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Volume No. 30. Bericht der Gewerbedeputation des Magistrats und des Magistratskommissars für die Orts- und Betriebskrankenkassen

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1908 (Public Domain)

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Nr. 30. Gewerbedeputation. 
Mitgliedern eine Steigerung um 9 613 und bei den weiblichen eine 
solche um 7 336 Fälle. Auf 100 männliche Mitglieder kamen 47.« 
(44,«). auf 100 weibliche Mitglieder 45,4 (43,4) derartige Erkrankungen. 
Auf die männlichen Mitglieder entfielen 6 497 378 (5 226 546), auf 
die weiblichen 3 676 314 (3 471380) Krankheitstage. Ein recht un 
günstiges Ergebnis, besonders wenn man dabei berücksichtigt, daß die 
Gesamtzahl der Mitglieder, wie bereits erwähnt, gegen das Vorjahr 
um 4171 Personen gesunken ist. Der Grund für diese unerfreuliche 
Erscheinung dürfte hauptsächlich in der während der vorliegenden 
Berichtsperiode herrschenden Arbeitslosigkeit und den dadurch bedingten 
umfangreichen Kranknieldungen der Mitglieder zu suchen sein. Die 
Dauer eines mit Erwerbsunfähigkeit verbundenen Erkrankungsfalles 
betrug für alle Kassen durchschnittlich beim männlichen Geschlecht 25,«s 
(25,bo), beim weiblichen Geschlecht 29,4« (29,m) Krankheitstage. Auf 
jedes Kassenmilglied männlichen Geschlechts entfielen 12,i« (11,38), auf 
jedes Kassenmitglied weiblichen Geschlechts 13,»r (12,83) Krankheilstage. 
Die durchschnittlich kürzeste Krankheitsdauer hatten, von der Gemeinde- 
krankenversicherung abgesehen, wie auch früher schon, die Betriebs 
krankenkassen mit 19,s» <21,8«) für männliche und 21,35 (26,22) Tagen 
für weibliche Mitglieder gegen 27.53 (26,«0 für männliche und 31.05 
(30,io) weibliche bei den Octskassen und 31,53 (29,02) männliche und 
29,27 (29,5») weibliche bei den Jnnungskassen. Ist dieses günstige 
Verhältnis an sich schon auffällig, so kommt noch hinzu, daß. während 
die übrigen Kassen im vorliegenden Berichtsjahre fast durchgängig 
Erhöhungen der Krankheitsdauer aufweisen, für die Betriebskassen 
sowohl bei den männlichen wie auch namentlich bei den weiblichen 
Mitgliedern ein sehr erheblicher Rückgang zu bemerken ist. Es geht 
jedoch nicht an, hieraus etwa auf eine bessere Fürsorge dieser Kaffen 
für ihre Mitglieder zu schließen. Der Hauptgrund dürfte vielmehr 
darin liegen, daß die Betriebe mit eigenen Kassen, abgesehen von 
sonstigen, in der Art der Betriebsführung selbst liegenden Ursachen, 
vielfach nur solche Personen einstellen, von deren Gesundheit sie sich 
vorher durch eine ärztliche Untersuchung vergewissert haben. Dadurch 
wird die Gefahr einer Inanspruchnahme der Kasse selbstverständlich 
wesentlich verringert. Für die Orts- und Jnnungskrankenkassen fällt 
diese Voraussetzung fort, außerdem werden sie erfahrungsgemäß gerade 
in Zeiten wirtschaftlichen Rückganges, wie in der vorliegenden Berichts- 
Periode, durch die arbeitslos gewordenen Mitglieder stark in Anspruch 
genommen, was bei den Betriebskaffen im allgemeinen nicht in gleichem 
Maße der Fall ist. Es starben überhaupt 4 087 (4 836) männliche 
und 1795 (1679) weibliche Mitglieder, d. h. O.91 (0,94) v. H. der 
männlichen und 0,«5 (0,«2) v. H. der weiblichen Mitglieder. Von 
100 männlichen Erkrankten starben 1,»o (2,12) v. H„ von IM weib 
lichen Erkrankten 1,44 (I.43) v. H. An Beiträgen wurden vereinnahmt 
25 890 863,87 *45 (25 189 076,57 *45), an Eintrittsgeldern 246 867,3t *45 
(278 128,59 *45). Es entfielen demnach auf den Kopf des Mitgliedes 
35,88 Jt (34,51 Jt) Beiträge und 0,34 Jt (0,38 Jt) Eintrittsgelder. Die 
Gesamteinnahmen betrugen 35 732 297,7« Jt (33 880 287,97 Jt), sind 
also gegen das Vorjahr um 1852M9.82 Jt gestiegen. 
