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Volume No. 16. Bericht der städtischen Waisendeputation

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1907 (Public Domain)

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Nr. 16. Waisenpflege. 
Bericht über die ärztliche Behandlung der Zöglinge des Erziehungs- 
hanses zu Lichtenberg. 
Wie aus der Zusammenstellung von Zugang und Abgang hervor 
geht. ist die Bcwegungsziffer im Erziehungshause wiederum gewachsen. 
Hieraus erklärt sich auch eine Vermehrung der ärztlichen Inanspruch 
nahme. Zunächst sind es die Zöglinge selbst, die von der Gewährung 
ärztlichen Rates reichlich Gebrauch machen. Sie erbitten ihn nicht 
nur in ausgesprochenen Krankheitsfällen, sondern auch bei geringeren 
körperlichen Erscheinungen, wie sie durch ihr Alter, ihre Lebensweise 
und sonstige Verhältnisse bedingt sind. Es erscheint verständlich, daß 
fie den Aufenthalt im Hause des öfteren dazu benutzen, um schon 
länger bestehende oder chronische krankhafte Erscheinungen behandeln 
zu lassen. Dieses ergeben zahlreiche mit Ohren-, Haut-, Zahn- und 
anderen Leiden behaftete. Natürlich kommt durch die verschärfte 
Aufsicht der Anstalt auch manches zur Beobachtung, was sie selbst 
früher, zum Teil auch durch ihre Verwahrlosung, nicht gemerkt hatten. 
Ferner wild bei dem häufigen Wechsel, bei den Verschickungen in 
andere Anstalten und dem Ergreifen verschiedenartiger Berufe eine 
eingehendere und wiederholte Prüfung für den speziellen Fall von 
nöten. Endlich sind es auch die Behörden (z. B. Gerichte, Militär», 
die bei der Zunahme des Interesses für den Allgemeinzustand der 
Zöglinge in vermehrtem Maste gutachtliche Aeusterungen über den 
Gesundheitszustand des einzelnen einholen. 
Besondere Berücksichtigung verdienen stets die ansteckenden Krank 
heiten, auch wegen der Gefahr der Verbreitung in einer derartigen 
Anstalt mit so grostem Wechsel. Eine Separierung oder die Ueber- 
sührung in ein Krankenhaus wurde baldmöglichst bewirkt. Im 
Berichtsjahre kamen ansteckende Erkrankungen mehrfach und ver 
schiedenartig vor, die zumeist von austen mitgebracht waren, so 
Äugen-, Geschlechtskrankheiten, Rose und Typhus. Letztere wurden 
zum Anlast genommen für eine genauere hygienische Prüfung, auch 
einiger auswärtiger Kolonien. Eine Ansteckung oder Verbreitung 
innerhalb der Anstalt kam nicht vor. 
In den erforderlichen Fällen wurden einzelne Zöglinge zur 
spezialärztllchen ambulanten Behandlung in die zur Verfügung 
stehenden Institute geschickt. 
Schwerere Erkrankungen und solche, die nach den Einrichtungen 
der Anstalt nicht im Hause behandelt werden konnten, machten Ueber- 
Weisung in Kranken- und Heilanstalten notwendig: 
nach dem Krankenhaus im Friedrichshain 20, 
- - Rudolf Virchow-5U:ankenhaus (einer 2 mal) . 13, 
- der Anstalt Herzberge 10, 
- dem Krankenhaus Moabit 4, 
- der Königlichen Charite 3, 
- - Augenklinik von Profesior Silex (einer 2 mal) 3, 
- - Anstalt Wuhlgarten . 2, 
-- dem Krankenhaus Urban 1, 
- der Königlichen Augenklinik 1, 
zusammen 57. 
Die Krankheiten, wegen derer die Aufnahme in eine Kranken 
anstalt erforderlich wurde, waren: 
Geschlechtskrankheit 14, 
Psychische Erkrankung 10, 
Gelenkrheumatismus 6, 
Drüsenvereiterung 3, 
Knochenbrüche 3. 
Erkrankungen auf Grundlage von Epilepsie 2, 
Lungenleiden 2, 
Kopf- und Gesichtsrose 2, 
Typhus 2, 
Staroperation - 2, 
Tränensackeiterung 1, 
Trachom 1, 
Knocheneiterung 1, 
Knochenauswuchs 1, 
Wundeiierung 1, 
Hautausschlag 1, 
Asthma 1, 
Fieberhafte Halsentzündung • . . 1, 
Influenza 1, 
Magendarmerkrankung - 1, 
Galiensteinoperation - • • 1, 
zusammen 57. 
Erhebliche Bedeutung hatten auch in diesem Jahre die Zöglinge 
mit pathologischen nervösen und psychischen Erscheinungen. Die all 
gemein anerkannte Tatsache, daß derartige Entartungserscheinungen 
