Path:
Volume No. 39. Bericht über den städtischen Vieh- und Schlachthof sowie über die städtische Fleischbeschau

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1903 (Public Domain)

Nr. 39. Vieh- und Schlachthof. 
II. Bericht über d i e st 
A. Allgemeiner Teil. 
Ueber die vorbereitenden Aenderungen, die das Reichsfleisch 
beschaugesetz vom 3. Juni 1900, bevor es am 1. April 1903 in Kraft 
trat, zur Folge gehabt hat. ist schon im vorigen Jahre berichtet worden. 
Dieselben haben sich im Laufe dieses Jahres im allgemeinen als aus 
reichend erwiesen und bewährt. Nur aus dem Schweineschlachthofe ist 
der Tagebuchführung wegen noch eine Vermehrung der Schreibkräfte 
um zwei Köpfe erforderlich geworden. Der Dienst derselben wird 
vorläufig durch halbinvalide und rekonvaleszente Probenentnehmer 
wahrgenommen. 
Die Beurteilung des zu beanstandenden Fleisches hat insofern 
eine Aenderung erfahren, als es nicht mehr, wie zuvor, bloß in 
genußuntaugliches und bedingt taugliches, sondern außerdem in 
„minderwertiges", d. h. in seinem Nahrungs- und Genußwert erheblich 
herabgesetztes Fleisch zu scheiden ist, das roh auf der Freibank verkauft 
wird (rund 7 650 Doppelzentner). Als minderwertig ist ein recht 
großer Teil des Fleisches z» überweisen, das früher als bedingt 
tauglich zu behandeln war, nämlich das der sogenannten einfinnigen 
(gegen 1 930 Doppelzentner) und der mit gewissen Formen der Tuber 
kulose behafteten Tiere (rund 4 950 Doppelzentner), ferner ein recht 
beträchtlicher Teil desjenigen Fleisches, das früher in Ermangelung 
einer Freibank als genußuntauglich der Abdeckerei zu überweisen war, 
z. B. Fleisch mit mäßigen Abweichungen in bezug auf Geruch, Ge 
schmack, Farbe, Wassergehalt, Aussehen u. dgl. (ca. 725 Doppelzentner). 
Nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl Tiere, namentlich ein Teil 
der unreifen Kälber, der früher noch dem freien Verkehr überlassen 
werden mußte, ist jetzt ebenfalls der Freibank zu überweisen (etwa 
12 Doppelzentner); ebenso ist jetzt mit den früher freigegebenen Vierteln 
derjenigen Tiere zu verfahren, von denen einzelne Viertel für bedingt 
tauglich erklärt werden mußten und es noch müssen. Eine abweichende 
Behandlung erfahren jetzt auch die schwachtrichinösen Schweine: früher 
untauglich, sind sie jetzt als bedingt tauglich zu behandeln. Noch 
andere, geringere Einzelheiten anzuführen, ist hier nicht am Platze. 
Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß diese und andere 
Aenderungen in den Beurteilungsgrundsätzen das Zahlenverhältnis der 
vor dem 1. April 1903 und der nachher untauglich bezw. auf der 
Freibank verwertbar befundenen Fleischmengen wesentlich verschoben 
haben; nähere Angaben hierüber enthält die letzte Tabelle des Berichts 
leiles 81. 
Wegen der vorgeschriebenen gesonderten Abfuhr des minder 
wertigen und des bedingt tauglichen Fleisches auf besonderen Wagen 
hat das Abfuhrpersonal um einen Aufseher und 3 Arbeiter vermehrt 
werden müssen; das untaugliche Fleisch ist schon vordem auf be 
sonderem Wagen und durch besondere Leute abgefahren worden. 
Das tierärztliche Personal hat um 8 Köpfe verstärkt iverden 
müssen, weil die Anforderungen in der Ausführung der Beschau durch 
die neuen Bestimmungen in mancher Beziehung etwas erhöht worden 
sind. In gleichem Umfange hat das Stemplerpersonal vermehrt werden 
müssen; außerdem aber hat jedem der in den Kleinviehschlachthäusern 
beschäftigten Tierärzte, gleichwie schon zuvor denen in den Rinder 
schlachthäusern, an den starken Schlachttagen ein zweiter Stempler zu 
Handreichungen zugewiesen werden müssen, hauptsächlich aus dem 
Grunde, weil die Slempelabdrücke in wesentlich größerer Zahl als 
zuvor anzubringen sind, namentlich bei Schweinen. 
