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Volume No. 1. Bericht über die allgemeine Verwaltung des Magistrats

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1911 (Public Domain)

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Nr. 1. Allgemeine Verwaltung des Magistrats. 
In die Jmpfliste wurden sür 1911 gemäß dem Reichsimpfgesetz 
vom 8. April 1874 und dem preußischen Aussührungsgesetz vom 
12. April 1874 68 988 Kinder aufgenommen und zwar 37 921 Erst 
impflinge und 31 037 Wiederimpflinge (1910: 40 814 und 34122 — 
74 936). Die von der Stadtgemeinde zu tragenden Kosten des öffent 
lichen Impfwesens betrugen rund 37 150 M gegen 29 550 M im 
Jahre 1910. Die trotz der geringeren Zahl der Impflinge erheblich 
in die Höhe gegangene Ausgabe ist dadurch zu erklären, daß das 
ärztliche Honorar für den Impftermin von 18 auf 24 M und für 
den Nachschautermin von 9 auf 12 M erhöht worden ist. Im Jahre 
1911 waren 92 Jmpfbezirke vorhanden. 
Die städtischen Flußbadeanstalten waren vom 16. Mai bis 
zuni 30. September geöffnet. Infolge des ungewöhnlich heißen 
Sommers war der Besuch besonders lebhaft; es badeten 792 116 Per 
sonen gegen 585 135 im Jahre 1910. Die Gesamteinnahme betrug 
29 989 M, die Gesamtausgabe 72 740 M, der Zuschuß mithin 
42 751 M (1910: 42 612 M). 
In den städtischen Volksbadeanstalten mit Schwimmhallen ist 
die Zahl der Besucher von 3 212198 im Jahre 1910 auf 3270 581 
gestiegen. Die städtischen Volksbadeanstalten ohne Schwimmhallen sind 
von 247 581 Personen besucht worden (1910: 225 478). Die Ein 
nahmen der Fluß- und Volksbadeanstalten betrugen 746 827 M, die 
Ausgaben 849 365 M, die Mehrausgabe mithin 102 538 M (1910; 
99102 M). Der Vermögenswert der Volksbadeanstalten wurde am 
Jahresschluß auf 6 584 803 M geschätzt. 
Die Stiftungsdeputation hatte folgende größere Zuwendungen 
zu verzeichnen: 
1. Die am 21. November 1911 zu Berlin-Grunewald verstorbene 
Brauereibesitzerswitwe Emilie Habel geb. Rossek fetzte letztwillig 
ein Kapital von 500 000 M zu einer Konrad Habel-Stiftung aus, 
deren Zwecke sind: 1. die Verwendung von 2000 M zur Weihnachts- 
beschecung an 100 arme Kinder in bestimmten Berliner Stadtbezirken, 
2. die Unterstützung hilfsbedürftiger, würdiger, durch Krankheit oder 
Alter erwerbsunfähig gewordener Brauer, Brauereiarbeiter, Bierfahrer 
und sonstiger Brauereibediensteter, die in Berlin wohnen und in Lager 
brauereien gearbeitet haben. 
2. Der am 18. August 1911 hier verstorbene Gravieranstalts 
besitzer Ferdinand Lasch ky hat der Stadtgemeinde Berlin sein Haus 
grundstück Blumenstraße 95 vermacht. Die Ueberschüsse sollen vor 
nehmlich zur Errichtung und Erhaltung von Ferienkolonien für arme 
Berliner Kinder verwendet werden. Der Mietsertrag des Hauses 
war 1910 13 673 M. 
3. Die am 8. Oktober 1911 verstorbene Frau Klara Schneider 
geb. Willmanns hat die Stadt Berlin zu ihrer alleinigen Erbin ein 
gesetzt. Die Verfügung steht ihr aber erst nach dem Tode einer Dritten 
zu, die auch das Recht hat, über die zukünftige Verwendung der Erb 
schaft zu entscheiden. Der Nachlaß betrug 420 000 M. 
4. Zur Verstärkung des Kapitals der F. und C. Liebermann- 
Stiftung überwies Professor Dr. Felix Liebermann der Stadt 
gemeinde Berlin eine erststellige .Hypothekenforderung von 70 000 M 
und außerdem 10000 M vierprozentige Wiesbadener Stadtanleihescheine. 
Ueber Zuwendungen geringeren Betrages enthält der Bericht der 
Stiftungsdeputation nähere Angaben. 