bei den Fürsorgezöglingen nicht selten vorkommen, fand unter anderem 
auch eine Bestätigung darin, dast in einzelnen Fällen bereits in den 
die Fürsorgeerziehung anordnenden Gerichtsbeschlüsicn auf derartiges 
hingewiesen wurde. Ferner kamen auch nach abgeschlossener Irren- 
anstaltsbehandlung Zöglinge in das Erziehungshaus, bei denen von 
psychiatrischer Seite darauf hingewiesen wurde, dast sie dort noch der 
Berücksichtigung einer gewiffen anscheinend seit früher Jugend fort- 
bestehenden psychischen Schwäche und dementsprechender ärztlicher 
Fürsorge benötigen. Aber auch auster diesen befanden sich in Behänd- 
lung und Beobachtung innerhalb des Hauses etliche, deren Zustand 
zwar zu eingreifenden Maßnahmen keinen Anlast bot, aber immerhin 
eine dauernde Vorsicht und Aufmerksamkeit erforderte. In einigen 
Fällen konnten vorübergehende seelische Störungen von kurzer Dauer 
versuchsweise bei uns behandelt iverden, in anderen mutzte, ivie aus 
der obigen Zusammenstellung hervorgeht, die Ueberweisung in eine 
Heilanstalt erfolgen. Bemerkenswert erscheint es. daß auster den 
psychischen Erscheinungen zur Behandlung auch vielfach Nervenleiden 
kamen, die auf eine angegriffene Konstitution des gesamten Nerven 
systems hinwiesen. 
Demgemäß erscheint es auch erklärlich, dast öfters in Unfalls-, 
Militär- und Gerichtsangelegcnheiten einzelner Zöglinge seitens der 
betreffenden Stellen Gutachten über ihren Geistes- oder Nervenzustaud 
eingefordert wurden. 
vr. Seelig, Anstaltsarzt. 
IX. Bericht des städtischen Erziehungshauses zu Kleinbeeren. 
1. Frequenz; Zugang und Abgang. 
Am 31. März 1007 befanden sich 30 Zöglinge im Hause. Auf 
genommen wurden im Laufe des Berichtsjahres 60 Zöglinge und zwar: 
im April 
- Mai 
- Juni 
- Juli 
- August 
- September 
- Oktober 
1907 
2 Zöglinge. 
5 
5 
7 
7 
6 
10 
im November 
Dezember - 
Januar 1908 
Februar - 
März 
1907 4 Zöglinge, 
2 
4 
7 
1 
zusammen 60 Zöglinge. 
Entlassen wurden im Etatsjahre 1907 65 Zöglinge; davon kamen: 
zum Eheuianne 1 Zögling, 
zu den Eltern 2 Zöglinge, 
in Dienststellen 45 
• andere Anstalten 7 
ins Krankenhaus 3 
es entliefen 5 
und blieben vom Urlaub aus 2 
zusammen 65 Zöglinge. 
2 Uebersicht. 
Bestand am 31. März 1907 30 Zöglinge, 
Zugang im Jahre 1907 . 60 
zusammen 90 Zöglinge, 
Abgang 1907 . 65 
Bestand am 31. März 1908 25 Zöglinge. 
3. Gesundheitspflege. 
Der Gesundheitszustand war im Berichtsjahre infolge der In 
fluenza, an der nach einander fast sämtliche Mädchen erkrankten, nicht 
so günstig wie in den Vorjahren. Die Jnfluenzakranken konnten im 
im Hause behandelt werden und war in keinem Falle die Ueberweisung 
in ein Krankenhaus oder eine Heilanstalt notwendig. 
4. Seelsorge und Unterricht. 
Aufgenommen wurden nur evangelische Mädchen. Die Seelsorge 
versieht Herr Pastor Parisius in Großbeeren. Unter Führung einer 
Lehrerin nehmen die Mädchen regelmäßig, am Gottesdienst teil. 
Am 29. September wurden zwei Schwestern nach vorangegangener 
Vorbereitung getauft und am 13. Oktober fünf Mädchen im Beisein 
der Angehörigen eingesegnet. 
Lehr- und Beschäftigungsplan blieben wie in den Vorjahren. 
Die Schulkenntnisse der Neuaufgenommenen entsprachen bei 28 der 
Unterstufe, der Mittelstufe bei 30 und der Oberstufe bei einem 
Mädchen. Ein Zögling hatte bis zum 14. Jahre die Nebenklasse besucht. 
5. Die Berichte 
über die im Dienst befindlichen Mädchen lauten mit wenigen Aus 
nahmen gut. Wir haben wie im Vorjahre die Zöglinge im Kreise 
Teltow in Dienste gegeben, damit wir auch das Fürsorgeramt für 
dieselben übernehmen können. Damit das Verbot der öffentlichen 
Tanzvergnügungen nicht zu schmerzlich empfunden wird, sind mehrere 
Tanzfestiichkeiten im Hause veranstaltet worden, an denen die Dienst 
mädchen fast vollzählig teilnahmen.
	        
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