Der Mehrbedarf an Trichinenschaukräften, der durch die außer- 
ordentlich starke Zunahme der Schweineschlachtungen eingetreten ist, 
hat zunächst durch die Einstellung des in den Untersuchungsstationen 
entbehrlich gewordenen Personals gedeckt werden können. Da wegen 
der ständig zunehmenden Schlachtungen die Beschauabteilungen für 
die kühle Jahreszeit bis auf den letzten Platz haben besetzt werden 
müssen, sind am 1. Oktober noch 32 neue Kräfte eingestellt worden, 
so daß der Personalbestand, der im vorigen Jahren von 391 auf 
365 Köpfe gesunken war, auf 435 Köpfe angewachsen ist. Trotzdem 
sind die Einnahmen der Beschauer beträchtlich, die der Vollbeschauer 
von durchschnittlich 1700 auf rund 2 100 M, die der Hilfsbeschauer 
von etwa 1150 auf ca. 1 400 JC gestiegen. 
Von den 9 am 1. April 1908 in den Dienst der staatlichen Be 
schauanstalt für ausländisches Fleisch übergetretenen Trichinenschauern 
der Untersuchungsstationen sind inzwischen 4 in den städtischen Dienst 
zurückgetreten, um nicht der Vorteile des dereinstigen Ruhcgeldbezuges 
verlustig zu gehen. Die vorübergehend in anderen Stellungen bei 
der Fleischbeschau auf dem Schlachthofe untergebrachten ehemaligen 
Beschauer der Untersuchungsstationen haben im Laufe des Jahres in 
freigewordene Beschauerstelleii einrücken können. Darüber hinaus hat 
neues Personal nicht eingestellt zu iverden brauchen, doch ist für künf- 
tigen Bedarf eine große Zahl von Beschauern und Beschauerinnen (47) 
ädtische Fleischbeschau. 
ausgebildet worden und hat die Prüfung, die nunmehr nur vor dein 
Departcnientsarzt stattfindet, bestanden. 
Die Bestallung und Amtsausübung des Trichinenschaupersonals 
ist durch eine Polizeiverordnung vom 7. Oktober 1903 nebst Dienst- 
anweisung geregelt worden, die >ni allgemeinen eine Wiederholung 
der wesentlichen, auf die Trichinenschau bezüglichen Bestimmungen des 
Abschnitts E und der Anlage b des Abschnitts v der Ansführungs 
bestimmungen des Bundesrats zum Reichsfleischbeschaugesetz sowie der 
ministeriellen Ausführungsbestimmungen vom 20. März 1903 ist. 
Nennenswerte Abweichungen von der vorherigen Art der Bestallung 
und Kontrolle der Befchauer und von der früheren Ausübungsweise 
der Beschau sind dadurch kaum herbeigeführt worden. Erwähnt zu 
werden verdient allenfalls, daß das Personal sich künftig mindestens 
dreijährlich einer Nachprüfung durch den Departementstierarzt zu 
unterziehen hat. Die bisherigen jährlichen Nachprüfungen des ganzen 
Personals und die halb- und vierteljährlichen der nicht ganz zuver- 
lässig befundenen Personen durch den Obertierarzt werden dadurch 
nicht beseitigt. 
Bestimmungsmäßig niuß jeder Beschauer im Besitz' eines Be 
fähigungsausweises sein. Ein solcher ist denjenigen Beschauern und 
Beschauerinnen, die am 1. April 1903 als solche tätig waren, von 
dem Polizeipräsidium ohne besondere Prüfung ausgestellt ivorden; 
35 Anwärter, die unmittelbar vor dem 1. April 1902 die staatliche 
Prüfung bestanden hatten, aber bis zum 1. April 1903 noch nicht im 
Schauamk tätig ivaren, haben den Ausweis auf Grund einer erneuten 
Prüfung erhalten. 