Die Kanalisationsverwaltung hat an Straßenleitungen aus 
geführt: auf Berliner Gebiet 1145 m Kanäle und 15087 m Tonrohr 
leitungen und auf benachbarten Gebieten 204 m Kanäle und 1528 m 
Tonrohrleitungen. Bis zum 31. März 1912 waren überhaupt 
ausgeführt in Berlin und auf benachbarten Gebieten 189 804 m 
Kanäle und 900 964 m Tonrohrleitungen, zusammen 1090 768 m 
Straßenleitungen. 
Der Flächeninhalt der Rieselgüter vergrößerte sich nur um 4 Ar 
und betrug am 31. März 1912 17 566 da. 
Die Landwirtschaft auf dem städtischen Güterbesitz hat infolge der 
alle Früchte ausnahmslos schädigenden Dürre ein außergewöhnlich 
schlechtes Jahr hinter sich. Auch das Obst litt vielfach unter der 
Hitze, doch veranlaßten die hohen Preise für das geerntete Obst immer 
noch einen guten Erlös (183 000 M). Infolge der Mißernte und 
des durch die llmaptierung von 40 da in Osdorf verursachten Ertrags 
ausfalls wurden die Gelderträge der Güter stark geschädigt. Während 
die landwirtschaftliche Verwaltung der Güter im Jahre 1910 einen 
lleberschuß von 343 625 M erbracht hatte, erforderte sie in diesem 
Jahre einen Zuschuß von 105 791 M. 
Zur Deckung der Ausgaben der Kanalisationswerke war ein barer 
Zuschuß aus den lausenden Mitteln des Stadthaushalts von 
263 981 M sür das Ordinarium erforderlich. Außerdem wurde ein 
weiterer Zuschuß von 902 016 M zur Deckung der Ausgaben des 
Extraordinariums geleistet. 
Die Anleiheschuld der Kanalisationsverwaltung belief sich am 
31. März 1912 aus 112 160 272 M (1910: 113 539 440 M). Hiervon 
entfallen aus die Kanalisationswerke 63 822 408 M und auf die Güter 
48 337 864 M, auf den Kopf der beteiligten Bevölkerung von Berlin 
ein Betrag von .54,16 M, und zwar ein Anteil von 30,8» M sür die 
.Kanalisationswerke und von 23,n M für die Rieselfelder. 
Die städtischen Markthallen haben 3 626 847 M, d. i. 
277 060 M mehr als im Jahr 1910, eingenommen, was zum Teil auch 
auf die Erhöhung der Markthallenstandgelder und der Gebühren für 
die Benutzung des Eisenbahnanschlusses zurückzuführen ist. Die Be 
triebsausgaben beliefen sich auf 3091452 M, 37 376 M mehr als 
im Jahre vorher. Der Gesamtüberschuß der Betriebseinnahmen über 
die Betriebsausgaben betrug nach Abrechnung von 50 000 M, die be 
stimmungsgemäß dem Reservefonds zugeschrieben werden, 485 395 M. 
Zur Beschaffung eines nahrhaften, gesunden und billigen Ersatzes 
für das immer teurer werdende Fleisch richtete die Markthallendeputation 
Anfang Oktober 1911 mit Zustimmung der Gemeindebehörden in den 
Markthallen einen städtischen Seefischverkauf ein, wobei es haupt 
sächlich daraus ankam, der Berliner Bevölkerung gute und frische 
Ware zu billigen Preisen darzubieten, eine Schädigung des seßhaften 
Seefischhandels aber durch diese Einrichtung vermieden werden sollte. 
Verkauft wurde vom 10. Oktober 1911 bis zum 2. Juli 1912 an 
68 Tagen. In der Weihnachts- und Neujahrszeit wurde der Verkauf 
mit Rücksicht auf das Karpfengeschäft unterbrochen, und vom 2. Juli 
ab wurde er bis auf weiteres eingestellt, weil die zur Erhaltung der 
Fische in der heißen Jahreszeit notwendigen Einrichtungen fehlten. 
Unsre Absicht, der weniger bemittelten Bevölkerung einen guten und 
wohlfeilen Ersatz für das teure Fleisch zu verschaffen, ist freilich im 
erwarteten Umfang zunächst nicht erreicht worden. Dagegen unterliegt 
es keinem Zweifel, daß die Bevölkerung mehr als früher für die Seefisch- 
nahrung gewonnen, und daß diese volkstümlicher geworden ist. 
