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Volume No. 16. Bericht der städtischen Waisendeputation

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1906 (Public Domain)

Nr. 16. Waisenpflege. 
19 
VI. Jahresbericht des Großen Friedrichs Waisenhauses der Stadt Berlin zu Rummelsburg. 
I. Frequenz. 
Bestand am 31. März >906 . 179 Kn., 90 M. — 269 Kinder, 
aufgenommen sind 511 - 293 - — 804 
zusammen 690 Kn., 383 M. — 1 073 Kinder, 
, abgegangen sind 501 ■ 264 ■ — 765 
Bestand am 31. März 1907 . 189 Kn, 119 M. — 808 Kinder. 
Die höchste Zahl der zu ein und derselben Zeit in der Anstalt 
befindlich gewesenen Kinder betrug 322, die niedrigste 237. 
Der tägliche Durchschnitt ergibt eine Frequenz von 299 Kindern. 
Diese 299 Kinder verteilen sich auf die beiden Knabenhäuser und 
das Lehrliiigsheim mit durchschnittlich 70 Zöglingen, auf das Lazarett 
einschließlich der ihm überwiesenen Säuglinge mit 122 Kindern, auf 
das Jusekiionshaus einschließlich der infizierten Säuglinge mit 
31 Kindern, auf die Säuglingshäuser mit 76 Kindern. Im Lazarett 
und Infektion-Haus sind durchschnittlich 8 Säuglinge täglich verpflegt 
worden, so daß sich folgende Gruppierung ergibt: 
70 gesunde, schulpflichtige oder der Schule entwachsene Kinder, 
145 kranke, über I Jahr alle Kinder, 
84 gesunde und kranke Säuglinge. 
299. 
Von diesen durchschnittlich verpflegten 299 Kindern waren 
262 eigentliche Waisenkinder, 
11 eingesegnete erwerbsunfähige Waisenkinder, 
5 - erwerbsfähige 
7 Fürsorgezöglinge, 
14 Angehörige der Schmidt Gallischstiftung. 
299. 
II. Erziehung und Unterricht. 
Die im vorhergehenden Jahresbericht erwähnte Erkrankung des 
Direktors Jahnke dauerte während des Berichtsjahres fort; der 
Duckwr war beurlaubt Am 1. November 1906 trat der Lehrer und 
Erzieher Grutzl nach 27^ jähriger Tätigkeit am hiesigen Waisenhause 
in den Ruhestand. Sonst blieb der Personalbestand im Lehrkollegium 
unverändert. 
Auch an der Einteilung der Klassen änderte sich gegen das Vor 
jahr wenig. Nur wuchs sich die sogenannte Nebenklasse mehr und 
mehr zu einer Anfängerklasse aus, die zeitweise bis zu 36 Kindern 
umfaßte. Tie Zahl der unter 10 Jahr alten Zöglinge ist im Laufe 
des letzten Jahres wieder so gewachsen, daß diese Umänderung sich 
als nötig erwies. 
Die Frequenz der Klassen wechselt stark; sie steigt regelmäßig im 
Laufe eines jeden Semesters, um dann nach der Einsegnung und 
Entlassung zu Ostern und zum Herbst plötzlich wieder zu sinken. So 
hatten die einzelnen Klassen zwischen 10 und 25, ja 30 Schüler; eine 
(die vierte) stieg bis auf 40. 
Ter Unterricht hat mit einem häufigen Wechsel zwischen Abgehen 
den und Zuziehenden zu rechnen. Manche unserer Zöglinge sind nur 
wenige Wochen, andere einige Monate, eine ganz verschwindende 
Zahl namentlich älterer Jungen länger als 1 Jahr Glieder unserer 
Anstalt. So muß der Unterricht häufig wieder neu einsetzen, da an 
früher hier Gelerntes nicht angeknüpft werden kann, und die jetzt in 
das hiesige Waisenhaus überwiesenen Jungen mit wenigen Ausnahmen 
auch in ihren früheren Schulverhältuissen wenig gefördert sind und 
in ihren sittlichen Qualitäten fast durchweg viel zu wünschen übrig 
lassen. Der Zuwachs unserer Anstalt setzt sich eben nicht mehr aus 
Vollwaisen, sondern fast nur aus solchen zusammen, deren Eltern 
noch leben, aber durch Unglück oder eigene Schuld sich genötigt fühlen, 
ihre Kinder der Waiseupfleqe zu übergeben. Häufig auch haben wir 
Kinder hier, die ihren Eltern abgenommen wurden, weil diese ihren 
Pflichten nicht nachkamen. Die Mängel solcher Familienzustände er 
klären vieles Auffällige in Fleiß, Charakter und Leistungen unserer 
Zöglinge. 
Die Einheitlichkeit der Klassen wird schließlich auch dadurch be 
einträchtigt, daß die Kinder des Lazaretts häufig auf ärztliche An- 
ordnung vom Schulbesuche dispensiert find oder infolge der ihnen 
vorgeschriebenen Kuren dem Unterrichte fernbleiben müffen. 
Um dieser besonderen Verhältniffe willen mußte an eine Aenderung 
des bestehenden Lehrplans gedacht werden, der das Unterrichtsziel 
herabsetzte, ohne doch so geringe Ansprüche zu stellen, daß die Freudig 
keit der Lehrenden und Lernenden darunter litt. Er wurde vorbereitet 
im Laufe des letzten Winters; seine Einführung steht im Elatsjahr 
