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Volume No. 44. Bericht über die Verwaltung der Feuerwehr und des Telegraphen

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1903 (Public Domain)

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No. 44. Feuerwehr. 
monate nachteilig zu wirken, insofern die Heilung längere Zeit in An 
spruch nimmt oder häufiger in Frage gestellt wird, als bei Erkrankten, 
die die bessere Jahreszeit für ihre Genesung zur Verfügung haben. 
Der Mangel an natürlichem Sonnenlicht, das für Neurastheniker — und 
um solche handelt es sich bei den Rauchvergifteten sehr frühzeitig und 
ausschliesslich — ein wesentlicher Heilfaktor zu sein scheint, und die 
Unmöglichkeit ausgiebigen Aufenthalts im Freien während der Winter 
monate bezw. der andauernde Aufenthalt in schlecht gelüfteten, zum Teil 
beengten Wohnräumen erklären wohl diese seit Jahren gemachten ärzt 
lichen Beobachtungen. 
Auffällig ist auch das im letzten Berichtsjahre häufigere Vor 
kommen von typischer Gicht (16 Fälle). Es muss freilich hervorgehoben 
werden, dass an den Zugängen hauptsächlich 4 Kranke mit mehrfachen 
Rückfällen (von 2—4) beteiligt waren, und auch - grösstenteils schon in 
früheren Jahren Gichtanfälle erlitten hatten. Es handelte sich, von 
einem Falle abgesehen, um Chargierte, also Leute im höheren Dienst 
alter. Beachtenswert war die ärztliche Beobachtung, dass die Anfälle 
und besonders die Rückfälle fast unmittelbar nach Durchnässungen, be 
sonders der unteren Gliedmassen (Füsse), auftraten, sodass längere 
Kältewirkung als die Anfälle auslösende Ursache angesehen werden 
muss. Bei sämtlichen Kranken handelte es um sehr nüchterne und 
völlig gesetzmässig lebende Leute, bei denen weder Alkohol- noch 
Tabakmissbrauch nachgewiesen oder Überernährung festgestellt werden 
konnte. 
Zuckerharnruhr kam in 2 Fällen, als Bestand aus dem Vorjahre, 
zur weiteren Behandlung. Der eine Fall kommt demnächst zur Pen 
sionierung. Der zweite Fall trat mit brandiger Zellgewebsentzündung 
an dem einen grossen Zehen in ärztliche Beobachtung. Der Verdacht, 
dass es sich um eine schwere Form von Diabetes handele,, wurde durch 
die Urinuntersuchung bestätigt. Eine Amputation brachte keine Rettung. 
Der Kranke starb nach 81 tägiger Krankenhausbehandlung. 
Gruppe II. Nervenkrankheiten. In dieser Gruppe steht die 
Neurasthenie, die hauptsächlichste Folgekrankheit der Rauchvergiftung, 
an erster Stelle, was sowohl den Zugang (10), als auch die Zahl der 
Pensionierten (8) bezw. der als unheilbar anzusehenden Kranken (8), 
wie auch die lange durchschnittliche Behandlungsdauer (147,3 Tage) 
anlangt. Bei der Feststellung der letzten 3 Zahlen sind die 11 aus 
dem Vorjahre als Bestand verbliebenen Kranken mit berücksichtigt. 
Neue Beobachtungen hinsichtlich des Krankheitsbildes wurden 
nicht festgestellt. Es handelte sich meist um Kopfschmerz, Schlaf 
losigkeit, Muskelzittern in den Händen und Vorderarmen, grosse 
allgemeine Unruhe neben Störungen der allgemeinen Körperernährung, 
Abblassung des Gesichts u. s. w., so dass ärztlicherseits immer wieder 
chemische Blutsveränderungen infolge der erlittenen Rauchvergiftung 
als Ursache dieser Form von Nervenschwäche angenommen werden muss, 
wie überhaupt Blutarmut häufig als Bindeglied zwischen Rauchvergiftung 
und der sich erst allmählich entwickelnden Nervenschwäche gelten muss. 
ln den Fällen frühzeitigen Hervortretens neurastheniseher Erscheinungen 
sind Blutarmutszeichen stete Begleiter des ersteren, wie schon oben an 
gedeutet worden ist. 