Das finanzielle Ergebnis des Vieh- und Schlachthoss war, 
infolge der Zunahme des Auftriebs und der Schlachtungen günstiger, 
als nach dem Etat erwartet werden konnte. Die zu den allgemeinen 
Ausgaben der Gemeindeverwaltung zu verwendende Mehreinnahme 
betrug beim Viehmarkt 694 743 M gegen 392 413 M im Jahre 1910, 
beim Schlachthos 403 552 Ji gegen 122 742 M im Jahre 1910, bei 
der Beschau sür das eingeführte Fleisch 16 199 M gegen 8499 M im 
Jahre 1910. Die Fleischbeschau auf dem Schlachthofe ergibt einen auf 
das Rechnungsjahr 1912 zu übernehmenden Ueberschuß von 328 246 M 
gegen 113 510 M im Vorjahre. Der Reservefonds des Viehmarktcs 
wies am Schlüsse des Berichtsjahres einen Bestand von 712 848 M 
(1910: 729120 M), der Erneuerungs- und Erweiterungsfonds des 
Schlachthofes einen solchen von 456 896 M> aus (1910: 448 859 M). 
Die Anleiheschuld hat sich von . 16 997 263 M auf 15 362 485 M 
vermindert. 
Aufgetrieben wurden: 225 412 Rinder, 1536 040 Schweine, 
197 981 Kälber, 564 755 Schafe (1910: 229 040 Rinder, 
1 367 000 Schweine, 190 429 Kälber, 616 459 Schafe). 
Der Gesamtwert des verkauften Viehs betrug 303120 016 M 
(1910: 288 385 074 M). 
Geschlachtet wurden: 134173 Rinder, 1340887 Schweine, 
159 418 Kälber, 512142 Schafe (1910: 142 710 Rinder, 1 180 815 
Schweine, 156142 Kälber, 517 486 Schafe). 
Lebend ausgeführt wurden: 89 967 Rinder, 195153 Schweine, 
38 252 Kälber, 51 440 Schafe (1910: 84 849 Rinder, 185 294 Schweine, 
34 011 Kälber, 97 905 Schafe). 
Die Fleischbeschauverwaltung auf dem Schlachthose kostete 
2 028 800 M und in den Untersuchungsstationen 52 973 M (1910; 
1 628 576 und 53 357 M). Die ungewöhnliche Höhe der Ausgaben 
auf dem Schlachthofe ist im wesentlichen auf die außerordentlich stark 
angewachsene Zahl der Schweineschlachtungen und die hierdurch ver 
ursachten großen Beschaukosten zurückzuführen. 
Das Geschäftsergebnis der Fleischvernichtungs- und Ver 
wertungsanstalt bei Rüdnitz befriedigte, auch in finanzieller Be 
ziehung. Die Einnahmen betrugen 411494 M, die Ausgaben 377887 M 
(1910: 394140 und 345 201 M). 
Der städtische Wasserverbrauch,der schonimvorletztenJahre nach 
vierjährigem Stillstand um rund 3'/, Millionen odm zugenommen 
hatte, ist auch im Jahre 1911 um weitere 4 615 000 obm gestiegen. 
Einen erheblichen Anteil haben hieran die heiße Witterung und die 
anhaltende Dürre des vorigen Jahres. Die Wasserwerke waren, 
allerdings unter Heranziehung des Müggelseewassers, imstande, den an 
sie herantretenden außerordentlichen Anforderungen zu genügen, und 
Wassermangel hat sich nirgends bemerkbar gemacht. 
Seitdem die Gemeinde Pankow ihr neues Wasserwerk fertiggestellt 
hat und sich allein mit Wasser versorgen kann, liefern die Berliner- 
Werke kein Wasser mehr an Pankow. Die neuen bereits 1910 
genehmigten und begonnenen Erweiterungs- und Erneuerungsbauten 
auf den Werken Tegel, Müggelsee und Lichtenberg sind soweit gefördert 
worden, daß sie zum Teil schon im Sommer 1912 benutzt werden konnten. 
Im Juni 1911 ist die in erster Reihe zu Zwecken der Wasser 
werke käuflich erworbene Wuhlheide in das Eigentum der Stadt 
Berlin übergegangen. Bald daraus wurde mit der Ausführung der 
Bauten für das Wasserwerk Wuhlheide begonnen. 
Der wegen der Inseln Scharfenberg und Baumwerder mit der 
Eigentümerin des Ritterguts Tegel schwebende Prozeß ist noch nicht 
entschieden. Die Ausführung des Wasserwerkprojekts wird aber dadurch 
nicht aufgehalten. 
Die Zahl der an das Rohrsystem der Berliner Wasserwerke 
angeschlossenen Zuleitungen betrug am 31. März 1912 30 520, d. i. 
I 278 mehr als im Jahre vorher. Städtisches Leitungswasser benutzten 
im Jahresdurchschnitt 2 075034 in Berlin wohnende Personen (1910:
	        
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