34 Sitzung dm 19.
Meine Damen und Herren! Noch niemals hat
sich die Kirche, hat sich die Religion vor dergleichen
Kämpfen zn fürchten brauchen. Wir fürchten diese
Kämpfe nicht. Wir begrüßen es, daß Sie mit dieser
Intoleranz in unserer sonst so toleranten Republik
vorgehen gegen die Religion. Denn nunmehr ist das
nicht mehr eine Angelegenheit ttitv der organisierten
Kirche, sondern es ist eine Angelegenheit der gesamten
Berliner Bevölkerung geworden.
Meine Damen und Herren! Es ist eine An
gelegenheit geworden auch der Aerzteschaft in den
Krankenhäusern, und ich bin der festen Ueberzeugung,
daß die Aerzteschaft, so objektiv der Herr Stadtmedi
zinalrat sich hier auch äußert, doch endlich auch ein
mal öffentlich ihren Standpunkt dahin bekennen
wird, wohin sie ihn bekannt hat bereits im Jahre
1919, als wir hier in der Stadtverordnetenversamm
lung dieselben Kämpfe schon einmal hatten. Damals
sind von allen führenden Aerzten in den Kranken
häusern und Irrenanstalten von Berlin Urteile ein
gefordert worden, ob sie die Seelsorge und die Ab-
Haltung von religiösen Feiern für zuträglich hielten
für die Patienten. Damals hatte die Aerzteschaft
sich einmütig — ich bin im Besitze der Abschriften
dieser Gutachten, die damals gegeben worden sind,
und ich verweise auf die Verhandlungen der Stadt
verordnetenversammlung über dieses Thema — auf
den Standpunkt gestellt, daß es im Interesse der
Beruhigung z. B. auch der Leichtirrenkranken und im
Interesse der Patienten überhaupt läge, daß auch
hier auf das Gemüt eingewirkt würde durch die
Religion.
(Zuruf bei den Kommunisten.)
Meine Damen und Herren! Ich erwarte, daß
die Aerzteschaft sich vom rein medizinischen Stand
punkt euch dazu äußern wird, wie sie sich zn einem
solch rigorosen Vorgehen gegen die Religion stellt,
und zwar im Interesse unserer Kranken. Ich hätte
von dem Herrn Stadtmedizinalrat, der nunmehr
zum zweiten Male hier über diese Sache gesprochen
hat, ein offenes Bekenntnis erwartet, daß er von
seinem medizinischen Standpunkt aus — ich frage
nicht nach dem religiösen Standpunkt — auch die Be
einflussung der Kranken in bezug ans das Gemüt für
etwas durchaus Zuträgliches, ja Notwendiges hält.
Meine Damen und Herren! Ich vermisse an unserer
ärztlichen Autorität, die die Stadtverordneten
versammlung gewählt hat, eine solche Stellung
nahme, und ich fordere sie von ihm schon im Inter
esse der Aerzte, die in unseren Krankenhäusern
arbeiten.
Meine Damen und Herren! Hier ist in mancher
lei Ausdrücken über diese Dinge gesprochen worden.
Das ist eine Art, diese Angelegenheit zn behandeln,
wie sie von der großen Öffentlichkeit nicht ver
standen werden wird. Stehen sich zwei Welt
anschauungen gegenüber, meine christliche Welt
anschauung und die materialistische Weltanschauung
der Parteien der Linken, so mögen diese Gegensätze in
ernster und würdiger Weise hier zum Anstrag ge
bracht werden. Aber, meine Damen und Herren, es
wird uns hier eine Flut von anonymen Zuschriften
vorgelesen, die sehr merkwürdigerweise immer die
selben Ausdrücke enthielten,
(Rechts: Sehr richtig!)
bei denen man nicht feststellen kann, wer der Urheber
dieser Karten und Briefe ist.
(Zuruf rechts: Fritz Lange ist der Redakteur!)
Meine Damen und Herren! Es sind das für
uns, für mich und meine Freunde, keine Beweise,
die irgendeinen Eindruck in dieser Weltanschannngs-
nttgelegenheit auf uns machen können.
