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Volume No. 20. Bericht über die städtischen Heimstätten für Genesende

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1903 (Public Domain)

Nr. 20. Heimstätten für Genesende. 
21 
E. Gütergvtz. 
Im folgenden gebe eine Uebersicht über die in Gütergotz erzielten 
Erfolge während des Jahres 1903/01. Auch in diesem Jahre halten 
wir wieder sehr unter der großen Zahl allzu elender und wegen Kom 
plikationen ungeeigneter Pfleglinge zu leiden, so daß 43!! nach ganz 
kurzer Zeit entlassen werden mutzten. Aber auch unter den anderen, 
welche ihre Kur durchmachten, war noch eine sehr große Zahl. bei 
denen von Anfang an jede Aussiebt auf Wiederherstellung einer Er 
werbsfähigkeit geschwunden war. Abgesehen davon, daß diese Un 
geeigneten Geeigneteren den Platz fortnehmen und dadurch häufig genug 
die Veranlaffung werde», daß ein zuvor noch günstiger Fall durch 
das Fortschreiten der Krankheit zu einem aussichtslosen wird, leidet 
der ganze Anstaltsbetrieb. Das Personal ist seiner geringen Zahl 
wegen nicht imstande, die großen Anforderungen zu erfüllen, die ein 
Schwerkranker an die Pflege stellt. Der fortwährende Wechsel und 
der dadurch bedingte große Verbrauch an Wäsche, Kleidung, die vielen 
für elende Keankc notwendigen Medikamente und die Extradiät ver 
ursachen große Kosten. 
Um in dieser Beziehung eine Besserung herbeizuführen, gibt es 
nur das eine Mittel, in der Auswahl der für die Heimstätte bestimmten 
Kranken möglichst streng zu verfahren und nur diejenigen zu über 
weisen, welche in nicht zu langer Zeit mit Sicherheit arbeitsfähig werden. 
Ein anderer Uebelstand ist der, daß es noch immer Kasten gibt, 
die glauben, der Heimstättenaufenthalt diene nur zur vorübergehenden 
Erholung, und es genügen dazu 4 bis 6 Wochen. Es mußten also 
aus diesem Grunde eine große Zahl von Pfleglingen entlassen werden, 
gerade als sie anfingen, sich zu kräftigen, so daß sie voraussichtlich 
auf lange Zeit wieder hätten erwerbsfähig werden können. 
Die Kassen schädigen durch ein solches Verfahren nicht nur die 
Kranken, sondern auch sich selbst, indem sie gezwungen sind, für einen 
als noch nicht arbeitsfähig entlassenen Kranken weiter Krankengeld 
resp. Krankenhauskosten zu zahlen. Es wäre deshalb zu wünschen, 
daß den Tuberkulösen von seiten der Kassen ein möglichst langer Auf 
enthalt in der Heimstätte gewährt wird. 
In den Monaten Februar und März 1904 hatten wir sehr unter 
einer Auginaepidcmie zu leiden, so daß wir zwecks gründlicher Des 
infektion einige Tage keine neuen Pfleglinge aufnehmen konnten. Die 
Epidemie ist bald nach der Desinfektion völlig erloschen. 
Die Behandlungsweise war das hygienisch-diätetische Heilverfahren. 
Die Liegekur lasse ich, außer bei ganz Elenden und Fiebernden, welche 
den ganzen Tag liegen, nicht länger als 4 Stunden täglich ausdehnen. 
Durch das allzu lauge Liegen wird meiner Ansicht nach eine Er 
schlaffung des ganzen Körpers hervorgerufen. Neben der Liegekur 
wird eine regelmäßige Beschäftigung der Pfleglinge, vor allem in 
Gartenarbeiten, durchgeführt. 
Im Jahre 1903/04 wurden 694 Pfleglinge aufgenommen. 
Von diesen waren überwiesen: 
447 von Krankenkassen, 
59 vom Krankenhaus Moabit, 
13 von der Charits, 
50 vom Krankenhaus am Urban, 
25 - - Friedrichshain, 
36 von Armenärzten, 
30 - Privatärzten, 
5 vom Augustahospital, 
17 - Hedwigskrankenhaus, 
1 . Elisabelhkrankenhaus, 
2 - Lazaruskrankenhaus, 
5 - jüdischen Krankenhause, 
2 - Krankenhaus Bethanien, 
1 - Paul Gerhordistift, 
1 von der Königlichen Poliklinik für Lungenkranke. 
Im Alter bis 20 Jahren standen 216, 
- - von 21 - 30 • - 234, 
. - - 31-40 - - 145, 
- 41 - 60 - - 75. 
- 51 60 - 18. 
. 61 70 - - 6. 
Nach ihrem Gewerbe lvaren: 
Metall- und Mafchinenarbeiter 102, 
Stein- und Erdarbeiter 11, 
Arbeiter ohne nähere Bezeichnung .... 72, 
Hausdiener. Portiers k 69, 
Musiker und Mater 17, 
Schreiber, Kanzlisten 28, 
Krankenwärter 3, 
Beamte 5, 
Lehrer 1, 
Schüler 8, 
Kaufleute 78, 
Barbiere 19, 
Schneider 46, 
Tischler 60. 
Bauarbeiter 33, 
Buchdrucker 17, 
Papier- und Lederarbeiter 31, 
Beschäftigt waren in der Textilindustrie . . 12, 
- mit Chemikalien 18, 
• Heiz- und Leuchtstoffen und 
Fetten 3, 
- mit Nahrnngs- und Genußniitteln 28, 
- in künstlerischen Betrieben ... 33. 
Von den Pfleglingen waren 109 schon in Heilstättenbehandlung 
und zwar: 
einmal ... 89, dreimal ... 6, 
zweimal . . 11, viermal ... 3, 
Gedient halten 105. 
Erblichkeit oder Gelegenheit zur Infektion konnte nachgewiesen 
werden bei 259. 
66 Pfleglinge mußten schon innerhalb der ersten 14 Tage die 
Anstalt wieder verlassen und zwar: 
31 weil das Lungenleiden schon zu weit vorgeschritten war, 
2 wegen Erkrankung an Gonorrhoe, 
1 - - - Mediastina) Tumor, 
1 - Diabetes, 
2 - - Nephritis. 
1 - - Bubo inguinalis, 
1 - - Lymphadenitis colli, 
1 - Pleuritis exsudat., 
1 - häufig auftretender asthmatischer Anfälle, 
1 - schweren Herzleidens, 
1 - Heimweh, 
2 weil es ihnen nicht gefiel, 
7 wegen schlechten Betragens. 
10 - Familienangelegenheiten, 
1 weil geisteskrank, 
2 - die Kosten nicht bezahlt wurden, 
1 weil von der Landesversicherungsanstalt nach Beelitz gescheckt. 
Ein Pflegling starb plötzlich infolge schwerer Haemoptoe nach 
45 Tagen Aufcnlhaltszeit, ein anderer einen Tag vor seiner Entlastung 
nach 74 Tagen an einem Herzschlag. 
Die übrigen 628 Pfleglinge blieben 36003 Tage und nahmen 
3 573,b kg zu, d. i. ein Durchschnittsaufenthalt von 67 Tagen und 
eine Durchschnittsgewichtszunahme von 5,7 kg. 
Alles Nähere ergibt beifolgende Tabelle.
	        
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