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Volume No. 10. Bericht über die städtische Blindenpflege

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1908 (Public Domain)

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Nr. 10. Blindenpflegc. 
im Botanikunterricht in den oberen und zum Anschauungsunterricht 
in den unteren Klassen. 
Die Bibliothek der Blindenschule erhielt im Laufe des Jahres 
wieder einen Zuwachs von 165 Bänden, welche von Damen und 
Herren in und außerhalb Berlins handschriftlich übertragen und der 
Anstalt bis auf das gelieferte Papier kostenlos übergeben wurden. 
Die Bibliothek zählte am Schluffe des Jahres 2165 Bände und 
wurde von den Schülern und Schülerinnen der Blindenschule und von 
den erwachsenen Blinden in der Beschäftigungsanstalt, sowie von 
ca. 20 außerhalb der Anstalt in Berlin ansässigen Blinden fleißig 
benutzt. 
Die Jnventariln und Lehrinittel der Anstalt wurden zum Beginn 
des Jahres von dem Hauskurator auf ihr Vorhandensein und ihren 
guten Zustand revidiert. 
Die Schulzucht war im allgemeinen gut, es sind keine groben 
Verstöße gegen dieselbe vorgekommen. 
Die Führung der blinden Kinder 
durch die Fortbildungsschülerinnen des Waisenhauses ist auch 
in diesem Jahre ohne Schwierigkeiten und wesentliche Störungen von 
statten gegangen. Es wurden an ca. 45 blinde Kinder und deren 
Führerinnen monatliche Fahrkarten zur Benutzung der Straßenbahn 
aus Etatsmitteln gewährt. Der Schulbesuch war im ganzen regelmäßig. 
Schulfeste, freie Tage, Ferien, ärztliche Untersuchung. 
Der Geburtstag des Kaisers und der Tag von Sedan wurden 
durch Schulfeiern mit den vereinigten Klassen festlich begangen, der 
letztere Gedenktag durch einen Ausflug mit den drei oberen Klaffen 
unter Begleitung der Führerinnen nach Johannisthal. Eine Weihnachts- 
feiet, verbunden mit einer Christbescherung, an welcher die Kinder 
der Blindenschule und die erwachsenen Blinden der Beschäftigungs- 
anstalt teilnahmen, wurde am 22. Dezember in der festlich hergerichteten 
Turnhalle abgehalten. 
An folgenden Tagen fiel der Unterricht in der Blindenschule aus. 
Am 1. Juni und 1. September wegen der Frühjahrs- und Herbst 
parade, am 8. Juni wegen der Landtagswahl, am 2. November 
wegen der Feier zur Einführung der Reformation in Brandenburg, 
am 19. November wegen der Feier des 100 jährigen Gedenktages der 
Städteordnung. 
Die Ferien waren dieselben, wie in den Gemeindeschulen. Während 
der Sommerferien waren wieder ca. 50 Schüler und Schülerinnen 
in die Sommerfrische nach Rheinsberg entsandt worden. Die Kosten 
wurden aus Stistungsmitteln hergegeben. Die Leitung der Kolonie 
war wie im Vorjahre der Vorsteherin der Privatblindenanstalt 
Fräulein Wolfs und der städtischen Lehrerin Fräulein Buske über- 
tragen worden. Der Erfolg der Veranstaltung ist von neuem für die 
blinden Kinder von einem heilsamen Einfluß gewesen. Im Laufe des 
Jahres fand eine dreimalige ärztliche Untersuchung der sämtlichen 
Schüler und Schülerinnen der Blindenschule sowie der erwachsenen 
Blinden der Beschäftigungsanstalt durch den Schularzt Herrn Professor 
Dr. Page! statt, worüber derselbe einen besonderen Bericht erstattet hat. 
II. Fortbildungsschule. 
Zweck. 
Die aus der Blindenschule entlassenen Schüler und Schülerinnen 
in ihren erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten zu befestigen und 
zu ergänzen, den im späteren Alter Erblindeten die in die Blinden- 
anstalt aufgenommen worden sind, Gelegenheit zu geben, die Blinden 
schrift zu erlernen, einzelne musikalisch befähigte Schüler für das 
Klavierstimmen als Lebcnsberuf heranzubilden, ist der Zweck der 
Fortbildungsschule. 
Lehrpersonal, Unterricht. 
Den Unterricht erteilten im Sommerhalbjahr: 
ein Lehrer der Blindenschule wöchentlich 6 Stdn-, 
