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Volume No. 16. Bericht der städtischen Waisendeputation

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1912 (Public Domain)

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Nr. 16. Waisenpflege. 
stunde» erschienen in den letzten Monaten des Berichtsjahrs monat 
lich ca. WO Personen. Die Mutter lernt also den Vormund ihres 
Kindes wirklich kennen und holt sich oft von ihm auch in solchen 
Dingen Rat, die nicht in seinen eigentlichen Wirkungskreis fallen. 
dl Die gesundheitliche Fürsorge für die Mündel. 
Steht auch dem Vormunde eines unehelichen Kindes in erster 
Linie nur die Sorge für das Vermögen und die gesetzliche Ver 
tretung des Kindes zu, während Recht und Pflicht der persönlichen 
Fürsorge der Mutter belassen ist, so hat doch der Vormund insolveit 
nach 8 1689 B.G.B. die rechtliche Stellung eines Beistandes. Hier 
aus ergibt sich für den Vormund die Pflicht, die Mutter in der 
Ausübung ihres Sorgerechts zu unterstützen und zu überwachen, um 
Mißstände zur Kenntnis des Vormundschaftsgerichts zu bringen. 
Hiervon ausgehend ist für die Mündel der Berufsvormundschaft 
eine weitgehende gesundheitliche Fürsorge eingerichtet ivorden, die 
aber nicht erst nach'der Verpflichtung des Berufsvormundes,-sondern 
schon bei seinem Vorschlage einsetzt. Der Vornrund überträgt die 
Ausübung seines Ucberwachungsrechts der für die Wohnung des 
Kindes örtlich zuständigen Säuglingsfürsorgestelle und teilt gleich 
zeitig der Mutter oder Pflegefrau niit, daß die Helferinnen dieser 
Säuglingsfürsorgestelle in seinem Aufträge das Kind nunmehr 
Wiederholt besuchen -werden, um sich von der Gesundheit, Pflege und 
Ernährung des Kindes zu überzeugen; ferner gibt,er ihr auf, das 
Kind von Zeit zu Zeit dem Arzt in der Säuglingsfürsorgestelle 
vorzustellen. [ 1 
Im l. Lebcushalbjahre eines Mündels finden monatlich zwei 
Hausbesuche statt, ferner soll das Kind einmal dem Arzt vorge 
stellt werden; im 2. Lebenshalbjahre bilden ein Hausbesuch im 
Monat und vierteljährlich zwei ärztliche Vorstellungen die Regel. 
Die Auswahl der Pflegcstcllcn erfolgt, da nur etwa 10 v. H. der 
Mündel in Waisenpflege stehen, fast ausnahmslos durch die Mütter; 
der Vormund beschränkt sich auf eine Prüfung der Pflegstellen, 
ist aber andererseits stets in der Lage, einer Mutter geeignete Pflege- 
stellen nachzuweisen. Erweist sich die Pflege des Kindes bei der 
Mutter oder Pflegefrau als ungeeignet, so wird dies dem Vor 
mund gemeldet, der alsdann die notwendigen Maßnahmen ergreift. 
Der Besuch der Säuglingsfürsorgestellen wird bedürftigen Müttern 
und Pflegefraucn noch durch Erstattung der Fahrkosten erleichtert. 
Im übrigen erhalten die Mündelmütter in gleicher Weise wie die 
sonstigen Besucherinnen der Säuglingsfürsorgestellen Stillprämien 
in Gestalt von Milch, Nährpräparaten und barem Gelde, die — 
wie schon bemerkt — nicht als Armenunterstützung gelten. 
Die Zahl der im Berichtsjahre für die Mündel ausgeführten 
Hausbesuche und der ärztlichen Vorstellungen ergibt sich aus nach 
folgender Uebersicht: 
Die Tätigkeit der 7 Säuglingsfürsorgestellen für die Berufs 
vormundschaft. 
M o n a t 
Zahl der 
Hausbesuche 
Zahl der auf 
genommenen 
Fragebogen 
IZahl der Arzt- 
vorstellungen 
April 1912 . . 
