzahl notwendig sei, hat sich bei näherer Prüfung als irrig herausgestellt. Dies
würde nur für den Fall zutreffen, daß in der einzelnen Kabine zwei Lagerstellen übereinander
angeordnet werden, was nicht zweckmäßig erscheint und auch in England m. W.
nicht geschieht.
Was das Gebäude des Ledigenheims betrifft, so ist dieses auf einem städtischen
Grundstück (Danckelmannstraße Nr. 48/49) errichtet in einem älteren Stadtteile, der hauptsächlich
mit Wohnhäusern für kleine und kleinere Leute bebaut ist und in dem sich die meisten
Schlafstellen in Charlottenburg befinden. Man wollte auch in bezug auf die Lage des
Ledigenheims den Gewohnheiten der Schlafsteller entgegenkommen. Das Gebäude
besteht aus f ü n f G e s ch o s s e n , in deren obersten v i e r die 306 Zimmer des Heims
untergebracht sind, welche — wie in einem Hotel — an Korridoren meistens sich gegenüber
liegen. Davon sind 282 Zimmer mit einem Bett, 12 mit zwei Betten und 12 mit drei
Betten ausgestattet, es sind also im ganzen 342 Betten vorhanden. Die einbettigen Zimmer
sind 2 m breit, 3,10 m tief und 3 m hoch; die Grundfläche der zweibettigen Zimmer beträgt
durchschnittlich 3 auf 3,5 m bei 3 m Höhe, der dreibettigen 3 auf 5 m. Jedes Zimmer hat
eine Tür und ein gegenüberliegendes Fenster. In dem einbettigen Einzelzimmer findet
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