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Volume No. 19. Bericht der Deputation für die städtische Irrenpflege

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1906 (Public Domain)

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Nr. 19. Städtische Jrrenpflege. 
* 
I. Bericht über die Zrren- 
.4. Allgemeines. 
Das Berichtsjahr 1906 wurde in hohem Grade beeinflußt durch 
die lange und sehnsüchtig erwartete Eröffnung der neuen (dritten) 
städtischen Irrenanstalt Buch. Dieser Einfluß machte sich zunächst 
geltend in den Personalveränderungen. — Der erste Oberarzt 
der Anstalt Sanitätsrat vr. Richter wurde als Direktor, der dritte 
Oberarzt der hiesigen Anstalt, vr. Werner als erster Oberarzt der 
neuen Anstalt angestellt. — Die hiesigen Assistenzärzte vr. Junius 
und vr. Sklarek wurden zu Oberärzten in Buch, vr. Klipstein 
zum Oberarzt in Herzberge gewählt. — An die Stelle des ersten 
Oberarztes hiesiger Anstalt trat Sanitätsrat vr. Kortum, bisher 
in Herzberge, und in die hiesige dritte Oberarztstelle wurde der bis- 
herige Assistenzarzt Professor vr. Liepmann befördert. — Die 
frei gewordenen Stellen der Assistenzärzte wurden durch vr. Heine, 
vr. Schmidt (bisher in Herzberge), vr. Schayer (bisher in Wuhl- 
garten), vr. Hildebrandt und vr. Markuse besetzt. Der am 
1. Oktober 1906 als Volontärarzt eingetretene vr. Moskiewicz 
wurde vom 1. Mai 1906 ab als Assistenzarzt angestellt. 
Auch vom Pflegepersonal siedelte eine nicht geringe Zahl, und 
nicht gerade die minderwertigen Leute, nach Buch über, wo sie teil- 
weise in eine höhere Stelle einrücken konnten. Dadurch gestaltete sich 
der ohnehin schon so parke Wechsel noch lebhafter als im Vorjahre. 
Es schieden aus dem Dienste der Anstalt 166 Pfleger (gegen 118 im 
Vorjahre) und 92 (78) Pflegerinnen, von denen 89 und bezw. 37 erst 
im Laufe des Berichtsjahres eingetreten waren. — Vom Dienstpersonal 
verließen 7 (3) männliche und 27 (16) weibliche Personen die Stellung, 
von denen 6 bezw. 18 erst im Berichtsjahre eingetreten waren. 
Neben dem Dienste in der Anstalt und den zahlreichen not 
wendigen Abholungen der Kranken aus der Stadt hatte das Pflege 
personal 23 Männer und 18 Frauen aus fremden Anstalten zu holen 
und 43 Männer und 19 Frauen in solche zu bringen, im ganzen 
also 103 (oft recht weite) Transporte zu machen. 
Die nachfolgende statistische Uebersicht über die Kranken um 
faßt, soweit dabei nichts anderes bemerkt ist, die Gesamtbewegung 
der Irren- und Jdiotenanstalt mit den Filialen und einschließt ch der 
Familienpflege der Irren- und Jdiotenanstalt. Sie steht sehr wesentlich 
unter dem Einflüsse der Eröffnung der neuen Anstalt Buch, in die aus der 
Anstalt Dalldorf und ihren Filialen: 420 Männer und 429 Frauen, also 
849 Personen verlegt wurden. Außerdem wurde im letzten Vierteljahre 
die Aufnahme der Kranken aus der Charits an die neue Anstalt ab- 
gegeben. Es ist demnach ein Vergleich der Krankenbewegung mit 
früheren Jahren nur in beschränkter Weise und unter Berücksichtigung 
der besonveren Verhältnisse des Jahres möglich. Der Zugang war 
im Berichtsjahre um 102 Männer und 53 Frauen, also 155 Personen 
geringer als im Vorjahre, wovon auf die Charite ein Minus von 
27 Männer und 13 Frauen, also 40 Personen kommen. Der Abgang 
halte gegen das Vorjahr ein Mehr von 304 Männer und 366 Frauen 
— 670 Personen: vergleicht man damit die Zahl der nach Buch ver- 
legten Kranken, so ist der Abgang eigentlich geringer als im Vor 
jahre. Dementsprechend beträgt auch der Bestand am Ende des 
Berichtsjahres gegenüber seinem Beginne nur 327 Männer und 342 
Frauen, zusammen 669 Personen weniger. Die Zusammensetzung 
des Bestandes dagegen nach den einzelnen Krankheitsformen zeigt 
keine wesentliche Aenderung: Die Idioten haben etwas zu-, die ein 
fach chronisch Geisteskranken und die evileptischen etwas abgenommen. 
