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Volume No. 16. Bericht der städtischen Waisendeputation

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1906 (Public Domain)

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Nr. 16. Waisenpflege. 
das den Zweck verfolgt, jungen Burschen das Elternhaus zu ersetzen und 
ihnen ein Hein, zu dielen, von dem aus sie in den dortigen industriellen 
Bell jeden und auch bei Handwerksmeistern in einem Bciufe aus- 
gebildei werden, vksuchsweise eine Anzahl Zöglinge überwiesen. 
Tie U> terbrii'gung von Fürsotgeerziehnngszöglingen zur See 
hat im Berichisjahre Fortschritte gemacht. W>r haven unge'ähr die 
gleiche Zahl von Zöglingen, wie im Vorjahre bei den Seefischereien 
in Eniden, Geestemünde und Grohn-Vcgcsack untergebracht. Ter 
Sch.wieiigkeit, welche sich einer Beallfsichtignng der Zöglinge ini Hafen- 
orte entgegenstellt, und dem Umstande, daß die Zöglinge bistzer voll 
ständig uncrsahren in den Seedicnst treten, sind mir dadurch be 
gegnet, daß wir wenigstens mit der am zahlreichsten von uns belegten 
Gesellschaft „Neptun" zu Emden ein Abkommen dahin getroffen haven, 
daß diese Gesellschaft einen mit dem Seedienst vertrauten Mann 
einige Wochen vor dem Beg'nn der Fischfangsperiode in unser Er 
ziehungshaus Licklenberg sendet. Tiefer hat die Aufgabe, bei den 
Zöglingen Interesse am Seedienst zu wecken, die Transporte zu über 
nehmen und alsdann während der Fischfongsperiode als Aussichls- 
perion in Emden zu bleiben. Im kommenden Winter hoffen wir 
auch den Ucbelstand zu beseitigen, daß die Zöglinge nach der Be 
eidigung der Fischfangsperiode leicht in die Lage versetzt werden, sich 
unserer Kontrolle zu entziehen, indem wir die Gesellschaft „Nipmn" 
veipflichlet haben, die Zöglinge unter Begleitung an die großen 
Reedereien in Hamburg und Bremen zu senden und ihre Einstellung 
zum Wliiterdienst dort zu kontrollieren. 
Im Berichtsjahre ist cs uns auch ferner gelungen, 12 Zöglinge 
durch die Veimittelung des Geistlichen des Untersuchungsgefärignisses 
zu Berlin, Herrn Pfarrers Diestel, auf Segelschiffen zu großer Fahrt 
unterzubringen. Bei dieser Unleibrinaung verpflichten sich die 
Kapiläne, welche von dem Plärrer Diestel und seinen Vertrauens 
männern in Hamburg ausgesucht werden, die Erziehung und An- 
leitung des betreffenden Zöglings während der Dauer der Ab- 
wesenbeit vom Hafen zu übernehmen. Die Seesahrl dauert in der 
Regel ein Jahr. Da bisher die Fahrperiode noch keines Zöglings 
abgelaufen ist, läßt sich ein Urteil über den Erfolg dieses Versuches 
noch nicht fällen. Der Versuch, unsere Fürsorgezöglingc auf den 
großen Segelschiffs- und Dampfschiffreedcreien in Hamburg und 
Bremerhaven als Schiffsjungen unterzubringen, ist leider gcicheiiert, 
weil die Reedereien in der Regel grundsätzlich die Aufnähme von 
Fürsorgeerziehungszöglingcn mit Rüasicht auf ihr übriges Schiffs- 
jungenmaierial ablehnen. 
Erwägungen, in welcher Weise der Schiffsdienst weiterhin für die 
Zwecke der Fürsorgeerziehung verwertet werden könnte, werden an 
gestellt. 
Größere Rechtsstreitigkeiten über dieFrayederFürlorgeerzichung 
sind im Berichisjahre nicht vorgekommen. Erwähnt mag nur werden, 
daß das Kammergericht die von dem Amtsgericht ohne liniere An 
hörung erfolgte Volljähriokeilserklärung eines Fürsorgeerziehungs- 
zöglinges für rechtsgültig erklärt und uns ein Beschwerderecht über 
den Beschluß versagt bat. Diese Entscheidung ist recht bedenklich. 
Wenn das Gericht der Anficht ist, daß die Attfhebung der Für 
sorgeerziehung dos Beste des Minderjäbrigen fördert (§ 5 B. G. B.) 
so würde in der Tat bei ollen über 18 Jahre allen' Fürsorgezög- 
lingcn das Bormundschaftsgericht unbedingt in der Lage sein, unge 
achtet der Bestimmungen des § 13 Fürsorgcerziehungsgesctzes, die 
Fürsorgeerziehung zu beendigen. 
Schließlich sei nock eines Umstandes Erwähnung getan, der 
unseres Erachtens eine erhebliche finanzielle Belastung des Siadikrcifes 
Berlin zu Gunsten der anderen Kommunalvetbäiide, namentlich des be 
