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Volume No. 18. Bericht der Deputation für die städtischen Krankenanstalten und die öffentliche Gesundheitspflege

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1905 (Public Domain)

Nr. 18. Städtische Krankenanstalten. 
7 
sällen — 29 v. H. im Vorjahre». Die Ursachen der hohen Mortalität 
liegen teils in dem Alter und geschwächten Allgemeinzustandc der 
betreffenden Personen, teils handelte es sich um Säufer, bei denen 
sich ein Delirium tremens entwickelte. Solche Schnapstrinker erliegen 
dann der Krankheit leicht im jugendlichen kräftigen Aller, in welchem 
sie dieselbe, olme den vorausgegangenen übermäßigen Alkoholgenuß, 
in nicht zu seltenen Fällen sicher überstanden haben würden. 
Die Zahl der Blinddarmentzündungen mit 18, die alle geheilt 
wurden, ist auffallend gering. Dies kommt nicht etwa daher, weil 
weniger Blinddarmerkrankungen vorkamen, sondern weil dieselben 
meist direkt auf die chirurgische Klinik zur Operation aufgenommen 
wurden, entsprechend den neueren Anschauungen von der Wichtigkeit 
frühzeitiger Operation, infolge deren die Aerzte der Stadt ' die 
Kranken meist sofort auf die chirurgische Station verweisen. 
Sehr groß ist die Zahl der an Rheumatismus Erkrankten. 
Neben 244 Fällen (240 im Vorjahre) von akutem Gelenkrheumatismus 
noch 32 von chronischem Gelenkrheumatismus und 146 von Muskel- 
rheumatismus. Bei letzteren handelt es sich meistens um Alkohol 
mißbrauch. Der größte Teil der mit Muskelrheumatismus ein 
gelieferten 108 Männer bestand aus gewohnheitsmäßigen Schnaps 
säufern. 
Von Säuferleber wurden 36 Fälle beobachtet mit 19 Todes- 
sällen, d. h. 52,8 v. H. Auch ein großer Teil der Fälle von Herz- 
erkranknngen, Gefäßerkrankungen, Nierenerkrankungen je. hängt mit 
dem chronischen Alkoholmißbrauch unserer Arbeiterbevölkerung, aus 
der sich ja unser Krankenmaterial größtenteils zusammensetzt, zu 
sammen. An Säuferwahnsinn wurden wiederum gegen 100 Fälle 
behandelt. Auch die Zahlen meiner diesjährigen Statistik lehren von 
neucm die unseligen Folgen des gewohnheitsmäßigen Schnapstrinkens 
und fordern erneut auf zum Kampfe gegen diese traurige Unsitte, die 
unser Volk sicher noch mehr in seiner Gesundheit und seiner wirt 
schaftlichen Kraft schädigt als die Tuberkulose, gegen die der Kampf 
ja schon lange erfolgreich eingesetzt hat. Bei dem Alkoholmißbrauch 
ist davon leider noch nichts zu spüren und doch vernichtet derselbe 
mit seinen schrecklichen Folgen auch noch die moralische Kraft des 
Individuums, führt zu Ausschreitungen und Verbrechen, ruiniert 
wiitschaftlich «nd moralisch nicht nur das Individuum selbst, sondern 
auch die ganze Familie. Seine Folgen sind unendlich viel schlimmer 
und weitreichender, unvergleichlich viel zerstörender als die der 
Tuberkulose. 
Von anderen Giften, denn der Alkohol ist auch ein Gift, wäre 
hervorzuheben, daß die Zahl von chronischen Bleivergiftungen ver 
hältnismäßig gering war (23). Dagegen war die Zahl von Lysol- 
vergiftungen noch mehr gestiegen 47 gegen 23 im Vorjahre, das bedeutet 
eine Verdoppelung. Von ihnen starben 8, d. h. ca. 15 v. H. Wie not 
wendig die unterdeffen erschienenen gesetzlichen Bestimmungen über 
eine Einschränkung des Lysolvcrkaufes sind, das lehren diese Zahlen 
mit erschreckender Deutlichkeit. Leider scheinen jene aber wenig zu 
nützen, denn nach meinen bisherigen Beobachtungen ist die Zahl der 
Lysolvergiitungen nur wenig zurückgegangen. Bei den Lysol 
vergiftungen übersteigt im Verhältnis die Zahl der Frauen. Wenn 
