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Volume No. 16. Bericht der städtischen Waisendeputation

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1910 (Public Domain)

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Nr. 16. Waisenpflege. 
Es wurden in den sieben FürsorgestelleiO) neu aufgenommen: 
1,3 091 Säuglinge (1908: 14 943, 1909; 13 494); mit dem Bestand 
von 3642 Säuglingen waren also im ganzen 16 733 Säuglinge in 
Behandlung. 
Aus die 7 Fürsorgestellen verteilten sich die Neuaufnahmen 
folgendermaßen: 
Es nahmen auf 
Fürsorgestelle I 3188 (1909 : 3 085), 
- II 2 194 (1909 : 2 281), 
III 1083 (1909: 898), 
- IV 2 094 (1909: 2 491), 
- V 2 075 (1909: 2 217), 
VI 762 (1909: 902), 
- VII 1 695 (1909; 1 692). 
Es hat also im Gesamtergebnisse abermals ein, wenn auch nur 
geringer Rückgang der Frequenz stattgefunden. Außer den im vorigen 
Jahresbericht angegebenen auch für 1910 geltenden Gründen für 
diese auffällige Erscheinung (günstiger Arbeitsmarkt, günstige Witte 
rungsverhältnisse) möchten wir noch auf einen anderen Faktor auf 
merksam machen, nämlich aus den beständigen Rückgang der Geburten 
ziffer in Berlin. 
In ganz Berlin betrug die Zahl der Lebendgeborenen 
im Etatsjahr 1908 48 390, 
- - 1909 45 089, 
- - 1910 . . 43 742. 
Drückt man nun den Zugang in Prozenten der Lebendgeborenen 
aus, so ergibt sich, daß aufgenommen wurden 
im Etatsjahr 1908 30,s v. H., 
- - 1909 29,9 - - 
- - 1910 29,9 - - 
Bon den 13091 Aufgenommenen waren 205 unehelich, gleich 
16,o v. H. Im Etatsjahr 1910 wurden in Berlin unehelich ge 
boren 9073, so daß also nur etwa 1/4 der Unehelichen die Fürsorge- 
stellen aufsuchten; dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß ein Teil 
der unehelich Geborenen bei seinem Eintritt in die Fürsorge bereits 
legitimiert ist, also unter den Ehelichen erscheint. 1246 der Unehe 
lichen befanden sich zur Zeit der Ausnahme in der Pflege der eigenen 
Mutter. 
Im l. Lcbensmonat standen bei der Aufnahme 6195 Säuglinge 
= 47,3 v. H., so daß leider gegen das Borjahr ein kleiner Rückgang 
von l,s v. H. in der Zahl der Frühaufgenommenen eingetreten ist, 
und die im vorigen Jahresbericht ausgesprochene Hoffnung, daß 
im Berichtsjahr wenigstens die Hälfte aller Aufgenommenen im 
ersten Lebensmonate stehen würde, sich nicht erfüllt hat. 
Bon besonderem Interesse ist das Verhältnis der Brustkinder zu 
den Flaschenkindern unter den neu Aufgenommenen. 8368 Säuglinge 
befanden sich bei der Aufnahme an der Brust, 4723 wurden künstlich 
ernährt; also 63,« v. H. der neu aufgenommenen waren Brust 
kinder gegen 65,i v. H. in 1909, ein kleiner Rückgang, aus dem 
aber wohl noch nicht ohne weiteres ein Rückgang der natürlichen 
Ernährung in der Gesamtbevölkerung geschlossen werden darf. 
Von den 8368 Brustkindern standen 5290 --- 64,i v. H. im 
ersten Lebensmonat (1909: 65,7), von den Flaschenkindern 905--19,i 
(1909: 20,i v. H.). Der Rückgang in der Zahl der im ersten 
Lebensmonat aufgenommenen Säuglinge verteilt sich also ziemlich 
gleichmäßig auf Brust- und Flaschenkinder. 
Immer noch beklagenswert hoch ist die Zahl der Kinder, die sich 
allzuschnell wieder der Kontrolle entziehen. Nicht weniger als 3793 
Säuglinge, d. h. 29 v. H., verblieben nicht länger als eine Woche 
in der Fürsorge. Wenn man auch nicht sagen kann, daß für diese 
der Besuch der Fürsorgestelle ganz nutzlos war, da ja gerade bei dem 
ersten Besuch eine besonders eindringliche Belehrung stattfindet, so 
kann von einer erheblichen Einwirkung der Fürsorgestelle auf den 
Gesundheitsstand des Kindes bei so kurzer Beobachtungsdauer nicht 
gesprochen werden. Bis zur Dauer eines Monats standen in Be- 
boachtung 6 199 Kinder = 47,3 v. H., also nicht viel weniger als die 
Hälfte. 
Namentlich für die Beurteilung der Erfolge der Fürsorgeeinrich- 
tuugen ist natürlich die Kürze der Beobachtungsdauer bei einem so 
>) Söuglingssürsorgestclle I (Professor Dr. Neumann, Blumcnstraße 97), 
II (Professor Dr. Cassel, Elsässer Straße27), 
- III (Kinderarzt Dr. Bamberg, Markthalle am 
Arminiusplatz), 
- IV (Kinderarzt Dr. Ballin, Naunynstrahe 63), 
- V - Dr. Tugendreich, Pank- 
straße 15), 
- VI (Kinderarzt Dr. Schmoller, Großbecren- 
straße 10), 
- VII (Kinderarzt Dr. S chjap s, Wörther Straße 45). 
starken Bruchteil der Klientel von größter Bedeutung. Unter den 
Mitteln, das Publikum länger an die Fürsorgestelle zu fesseln, spielt 