nachbarten Provinzialverbandes Brandenburg darstellt. Es werden 
nämlich in häufigen Fällen Vormundschaften, welche auswärts, nament 
lich bei den Gerichten der Vororte schweben, mit Rücksicht auf den Uiu- 
stand, daß zur Zeit des Eingreifens des Vormundschaftsgerichts der 
Mündel in Berlm wohnt, an ein Amtsgericht von Berlin abgegeben. 
Wir haben mit Rücksicht auf den Untstand, daß durch diese Abgabe 
eine unzuläisige Belastung der Siadt Berlin mit den Kosten der 
Fürsorgeerziehung eintritt, wiederholt gegen diese aus „wichtigen 
Gründen" nach tz 46 R. G F. G. erfolgte Uebernahme Beschwerde 
geführt; jedoch ohne Erfolg. Andererseits ist die Uebernahme einer 
Vormundschaft mit dem Fürsorgecrziehungsverfahren von dem Ge 
richt eines Vorortes, in welchen« der Vormund oder der Mündel 
wohnt, abgelehnt worden, weil für die in dem Vororte wohnenden 
Beteiligten keine Schwierigkeiten mit dem Angehen des Amtsgerichts 
Berlin-Mitte verbunden feien. Da die Befugnis des Amtsgerichts 
zur Abgabe einer Voimundschaft lediglich auf Zweckmäßigkciisgrüude 
gestützt zu werden braucht, so scheint es uns angebracht zu sein, 
wenn die Jnstizvcrwallung die Amtegerichte anweisen würde, bei der 
Einleitung des Fürsorgeerziehungsvcrsahrens zu prüfen, ob nicht 
durch die Abgabe oder "Nichtabgabe einer Dornumlsa äst an ein 
anderes Gericht eine unzulässige Belastung eines unbeteiligten Kom- 
munalverbandes mit den Kosten der Fürsorgeerziehung eintreten würde. 
VIII. Bericht über das Erziehungshaus zu Lichtcnberg. 
Bewegung des Bestandes durch Zugang und Abgang. 
Am 31. März 1906 befanden sich 241 Zöglinge im Hause. 
Der Zugang an Neuaufgenommenen beziffert sich im Etatsjahr 1906 
auf 276 gegen 163 im Jahre 1905. Diese Zöglinge verteilen sich 
nach ihrem Alter und ihrer Herkunft wie folgt: 
Geboren 
im Jahre 
Es kamen aus 
dem 
Eltern- 
hause 
I 
!der Lehre 
oder 
Dienst 
Anstalts- 
odcr 
Familien 
pflege 
dem dem 
Kranken- Gefäng- 
hause nisse 
Summe 
1892 
17 
3 
2 
- ! i 
28 
1891 
48 
3 
4 
1 2 
58 
1890 
° 46 
8 
2 
2 11 
69 
1889 
39 
9 
3 
— 13 
64 
1888 
29 
7 
1 
—* 15 
52 
4887 
2 
1 
— 
— 3 
6 
188«i 
2 
1 
3 
1885 
— 
. — 
1 
1 
183 
31 
13 
3 | 46 
276 
Diese Ziffer wurde bisher bei den Neuaufnahmen nock nicht 
erreicht. Wenn man sie dem Rückgänge der Kciminalitätsziffcr der 
Jugendlichen Preußens gegenüberstellt, so ergibt sich daraus die er 
freuliche Tatsache, daß man bemüht ist, die jugendlichen Verwahrlosten 
anstatt dem Gefängnisse der Fürsorgeerziehung zu überweisen. Trotz 
dem ist die Zahl derer, die erst durch das Gefängnis dem Erziehungs- 
Hause zugeführt werden, noch sehr groß und betrug in diesem Jahre 
16,66 v. H. . 
Auch hat sich die Ueberwcisung von älteren Zöglingen verringert. 
Das 18. Lebensjahr halten überschritten 5 gegenüber den 36 des Vor 
jahres. 
Diese älteren Zöglinge erweisen sich den erziehlichen Einflüssen meist 
wenig zugänglich, während sie auf die jüngeren recht nachteilig einwirken. 
Außer den überwiesenen 276 neuen Zöglingen kamen noch 414 
ehemalige Zöglinge ins Haus zurück, und zwar: 
1906 
1905 
aus Lehr-, Dienst und anderen Arbeitsstellungen . . 
181 
136 
- der Anstalls- und Familienpflege 
21 
27 
- dem Krankenhaus 
40 
25 
- Gefängnis 
38 
23 
vom Entlaufen . ; 
111 
64 
- widerrechtlichen Fernbleiben nach der Beurlaubung 
7 
18 
auf Grund des Widerrufs 
16 
23 
zusammen 
414 
316. 
Es wurden also insgesamt 276 -s- 414 — 690 Zöglinge auf 
genommen gegen 479 im Vorjahre. 
Dem Zugang von 690 steht ein gleicher Abgang gegenüber. 
Es wurden entlaisen 
1906 
1905 
zu den Eltern 
57 
48 
in Lehr- und Dienststellen 
346 
189 
in Pflege (Anstalts- und Familienpflege) 
33 
37 
in Krankenhäuser 
65 
54 
ins Gefängnis 
22 
8 
Es entliefen 
157 
71 
und blieben vom Urlaub aus 
10 
25 
• zusammen 
690 
432. 
Uebersicht: 
Bestand am 31. März 1906 .... 241 Zöglinge, 
Zugang im Berichisjahre 1906 . . . 690 
zusammen 931 Zöglinge, 
Abgang 1906 690 
Bestand am 31. März 1907 .... 241 Zöglinge.
	        
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