man sich die Persönlichkeit der Vergifteten ansieht und die Gründe 
für den Selbstmordversuch hört (denn fast ausschließlich handelt es 
sich hierum, nicht um Unglücksfälle) so stimmen diese noch bedenklicher. 
Selbst Kinder von 12 bis 16 Jahren nehmen Lysol aus nichtigen 
Gründen. Bald aus Acrgcr, weil sie von den Eltern ausgescholten 
sind. bald aus Furcht vor Strafe jc. Das Lysol ist Modegift und 
hat das Subliniat vollkommen abgelöst, von dem nur 2 Vergiftungen 
beobachtet wurden. 
Wie fast jedesmal, so weise ich auch diesmal auf die außer 
ordentlich hohe Zahl der Kranken mit Lungenschwindsucht (Tuber- 
kulose) hin. Dieselbe ist gegen das Vorjahr noch wesentlich gestiegen, 
d. h. dis ans 613 gegen 472 im Vorjahre, das sind 16 v. H. aller 
Kranken meiner Abteilung. Von ihnen starben 285 — 46,5 v. H„ 
meist nach langen,, viele Monate von V 2 — 3 /* Jahr und noch länger 
andauerndem, Siechtume. Von den 613 Kranken waren 452 Männer 
und 161 Frauen. 
Schließlich möge auch noch aus die außerordentlich hohe Be 
lastung des Krankenhauses mit Siechen aufmerksam gemacht werden, 
die uns leider erst sehr spät, häufig erst nach vielen Monaten, von den 
Siechenhäusern, trotz aller unserer Bemühungen, abgenommen werden, 
wegen übergroßer Ueberfüllung derselben. Eine Besserung nach dieser 
Richtung würde ungemein segensreich und entlastend für die Kranken 
häuser sein und es ihnen ermöglichen, mehr als bisher ihrer eigent- 
lichen Aufgabe nachzukommen. 
Stadelmann. 
B. Abteilung des dirigierenden Arztes. 
(Pavillon II. Ha, III, XI, XII und XVI.) 
Tabelle 1. Krankcnbcwegnng überhaupt. 
Nummer 
des 
Krankheits- 
verzeichmfies 
Krankheitsb e'z eichnung 
V 
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Bestand 
am 
31. 3. 1906 
m. ) w. 
1 a 
I. Infektionskrankheiten. 
Masern 
45 
45 
7 
13 
1 
1 
27 
31 
14 
2 
94 92 
00 M» 
3 
2a 
Scharlach 
78 
69 
5 
6 
2 
2 
4 
4 
1 
i 
90j 12 
7 
b 
-Nierenentzündung 
9 
6 
1 
2 
— 
2 
— 
— 
— 
— 
10 10 
— 
— 
c 
-Diphtherie 
3 
5 
— 
1 
1 
— 
4 
1 
— 
2 
81 9 
— 
— 
d 
-Sepsis 
3 
i 
— 
— 
— 
— 
11 
11 
— 
— 
14, 12 
— 
— 
5 
Windpocken 
18 
3 
1 
1 
— 
— 
2 
— 
— 
— 
16 4 
21 
— 
6 
Rose 
97 
77 
2 
2 
— 
3 
12 
19 
11 
8 
1221 109 
12 
3 
7a 
Diphtherie 
13 
i 
— 
— 
— 
— 
2 
1 
— 
1 
15 3 
1 
— 
e 
Diphtherie-Nierenentzündung 
4 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
41 — 
1 
— 
8 
Keuchhusten 
1 
6 
1 
3 
— 
1 
1 
— 
— 
— 
3 10 
- 
— 
9 
Grippe 5 
8 
29 
— 
— 
— 
— 
t 
— 
— 
— 
9j 29 
2 
3 
10 
Blutvergiftung 
— 
1 
— 
— 
— 
1 
1 
7 
— 
— 
1 9 
2 
— 
11 
Kiudbetlfieber 
— 
1h 
— 
1 
— 
1 
9 
— 
12 
—1 41 
— 
— 
12 a 
Wundstarrkrampf 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
1 
— 
— 
— 
1 — 
— 
1 
13 a 
Tyvhus 
13 
16 
1 
— 
— 
— 
3 
7 
1 
1 
18 24 
2 
16 
Ruhr 
3 
1 
— 
3 - 
— 
19 
Mumps 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
-e- 
— 
1 
— 
20 
Genickstarre 
— 
1 
— 
— 
— 
— 
1 
i 
— 
— 
1 2 
— 
— 
22 
Akuter Gelenkrheumatismus 
52 
51 
5 
10 
1 
1 
— 
i 
— 
2 
58 i 65 
11 
4 
23 A a 
Primäre Syphilis 
— 
i 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
— 
—1 1 
— 
c 
i 
— 
2 
— 
— 
— 
i 
— 
1 
5 
— 
6 
Syphilis ohne Gradbezeichnung 
— 
2 
— 
— 
— 
, - 
— 
— 
— 
— 
j 2 
___ 
23 B a 
Tripper 
18 
— 
32 
1 
3 
1 
— 
— 
3 
7 
56 9 
4 
3 
b a 
- -Rheumatismus 
8 
— 
12 
— 
— 
— 
— 
- 
— 
— 
201 — 
1 
— 
ß 
Sonstige Tripperfolgckcankhciten ...... 
3 
— 
10 
— 
— 
— 
— 
1 
— 
14 - 
— 
1 
c 
Weicher Schanker 
1 
— 
1 
2 
—
	        
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