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Volume No. 49. Bericht über das Berliner Rettungswesen

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1912 (Public Domain)

Nr. 49. Berliner Rettungswesen. 
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Als Bezeichnung für die Stationen des städtischen Rettungs- 
Wesens ist der Name „Rettungsstelle" gewählt worden. Tie Rettungs 
stellen — nach wie vor 17 an der Zahl — sollen wie bisher 
durchlaufend gezählt werden. Die früheren „tzauptwachen" in den 
Krankenhäusern sollen fortan neben der Bezeichnung „Rettungs 
stelle" den Namen des Krankenhauses führen und 'mit den bis 
cherigen Hilfswachen zusammen durchgezählt werden, so daß künftig 
im ganzen 30 Rettungsstellen vorhanden sein werden. 
Nachdem wir uns an der Hand dieser Grundsätze mit dem 
Aerzteverein des Berliner RettungÄvesens und dem Kuratorium der 
Unfallstationen vom Roten .Kreuz in Verbindung gesetzt, haben 
beide erklärt, auf dieser Grundlage ihre bisherige Tätigkeit auf 
geben zu wollen, und sich verpflichtet, künftig keinerlei Einrijch!- 
Lungen für Leistung erster Hilfe innerhalb des Berliner Weichbildes 
zu treffen. Sie habe» jedoch daran einige Bedingungen finanzieller 
Art, vornehmlich hinsichtlich der Uebernahme oder Entschädigung ihrer 
Angestellten geknüpft, denen wir unsere Zustimmung im wesent 
lichen nicht haben versagen können. Insbesondere betraf das die 
dirigierenden Aerzte der Unfallstationen und die Obmänner der 
Rettungswachen. Die dirigierenden Aerzte der Unfallstationen hatten 
bisher eine Pflichtstundcnzahl, die wöchentlich zwischen 10 und 35, 
und ein Gehalt, das zwischen 1500 tind 5600 M schwankte. Sie 
haben als dirigierende Aerzte der Unfallstationen und durch die hicr- 
init verbundene Tätigkeit in mancher Beziehung nicht die Möglich 
keit gehabt, sich eine gewinnbringende Privatpraxis zu erwerben. 
Ihnen wird für eine Uebergangszcit, die nach ihrem Dienstalter 
verschieden bemessen ist, die Differenz, welche sich künftig gegen 
über ihrem bisherigen Gehalte ergibt, gezahlt werden. Die hier 
durch entstehenden Mehrkosten betragen jährlich etiva 13 500 M. Aus 
ähnlichen Erwägungen der Billigkeit haben wir es auch für an 
gebracht gehalten, die Obmänner der Rettungswachen arif eine be 
stimmte Zeit als Aufsichtsärzte zu übernehmen und in zwei besonderen 
Fällen während dieser Zeit auch von der Verpflichtung Abstand 
zu nehmen, daß der Arzt sich am Rettungsdienst 'beteiligt. Eine 
finanzielle Belastung der Stadt entsteht hierdurch nicht, da die Ob 
männer bisher nur eine Remuneration von jährlich 500 M er 
hielten. Auch für den bisherigen ärztlichen 'Direktor des Anzte- 
vereins, der im städtischen Rettungswesen keine Verwendung finden 
konnte, erschien eine Maßnahme am Platze, seinen Einkommensverlust 
für eine Uebergangszcit von 3 Jahren zu mildern. Die bisher am 
Rettungsdienst beteiligten Aerzte sollen beinr städtischen Rettungs 
wesen in erster Linie berücksichtigt werden. 
Auch die bisher auf den Rettungswachen und Unfallstationen 
beschäftigten Heilgehilfen sind zum 1. April 1913 nach Möglich 
keit in den städtischen Rettungsdienst übernommen worden. Es sollen 
im allgemeinen zwei Heilgehilfen beschäftigt werden, die abwechselnd 
nach einem bestimmten Dienstplan Dienst tun. Für die nach der 
Inanspruchnahme acht größten Rettungsstellen sollen aus Gründen 
der Billigkeit außerdem noch Erleichterungen dadurch geschaffen wer 
den, daß noch zwei wandernde Heilgehilfen eingestellt werden, welche 
mit den ständig auf diesen Rettungsstellen tätigen Heilgehilfen nach 
einem bestimmten Dienstplan derartig abwechselnd Dienn tun sollen, 
daß sich für alle eine gleich lange Beschästigungsdnuer ergibt. Die 
Besoldung der Heilgehilfen ist dahin festgesetzt worden, daß der 
Monatslohn mit 117 M beginnt und jährlich um 5 M steigt, bis 
er nach 12 Jahren den Betrag von 177 M erreicht. In ivelcher 
