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Full text : Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Charlottenburg (Public Domain) Ausgabe 1907 (Public Domain)

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Das  Ledigenheim*.
Bon  größter  Bedeutung  für  das  Wohnungswesen  der  Stadt  ist  die  am  1.  April  1908
erfolgte  Eröffnung  des  Ledigenheims,  das  von  der  „Volkshotel-Aktiengesellschaft  Ledigenheim" ­
  auf  dein  Grundstück  Danckelmannstraße  48/49  errichtet  wurde.  Die  im  Jahre  1905
mit  einem  Aktienkapital  von  80  000  M  gegründete  Aktiengesellschaft  macht  sich  zur  Aufgabe
die  Bekämpfung  des  Schlafstellenwesens  in  Charlottenburg  durch  Errichtung,  Betrieb  und
Bewirtschaftung  von  Ledigenheimen.  Im  Dezember  1906  wurde  mit  dem  Bau  des  ersten
Heimes  auf  dem  vou  der  Stadt  der  Aktiengesellschaft  im  Erbbaurecht  überlassenen  Grundstück ­
  Danckelmannstraße  48/49  begonnen.  Den  Entwurf  des  Baues  lieferte  Stadtbauinspektor ­
  Walter,  der  auch  die  Ausführung  überwachte.  Nachdem  der  Bau
im  Sommer  1907  infolge  der  Arbeiterbewegung  im  Baugewerbe  10  Wochen  geruht  hatte,
wurde  er  im  März  1908  vollendet  und  der  Betrieb  am  1.  April  1908  eröffnet.
Am  Sonntag,  dem  29.  März  fand  eine  Borbesichtigung  statt,  zu  welcher  der  Minister
des  Innern  v.  Moltke,  der  Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben,  der  Regierungspräsident,
die  Polizeipräsidenten  von  Berlin,  Charlottenburg  und  Rixdorf,  die  Vertreter  der  Nachbargemeinden, ­
  Oberbürgermeister  Schustehrus  und  Bürgermeister  Matting  mit  fast  allen
Magistratsmitgliedern,  Stadtverordnetenvorsteher  Kaufmann  mit  vielen  Stadtverordneten ­
  und  eine  große  Zahl  anderer  Ehrengäste  erschienen  waren.  Die  Bedeutung
des  Ledigenheims,  feine  Entstehung  und  Einrichtung  hat  Oberbürgermeister
Schustehrus  in  der  anläßlich  der  Jahrhundertfeier  der  Städteordnung  erschienenen
Feftnummer  der  „Königsberger  Hartungschen  Zeitung"  folgendermaßen  geschildert:
„Wir  befinden  uns  in  Deutschland  in  der  von  Jahr  zu  Jahr  fortschreitenden  Umwandlung ­
  vom  Agrarstaat  zürn  Industriestaat:  eine  Tatsache,  die  nran  —  ob  man  sie  beklagt ­
  oder  sie  begrüßt  —  nicht  mehr  wegleugnen  kann  und  der  man  Rechnung  tragen  muß.
Außer  und  neben  anderen  Faktoren,  die  diese  Tatsache  angeht,  haben  insbesondere  auch
die  Verwaltungen  der  mittleren  und  großen  Städte  alle  Verairlassurrg,  sich  mit  ihr  ernstlich
zu  beschäftigen,  jener  Städte,  deren  Industrie  die  starke,  gesunde  Volkskraft  vom  Lande
zu  sich  heranzieht,  um  sie  in  ihrem  Interesse  zu  nutzen.  Es  ist  Sache  dieser  Städte,  als
Organe  des  Staates,  dem  sie  dienen,  darüber  mit  Fleiß  zu  wachen,  daß  aus  diesem  „nutzen"
nicht  ein  „ausnutzen"  werde,  daß  diese  Volkskraft  nicht  unter  den  ungünstigen  städtischen
Lebensbedingungen  in  wenigen  Generationen  verkümmere  oder  gar  aufgerieben,  sondern
vielmehr  gesund  an  Leib  und  Seele  erhalten  und  gefördert  werde.