zweifellos Dauer und Höhe der Unterstützung eine wichtige Rolle. 
Es ist nun einmal mit jedem Besuch der Anstalt ein größerer Zeit 
verlust und nicht selten, ein, wenn auch nur geringes, Geldopfer 
verbunden (Straßenbahn usw.). Die Belehrung und ärztliche Unter 
suchung allein wird als Ausgleich gewöhnlich nicht anerkannt, zu 
mal die meisten Kinder gesund sind. Erst eine hinreichende Unter 
stützung ist imstande, die Mutter zu andauerndem Besuch der An 
stalt anzuhalten.. Nun sind die Mittel, welche die Stadt den Für- 
sorgestellcn zur Verfügung stellt, an sich gewiß nicht unbeträchtlich. 
Legen wir den Etat von 1910 zugrunde, so betrugen die Gesamt 
unkosten der Fürsorgestellcn 346 888 M. Davon gingen die Be 
triebsunkosten in Höhe von 93 411 M ab, so daß für Unterstützungen 
253 477 M verblieben. Diese verteilten sich auf 16 733 Säuglinge, 
so daß auf den Kopf durchschnittlich 15,is M entfielen. 
Im einzelnen waren die Leistungen der Fürsorgestellen folgende: 
Den 16 733 in Behandlung stehenden- Säuglingen wurden 
152 706 Konsultationen zuteil, durchschnittlich also jedem Säugling 
rund 9 Konsultationen. Wenn wir aber die große Zahl der Säug 
linge berücksichtigen, welche nur 8 Tage in Fürsorge verbleiben, 
so entfällt auf die länger in Kontrolle befindlichen eine sehr viel 
höhere Durchschnittszahl als neun. 
Die Zahl der durchschnittlich jedem Säugling erteilten Konsul 
tationen hat sich gegen das Vorjahr nicht' verändert. .Von den 
Recherchedanien wurden 37 924 Hausbesuche ausgeführt, also pro 
Säugling reichlich 2 Hausbesuche (genau 2,3), wie im Vorjahr«. 
An Still Unterstützungen wurde in Geld gezahlt: 177 667 
(1909; 167 518); es wurden 209182 Liter (1909; 231464) K'inder- 
milch, 4 863 Liter Buttermilch (1909; 5 295) verausgabt zur häus 
lichen Zubereitung nach der ärztlichen Vorschrift; außerdem gaben 
die den 5 ersten Fürsorgestellen angegliederten Milchküchen 33 429 
Tagesportionen (1909: 36 313) trinkfertiger Nahrung zu durch 
schnittlich je 6 Flaschen aus, womit 463 Säuglinge versorgt (1909: 
584) wurden. 
In der Steigerung der Ausgaben für Stillunterstützungcn, in 
dem Rückgang der gelieferten Milchmengen drückt sich deutlich die 
Verschiebung des Verhältnisses von Brust- und Flaschenkindern zu 
gunsten der Brustkinder aus. 
Die Milch wurde uns ivieder von dem st ä d t i s ch e n Milch- 
gut Albertshof bei Biesenthal geliefert. Sie wurde regel 
mäßig durch das städtische Untersuchungsamt kontrolliert. 
Nach diesen Untersuchungen hatte die Flaschen-(Säuglings-)milch 
bis zum Monat August 1910 bisweilen zu wenig Fett (unter 3 v. H.), 
während seitdem der Fettgehalt sich merklich erhöht hat. «auber- 
keitszustand und Säuregehalt machten nur vereinzelt Ausstellungen 
nötig, die Verschlüsse wurden nur bei einem kleinen Brucksteil der 
Proben undicht. Die Kanncnmilch und die Magermilch genügte in 
der Regel den Anforderungen, bei der Buttermilch wurde der ge 
forderte Gehalt von nur 0,5 v. H. Fett zuweilen etwas überschritten. 
ES wurden in Albertshof eine Reihe von Verbesserungen getroffen, 
unter anderem wurden die großen Sammelbassins und die Milch 
rinnen mit Deckeln versehen und in den Bassins mechanische Rühr- 
wcrke angebracht. Der Erfolg war denn auch eine außerordentliche 
Verminderung des Keimgehalts. 
Ueber die Sterblichkeit der in Fürsorge befindlichen Säuglinge 
vermeiden wir Angaben zu machen, da exakte Zahlen u. E. nicht 
zu beschaffen sind. 
2. Uebersicht über die Verwendung der von der Stadt zur Be 
kämpfung der Säuglingssterblichkeit gewidmeten Mittel. 
A. Vereine betreffend. 
M "Für die Unterstützung von Vereinen, die Säuglingsheime unter 
halten und Sammelvormundschaften führen, haben die Gemeinde 
behörden uns für 1910 53 800,oo M 
bewilligt. Gezahlt sind 42967,65 
so daß an die Stadthauptkasse, Kapstel XIII 1 . . 10 832,55 M 
zurückzuzahlen waren. 
B. Säug!ingsfürsorgestel len betreffend. 
f Für 1910 haben die Gemeindebehörden zum Betriebe der 
7 Säuglingssürsorgestellen gewährt 351 100,oo Jt. 
Hinzu kam der Erlös aus dem Verkaufe von Milch mit 11 817,se - 
und eine zufällige Einnahme mit 34,77 - , 
so daß im ganzen zur Verfügung standen 362 952,is Jt 
Gekostet hat der Betrieb 346 888,«9 - 
Wir haben also an die Stadthauptkasse, XIII 1 . . 16 063,e« M 
zurückzahlen können.
	        
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