410 
177 
177 
Mai 
1 196 
893 
770 
Juni 
1 659 
400 
1 475 
Juli 
2 247 
335 
2 042 
August 
2 341 
429 
1 980 
September . . . 
2 863 
321 
1 975 
Oktober 
3 591 
317 
2 594 
November .... 
3 769 
331 
2 551 
Dezember .... 
3 929 
358 
2 280 
Januar 1913 . . 
4 362 
437 
2 461 
Februar .... 
4 796 
373 
2 574 
März 
4 913 
382 
2 655 
Summe 
36 076 
4 253 
23 534 
Am 31. März 1913 befanden sich von den Mündeln 
ul in Berlin und unter Aufsicht der Säuglingsfürsorgestellen 2 288, 
b) - Waisenpflege 358, 
c) - Aiistaltspflege (Heimstätte, Obdach, Säuglingsheimen) 39, 
ä> - der Umgegend von Berlin 355, 
e) außerhalb Groß-Berlins 297, 
f) zur Zeit an unbekanntem Ort infolge Umzuges. . . , 33, 
Summe 3 370. 
Tie gesundheitliche Fürsorge in der geschilderten Form ist na 
turgemäß nur bei den in Berlin befindlichen Mündeln durchführbar. 
Die in Großberlin wohnenden Mündel werden durch gelegentliche 
Besuche einer Helferin des Vormundschaftsamts überwacht, die noch 
iveiter von Berlin entfernten Mündel .werden durch den örtlichen 
Gemeindeivaiseiirat, von dem in kürzeren Zwischenräuinen Bericht 
erbeten wird, beaufsichtigt. Da hier eine ersprießliche Führung 
der Bernfsvormundschaft — wenigstens soweit die gesundheitliche 
Fürsorge in Betracht kommt nicht als hinreichend gewährleistet 
angesehen werden kann, so Ivird grundsätzlich versucht, in diesen 
Fällen^eine Abgabe der Vormundschaft an einen am Wohnorte des 
Kindes befindlichen Vormund zu erreichen. 
c) Bemerkenswertes aus der Praxis. 
1. Berufsvormundschaft und Konfession. 
Trotz des kurzen Bestehens der Berliner Berufsvormundschaft 
hat das Kammergericht in bezug auf sie eine Entscheidung gefällt, 
die wohl als die wichtigste Entscheidung für die gesamte Berufs 
vormundschaft bezeichnet werden kann. 
Bisher sind im deutschen Reiche die Berufs-(Sammel-)vor- 
münder ausnahmslos für Mündel aller Konfessionen verpflichtet 
worden. Auch in Berlin war dementsprechend keine .konfessionelle 
Gliederung der Berufsvormundschaft geplant, zumal die Berufs 
vormundschaft nur bis zur Vollendung des 6. Lebensjahre dauern 
soll. Es wurden daher zunächst auch für Mündel katholischen 
Glaubens die Berufsvormünder, auf welche die Wahl des Magistrats 
gefallen war, und die der evangelischen Konfession angehörten, in 
Vorschlag gebracht und verpflichtet. In mehreren Füllen legte nun 
aber der' Eharitasvcrband für Berlin und Umgegend, indem er als 
Vertreter der katholischen Mündel auftrat, hiergegen Beschwerde 
ein. Diese wurde jedoch durch Entscheidung des Landgerichts I in 
Berlin als unbegründet zurückgewiesen. Das Vormundschaftsamt, 
dem Gelegenheit gegeben wurde, sich zur Beschwerde zu äußern, 
erließ eine Rundfrage an sämtliche städtische Sammelvormundschaften. 