Die Alkoholisten sind ungefähr gleich geblieben. 
Durch die Deputation für die städtische Jrrenpflege 
aufgenommen wurden (Geisteskranke und Idioten zusammen) 63 
männliche (im Vorjahre 68) und 41 (51) weibliche, im ganzen also 
104 (119) Personen. In dieser Weise aufgenomniene Geisteskranke 
allein (ohne Idioten) wurden verpflegt 166 (165), im Durchschnitt 
täglich 109 (122) und zwar in Dalldorf selbst durchschnittlich 62 (66) — 
4,9 (4,6) v. H. der Dalldorfer Kranken, so daß die gestattete Zahl nicht 
ganz erreicht wurde. Die von ihnen verbrauchten Verpflegungstage 
berechnen sich ebenso auf 4.« v. H. der Dalldorfer Verpflegungstage 
überhaupt: sie betragen in den Filialen 2,» v. H. Im ganzen sind 
3,8 v. H. aller Verpflegungstage von den durch die Deputation auf 
genommenen Kranken verbraucht worden. 
Zur Beobachtung ihres Geisteszustandes wurden von Gerichten 
12 Kranke überwiesen. 
Aus Untersuchungs- und Strafhaft ging uns, wie immer, 
eine recht beträchtliche Zahl von Kranken zu, teils direkt aus den 
Gefängnissen, teils indirekt durch die Charitö und die benachbarten 
Provinzialanstalten oder durch die Polizei. Die Anzahl der aus der 
Jrrenstatiou der Strafanstalt Moabit hierher geschickten Irren stieg 
infolge der neuerdings getroffen-m Maßnahme von 16 auf 33. 
Die sanitären Verhüll iiffe der Anstalt Dalldorf können 
auch in diesem Berichtsjahre ci durchaus günstig bezeichnet werden. 
Bei einem durchschnittlichen tägl .n Bestände von 1265 Personen, von 
denen 14,8 v. H. wegen Schwitz oder körperlicher Leiden mit zweiter 
Diätform beköstigt werden i- ;ten, starben 174 männliche und 
und Jdiotenanstalt Dalldorf. 
101 weibliche Personen, darunter an Lungenschwindsucht 5 Männer 
und 3 Frauen. Bei zwei Frauen führte Wundrose den Tod herbei. 
In der Kinderabteilung der Irrenanstalt trat im Februar eine Masern 
epidemie auf, die bis Anfang April dauerte; sie verlief gutartig und 
ihre weitere Verbreitung konnte verhindert werden. Sonst blieb die 
Anstalt von epidemischen Krankheiten verschont und auch infektiöse 
Krankheiten blieben, wenn sie vorkamen, ganz vereinzelt. — In den 
Filialen starben bei einer täglichen Durchschnittszahl von 1607 Per- 
sonen 151, d. h. 7,5» v. H. der Verpflegten gegen 9,o v. H. im Vor 
jahre. Bei 9 Männern und 14 Frauen führte Lungentuberkulose 
den Tod herbei. — In der Familienpflege starben 6 Männer und 
2 Frauen, an paralytischer oder seniler Geistesschwäche leidende 
Patienten, deren Familien sie bis zum Tode pflegen konnten. — 
Vereinigt man die Gesamtheit der zur Dalldorfer Jrrenpflege ge 
hörigen Kranken, so sind von 5757 Verpflegten 434 gestorben, woraus 
sich eine Sterblichkeit von 7,5 v. H. (gegen 9,« im Vorjahre) ergibt, 
die als eine hohe nicht angesehen werden kann. 