5 - 
eine Lehrerin - - - 6 
der Musiklehrer - 8 
ein Stimmlehrer - 24 
Im Winterhalbjahr trat ein Lehrer (Herr Bake) zurück und 
übernahm dessen 6 Stunden die Lehrerin Fräulein Kirchner, während 
deren 6 Stunden der Gemeindelehrerin Fräulein Buske übertragen 
wurden. Der Unterricht wurde wie bisher in den Räumen der 
Blindenschule abgehalten und zwar der wissenschaftliche, sowie der 
Musik-, Turn- und Handarbeitsunterricht in den Nachmittagsstunden 
von 4—6 und der Stimmunterricht von 1—5 täglich im Sommer-, 
und von 2—6 Uhr täglich im Winterhalbjahr. 
Uebersicht über den Fortbildungsunterricht in der Blinden- 
anstalt 1908/09. 
Bezeichnung des Unterrichts 
gegenstandes und der Zeit. 
Schülerzahl 
der einzelnen Kurse 
Sommer- 
halbjahr 
männl. weibl. 
Winter 
halbjahr 
männl. weibl. 
Geschlecht 
Lesen und Schreiben der 
Punktschrift 
14 
13 
3 
Gem. Kursus 
Montag 4—6 
Kurzschrift I 
4 
4 
4 
4 
Gem. Kursus 
Donnerstag 5—6 
Kurzschrift It . . . . . 
8 
1 
8 
1 
Gem. Kursus 
Mittwoch 5—6 
Latein- und Maschinenschrift 
6 
4 
5 
5 
Gem. Kursus 
Mittwoch 4—6 
Latein- (Hebold-) Schrift . 
14 
1 
13 
1 
Gem. Kursus 
Donnerstag 5—6 
Rechnen I 
4 
3 
3 
3 
Donnerstag 4—5 
Rechnen II 
12 
1 
12 
1 
Mittwoch 4—5 
Bürgerkunde 
14 
3 
15 
2 
Dienstag 5—6 
Turnen (Jünglinge) . . . 
15 
15 
Dienstag und Freitag 4—5 
Turnen (Mädchen) . . . 
10 I 
10 
Montag und Freitag 5—6 
Weibliche Handarbeiten. . 
15 
16 
Montag und Freitag 4—5 
Dienstag 4—6 
Musikunterricht .... 
6 
2 
6 
2 
Montag, Dienstag, Donner 
stag und Freitag 3 -4 
Chorgesanq 
26 
28 
Mittwoch 5—6 . 
Klavierstimmen .... 
6 
6 
täglich 1—5 (2—6) 
Zahl der Kurse: Sommerhalbjahr 14 
Winterhalbjahr 14 
Summe der Kursteilnehmer: 
Sommerhalbjahr 103 männl. 70 weibl. — . . 173 Teilnehnier, 
Winterhalbjahr 100 • 76 •= ... 176 
Absolute Schülerzahl: 
Sommerhalbjahr 30 männl. 35 weibl. — ... 65 Teilnehmer, 
Winterhalbjahr 26 35 . — ... 61 
III Die Beschäftigungsanstalt. 
1. Das Personal. 
Die Leitung führte der Direktor der Blindenanstalt, demselben 
waren unterstellt: Der Geschäftsführer, welchem die Führung des 
gesamten Geschäftsbetriebes übertragen war mit Ausschluß der Druckerei, 
die der Leitung des Direktors oblag: zwei Werkmeister für die 
Bürstenbinderei, je ein Werkmeister für die Stuhl- und Korbflechterei, 
eine technische Lehrerin für die Stuhlflechterei, 2 Lagerarbeiter, 
3 Boten für den Transport und ein Anstaltstischler. 
Das Bureau der Beschäftigungsanstalt wurde, seitdem mit Be 
ginn des Berichtsjahres das Bureau der Deputation für die Blinden 
pflege in die Blindenanstalt verlegt worden war, mit diesem vereinigt 
und der besonderen Leitung eines Magistratssekretärs unterstellt. Es 
bestand aus 4 Bureaubcamten. Die Dienstzeit des Bureaupersonals 
war von 8 -3 Uhr, resp. 9—4 festgesetzt, dem Anstallsbetriebe ent- 
sprechend, für den Geschäftsführer und die Anstaltsboten von 8—6 
Uhr mit 1— 2 l/z ständiger Mittagspause, für die Werkmeister von 
8—4 Uhr mit einstündiger Mittagspause angeordnet; in letzterer 
hatten dieselben abwechselnd die Aufsicht über die Zöglinge in der 
Anstalt zu führen. 
2. Frequenz. 
Am 1. Oktober des Berichtsjahres besuchten die Beschäftigungs- 
anstalt 90 männliche und 85 weibliche, zusammen 175 Blinde. Von 
diesen waren 162 Blinde täglich von morgens 8 bis nachmittags 
4 Uhr in den einzelnen Betrieben in der Anstalt beschäftigt, während 
die übrigen, nämlich 13 Handarbeiterinnen, nur an drei Tagen in 
der Woche einzelne Arbeitsstunden in der Anstalt zubrachten. 
Die Mehrzahl der Blinden sorgte selbst für die Führung zur 
Anstalt und wieder zurück. Unfälle haben sich hierbei nicht ergeben. 
Der Besuch war im ganzen regelmäßig. Ueber den Besuch wurden
	        
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