Der Bestimmung im § 2 des Preußischen Ausführungsgesetzes 
vom 28. Juni 1902, 
wonach in Preußen rohes und zubereitetes Fleisch von Schweinen 
und Wildschweinen, das aus einem andern deutschen Bundesstaat 
oder den Hohenzollernschen Landen eingeführt wird, amtlich auf 
Trichinen zu untersuchen ist, sofern es zum Genusse für Menschen 
verwendet werden soll und nicht bereits einer amtlichen Beschau 
unterlegen hat, 
ist durch Gemeindebeschluß vom 11. Dezember 1903 entsprochen 
worden. Bon diesem Beschlusse, der nach der Absicht des Gesetzes im 
wesentlichen aus eine Verhinderung der Einfuhr ununtersuchten Fleisches 
hinausläuft, ist ein merkbarer Einfluß auf den Betrieb der Fleischbeschau 
nicht erwartet worden und nicht eingetreten. Seine Bedeutung wird 
nicht für ausreichend erachtet, den Abdruck an dieser Stelle zu recht 
fertigen. Zu erwähnen ist nur, daß der zweite Absatz des H 2, der 
von dem Nachweise der amtlichen Beschau handelt, mit Recht Ein 
wendungen seitens der interessierten Handelskrcise erfahren hat und 
voraussichtlich demnächst eine Aenderung zu Gunsten derselben er- 
fahren wird. 
Die Genehmigung der Freibankordnung vom 25. März 1903, 
deren Wortlaut schon im vorigen Jahresbericht mitgeteilt worden ist, 
hatte wegen der Einschaltung eines Unternehmers eine Verzögerung 
erfahren, sodaß die Freibank erst am 1. Juli ordnungsmäßig hat in 
Betrieb genommen werden können. 
Die Bestimmungen derselben haben sich im allgemeinen bewährt, 
nur im § 3, Ziffer 2, hat der Begriff des Fleisches zweiter Qualität 
dadurch, daß dem ursprünglichen Entwurf gemäß das Fleisch der so 
genannten nüchternen Kälber nachträglich dieser Qualität zugewiesen 
worden ist, eine zweckmäßige Erweiterung erfahren. Die obere Preis- 
grenze für minderwertiges Fleisch ist auf Antrag der Unternehmerin 
(der Schlachtviehversicherung vereinigter Viehkommissionäre Berlins) 
im Dezember etwas erhöht worden, teils um 5, teils um 10 ^ für 
V 2 kg; die Erhöhung der Preise um 10 j, hat sich aber nur wenige 
Wochen aufrecht erhalten lassen. Wiederverkäufer haben von der im 
§ 3 unter Ziffer 4 gegebenen Befugnis zum Vertriebe von Freibank 
fleisch bisher keinen Gebrauch gemacht. Ein Antrag der Unternehmerin 
um Erhöhung der höchsten Gewichlsmcnge von Fleisch, die an eine 
einzelne Person abgegeben iverden darf, hat im Berichtsjahre nicht 
mehr erledigt werden können, ivird aber voraussichtlich nur in sehr 
beschränktem Umfange Zustimmung erfahren. 
Die wirtschaftlichen Nachteile, die ein Fall von Milzbrand am 
hiesigen Schlachthofe für die Vieheigcntümer zur Folge gehabt hat, 
haben zu einer allgemeinen Verfügung des landwirtschaftlichen 
Ministeriums vom 20. März 1904 geführt, die unter Umständen eine 
Verwertung von Tierkörpern, die nur äußerlich mit Milzbrandkeimen 
verunreinigt sind, im sterilisierten Zustande zu Nahrungszwecken 
zuläßt. (Vergl. am Schluß von Teil B1 des Berichtes die Mitteilungen 
über die Leistungen des bakteriologischen Laboratoriums.) 
Die hiesigen Fleischbeschauregulative mit dem Reichsfleisch 
beschaugesetz und den daraufhin ergangenen anderweiten gesetzlichen und 
staatsbehördlichen Bestimmungen in Einklang zu bringen, ist bisher
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.