Von Unglücksfällen sind von der Gesamtheit aller Kranken 
nur 2 Selbstmorde zu berichten; eine Frau erhängte sich, eine 
andere starb an einer an einen Selbstmordversuch sich anschließenden 
Lungenentzündung. Alle anderen Selbstmordversuche, und es kamen 
deren noch mehrere vor, konnten vereitelt werden und hatten keine 
nachteiligen Folgen. Anderweite Verletzungen der Kranken oder des 
Pflegepersonals kamen ziemlich oft vor. aber nicht gerade schwere 
oder von dauernden Schäden gefolgte. 
Für Beschäftigung und Unterhaltung der Kranken wurde 
in schon oft erwähnter Weise möglichst ausgiebig gesorgt. Auch in 
diesem Berichtsjahre konnten, die bettlägerigen abgerechnet, fast drei 
Viertel der Männer und die Hälfte der Frauen zur Beschäftigung 
herangezogen werden. — Besucht wurden die Kranken in den dazu 
bestimmten Stunden von 59582 Personen, außerdem auch noch zu 
anderen Zeiten von einer recht großen Zahl. Störungen sind dabei 
ebenso wenig vorgekommen, wie bei den zahlreichen Besuchen, die 
der Anstalt als solcher, um ihre Einrichtungen kennen zu lernen, von 
einzelnen Personen, Gesellschaften und offiziellen Kommissionen ge 
macht wurden. 
Ueber den Umfang der Beziehungen, die die Anstalt zu den ver 
schiedenen Behörden, den Angehörigen der Kranken und anderen 
interessierten Personen unterhalten mutz, gibt die folgende Uebersicht 
Auskunft: 
Es gingen ein: 
30915 gewöhnliche Schriftstücke, 
497 eingeschriebene 
(Postanweisungen, Geldbriefe usw.) 
1 315 Postkarten und 
1015 Pakete; 
abgesandt wurden: 
63 184 gewöhnliche Schriftstücke, 
374 Briefe mit Zustellungsurkunde, 
4 Eil- und Einschreibbriefe, 
658 Postanweisungen, 
4 845 Postkarten, 
198 Pakete, 
47 Drucksachen und 
61 Telegramme. 
Auf dem Telegraphenapparat der Anstalt wurden hauptsächlich 
im Verkehr mit dem Berliner Polizeipräsidium 998 Depeschen an 
genommen und 1198 abgegeben. Daneben fand eine sehr starke 
Benutzung des Telephons im inneren wie äußeren Verkehr statt. 
Wie der folgende genaue „Bericht über das finanzielle Ergebnis" 
erkennen läßt, sind in der Anstalt Dalldorf die Ausgaben, die, wie 
überall, schon seit Jahren eine steigende Richtung verfolgen, im letzten 
Jahre ganz besonders höher geworden. Sic sind für den Kopf und 
Tag von 2,327 auf 2,e«o M gestiegen, haben also um mehr als 
33 ^ — 14,3 v. H. zugenommen. Zu einem großen Teile liegt das 
an der geringeren Belegungsziffer, die natürlich, namentlich bei den 
sogenannten allgemeinen Ausgaben, die Kosten für den einzelnen 
Kranken anwachsen läßt. Aber die geringere Belegung allein erklärt 
die Höhe der Kosten nicht. Auch die persönlichen Kosten des einzelnen 
Kranken haben eine bedeutende Mehrausgabe erfordert. So ist ins 
besondere die Beköstigung um fast 13 Pfennige teurer geworden, 
ebenso die Behandlung der Kranken, die doch wenigstens zu einem 
größeren Teile den persönlichen Ausgaben zuzurechnen ist, um fast 
7 Pfennige. Bei der Wertsteigerung der notwendigen Lebensbedürf 
nisse des einzelnen ist anzunehmen, daß die sogenannten individuellen 
Ausgaben eine noch weitere Steigerung gegenüber den allgemeinen 
erfahren werden. Es mutz dies zu der Frage führen, ob der gesetzlich 
festgestellte Satz von 1 Ji täglich, mit dem die Armenverbände die 
Unkosten für einen Kranken gegenseitig zu verrechnen haben, noch 
den heutigen Verhältnissen entspricht, und ob nicht seine Erhöhung 
bei den Staatsbehörden zu beantragen wäre.
	        
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