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Volume No. 16. Bericht der städtischen Waisendeputation

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1906 (Public Domain)

Nr. 16. Waisenpflege. 
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stützung entzieht sich die Mutter der Fürsorge. So sind z. B. in der 
Säuglingsfürsorgestelle I von 2 665 unterstützten Säuglingen vor 
Beginn des 4. Beobachtungsmonats 698 weggeblieben, von den 
2173 nicht unterstützten aber 1 741. In der Säuglingsfürsorge 
stelle IV sind von 2 126 unterstützten 229 nach dem ersten Besuche 
nicht wieder vorgestellt worden, von 686 nicht unterstützten Säuglingen 
aber 247. Nun müssen freilich auch gewisse Opfer, die für die Mutter 
mit dem Besuche verknüpft sind, in Rechnung gesetzt werden Ein 
drei- bis vierstündiger Zeitverlust ist unvermeidlich, die Entfernung 
von der Wohnung zur Fürsorgestellc erfordert teilweise die Benutzung 
der Straßenbahn. Gerade bei den schwächlichen Kindern, denen eine 
häufigere Vorstellung nicht erspart bleiben kann, führt dies manchmal 
zum Fernbleiben. 
So begründet eine Frau ihr Nichterscheinen: „War vorige Woche 
dreimal in der Panksiraße, das macht schon 60 ^ Fahrgeld und das 
Laufen wird mir schwer und alle Jahre ein Kind, da bin ich zu 
schwächlich zu. Mein Mann meinte, so gebe ich die Woche 70 ^ und 
das Kind wird auch satt." 
Ein pekuniärer Vorteil must also für die Besucher erkennbar sein. 
Der Standpunkt des „Wer nicht will. hat schon" darf in dem 
ernsten Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit keine Geltung bean 
spruchen. 
Denn wenn sich die Frau der Kontrolle entzieht, so geht das 
gewöhnlich auf Kosten der kindlichen Gesundheit. Sucht jetzt die 
Mutier bei erneut eingetretener Notlage in Hoffnung auf größere 
Unterstützung die Fürsorgestelle wieder auf. so hat sich in der 
Zwischenzeit der Zustand des Kindes oft so verschlechtert, daß zu 
seiner Herstellung der Fürsorgestelle besondere Aufwendungen erwachsen, 
ja, daß diese oft vergebens sind. 
In solchen Fällen hat — ganz abgesehen vom rein menschlichen 
Standpunkt — die Fürsorgestelle ein größeres finanzielles Opfer zu 
bringen, als wenn sie die Frau auch in den Zeiten geringerer Be 
dürftigkeit durch eine gewisse als Lockmittel gedachte Unterstützung zum 
regelmäßigen Besuch angehalten hätte. 
Wir senden in jedem Falle, sobald eine Mutter fernbleibt, sogleich 
die Rechercheschwester ins Haus, erkunden die Ursache und setzen alles 
daran, sie zu weiterem Besuche zu veranlassen. 
Im übrigen ist erfreulicherweise festzustellen, daß Mütter, die 
schon längere Zeit sich in der Fürsorge befinden, deren Verständnis 
für den Nutzen der Fürsorgestelle also geweckt ist, relativ häufiger 
auch nach Entziehung der Unterstützung die Besuche fortsetzen, als 
solche, denen sie kurze Zeit nach ihreni Eintritt gestrichen wird. 
Was hier für den Einzelnen gilt, wird sich aller Wahrscheinlich 
keit auch als allgemein gültig erweisen. Je länger die Fürsorgestellen 
bestehen werden, je weiter die Erkenntnis von ihrer Nützlichkeit vor 
dringt, um so häufiger werden die Mütter sich zu dauernder Ueber- 
wachung auch ohne Unterstützung bereit finden lassen. 
Ist so die Dauer der Unterstützung ein Problem, das nicht 
immer leicht zu lösen ist, so gilt dies erst recht für die Höhe der 
Unterstützung. 
Die Unterstützung, zumal der Flaschenkinder, soll nur dem Säug 
ling selbst zu gute kommen; sie soll ihn unabhängig machen von 
einer in der Familie bestehenden Notlage, soll ihm die geforderte 
Stetigkeit in Ernährung und Pflege garantieren. 
