Path:
Volume No. 9. Bericht über das städtische Fach und Fortbildungsschulwesen

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1909 (Public Domain)

1 
Verwaltungsbericht 
des 
Magistrats zu Berlin 
für 
das Ctatsjahr 1909. 
M 9. 
HZerichL über das städtische Jach- und Jortbitöungsfchutwesen. 
I. Allgemeiner Teil. 
1. Zuständigkeit und Organisation. 
Die Zuständigkeit der städtischen Deputation für das Fach- und 
Fortbildungsschulwesen hat während des Berichtsjahres Aenderungen 
gegen das Vorjahr nicht erfahren. Dagegen hat eine vielfach erörterte, 
in den Organismus der Verwaltungsabteilung tief einschneidende Frage 
ihre Erledigung dadurch gefunden, daß die Gemeindebehörden im 
Berichtsjahre die Stelle eines Direktors des gesamten Fach- und 
Fortbildungsschulwesens geschaffen und dieses Amt dem bisherigen 
Stadt- und Kreisschulinspektor Oe. Karl Grundscheid Hierselbst vom 
1. April 1909 ab, zunächst probeweise auf 2 Jahre übertragen haben. 
Die Deputation besteht aus 15 Mitgliedern und zwar aus 
2 Stadtschulräten, von denen der eine, Stadtschulrat Dr. Michaelis, 
den Vorsitz in der Deputation führt, ferner aus 3 Stadträten. 5 Stadt 
verordneten und 5 Bürgerdeputierten; außerdem gehören zu dem 
Kollegium ein Magistratsrat und der oben erwähnte Direktor des 
Fach- und Fortbildungsschulwesens als stimmberechtigte Mitglieder in 
den von ihnen bearbeiteten Sachen. 
In der Zusammensetzung der Deputation haben im Berichtsjahre 
folgende Veränderungen stattgefunden: 
Durch Verzug nach außerhalb mußte der bisherige Bürgerdeputierte 
Kümmel sein Amt niederlegen und freiwillig schied aus der Stadtrat 
Buchow; an Stelle dieser Mitglieder sind eingetreten der Bürger- 
devutierte Wolderski und der Stadtrat vr. Wiemer. Während des 
Berichtsjahres hielt die Deputation 19 Sitzungen ab. 
II. Krfondrrrr Teil. 
In der von uns herausgegebenen Uebersicht über das Fort- 
bildungsschulwesen der Stadt Berlin, 27. Jahrgang, Schuljahr 1909/10 
sind sämtliche Fach- und Fortbildungsschulen, sowie gewerbliche 
Unterrichtsanstalten näher bezeichnet, auch enthält sie am Schluffe eine 
Frequenzübersicht, aus der hervorgeht, wie viel Schüler und darunter 
Lehrlinge aus jeder Berufsgattung die einzelnen der Fortbildung 
dienenden Einrichtungen besuchen, und wie viel Lehrlinge bei den be 
treffenden Innungen eingeschrieben sind. 
Danach betrug die Zahl der Teilnehmer im Winterhalbjahr 
1909/10 — 57253, darunter waren Lehrlinge 33 971, gegen 56 367 
bezw. 34 620 im Winterhalbjahr 1908/09. 
Die Gesamtzahl der Teilnehmerinnen an den städtischen und 
privaten Fortbildungsschulen für Mädchen betrug in derselben Zeit 
9587 gegen 8558 im Vorjahre. 
Die nun folgenden Einzelberichte beschäftigen sich mit den: 
A. Pflichtfortbildungsschulen, 
B. Wahlfortbildungsanstalten und -Schulen für Jünglinge und 
Mädchen, 
0. gewerblichen Unterrichtsanstalten, 
I). Fachschulen. 
