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Band Nr. 38, 19.06.1886

Volltext: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 12.1886 (Public Domain)

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aus den Nachtstunden dieses Tages jetzt an seinen Vor 
mittag zurück. 
Wiederum war am 10. August 1380 Gerichtstag in 
Berlin; allein es galt heut nicht, ein Urtheil zu finden, 
sondern nur Strafen, auf welche bereits erkannt war, zu 
vollziehen. Wie stets, so hatten sich auch heut Einwohner 
von Berlin und Fremde in großer Anzahl vor jenem höhnisch 
auf den Verbrecher herabblickenden Spottbilde, vor dein eulen 
artigen Vogel „Kaak", eingeftinden, welcher an dem niedern, 
die Stidwcstecke der Gerichtslaube stützenden Pfeiler eingemauert 
war. Thilo von Brügge, der Richter und Stadtschultheiß 
von Berlin, weilte seit dem Auftuhre der Knochenhauer nicht 
mehr oft in den Mauern der Stadt. Er stand bereits mit 
dem Rathe betreffs der Ueberlaffung der Rechtspflege in Unter 
handlung; er hatte die von den Schöffen gefällten, heut zu 
vollstreckenden Urtheile bestätigt und dem Bürgermeister Peter 
von Blankenfelde deren Vollziehung übertragen. 
In düsterem Ernste saß der stolze Patrizier auf dein 
Richterstilhle in der offenen Halle der Laube. Die Schöffen 
und Rathmannen umgaben ihn, und der Büttel der Stadt 
lehnte, seiner Opfer harrend, an jenem so drastisch geschmückten 
Aiißenpfeiler des Bailwerks. Der Nachrichter hielt bereits 
die eisernen Feffeln in den Händen, mit welchen zu jener 
Zeit die Uebertreter des Gesetzes an den „Kaak" angekettet 
wurden. 
Und mm erhob sich Peter von Blankenfelde, auf einen 
langen Stab sich stützend, wie ihn schon damals nur noch 
Männer zu tragen pflegteii, welchen ein Recht zustaiid, über 
Leben und Tod ihrer Mtmenschen zu entscheiden. 
„Ich gebiete Frieden und Ruhe!" sprach der Bürger- 
nreister. „Der strengsten Ahndung seines Frevels sei gewiß, 
wer hier den Frieden bricht! Denn wahrlich, jetzt ist keine 
Zeit, Milde zu beweisen! Hinausgezogen sind unsere Knechte, 
den Feinden zu wehren, und wir, — wir haben leider eine 
unerhörte Fülle von Verbrechen zu strafen an einem Tage!" 
Der ernste Richter redete allerdings nur die volle Wahr 
heit; erschreckend hatte die Zuchtlosigkeit zugenominen in der 
Mark unter der Herrschaft der gewiffenlosen Söhne Kaiser 
Karl's IV. 
„Und nur eins dieser Verbrechen," ftrhr Peter von 
Blankenfelde fort, „ist ein leichtes, so daß es an diesem Orte, 
mn Pranger, bestraft werden kann! Büttel, — führe uns die 
Magd Margaretha vor." 
Vor dem Schandpfahle harrte mit aufgelöstem Haare ein 
elendes, an den Händen gebundenes Weib, in dessen jugend 
lichen Zügen die Spuren großer ehemaliger Schönheit, aber 
Das Dassewihftst in Lyrih. 
Von Joh. Kriitfchell. 
Welcher Berliner hätte in letzter Zeit nicht von dem lustigen Stücklein j 
„Kyritz-Ptzritz" gehört oder vielleicht gar einen vergnügten Abend im j 
Anschauen der Posse zugebracht! Die, ivelche Berlin schon länger kennen, - 
lverden sich erinnern, daß a» den Säulen seiner Zeit ein ähnliches Lust- 
spiel angezeigt wurde: „Khritzer auf Reisen", und von den ganz Alten ! 
hat vielleicht einer oder der andere in seiner Jugendzeit mal recht heimlich 
gelacht, wenn er „ein Stündlein vor dem Potsdamer Thor" über die ! 
Bretter gehen sah, worin wieder „Kvritz, mein Vaterland!" das Schlagwort 
bildete. 
Um das harmlose Städtchen in der Priegnitz kümmert sich sonst j 
Niemand, und doch hat auch Kyritz seine Merkwürdigkeiten. Die größte 
bietet freilich seine Vergangenheit; aber das heutige Geschlecht hält das 
Andenken daran in hohen Ehren, und wenn ein Büblein in der Schule, 
nach de» drei christlichen Hauptfesten gefragt, zuerst das Baffewitzfest 
nannte, dürfen wirs ihm kauni übel nehmen. 
Jeden Montag nach Jnvocavit rufen die Glocken zweimal die Ge 
meinde zusannnen. ES tvird „Bassewitz gefeiert"; heute fehlt Niemand 
in der Kirche und alle Vorbereitungen müssen biS dahin beendet fein. 
Kuchen und „Hedewecken", kleine Zuckerbrode, die nur zu diesem Tage ; 
gebacken werden, sind in jedem Haushalt in stattlicher Anzahl vorhanden; 
HauS und Hof ist gefegt, und nun strömt alles zur Kirche, wo Jahr aus, 
Jahr ein die Geschichte von der zweinialigen wunderbaren Errettung der 
Stadt erzählt oder in die Predigt verflochten wird. 
Man zählte das Jahr 1381. Wie's damals in der Mark aussah, 
weiß jedes märkische Kind. Die Anderen seien nur daran erinnert, daß, 
wie man heute bittet: Gott bewahr' uns vor der Cholera oder den Anar- 
chistc», so damals: 
Vor Kökeritz und Jtzenplitz, 