1907 zu erwarten. 
Das Leben und die Beschäftigung im Hause blieben dieselben 
wie in den Vorjahren; ebenso der Unterricht in den Handwerken 
(Tischlerei, Schneiderei, Gärtnerei. - 
Entlassen wurden zu Oktober 1906 und Ostern 1907 
45 Zöglinge. 
Von diesen traten in die Lehre 
bei Schlossern .... 6 Kn., 
- Bäckern 5 - 
- Kaufleuten.... 4 - 
- Stellmachern ... 4 - 
• Gärtnern .... 3 
• Barbieren .... 2 • 
• Drechslern .... 2 - 
- Schneidern.... 2 • 
. Tischlern .... 2 - 
- Tapezierern . . . 2 - 
- Buchdruckern, Malern, 
Klempnern, Hoteliers, 
bei Konditoren, Gold 
schmieden, Sattlern, 
Schornsteinfegern, 
Schiffbauern, Schmie 
den je 1 — . . . . 
es wurde Zahntechniker 
- - der Mutter 
übergeben .... 
es wurde dem Waisen 
hause Berlin übergeben 
10 Kn.. 
1 
Summe 45 Kn. 
(Es seien an dieser Stelle nachgeholt die entsprechenden Zahlen 
für das Vorjahr 1905/06, die im vorigen Bericht ausgefallen waren. 
Von den im Etatsjahr 1905 entlassenen 66 Knaben (Oktober 
rm 
1905 = 35, Ostern 1906 
Bäcker . 
Sattler . 
Schmiede 
Tischler . 
Schneider 
Tapezierer 
Gärtner . 
Barbiere . 
Klempner 
Metalldreher 
Kaufleute. 
31s wurden: 
8 
8 
7 
6 
5 
5 
4 
3 
3 
2 
2 
Buchbinder . 
Korbmacher . , 
Schlächier . . 
Zigarrenmacher 
Landwirt. . , 
Slellmacher . , 
Musiker . . . 
Uhrmacher . . 
Former . . . 
Metallschleifer . 
53 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
53 
Es verblieb in Lazarettpflege 
- wurde der Mutier übergeben 
- - der Jdiotenanstalt Dalldorf überwiesen 
63 
1 
1 
1 
Summe 66 
Knaben.) 
Beaufsichtigt werden die in die Lehre gebrachten Zöglinge durch 
die zuständigen Gemeindewaisenräte, die Waisenväler und den Direklor 
der Anstalt, der nach besten Kräften die Verbindung mit den ehe- 
maligen Zöglingen aufrecht zu erhalten sucht. Häufig macht sich ein 
Einschreiten nötig bei Zöglingen, die sich in der Lehre nicht bewähren 
und die Lust zu einem bestimmten Beruf verlieren; selten ist es, daß 
hierbei die Schuld auf Seiten des Meisters liegt. Leider zeigen auch 
hier die letzten Jahre ein unerfreulicheres Bild, daß es nämlich den 
vermittelnden Versuchen des Direktors nicht immer gelingt, die Lehr 
linge zum Aushalten zu bewegen. Vor allem nicht in den Fällen, 
wo noch Anverwandte mit Erziehungsrechtcn über die Lehrlinge da 
sind, wo also die gesetzliche Vormundschaft des Direktors fehl«. Häufig 
ist in solchen Fällen der Wunsch vorherrschend und schließlich be 
stimmend, daß der Junge gleich Geld verdienen soll, als Laufbursche, 
Hausdiener, Handlanger und dergleichen, und eine feste Berufswahl ihn 
auf 3 bis 4 Jahre daran nur hindert. Es scheint, daß diese Fälle sich 
mehren, ohne daß es immer gelingt, den beireffenden Vater oder die Mutter 
zu besserer Einsicht zu bringen. Auch scheint, nach den vielen Klagen 
der Meister zu urteilen, soweit sie dem Direktor brieflich oder mündlich 
mitgeteilt oder in den Rcvifions- und Erzichungsberichlen der Waisen- 
Väter bezw. -Räte niedergelegt sind, das hier in Frage kommende 
Schülermaterial schlechter geworden zu sein. Das alles sind Er 
scheinungen, die dazu nötigen, der Lehrlingssürsorge eine scharfe, wo- 
möglich noch gesteigerte Aufmerksamkeit zuzuwenden. 
Für besonders tüchtige und begabte Lehrlinge, sowie angehende 
Gehilfen wurden durch die städtische Waisendeputation wiederum be 
sondere Unterstützungen und Stipendien bewilligt, um ihnen eine 
weitere Vervollkommnung in ihrer fachlichen Ausbildung möglich zu 
machen. Zur Zeit werden auf diese Weise 5 ehemalige Zöglinge ge 
fördert, darunter 3 Schüler höherer Lehranstalten, welche die Absicht 
haben, später sich dem Studium zu widmen. 
Schließlich sei hier erwähnt, daß die Anstalt seit Weihnachten 1906 
über einen vorzüglichen Lichtbilderapparat verfügt, der ihr mit Zubehör 
durch die Freigebigkeit mehrerer ihrer Freunde geschenkt wurde. Eine 
reiche Auswahl von Glasphotogrammen hat uns eine Reihe von 
Unterhaltungsabenden ermöglicht, die nicht sowohl einem vorüber- 
gehenden Genuß, als vielmehr einer dauernden Belebung des Er- 
ziehungs- und Bildungszwcckes unserer Arbeit dienen sollen. — 
III. Gesundheitspflege. 
Herr Oberarzt vr. Erich Müller berichtet: 
Die Krankenbewegung im Lazarett war folgende: 
3*
	        
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