B. Stiftungen und 
F. Geschenken. 
A. Pflichtfortbildungsschulen. 
Für die Fortbildungsschulpflicht bildet, wie bisher, das Ortsstatut 
vom 2. Dezember 1904 mit den im vorjährigen Bericht erwähnten 
Abänderungen vom 30. Mai 1908 die Grundlage. In diesem Orts- 
statut war nach dem Muster des seinerzeit vom Herrn Minister für 
Handel und Gewerbe aufgestellten Normalstatuts die Festsetzung und 
Bekanntmachung des Stundenplanes dem Magistrat vorbehalten. Nach 
einem Erkenntnis des Königlichen Kammergerichts kann aber eine 
Bestrafung auf Grund des § 150 Ziffer 4 der Reichsgewerbeordnung 
wegen Versäumung der festgesetzten Unterrichtsstunden einer gewerblichen 
Fortbildungsschule sowohl gegenüber den Arbeitern als auch gegen- 
über den Arbeitgebern nur erfolgen, wenn auch die Festsetzung der 
von den fortbildungsschulpflichtigen Personen zu besuchenden Unter 
richtsstunden durch Ortsstatut erfolgt und diese Festsetzung der Unter- 
richtsstunden in der für Ortsstatute üblichen Form veröffentlicht ist. 
Nach der Rechtsauffassung des Kammergerichts wird diesem Er- 
fordernis nicht dadurch genügt, daß in dem Ortsstatut die Festsetzung 
der Unterrichtsstunden den städtischen Körperschaften übertragen wird 
und diese den Stundenplan darauf festsetzen und in ortsüblicher 
Weise veröffentlichen. 
Wegen dieses Mangels ist das Ortsstatut der gewerblichen Fort- 
bildungsschule zu Bunzlau durch das oben angezogene Erkenntnis 
des Kammergerichts für ungültig erklärt worden. 
In einem Erlaffe vom 20. April 1909, IV 3747, teilte uns der 
Herr Minister für Handel und Gewerbe mit, daß nach dem bisherigen 
Verlaufe der Arbeiten der mit der Beratung der Gewerbeordnungs 
novelle befaßten Reichstagskommission nicht abzusehen sei, wann die 
von den verbündeten Regierungen vorgeschlagene Bestimmung Gesetz 
werden wird, wonach die Festsetzung der Stundenpläne für die Fort- 
bildungsschulen den Gemeindevorständen zustehen soll. 
Um den Bestand unserer Pflichtfortbildungsschule nicht zu ge- 
fährden, waren wir daher gezwungen, der Rechtsauffassung des 
Kammergerichts Rechnung zu tragen und die Stundenpläne durch 
besonderes Ortsstatut festzusetzen. 
Das Ortsstatut, betreffend die Stundenpläne für das Winter 
halbjahr 1909 wurde am 8. Oktober 1909 erlassen und am 25. No 
vember 1909 vom Herrn Oberpräfidenteu genehmigt. 
Bis zum Eintritt der Wirksamkeit dieses Orlsstatuts hatten wir 
die Stellung von Strafanträgen gegen Arbeitgeber und Schüler aus 
gesetzt und es ist natürlich, daß der Schulbesuch und die Schulordnung 
dadurch nicht wenig zu leiden hatten, zumal die Frage wiederholt 
in der Tages- und Fachpresse erörtert worden war. 
Neben dem bereits im vorjährigen Berichte erwähnten wirtschaft 
lichen Niedergang, der auch im laufenden Berichtsjahre noch anhielt, 
führen wir cs auf den durch das Fehlen einer gesetzlichen Handhabe 
geschaffenen Zwischenzustand zurück, daß auch im Berichtsjahre eine 
wesentliche Erhöhung der Beluchsziffern nicht eingetreten ist. 
Die Gesamtzahl der Schüler betrug im 
Sommerhalbjahr 1908: 29183, Winterhalbjahr 1908 : 30392, 
- 1909: 31 141, - 1909: 31 504, 
mithin 1909 mehr: 1958, 1 112. 
In der Einteilung und der Besetzung der Schulbezirke trat eine 
Aenderung nicht ein. 
Grundstücke. 
In unserer Verwaltung befanden sich 6 lediglich für Fortbildungs- 
schulzwecke bestimmte Grundstücke. 
Der Neubau des Fach- und Fortbildungsschulgebäudes Linien- 
straße 162 wurde begonnen und im Rohbau vollendet. 
Auch der Erweiterungsbau der V. Pflichtfortbildungsschule, Lange 
straße 31, wurde soweit gefördert, daß die Fertigstellung voraus 
sichtlich bis zum Schluffe des Etatsjahres 1910 erwartet werden kann. 
Um einen Ueberblick darüber zu gewinnen, welche Forderungen 
für Neubauten in den nächsten Jahren noch werden gestellt werden 
müssen, haben wir ein „Programm für die endgültige Unterbringung 
der Pflichtfortbildungsschulen" aufgestellt. Dieses Programm ist seitens
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.