Vor Quitzow und vor Kracht 
Beivahr' uns, unser Herre Gott! 
„Und uns vor Basscwitz!" haben wohl die Khritzer Mütter damals gebetet; 
und sie hatten allen Grund. Es war ein gewaltiger Herr, der mecklen 
burgische Ritter v. Basscivitz, kühn und ausdaueriid und wohl bewandert 
in allen ritterlichen Tugenden, zu denen leider auch damals der Straßen 
raub zählte. Aber ein Waarenzug von Khritzer Kaufleuten hatte ihnen 
doch einst wacker bei einen, solchen Ueberfall hciingeleuchtet. Wenigstens 
>var dies wahrscheinlich der nächste Grund, daß er racheschnaubend mit 
einem gewaltigen Heerhaufen gegen die Stadt anzog, die'damals von 
doppelter Mauer und breiten, Graben, dessen Spuren heute noch sichtbar 
sind, umzogen war. Fast vom Marsche aus ging Bassewitz zum Sturm 
über und seinen gewaltigen und kriegsgeübten Schaarcn gelang es bald, 
durch den Graben zu gehen und die äußere Mauer zu nehmen. Schon 
drang an einer Stelle ein feindlicher Haufe über die innere Mauer, als 
die Bürger die letzte Kraft zusammenrafften und den Verwegenen Stand ■ 
hielten. Wer will es den Braven verdenken, wenn sie einen Engel auf 
der Mauer gesehen haben wollten, der sie mit dem Flammenschwerte 
selber gegen die Feinde führte; jedenfalls drangen sie mit neuem Muthe 
auf die Weichenden ein, und da§ Ende war eine vollständige Niederlage 
der mecklenburgischen Raubschaar. Das geschah einen Tag nach den, 
Sonntag Jnvocavit. 
Doch noch war Bassewitz am Leben, und als er den Rest seines 
Heeres zurückführte, soll er einen ähnlichen Schwur gethan haben, wie 
einst Wallenstei» vor Stralsund; und daß der Gefürchtete wiederkommen 
würde, sagten sich auch die Bürger von Khritz. Zwar eine lange Pause 
trat nach jenen, ersten Akte ein. Wollte er nun die Bürger ganz sicher 
machen, oder fühlte er sich da erst stark genug, kurz, erst nach vollen 
zweiundzwanzig Jahren zog Bassewitz mit neuem Heere heran. Der 
Thurmwächter auf St. Marien (damals St. Nikolai) soll vor Schrecken 
keinen Ton aus dem Horn bekommen haben, als er die gewaltigen 
Heeresmaffen heranziehen sah. Wieder wurde die Stadt nach allen Seiten 
unischlossen und das Hauptlager nach Norden zu am heutigen Rehfelder 
Weg aufgeschlagen. Das Ganze bot einen Anblick dar, der wahrlich nicht 
geeignet war, den Muth der armen Bürger zu heben, besonders da die 
Stadt ohne Zurüstung war. Wie waren sie daher verwundert, als 
Baffewitz ihre augenblickliche Verwirrung gar nicht benutzte. Tage und 
Wochen verstrichen, und, wenn ja ein kleiner Anlauf von draußen erfolgte, 
so merkte man ihm an, daß es nicht allzu ernst damit gemeint war, und 
schon beschlich die Bürger der furchtbar ernste Gedanke, daß sie ausge 
hungert werden sollten. Aber sie irrten sich; Bassewitz wollte die Stadt 
schneller und sicherer in seine Hände bekommen. 
Damals saß im Verließ unter dem Thorthurin, der gegen Rehfelde 
blickte, ein Verbrecher, über den der Rath den Stab bereits gebrochen 
hatte. Wenn das Armesünderglöcklein noch nicht erschollen war, 's war 
kein Wunder; die Bürger hatten jetzt Besseres zu thun, als Armesünder 
zu hängen. 
Da geschah es nun, daß die lautlose Stille, die den arnien Schelmen 
dort unten umgab, auf eine sonderbare Weise unterbrochen wurde. Es 
>var ein dumpfes Hämmern und Schaufeln, welches mählig und mählig 
näher drang, und sich gerade seine Zelle zum Ziel ersehen zu haben schien. 
Da schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Von dem Wärter, der ihm 
täglich sein kärgliches Brod in die Finsterniß hinabließ, hatte er gehört, 
daß die Stadt in Fehde lag. Das mußten also die Feinde sein. Mt 
Händen und Füßen suchte er nun die Kerkerwand zu durchbrechen; aber 
ach! ob er sich auch die Hände blutig arbeitete an dein harten Stein, eS 
war vergebens; nur wenige Fuß weit von ihm zog das Klopfen vorüber 
und verlor sich schließlich in der Ferne. Da senkte sich ein neuer Hoff 
nungsstrahl in sein verzweifeltes Herz. Als er ain nächsten Tage sein 
Essen erhielt, bat. er dringend, vor den Bürgernieister. geführt zu werden, 
dem er eine überaus wichtige Nachricht zu bringen habe. Man gab ihm 
nach, und vor dem Oberhaupt der Stadt betheuerte er, nichts Geringeres 
leisten zu wollen, als die Errettung der Stadt, fteilich um den Preis 
seines Lebens. Die Herren vom Rathe schüttelten erst bedenklich den 
Kopf; doch welcher Preis wäre ihnen schließlich um solchen Gewinnst zu 
hoch gewesen! Sie wurden also bald einig, und als der Neugeborene seine 
wichtige Entdeckung mitgetheilt, waren die Herren des Handels wohl 
zufrieden.
	        
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