In  der  Erkenntnis  dieser  Pflicht  haben  die  Städte  auf  dem  Gebiete  der  Volksgesundheit ­
  in  den  letzten  Jahrzehnten  denn  auch  viel  Tüchtiges  geleistet.  Und  gerade  die  deutschen
Städte  sind  es,  die  in  praktischer  Anwendung  der  noch  sehr  jungen  Wissenschaft  der  Hygiene
mancherlei  Einrichtungen  geschaffen  haben,  welche  als  mustergültige  von  andern  Nationen
anerkannt  und  studiert  werden:  in  ihren  Wasserleitungen,  ihren  Kanalisationen,  ihren
Krankenhäusern,  ihren  Schulbauten  u.  a.  m.  Aber  vieles,  sehr  vieles  bleibt  noch  zu
tun  übrig,  und  täglich  mehren  sich  mit  denr  schnellen  Anwachsen  der  Städte  die  neuen  Aufgaben, ­
  die  gelöst  sein  wollen  und  die  zu  den  alten  treten,  von  denen  so  manche  leider  noch
immer  der  Lösung  harren.
Zu  diesen  letzteren  gehört  eine  Aufgabe  von  grundlegender  Bedeutung:  die  der
Beschaffung  gesunder  Wohnungen  für  die  minder  bemittelten
Klasse  n.  Eine  brennende  Frage,  deren  Beantwortung  die  Verwaltungen  der  deutschen
Städte  schon  vor  mehreren  Jahrzehnten  hätten  in  Angriff  nehmen  sollen,  die  aber  leider
bis  heute  noch  fast  allgemein  unbeantwortet  geblieben  ist.  Und  doch  ist  sie  eine  Frage  von
grundlegender  Bedeutung:  denn  die  Grundlage  des  Staates  ist  die  Familie.  Daß
diese  und  das  Leben  in  ihr  stark  und  gesund  erhalten  werde,  ist  eine  Forderung  von  natio
naler  Bedeutung,  die  im  Interesse  der  Erhaltung  unseres  Staates,  unseres  Volkes  erfüllt
werden  muß.  Ein  körperlich  und  sittlich  gesundes  Familienleben  aber  kann  nur  in  einer
gesunden  Wohnung  gedeihen,  die  durchströmt  ist  von  Licht  und  Luft,  nur  allein  dem  Leben
der  Familie  dient  und  abgeschlossen  ist  von  allen  unsittlichen  und  verbrecherischen  Einflüssen,
die  sich,  je  größer  die  Städte  werden,  immer  mehr  in  ihnen  geltend  machen.  Solche  Wohnungen ­
  zu  schaffen,  haben  einzelne  Stadtverwaltungen  für  sich  allein  oder  in  Verbindung
mit  den  sehr  segensreich  wirkenden  Baugenossenschaften  in  den  letzten  Jahren  sich  angelegen
sein  lassen.  Mustergültige  Mietswohnungen  in  fünfgeschossigen  Häusern,  wie  sie  sich  leider
in  großen  Städten  wegen  der  Höhe  der  Bodenpreise  nicht  vermeiden  lassen,  hat  in  Berlin
und  Charlottenburg  unter  andern  der  äußerst  praktisch  und  tatkräftig  geleitete  Berliner
Bau-und  Spar  -Verein  errichtet.  In  Charlottenburg  allein  baut  er  zurzeit  1000  solcher
kleinen  Familienwohnungen,  von  denen  etwa  die  Hälfte  schon  fertiggestellt  ist.  Einer  der
wichtigsten  Punkte  des  Programms  für  den  Bau  und  die  Benutzung  dieser  Wohnungen
ist  das  streng  gehandhabte,  absolute  Verbot  der  Aftervermietung.  Esdarf  keinSchlafsteller
  in  diese  Wohnungen  aufgenommen  werden.
Und  damit  komme  ich  zu  einer  äußerst  wichtigen  Frage,  die  bisher  in  den  deutschen
Städten  nur  ganz  vereinzelt  behandelt  worden  ist:  zur  Frage  der  Bekämpfung
des  Schlaf  st  elle  nun  Wesens.
*  Die  Klischees  der  beigefügten  Ansichten  sind  uns  vom  Bering  Ullstein  &  Co.,-  Berlin  SW.  <iS,
gütigst  überlassen  worden.
            
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