. Januar 1928.
Meine Damen und Herren!. Wenn hier ge
sprachen wird von Infamie und Albernheiten, wem
hier ein Ausdruck, der in diesen Postkarten und Brie
fen immer wiederkehrt, von Herrn Lange auf
uns angewandt wird, der Ausdruck „Jauche", dam
sage ich: Mit solchen Mitteln und auf solche Weis,
entscheidet man Weltanschauungsfragen nicht.
Meine Damen und Herren! Ich bin der feste
Ueberzeugung, daß über diesen Streit und über dich
Strömungen, wie sie hier zum Ausdruck kommen, ich
Bürgerschaft von Berlin, wie sie es bereits bei bei
Elternbeiratswahlen bewiesen hat, zur Tagesordnung
übergehen wird. Insofern gebe ich dem Herrn Kollege
Fritz Lange vollständig recht: Bei den nächste!
Wahlen wird es sich zeigen, ob die Bürgerschaft den
Tone der Herren Kommunisten folgt oder ob bii
Bürgerschaft sich auf den Standpunkt der Toleranz
auch gegenüber der Kirche und der Religion stellen
wird. Ich aber, meine Damen und Herren, bin bei
festen Ueberzeugung, daß ein Wort, das ich im Iahn
1919 hier einmal dem Herrn Kollegen Adolf Hofs
mann gegenüber angewandt habe,
(Zuruf bei den Kommunisten: Der Prophet
Koch!)
sich bewahrheiten wird, und ich zitiere es hier so, Uni
es wörtlich einstmals gelautet hat; denn ich hasst
dies persönlich zu erleben: „Ich hoffe, es noch
zu erleben, daß das Narrenschiff dei
Zeit an dem Felsen der ch ristlich en K i r chl
scheite r t."
(Rechts: Sehr gut!)
■
Vorst. Haß: Meine Damen und Herren! Wt
unterbrechen jetzt die Aussprache und nehmen bis
Abstimmungen vor.
Zur Abstimmung stehen drei Dringlichkeits
anträge, die außerhalb der Tagesordnung behanbel!
worden sind. Da alle Anträge in ihren Konsequenzen
zum Teil etwas anderes wollen, schlage ich Ihnen
vor, über alle drei Anträge abzustimmen. Bei bei»
Antrage Gäbet und Gen. haben wir noch einen Ab-
änderungsantrag, der unter b) hinzufügen will „beut
Bezirksamt die notwendigen Mittel zur Verfügung zn
stellen". Das ist zwar in einem anderen Antrag!
auch enthalten, aber da der Antrag gestellt ist, uiuj
er zur Abstimmung kommen.
Ich bitte nun einen Augenblick um Ruhe und
Aufmerksamkeit, damit ich noch einmal die Anträgt
verlesen kann. Ich bringe sie zur Abstimmung in
der Reihenfolge, wie sie begründet worden find. Zu«
nächst den Dringlichkeitsantrag Lüdicke, Bleete»
Kohlsaat, Dethleffsen und der übrigen Mitgtiebei
der Deutschnationalen Fraktion:
„Wir beantragen, die Stadtverordnetenver
sammlung möge den Magistrat ersuchen, zur Be
seitigung der Schäden, die die Mieter der in Char
lottenburg, Hebbelstraße, geräumten Wohnungen
und Läden durch die Räumung erlitten haben, betn
Bezirksamt Charlottenburg die dazu erforderlichen
Mittel bis zur. Höhe von 12 000 K.« zur Verfügung
zn stellen."
(Stadtv. Gäbet: Herr Vorsteher, wäre es nicht
besser, wenn wir über den weitest gehenden zuerst
abstimmen?)
Das läßt sich gar nicht sagen. Es ist vorhin teilt
Widerspruch erfolgt. Infolgedessen nehme ich an, bat
die Anträge sich zum Teil natürlich überschneibeit.
zum Teil aber auch ergänzen.
Wir kommen also zur Abstimmung. Wer füi
den Antrag Lüdicke und Parteifreunde ist, bitte ich
eine Hand zu erheben.
(Geschieht.)