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Volume No. 30. Bericht der Gewerbedeputation des Magistrats und des Magistratskommissars für die Orts- und Betriebskrankenkassen

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1906 (Public Domain)

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Nr. 30. Gewerbcdeputation 
endigung der Lehrzeit Beschäftigung suchen, dann werden sie überall 
abgewiesen, da ihre Fähigkeiten ganz unzureichende sind. Bei dieser 
Sachlage war die Gewerbedeputation der Ansicht, daß bei der Ge 
wissenlosigkeit des Unternehmers die Einschränkung der Lehrlingszahl 
ohne jede Wirkung bleiben würde, da eine Ausbildung der Lehrlinge 
garnicht stattfinde, auch nicht beabsichtigt werde. Sie hat daher auf 
Grund des § 126a der Gewerbeordnung ihm überhaupt das Recht. 
Lehrlinge zu halten und anzuleiten, ganz entzogen. Gegen diesen 
Beschluß hat der Unternehmer die Klage beim Stadtausschuß erhoben, 
der bis zum Schluß des Berichtsjahres noch nicht entschieden hatte. 
Aus § 126» der Gewerbeordnung war nur ein Verfahren an 
hängig, und zwar gegen den Inhaber einer lithographischen Anstalt, 
gegen den der Vater eines Lehrlings Anzeige erstattet hatte. Die 
angestellten Ermittelungen ergaben jedoch keinen Grund zum Ein- 
schreiten. 
C. Krankenversicherung. 
Am 31. März 1906 bestanden 
55 Ortskrankenkassen, 
54 Betriebskrankenkassen, 
17 Jnnungskrankenkassen. 
Neu hinzugetreten sind die Betriebskrankenkasien 
a) der Firma A. Jandorf & Co., seit dem 31. Dezember 1906, 
b) der Prudentia, Versichernngsaktiengesellschaft, seit dem 1. Fe 
bruar 1907, 
c) der Firma Wilhelm Bruch, seit dem 18. Februar 1907. 
Geschlossen wurden 
1. die Betriebskrankenkasse der Viktoria. Allgemeine Vcrsicherungs- 
aktiengesellschaft, mit dem 31. Dezember 1906, 
Das Vermögen der Kasse wurde der Ortskrankenkasse für 
Burcauangestellte überwiesen, bei der auch für die Folge das 
Personal der Gesellschaft, soweit es nicht gemäß § 3a I 2 des 
Krankenversicherungsgesetzes von der Versicherungspflicht befreit 
ist, gemeldet werden muß. 
2. die Jnnungskrankenkaffe derGlaserinnungmitdem 1.Oktober 1906. 
Der Bezirk der Glaserinnung erstreckt sich über Berlin und Vor- 
orte. Die in hiesigen Betrieben tätigen Personen traten zur All 
gemeinen Ortskrankenkasse über, die bei den in Vororten wohnenden 
Jnnungsmitgliedern beschäftigten versicherungspflichtigen Arbeitnehmer 
kamen zu derjenigen Krankenkasse, die für den jeweiligen Betriebssitz 
ihrer Arbeitgeber zuständig ist. Dementsprechend soll auch die Ver 
teilung des Vermögens der geschlossenen Jnnungskrankenkaffe erfolgen. 
Die Verhandlungen hierüber sind noch nicht beendet. 
Am Schluffe des Berichtsjahres bestanden mithin 
55 Ortskrankenkaffen, 
56 Betriebskrankenkassen, 
16 Jnnungskrankenkassen. 
Die Betriebsergebnisse der Kassen für das Kalenderjahr 1906 
sind, wie früher, von dem Statistischen Amte der Stadt Berlin be 
arbeitet und werden unter dem Titel „Die Arbeiterkrankenversicherung" 
im Gemeindeblatt veröffentlicht werden. Abweichungen in den hier 
gegebenen Zahlen von den durch das Statistische Amt festgestellten 
Betriebsergebnifsen erklären sich, wie auch in den früheren Jahren, 
aus der Verschiedenheit der Zeitangaben. Hier ist das Etatsjahr 
(1. April 1906 bis 31. März 1907), den Resultaten der Betriebser 
gebnisse dagegen das Kalenderjahr zugrunde gelegt. Bei der nach 
folgenden Wiedergabe der wesentlichsten Zahlen aus den Betriebser 
gebnissen für das Jahr 1906 sind, wie bisher, diesen zum Vergleich 
die entsprechenden Zahlen des Vorjahres in Klammem beigefügt. 