Verausgabt wurden von den Kaffen für ärztliche Behandlung 
3 420 109,7« M (3 297 554,38 Jt). 
an Arznei- und Heilmittelkosten 3171069,25 *45 (2963734,82 Jt), 
an Krankengeld 12152311,76 *45 (11611606,59 *45), 
an Angehörigenunlerstützung 411559,05 *45 (369036,85 .45), 
an Wöchnerinnenunterstützuug 590147,82 *45 (563551,74*45), 
an Sterbegeldern 545353,63 *45 (550320,62 *45), 
an Kur- und Verpflegungskosten in Krankenanstalten 3698051,87 Jt 
(3 427689,83 Jt). 
Die persönlichen Verwaltungskosten betrugen 1540760.43 *45 
(1433775,85 Jt), die sächlichen Verwaltungskosten 429146,97 *45 
(404196,44 Jt). 
DieGesamtausgabe belief sich auf 34721621,07/45 (32692573,71*45). 
Bei der Berechnung dieser Ausgaben auf den Kopf der Mitglieder 
(vergl. Tabelle V der Betriebsergebniffe) ergibt sich gegen das Vorjahr 
folgende Steigerung: Arznei und Heilmittel 27 Krankengelder an 
Mitglieder 8 Krankengelder an Familienangehörige 10 Unter- 
stützungen an Wöchnerinnen 1 j, Kur- und Verpflegungskosten in 
Krankenhäusern usw. 43 persönliche Verwaltungskosten 15 säch 
liche Verwaltungskosten 3 -4. Zurückgegangen sind die Kosten der 
ärztlichen Behandlung um 9 die Sterbegelder um 11 ^ und die 
Ersatzleistungen, zurückgezahlte Beiträge sowie sonstige Ausgaben 
um 87 4. 
Die absolute Steigerung der Arzthonorare betrug gegen das 
Vorjahr 122 555,32 Jt, die der persönlichen Verwaltungskosten 
106 985,o« Jt. 
Das Gesamtvermögen der Kassen belief sich am Schluffe des 
Berichtsjahres auf 18 254 IM,»« Jt (17 675 906,5« Jt) mithin auf 
578 194,42 Jt mehr als im Vorjahre. Passiva weisen auf: 1. von 
den Ortskrankenkassen die derGür1ler900M*45,derSchmiede 1 224,30*45, 
der Maschinenbauarbeiter 60000*45, der Möbelpolierer 2 000*45, 
der Buchdrucker 265 0M *45. der Kaufleute 93 000 Jt, zusammen 
6 Ortskassen 511 224,30*45; 2. von den Betriebskassen die der Ver- 
einigten Siemenswerke 100M*45, von Bolle 277,50 *45, von 
Eisenmann 75 *45, von Mohr L Speyer 3M *45, von Staehr 
75,7« *45, der Vereinigten Eisenbahnbaugesellschaft 1542,3« Jt, von 
Bruch 2607,38 *45, von Bernhard 5M *45, von Stein bOO Jt. 
von Knauer 500 *45, der Hotelbetriebsgesellschaft 700*45, vom 
Weinhaus Traube 500 Jt, zusammen 12 Betriebskassen 17 578,03 *45; 
3. von den Jnnungskassen die der Schmiede 3 6M*45, der Tischler 
63 260,74*45, der Bäckerinnungen „Concordia" 2 4M*45 und „Germania" 
1 140 *45, der Schornsteinfeger 504 *45. der Fuhrherren 164,33 Jt, vom 
Personenlohnfuhrwerk 4 766,88 *45 und der Köche 250 *45, zusammen 
8 Jnnungskassen 76 075,95 *45; überhaupt 26 Kaffen 604 878,28*45. 
Diese außerordentliche Inanspruchnahme namentlich der Orts 
und Jnnungskrankenkassen wird hauptsächlich auf die in dem vor 
liegenden Berichte bereits erwähnte umfangreiche und andauernde 
Arbeitslosigkeit innerhalb verschiedener Berufszweige zurückgeführt 
werden müssen. Die Steigerung des Prozentsatzes der Erkrankungen 
und der Gesamtzahl der Krankheitstage kommt hier in ihrer wirt 
schaftlichen Wirkung zum Ausdruck. 
Die Reservefonds aller Kassen enthielten am Jahresschlüsse 
16 661 296,«7 Jt (15 939 639,35 *45), d. h. 751 657,32 *45, mehr als im 
Vorjahre. Von der erstgenannten Summe entfielen auf die Orts- 
krankenkassen 11897 138,30*45 (11 675 745,04 *45), auf die Betriebs 
krankenkassen 3 932 M7,«o *45 (3 440 735,«5 *45) und auf die Jnnungs- 
krankenkaffen 832060,47*45 (793158,«« *45). Den gesetzlichen Reservefonds 
besaßen im Berichtsjahre 1908 10 Orts-, 22 Betriebs- und 3Jnnungs- 
.krankenkassen gegen 15 Orts-, 18 Betriebs- und 2 Jnnungskrankenkassen 
im Vorjahre. Die zum Reservefonds der Kassen gehörigen Wertpapiere 
befinden sich bis auf wenige Ausnahmen in der Verwahrung der 
Königlichen Seehandlung (Preußischen Staatsbank). 