Das Ergebnis war, daß noch überall im deutschen Reiche bisher 
der von der Stadt zur Verfügung gestellte Sammelvormund ohne 
Rücksicht auf seine Konfession für alle unter.Berufsvormundschaft 
tretenden Mündel verpflichtet worden war. Nicht selten war die 
Mehrzahl der Mündel katholischer, der Berufsvormund aber evan 
gelischer Konfession. Dies Ergebnis wurde dem Landgericht mitge 
teilt. Gegen den abweisenden landgerichtlichen Beschluß legte der 
Charitasverband weitere Beschwerde beiin Änmmergericht ein. In 
dieser Instanz wurde dem Vormundschaftsamt keine Gelegenheit 
zu einer weiteren Gegcnäußerung gegeben. Das Kammergcricht fällte 
dann am 27. Dezember 1912 die inzwischen in den Kreisen der Be 
rufsvormundschaft bereits bekannt gewordene Entscheidung, nach der 
beim Vorschlage auch eines im Sorgerecht beschränkten -Vormundes 
für uneheliche Kinder und eines Sammelvormundes ein konfessions- 
ungleicher Vormund erst dann in Frage kommen darf, wenn ein 
geeigneter Vormund gleicher Konfession nicht zu ermitteln ist. Es 
liegt auf der Hand, welche außerordentliche und gewiß bedauerliche 
Einengung des segensreichen Instituts der Berufsvormundschaft 
durch diese Entscheidung herbeigeführt würde, wenn sie unverändert 
Geltung behielte. Im übrigen ist hier nicht der Platz, diese Ent 
scheidung, die als letztinstanzliche weiterer Anfechtung zunächst ent 
rückt ist, einer näheren Kritik zu unterziehen. Nur die Tatsache 
sei auch an dieser Stelle nochmals festgestellt, daß der vom Kammer 
gericht aufgestellte Grundsatz bisher nirgends im deutschen Reiche 
aus den gesetzlichen Bestimmungen entnommen wokden ist. 
2. Hohe der Alimentensätze. 
Dem Vorgänge des Berliner Kinderrettungsvereins folgend, ist 
das Vormundschaftsamt von Anbeginn seiner Tätigkeit bemüht ge 
wesen, die Unterhaltssätze der unehelichen Kinder in Berlin auf eine 
solche .höhe zu bringen, daß sie wirklich zur Bestreitung des Unter 
halts hinreichen. Die Gerichte gründen ihre Entscheidung fast ständig 
auf ein Gutachten des Polizeipräsidenten von Berlin vom Mai 1910, 
nach dem für die Pflege der Kinder von Müttern niedrigsten Standes 
bis zum 16. Lebensjahre ein Einheitssatz von 25 M monatlich 
angemessen erscheint: nicht inbegriffen in diesen Betrag sind die 
Kosten der Erziehung und beruflichen Ausbildung. Unter Hinzu 
rechnung dieser Kosten sind von den Berufsvormündern ganz all 
gemein als Mindestsätze im 1. bis 6. Lebensjahr 30 M monatlich 
und im 7. bis 16. Lebensjahre 35 M> monatlich gefordert worden. 
Diese Sätze sind von den Prozeßrichteru auch fast ausnahmslos 
zugebilligt worden. Ebenso legen sämtliche Berliner Vormundschafts 
richter die erwähnten Sätze der Aufnahme freiwilliger Berpflich- 
tungserklärungeN der Erzeuger zugrunde. 
Bei Fertigstellung des Berichts geht eine neue, aus Anregung 
des Bormundschaftsamts erstattete gutachtliche Aeußerung des Po 
lizeipräsidenten vom 3. Juni 1913 — Gen. 13. II. R. 13 — ein, 
die jetzt die von uns geforderten Sätze ausdrücklich als angemessene 
Sätze bei Kindern von Müttern niedrigsten Standes bezeichnet. 
IV. Die Auskunftstätigkcit * beS Bormnndschaftsamts und seine 
Beziehungen zn charitativen Vereinen. 
Nach den Beschlüssen der städtischen Körperschaften soll das Vor- 
niundschaftsaint zugleich eine Auskunftsstelle für alle vormund 
schaftlichen Angelegenheiten sein, so daß besonders Einzelvormündcr 
sich hier jederzeit Rat und Belehrung holen können. Auch von dieser 
Einrichtung ist seitens der Bevölkerung ein ergiebiger Gebrauch ge 
macht worden.
	        
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