So wird jedem nur so viel Milch geliefert, als er nach ärztlicher 
Vorschrift bedarf. 
Aber welche Mutter wird es übers Herz bringen, die gute Milch 
dem Säugling vorzubehalten, wenn viele andere hungrige Kinder- 
äugen bitten? In solchen Fällen aber ausreichende Hilfe zu leisten, 
kann nicht Aufgabe der Säuglingsfürsorgestelle sein. Hier muß die 
Armenpflege einsetzen; es wäre sehr erwünscht, wenn beide Wohl- 
fahrtscinricbtungen noch enger als bisher zusammenarbeiten würden, so 
zwar, daß der Stinimc der Säuglingsfürforge ein gewisses Ueberge- 
wicht beigelegt würde. 
Eine kurze Sonderbetrachtung beanspruchen die unehelichen Säug 
linge, deren Zahl sich auf 2 218—16,» v. H. belief. Für sie wirkt die 
Anstalt ganz besonders fegensreich. Immer wird von den Aerzten 
angestrebt, auch den unehelichen Säugling in der Obhut der Mutter 
zu belasten, die illegitimen Mütter also von der bisher geübten Ge 
wohnheit. ihre Kinder in Pflege zu geben, abzubringen. Die Unter 
stützung setzt die unverheiratete Mutier in den Stand, die geringer be 
zahlte Hausarbeit statt des Ganges in die Fabrik zu wählen, um so 
die Pflege des Säuglings selbst überwachen, ihn selbst stillen zu 
können. Von den 2 218 unehelichen Säuglingen verblieben 842 der 
Mutter. 
Aber auch wenn die Mutter in die Fabrik geht, gelingt es nicht 
selten ärztlicher Belehrung im Verein mit der Unterstützung, dem 
Kleinen die Mutterbrust zu erhalten, wenn es drei- bis viermal täglich 
— morgens, mittags, abends — angelegt werden kann. Dieser I 
Modus würde sich noch regelmäßiger durchführen lasten, wenn die 
Fabriken den Müttern Räume zur Unterbringung ihrer Säuglinge 
zur Verfügung stellten. 
Unsere Statistik lehrt, daß 401 unel eliche Mütter ihrer Kinder 
selbst stillten. 
Durch diese Bemühungen wird das zu beider Schaden gewöhn 
lich zerriffene Band zwischen Mutter und Kind enge geknüpft. 
Dies Bestreben könnte noch erheblich erfolgreicher werden, wenn 
die Ernennung des Vormundes und damit zusammenhängend die 
Entscheidung über die Alimennerung nicht solange verzögert würde, 
wie es jetzt noch oft der Fall ist. Häufig vergehen viele Monate, 
bevor diese für den Unterhalt der Unehelichen so wichtigen Dinge er 
ledigt sind. Vielfach unerfreulich sind die Erfahrungen, die die Säug- 
lingsfürsorgcstelle mit den Haltefranen macht. 
Diese sind von ihrer eigenen Kompetenz gewöhnlich so fest über 
zeugt — vielleicht auf Grund der polizeilichen Erlaubnis zum Halten 
eines Kindes —, daß sie sich der Belehrung ganz besonders schwer 
zugänglich erweisen und zu denen gehören, die sich meist schnell der 
Fürsorge entziehen. — 
Aus dem Ueberblick wird erkannt werden, daß die Säuglings 
fürsorge keinen Schematismus verträgt, daß sie vielmehr von Fall 
zu Fall streng individualisieren muß. Die Art der Belehrung, der 
Unterstützung, alles muß dem sittlichen und geistigen Niveau der 
Mutter angepaßt werden, alles soll dem unverlierbar festgehaltenen 
Ziele dienen, den Säugling möglichst lange in der Fürsorge zu halten, 
ihn in der Fürsorge gesund zit erhalten. 
Die Fürsorgcärzte erkennen es mit Dank an, daß die vorgesetzte 
Behörde die Eigenart dieser Aufgabe ganz würdigt und dem Arzte 
in hohem Maße freie Hand für die Verwendung der ihm anvertrauten 
Mittel läßt. 