Die durch die letzte Novelle zum Krankenversicherungsgesetz vor 
geschriebene 26 wöchige Mindestunterstützungsdauer hatten, nach dem 
Durchschnitt der Monate berechnet, am 1. Januar 1909 von den 
54 (54) vorhandenen Ortskrankenkassen 24 (24) Kassen mit 347 104 
(353 304) Mitgliedern. 9 (10) Kassen niit 53 126 (59 541) Mitgliedern 
gaben Unterstützungen bis zu 39 Wochen und 21 (20) Kassen mit 
134 436 (133 248) Mitgliedern unterstützten bis zu 52 Wochen. Es 
hatten mithin im vorliegenden Berichtsjahre rund 64,92 (64,70) v. H. 
aller Mitglieder der Ortskrankenkafsen nur auf die Mindestdauer der 
Unterstützung Anspruch. 
Die ärztliche Behandlung der Mitglieder erfolgte wiederum durch 
die Vereine der freigewählten Kassenärzte und der Berliner Kassen- 
ärzte, ferner durch die Aerzte des Gewerkskrankenvereins und durch 
eigene angestellte Aerzte. Am Schluffe des Kalenderjahres hatten 
4 (5) Ortskrankenkaffen mit 69032 (79 771) Mitgliedern eigene 
Kassenärzte, dem Verein der freigewählten Kassenärzte gehörten 
6 (6) Ortskrankenkassen mit 33 417 (38035) Mitgliedern an, dem 
Verein Berliner Kassenärzte 14 (14) Ortskrankenkassen mit 294 556 
(295 155) Mitgliedern und endlich de», Gewerkskcankenverein 30 (29) 
Ortskrankenkassen mit 137 661 (133 132) Mitgliedern. Nach Verhältnis 
der Zahl aller Kassenmitglieder berechnet entfallen auf die Ortskranken 
kaffen mit eigenen Kassenärzten 12,91 (14,«i) v. H., auf die dem 
Verein der freigewählten Kassenärzte angehörenden Ortskaffen 
6,25 (6.97) v. H., aus die dem Verein Berliner Kassenärzte angehörenden 
Ortskassen 55,o« (54,o«) v. H., und auf den Gewerkskrankenverein 
25,7« (24,37) v. H. aller Kassenmitglieder. 
Zwischen der Ortskrankenkaffe der Kaufleute und einer hiesigen 
Großbank war Streit über die Krankenversicherungspflicht derjenigen 
kallfmännischen Angestellten entstanden, deren Einkommen an Gehalt 
2 (XX) Jt jährlich nicht erreicht, hingegen mit der üblichen Tantieme 
und der Weihnachtsgratifikation diesen Betrag voraussichtlich übersteigt. 
Die Ortskrankenkaffe vertrat die Ansicht, daß diejenigen kaufmännischen 
Angestellten, denen nicht in jedem Falle, also auch bei Entlassung, ein 
vertragliches Recht auf Tantieme usw. zustehe, der Krankenversicherung 
solange unterworfen seien, bis deren Jahresgehalt mehr als 2 (XX) Jt 
betrage. Die Bank bestritt ihre Meldepflicht. Wenn auch das Ende 
des sich hieran anschließenden Rechtsstreites nicht mehr in das vor 
liegende Berichtsjahr fällt, so mag doch erwähnt werden, daß das 
Kammergericht durch Feststellungsurteil vom 4. Juni 1909 die 
Krankenversicherungspflicht derartiger Personen anerkannt hat. 
Im Berichtsjahre kamen insgesamt 3813 Streitsachen auf Grund 
des 8 58 Absatz I des Krankenversicherungsgesetzes zur Bearbeitung 
gegen 3258 im Vorjahr. Durch Vergleich oder Anerkenntnis wurden 
davon 2625 (im Vorjahre 2189) erledigt. In 1188 Fällen (im 
Vorjahre 1069) erging formelle Entscheidung der Aufsichtsbehörde. 
Von diesen Entscheidungen sind, soweit bekannt, 89 im Klage- 
wege beim ordentlichen Gericht angefochten worden. Davon wurden 
12 Fälle durch Vergleich oder Rücknahme der Klage erledigt. In 
42 Fällen ist die Entscheidung der Aufsichtsbehörde bestätigt, dagegen 
in 12 Fällen eine Aufhebung oder Abänderung erfolgt. Der Ent 
scheidung des Gerichts harren noch 23 Fälle. 
Zwangsweise Beitreibung rückständiger Kassenbeiträge und Eintritts 
gelder wurde von den Kassen in 39487 Fällen (im Vorjahre 35846) 
beantragt. Die von der Kommission für Zwangsvollstreckungssachcn 
beigetriebenen, von der Kasse der Gewerbedeputation gesammelten und 
an die empfangsberechtigten Kaffen in monatlichen Zwischenräumen 
abgeführten Beträge beliefen sich
	        
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