DER STÄDTEBAU
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jede Wohnung ein Minimum von Straßenfläche. Die an
nähernd quadratischen Gärten werden durch billige Wege
zugänglich gemacht. Bei der Besiedlung älterer Er
weiterungsgebiete werden nun Einfamilienhäuser zwischen
den höheren Vorstadtgebäuden nicht angebracht sein. Es
müssen schon mehrere Wohnungen übereinander angelegt
werden. Bei dieser Gelegenheit soll einmal die Mode des
Einfamilienhausbaues für Minderbemittelte kritisch be
trachtet werden. Die großen Vorzüge des Einfamüien-
eigenhauses sollen nicht verkannt werden. Von den in den
letzten Jahren gebauten Einfamilienhäusern bleiben aber
die weitaus meisten im Besitz von Genossenschaften und
Fabrikunternehmen, und bei den spartakistischen Aktionen
dieses Frühjahres konnte man beobachten, daß die Mieter
schöner von Gärten umgebener Einfamilienhäuser sich nicht
anders benahmen als Leute, die nichts zu verlieren hatten.
Wenn jemand etwa die Trennung der einzelnen Familien
voneinander als besonderen Vorteil betrachtet, so könnte er
ja auch mehrere Wohnungen übereinander und zu jeder
eigene Eingänge, Treppen und Höfe anordnen. Diese Bau
art wäre immer noch billiger als die Einfamilienhausbau-
weise. Ein Nachteil des Einfamilienhauses ist neben dem
höheren Baupreis unter Umständen noch die durch das Be
wohnen verschiedener Geschosse täglich zu leistende Arbeit.
Den städtischen Grundbesitzern und den hinter ihnen
stehenden Gläubigem steht eine schwere Krise bevor. Allein
aus diesem Grunde sollte von der Erschließung von Neuland
abgesehen werden. Daß im Falle der Besiedlung älterer
Baugebiete durch Abkürzung der Arbeitswege an Volks
kraft und durch Schonung der Äcker und Benutzung schon
vorhandener Straßenbauten an Volksvermögen gespart wird,
ist bereits oben erwähnt. Man überschätze auch nicht den
Nutzen, den die weiträumige Ansiedlung der Volksgesund
heit bringt. Wfenn einige hundert Bewohner außerhalb der bis
herigen Stadtgrenze angesiedelt werden, so werden sie zwar
der Natur näher gebracht, aber etlichen tausend Städtern
wird die Natur weiter abgerückt. Die Fertigstellung einiger
in ihrem halbfertigen Zustand äußerst häßlicher Vorstadt
teile ist allein schon wert, alles dranzusetzen, um die Bau
tätigkeit dorthin zu lenken. Wenn wir uns auch an kahle
Giebelmauern und von den Straßen aus sichtbare unschöne
Blockirmenwände gewöhnt haben, so ist es doch unsere
Pflicht, dahin zu streben, daß spätere Geschlechter bessere
Städtebilder vorfinden.
DER BOULEVARD LILLE-ROUBAIX-TOURCOING.
Von Prof. BLUM - Hannover.
In einer noch nicht weit zurückliegenden Zeit hielt man
für Großstädte den Bau von großen — sehr langen und über
mäßig breiten — „Ausfallstraßen“ für eines der wichtigsten
Glieder des Städtebaues. Man glaubte in ihnen den wich
tigsten Ausdruck für die Bedeutung der Stadt und das ge
eignete Mittel für die Abwicklung der verschiedensten Ver
kehrsarten gefunden zu haben. Es wurden Straßen gebaut
und noch mehr projektiert mit Riesenbreiten, die das Ver
kehrsbedürfnis erheblich übertrafen, und in übertriebenen
schnurgeraden Längen, die ästhetisch zu meistern vielfach
fast unmöglich war,
Als Begründung für die übergroßen Abmessungen und
die schnurgeraden Linien wurde meist der Verkehr ins
Treffen geführt, bis die Verkehrstechniker hiergegen Front
machten, indem sie darauf hinwiesen, daß der Verkehr weder
die großen Breiten noch die geraden Linien braucht. Tat
sächlich hat man auch bei derartigen (leider schon) ausge
führten „Straßen“ mit der Breite nichts Rechtes anzufangen
gewußt, und man hat daher Alleen, Promenaden, Vorgärten,
Reit- und Radfahrerwege mit hineingelegt, obwohl all dies
(vielleicht mit Ausnahme der Radfahrer) sich mit dem groß
städtischen, Verkehr (der schnellfahrenden Straßenbahnen
und der Kraftwagen) nicht verträgt.
Dieser gekünstelte^ Zusammenpressung in einen —-
protzenhaften — Straßenzug stellt man jetzt mehr und mehr
die Bescheidenheit und die Trennung gegenüber; Man be
müht sich, auch für den größten Verkehr mit geringen
Breiten auszukommen, und man legt — statt der im Staub
der Schnellbahnen und dem Geruch der Kraftwagen liegen
den, vom Verkehrslärm umtosten, kotbespritzten „Prome
naden“ — geschlängelte, den Gelände- und Wasserverhält
nissen sich anschmiegende, dem Verkehr entrückte Park
streifen an, in denen man wirklich Spazierengehen, -reiten
und -fahren kann.
Ein lehrreiches Beispiel der nun immer mehr über
wundenen Richtung ist der große Boulevard von Lille nach
Roubaix und Tourcoing, der schon 1860 angeregt, aber erst
von 1901 ab geschaffen wurde.
Um diesen Straßenzug und seine Schnellbahn richtig .zu
würdigen, ist es vorab nötig, einiges über die Bedeutung
der drei genannten Städte mitzuteilen:
Die Städtegruppe Lille-Roubaix-Tourcoing hat mit den
Vororten und den wirtschaftlich mit ihr eine Einheit bilden
den Nachbarorten eine Gesamtbevölkerung von rund 700 000
Einwohnern, und zwar entfallen hiervon:
auf Lille und seine nähere Umgebung . * . . 345 000,
auf | Xour^oing } unt * c * eren nähere Umgebung . 278000
und auf die Nachbarorte . 77000
zus. 700000.
Die wirtschaftliche Bedeutung der drei Städte baut sich
im wesentlichen auf drei Grundlagen auf: Seit ältester Zeit
auf der großen Fruchtbarkeit des Landes, sodann seit dem
Mittelalter auf der Pflege der Textilindustrie und in neuerer
Zeit auf der Eisen- und Maschinenindustrie, die sich auf die
Kohlenfelder südlich Lille stützt.
Die hochentwickelte Landwirtschaft hat große Unter
nehmungen für die Zucker-, Öl- und Biererzeugung hervor
gerufen, sie bildet ursprünglich auch den Ausgangspunkt
für die Textilindustrie, die von den altflandrischen Zünften
und Grafen gehegt, zu höchster Blüte aufgestiegen ist, jetzt
aber ihre Rohstoffe aus Ubersee erhält. Die Textilgewerbe
haben dann den Bau von Maschinen und Kraftanlagen her
vorgerufen, und die sich entwickelnde Mascfainenindustrie
erhielt einen besonders starken Anreiz durch den Beginn
der Ausbeute des nordfranzösischen Kohlenbeckens, das hur