Weise die bisherigen Heilgehilfen der Rettungswachen und Unfall 
stationen in die neue Besoldungsordnung einrücken, ist durch be 
sondere Uebergangsbestimmung geregelt worden. Außer ihrer Bar 
besoldung erhalten die Heilgehilfen während des Dienstes freie Dienst 
kleidung, deren Wert auf 60 M jährlich festgesetzt ist. 
Hinsichtlich des Ueberganges des Inventars der früheren Unfall 
stationen und Rettungswachen ist verabredet worden, daß die Stadt 
das Inventar und Instrumentarium, das nicht bereits von ihr 
beschafft war, gegen einen Schätznngspreis erwerben solle. Vorzugs 
weise betraf das nur die Unfallstationen, mit deren Kuratorium 
der Uebergang des Eigentums an dem Inventar auf die Stadt 
gegen Zahlung von 9000 ,U verabredet wurde. 
In die laufenden Mietverträge tritt vom 1. April ab die Stadt 
überall ein. 
Die gesamten künftigen Kosten des Berliner Rettungsweseris 
werden sich nach Durchführung der vorstehend skizzierten Neu 
ordnung nicht höher stellen, als sie bisher von den Gemeindebehörden 
bewilligt worden sind. Der Betrag von 220 000 ,M, der dafür 
seit 1909 ausgeworfen wurde, wird auch für die Zukunft aus 
reichen. Der Etat für das Rechnungsjahr 1913 ist entsprechend 
aufgestellt worden. Die Verhandlungen mit den Krankenkassen über 
die künftig beim Rettungswesen für die Behandlung ihrer Mit 
glieder zu entrichtenden Gebühren und die Verhandlungen darüber, 
ob auch künftig sog. „informatorische Atteste" für die Berüfsgenofsen- 
schaften auszustellen sein werden, und in welcher Weise sie bezahlt 
werden sollen, waren bis zum Ende des Berichtsjahres noch nicht 
abgeschlossen. 
Dein Kuratorium ist vom 1. Januar 1913 ab der Magistrats 
rat Dr. Gordan als .juristischer Dezernent und Mitglied gemäß 
dem Ortsstatut vom 10. März 1892 überwiesen worden. Zum 
ärztlichen Direktor des städtischen Rettungswcsens wurde vonr Ma 
gistrat vom 1. April 1913 ab der bisherige ärztliche Direktor der 
Unfallstationen vom Roten Kreuz Dr. Paul Frank gewählt. 
ii. Inanspruchnahme der Hilfsstellen. 
Auch im Berichtsjahre ist, wie aus der beigefügten Uebersicht 
über die Inanspruchnahme der einzelnen Hilfsstellen (Haupt- und 
Hilfswachen) in den verschiedenen Monaten ersichtlich ist, die Bürger 
schaft in ausgedehntem Maße genötigt gewesen, die Einrichtungen 
des Berliner Rettungswesens in Anspruch zu nehmen. AuS der 
Uebersicht erhellt, daß durchschnittlich in jedem Monat die Hilfs- 
wachen in 5296 Fällen, mithin also täglich 177 mal in Anspruch 
genommen worden sind. Ueber die Tätigkeit der 13 in den Kranken 
häusern befindlichen Hauptwachen gibt die Tabelle 2 Auskunft. Hcer- 
nach sind die Hauptwachen in jedem Monat durchschnittlich etwa 
in 1077 Fällen, mithin also täglich etiva 36 mal, das heißt in 
gleichem Umfange wie im Vorjahre; die gesamten Statioiccn 'für 
erste Hilfe im ganzen in 76 470 Fällen, das heißt monatlich 
im Durchschnitt 6373 mal, täglich 213 mal in Anspruch genommen 
worden. 
Die im Bericht des Vorjahres erwähnten einheitlichen Rettungs- 
kosfer sind im Berichtsjahre geliefert worden und haben 6132,sc, M 
Kosten verursacht. Darüber, wie sie sich bewährt haben, lagen bis 
zum Schlüsse des Berichtsjahres hinreichende Erfahrungen noch 
nicht vor. 
in. Rettungsdienst bei öffentlichen Festlichkeiten. 
Anläßlich des Zapfenstreichs der vereinigten Musikkorps des 
Garde- und III. Armeekorps im Lustgarten am Abend des I. Sep 
tember 1912 war eine Wache in der Tomküsterci errichtet. Mann 
schaften der Berliner Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz, der Krieger- 
Sanitätskolonne Berlin und der Genossenschaft freiwilliger .ttranlcn- 
pflegcr im Kriege übten den Patrouillendienst auf den Straßen 
aus. Während des Einzuges des Dänischen Königspaares am 25. Fe 
bruar 1913 .war in gleicher Weise ein öffentlicher Rettungsdienst 
eingerichtet. Beim Einzuge des Prinzregenten von Bapern am
	        
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