Die anfängliche Blutarmut zu heben und damit die neurasthenischen 
Krankheitszustände zu verhüten, ist bisher durch keine Behandlungs 
form einschliesslich der physikalisch-diätetischen gelungen. Es muss 
also von vornherein sich um bleibende chemische Blutveränderungen 
handeln, die schliesslich auch in besonderen Fällen zu schweren Er 
nährungsstörungen im Gehirn führen, wie eine grössere Anzahl früher 
beobachteter Geistesstörungen im Anschlüsse an Rauchvergiftungen 
bezw. daraus hervorgegangenen Neurasthenien beweist. Aus dem letzten 
Jahre ist auch der Fall eines Feuermanns hierher zu rechnen, der im 
Anschlüsse an eine Rauchvergiftung an akuter Geistesstörung (Wahn 
vorstellungen) erkrankte und bei dem es zur Entwicklung epilektischer 
Zustände gekommen ist, wie eine längere Beobachtung in der König!. 
Charite, Abteilung für Nervenkranke, ergeben hat. Bei einem anderen 
Feuermann, der seiner Pensionierung entgegensieht, sind derartige Ver 
änderungen in seinem geistigen Verhalten und Wesen aufgetreten, dass 
demnächst der Ansbruch einer Geisteskrankheit (Dementia paralytica) 
befürchtet werden muss. 
Auch Gehirnerschütterungen von fast durchweg schwerer Form 
kamen in 5 Fällen in Zugang, wovon bisher nur 2 Fälle geheilt werden 
konnten; ob von Dauer, muss die Folgezeit lehren. Mit den aus dem 
Vorjahre in Behandlung verbliebenen 3 Kranken wurden hieran 8 Kranke 
während 1044 Tage insgesamt oder jeder einzelne Kranke durch 
schnittlich 130,5 Tage behandelt. Von den sämtlichen Behandelten 
gingen nur 3 durch Heilung ab; ein Kranker musste pensioniert werden, 
ein Los, was wahrscheinlich auch den im Bestände verbleibenden 4 Leuten 
beschieden sein dürfte, da schwere nervöse Störungen zurückgeblieben sind. 
So stellen sich die Krankheiten dieser Gruppe II nicht nur als 
sehr verhängnisvoll für die davon Betroffenen, sondern auch als schwere 
.— unvermeidbare — Folgen des Feuerwehrberufs dar. 
Von den insgesamt behandelten 35 Kranken (15 alter Bestand und 
20 Zugang) wurden 4 860 oder durchschnittlich 138,9 Behandlungstage 
beansprucht. Heilungen waren nur 10 zu verzeichnen, dagegen 11 Pen 
sionierungen — 28.9 pCt. der sämtlichen auf diese Weise Ausgeschiedenen. 
14 Mann bleiben am Ende des Berichtsjahres im Bestände, die der Mehr 
zahl nach hinsichtlich ihrer Dienstfähigkeit ebenfalls gefährdet sind. 
Gruppe III. Krankheiten der Atmungsorgane. In dieser 
Gruppe handelte es sich vorwiegend um mehr oder minder erhebliche 
akute und chronische Erkältungszustände der Luftwege (des Kehlkopfs, 
der Luftröhre und der Bronchien), die grösstenteils geheilt wurden. 
Von dem Gruppenzugange (39) gehörten 26 Fälle (66,7 pOt. des Zugangs) 
hierher. Verhältnismässig häufig (mit 4 Fällen) kamen Vereiterungen 
der Stirn und Kieferhöhlen zur Beobachtung, was ursächlich wohl auf 
die sehr häufig vorkommenden Reiz- und Entzündungszustände in der 
Nase zurückgeführt werden muss, also indirekt ebenfalls Leiden beruf 
licher Art. 