Sämtliche Kaffen, nach dem Stande an den Monatsersten be 
rechnet. zählten durchschnittlich 455133 (432 675) männliche und 
255 290 (237 403) weibliche, zusammen 710 423 (670 078), d. h. 
22 468 männliche und 17 887 weibliche, zusammen 40 345 Mitgliever 
mehr als im Vorjahre. Die Steigerung betrug demnach etwa 6,02 
v. H. Von der Gesamtzahl entfielen auf die Ortskrankenkassen 
312 378 (299 135) männliche und 213 290 (188 876) weibliche, 
auf die Betriebskrankenkassen 98 666 (87 082) männliche und 27 593 
(23 497) weibliche, auf die Jnnungskrankenkaffen 44 073 (46 442) 
männliche und 14 872 (25 000) weibliche, auf die Gemeindekranken 
versicherung 17 (15) männliche und 35 (31) weibliche Mitglieder. 
Zurückgegangen ist demnach nur die Zahl der Mitglieder der Jnnungs- 
tranlenkassen. Hier ist die Verringerung, namentlich bei den weib 
lichen Milgliedern, allerdings sehr erheblich. Der Grund dafür dürfte 
in der in letzter Zeit häufiger eingetretenen Auflösung von Jnnungs 
krankenkassen, namentlich derjenigen der Schneider, und in dem da- 
durch bedingten Uebergange der Kassenmitglieder an die entsprechenden 
Ortskrankenkassen zu finden sein. 
Mit Erwerbsunfähigkeit verbundene Erkrankungsfälle traten bei 
191918 (177 509) männlichen und 110 669 (99 434) weiblichen 
Kaffenmitgliedern ein, mithin gegen das Vorjahr bei den männlichen 
Mitgliedern eine Steigerung um 14 409 und bei den weiblichen eine 
solche um 11235 Erkrankungsfälle. 
Auf 100 männliche Mitglieder kamen 42,2 (41), auf 100 weib 
liche Mitglieder 43,4 (41,s) derartige Erkrankungen. Auf die männ 
lichen Mitglieder entfielen 4 605 079 (4 293 902), auf die weiblichen 
3 234 470 <2 989 685) Krankheitstage. 
Die Dauer eines mit Erwerbsunfähigkeit verbundenen Er- 
krankungsfalles betrug für alle Kassen durchschnittlich beim männlichen 
Geschlecht 24 (24,is), beim weiblichen Geschlecht 29,23 (30,«7) Shonf- 
heitstage. Auf jedes Kassenmitglied männlichen Geschlechts entfielen 
10,i2 (9,»2), auf jedes weiblichen Geschlechts 12,«7 (12,59) Krankheits 
tage. Die durchschnittlich kürzeste Krankheitsdauer hatten, von der 
Gemeindekrankenversicherung abgesehen, die Betriebskrankenkassen mit 
19,M Tagen für männliche und 24,90 Tagen für weibliche Mitglieder 
gegen 25,18 bezw. 30,01 Tage bei den Ortskrankenkaffen und 27,84 
bezw. 27,7i Tage bei den Jnnungskassen. Es starben überhaupt 3 927 
(4071) männliche und 1526 (1498) weibliche Mitglieder, d. h. 0,8« 
(0,94) v. H. der männlichen und 0,«o (0,«s) v. H. der weiblichen Mit 
glieder. Von 100 männlichen Erkrankten starben 2,o« (2,29) v. H., 
von 100 weiblichen Erkrankten 1,38 (1,si) v. H. 
Der Prozentsatz der Sterbefälle ist demnach bei beiden Gattungen 
der Mitglieder nicht unerheblich zurückgegangen. 
AnBeiträgen wurden vereinnahmt24199936,««^(22002861,ga4l5), 
an Eintrittsgeldern 283 572,«3 Jt (272 496,23 Jt). Es entfielen dem 
nach auf den Kopf der Mitglieder 34,97 Jt (32,ss Jt) Beiträge und 
0,4o Jt (0,4i Jt) Eintrittsgelder. Die Gesamteinnahmen betrugen 
32 072 307,75 Jt (28 739 574,56 Jt), sind also um 8 332 733,19 Jt 
gegen das Vorjahr gestiegen. 