Die Erfolge sind denn auch nicht ausgeblieben. Um freilich eine 
zahlenmäßige Beeinflussung der Säuglingssterblichkeit nachzuweisen, 
dazu befiehl die Wirksamkeit der Säuglingsfürsorgestellen noch zu kurze 
Zeit. Denn die Säuglingssterblichkeit in Berlin ist abhängig von der 
Sommersterblichkeit der Säuglinge, diese wieder wird erheblich von 
metereologifchen Verhältnissen beeinflußt. Deshalb lassen sich nur 
Jahre mit möglichst ähnlichen Wiiterungszuständen miteinander ver- 
gleichen. 
Auch muß berücksichtigt werden, daß noch ein längeres Bestehen 
der Anstalt notwendig sein wird (wohl auch ihre Vermehrung), um 
möglichst alle fürsorgcbcdürftigen Säuglinge — in Berlin schätzungs 
weise 25 000 — heranzuziehen und zu überwachen. 
Darüber aber kann doch keine ernsthafte Diskusffon stattfinden, 
daß die Fürsorgcstellen, wenn ihnen, wie erstrebt wird, die Säuglinge 
möglichst zahlreich, möglichst bald nach der Geburt zuströmen und 
möglichst lange in Aufsicht verbleiben, eine große Zahl von Erkrankungen 
und Todesfällen verhüten müffen. 
Nun wurden aufgenommen: 
1905 1906 
(Mai bis Dezember! (Mai bis Dezember) 
Säuglingsfürsorgestelle I 2 325 2 705 
II 730 1524 
III 477 810 
IV 764 1 522 
V — 804 
Summe 4 296 7 865 
Also ein erfreuliches Wachstum der Frequenz, das uns das Er 
reichen unseres Ziels in garnicht ferner Zukunft erhoffen läßt. 
Eine vergleichende Statistik des Aufnahmealters und der Be- 
obachtungsdauer, die sich leider nicht aufmachen läßt, weil die beiden 
zum Vergleich stehenden Jahresberichte über verschieden lange Zeit 
abschnitte summarisch Auskunft geben, würde unzweifelhaft, wie Stich 
proben ergeben haben, auch hier einen erfreulichen Fortschritt offenbaren. 
Gestorben sind während der Beobachtung 687 Säuglinge — 5,2 pCt., 
vorwiegend solche, die bereits in elendem Zustande eintraten. 
Zur Zeit sind die Fürsorgestellen damit beschäftigt, die vor längerer 
Zeit entlassenen Säuglinge einer Nachuntersuchung zu unterziehen, um 
die Dauer der Erfolge zu prüfen. 
Für die Beurteilung der Erfolge fallen aber außer Zahlen auch 
Beobachtung und Auffassung der Fürsorgeärzte bedeutsam in die 
Wagschale. 
Sie hegen einmütig die Ueberzeugung, daß die Fürsorgestellen 
auf dem richtigen Wege sind zum Ziele. 
Die Zahl der Kinder ist nicht klein, die bestimmt nur durch das 
Eingreifen der Säuglingsfürsorgestelle dem Leben erhalten geblieben 
sind. Haben doch die Fürsorgestellen besonders elenden Säuglingen, 
deren Mütter selbst keine Nahrung mehr hatten, den Segen der 
Ammenbrust, sonst ein Privileg der Wohlhabenheit, zu teil werden 
lassen können, indem Mütter mit reichlicher Brustnahrung andere 
schwache Kinder unter Unterstützung der Säuglingsfürsorgestelle 
mitstillten. 
Bei wievielen hat nicht regelmäßige Beobachtung Erkrankung ver 
hütet, ein entstehendes Leiden im Keime erstickt! 
Garnicht zahlenmäßig bewerten lassen sich die Resultate der tag- 
täglich erteilten Belehrung, wohl aber durch zahlreiche Erfahrungen 
deutlich erkennen. 
Die energisch bekämpfte Unsitte der Mundreinigung des Säuglings 
ist nahezu geschwunden. Die wegen ihrer schweren Reinbarkeit ärzt 
licherseits verpönten Trinkflaschen mit langem Saugrohr, die beim 
Publikum beliebt waren, gehören jetzt zu den Seltenheiten.
	        
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