Der einzige Fall, der in dieser Gruppe eine Pensionierung erforderlich 
machte, betraf einen Feuermann mit Lungenerweiterung. Zwei derartige 
weitere Leiden kamen im Berichtsjahre noch zur Beobachtung, wovon 
der eine zur Zeit als geheilt gilt, weil er von den subjektiven Krank 
heitszeichen augenblicklich befreit ist. Der zweite Kranke dürfte seine 
Dienstfähigkeit kaum wiedererlangen. Eine Lungenentzündung und eine 
Lungenblutung wären noch zu erwähnen, die sich durch lange Krank 
heitsdauer auszeichneten. Die Lungenentzündung nahm über 2 Monate 
(71 Tage) bis zur Wiederherstellung in Anspruch. Die Lungenblutung 
betraf einen Mann, der vorher bereits an Lungenkatarrh und nach dessen 
scheinbarer Heilung an Brustfellentzündung gelitten hatte. Die Wieder 
erlangung der Dienstfähigkeit ist ausgeschlossen. Dieser Kranke be 
anspruchte bis zum Schlüsse des Berichtsjahres 281 Behandlungstage' 
während die 43 (4 dem Bestände, 39 dem Zugänge ungehörigen) Kranken 
66,4 bezw. nur 46,4 Tage durchschnittlich in Anspruch nahmen, wenn 
man die beiden letzten Kranken, den Pensionierten und einen im Pen 
sionsverfahren stehenden Kranken mit ihrer Behandlungszeit ausser 
Berechnung lässt. 
Gruppe IV. Krankheiten der Kreislauforgane. Die 8 Zu 
gänge traten weder durch auffällig lange Behandlungsdauer, die durch 
schnittlich nur 47,b Tage betrug, noch durch ursächliche und klinische 
Momente hervor. Erwähnenswert wären nur die 2 Todesfälle, Ober 
feuermänner betreffend, wovon schon der eine in Gruppe I erwähnt 
worden ist, dessen Tod auf chronische Herzmuskelentzündung (Myocarditis) 
nach erlittener Vergiftung durch Säuregase zurückgeführt wurde. Der 
andere Todesfall erfolgte durch Herzschlag plötzlich, während der zuerst 
erwähnte am zweiten Krankheitstage im Krankenhause unter den Er 
scheinungen der Erstickung (Lungenödem) verschied. 
Gruppe V. Krankheiten der Ernährungsorgane. Nach 
einem erheblichen Rückgänge des Gruppenzuganges im vorausgegangenen 
Berichtsjahre (um 34 pOt.) ist die Krankenzahl dieser Gruppe wieder 
auf die alte, seit Jahren fast gleiche Höhe (86) gestiegen. Haupt 
sächlich wird diese Steigerung durch die zahlreichen Mandelentzündungen 
(38 — 44,2 pCt. des Gruppenzugangs) verschuldet. Zum Teil handelte 
es sich um schwere, wiederholt rückfällig gewordene Mandelabscesse. 
Auch schwere, lange andauernde Störungen des Allgemeinbeflndes und 
des Ernährungszustandes waren die Folge. 
Akute Magen- und Darmkatarrhe — 27 zusammen — sind im 
Gegensatz zu früheren Beobachtungen weniger hervorgetreten. Auch 
die chronischen Magenkatarrhe (6) sind gegen früher etwas seltener 
geworden. Ein Fall von Bauchfellentzündung, der infolge Zerreissens 
des verlagerten Wurmfortsatzes entstand, verlief trotz sofortiger Operation 
tödlich. 
Gruppe VI. Krankheiten der Harn- und Geschlechts 
organe.
	        
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