Verausgabt wurden von den Kassen: 
für ärztliche Behandlung 3067051,07 Jt (2 798930,4« Jt), 
an Arzenei- und Heilmittelkosten 2 686 073,49 Jt (2 534 134,94 Jt), 
an Krankengeld 9 990 143,58 Jt (8 975 356,1« Jt), 
an Angchörigenunterstützung 322 766,37 Jt (251 342,83 Jt), 
an Wöchnerinnenunterstützung 529 106,24 Jt (462 305,os Jt), 
an Sterbegeldern 483889,7« Jt (482 940,«« Jt), 
an Kur- und Verpflegungskosten in Krankenanstalten 3146 981,o« Jt 
(2 740574,91 Jt). 
die persönlichen Verwaltungskosten betrugen 1305 762,«2 Jt 
(1 184 705,0« Jt), 
die sächlichen Verwaltungskosten 403 930,31 Jt (363 520,4« Jt), 
die Gesamtausgabe belief sich auf 30 959 567,91 Jt (27 731 776,30 Jt). 
Bei der Berechnung dieser Ausgaben auf den Kopf, der Mitglieder 
(vergl. Tabelle V der Betriebsergebnisse) ergibt sich gegen das Vor 
jahr folgende Steigerung: Aerztliche Behandlung 14 4, Kranken 
gelder 67 4, Angehörigenunterstützung 7 Wöchnerinnenunterstützung 
6 4, Kur- und Verpflegungskosten 34 j, persönliche Verwaltungs 
kosten 7 4, sächliche Verwaltungskosten 3 Ersatzleistungen 36 
Ein Rückgang der Ausgaben zeigt sich nur bei den Sterbegeldern 
und zwar um 4 dank der bereits erwähnten Verringerung der 
Sterbefälle. Gleich geblieben sind gegen das Vorjahr die Ausgaben 
für Arzenei und sonstige Heilmittel. Die Kassen haben demnach im 
laufenden Berichtsjahre wesentlich erweiterte Leistungen ihren Mit 
gliedern zukommen lassen. 
Die Arzthonorare sind gegen das Vorjahr um 268120,«i Jt, 
die persönlichen Verwaltungskosten um 121057,4« Jt gestiegen. 
Das Gesamtvermögen der Kasse betrug am Schluffe des Berichts 
jahres 17 918 291,13 Jt (15 728 129,04 Jt), mithin 2 190162,09 Jt 
mehr als im Vorjahre. Ein Ueberwiegen der Ausgaben über die 
Einnahmen weisen 8 Betriebs- und 3 Jnnungskrankenkassen sowie 
die Gemeindekrankenversicherung, mithin insgesamt 12 Kassen mit 
34 584,34 Jt auf. Da im Vorjahre bei 10 Kassen nur 13 945,59 Jt 
Mehrausgaben vorhanden waren, so liegt hier eine wesentliche Ver 
schlechterung der wirtschaftlichen Lage bei den in Frage kommenden 
Kassen vor. 
Die Reservefonds aller Kassen enthielten am Jahresschlüsse 
15 781 492,04 Jt (13 799 436,33 Jt), d. h. 1 982 056,71 Jt mehr als im 
Vorjahre. Von der erstgenannten Summe entfallen auf die Orts 
krankenkaffen 11 505 243,69 jt (10 040 215,9« Jt), auf die Betriebs 
krankenkaffen 3 390 711,42 M (2 983 586,o« Jt) und auf die Jnnungs 
krankenkassen 885 330,74 Jt (775 634,so Jt). Die Verbesserung der 
Vermögenslage der Kassen im allgemeinen ist demnach auch im vor 
liegenden Berichtsjahre wesentlich fortgeschritten. Den gesetzlichen 
Reservefonds besaßen im Berichtsjahre 1906 28 Orts-, 27 Betriebs 
und 5 Jnnungskrankenkassen, mithin gegen das Vorjahr mehr 4 Bc- 
triebskrankenkassen, dagegen weniger 2 Ortskrankenkassen. Die zum 
Reservefonds der Kassen gehörigen Wertpapiere befinden sich bis auf 
wenige Ausnahmen in der Verwahrung der Königlichen Seehandlung 
(Preußische Staatsbank). 
Die durch die letzte Novelle vorgeschriebene 26wöchige Mindest 
unterstützungsdauer hatten, nach dem Durchschnitt der Monate be 
rechnet, am 1. Januar 1907 von den 55 (55) vorhandenen Orts 
krankenkassen 26 (27) Kassen mit 336 955 (307 056) Mitgliedern. 
9 (9) Kaffen mit 59 033 (55 847) Mitgliedern gaben Unterstützungen 
bis zu 39 Wochen und 20 (19) Kassen mit 129 680 (125110) Mit 
gliedern unterstützten bis zu 52 Wochen. Es hatten daher im vor 
liegenden Berichtsjahre rund 64,1 (62,92) v. H. aller Mitglieder 
der Ortskrankenkaffen nur auf die Mindestdauer der Unterstützung 
Anspruch. 
Die ärztliche Behandlung der Mitglieder erfolgte wiederum durch
	        
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