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Volume No. 19. Bericht der Deputation für die städtische Irrenpflege

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1903 (Public Domain)

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Skr. 19. Städtische Jrrenanstalien. 
seine Kraft anspannen und mit Ruhe und Gewissenhaftigkeit verfahren, 
mit seiner Persönlichkeit eintreten soll. Das ältere Pflegepersonal 
hat übrigens seine Leistungsfähigkeit wiederholt zu erweisen Gelegenheit 
gehabt. Ricbi nur erforderte der außerordentliche Wechsel der Kranken 
auf den meisten Häusern verniehrie Aufmerksamkeit und Sorgfalt, 
sondern auf dem Ueberwachungshause, wohin aus naheliegenden 
Gründen nur als zuverlässig erprobtes Personal gestellt wird, sind 
ernste Gefahren eben noch bewältigt worden. 
Im Monat Juni 1968 z. B. rotteten sich auf dem Ueberwachungs 
hause eine Anzahl von meist vielfach bestraften Kranken zusammen, 
zertrümmerten Möbel und schlugen damit auf die Pfleger ein. Einer 
der letzteren mußte zunächst ins Krankenhaus überführt werden, konnte 
aber nach einiger &dt, genesen, seinen Dienst wieder antreten. 
Mehrfach traten auch sonst Gewalttätigkeiten gegen das Personal 
z. B. im Garten behufs Uebersteigen der Mauer und Aehnliches 
hervor. 
Nur durch Anwesenheit eines erfahrenen Personals in genügender 
Anzahl konnte diesen ganz ungewöhnlichen Schwierigkeiten begegnet 
werden. Die Zustimmung der Deputation Zu wesenklichcr Vermehrung 
des Personals auf dem Ueberwachungs- und dem Aufnahmchause 
hat es ermöglicht, etwas größere Sicherheit herzustellen, aber eine 
genügende Versorgung der in nicht vorherzusehender Weise, hier 
angehäuften Kranken dieser Art kann erst von der mit Benutzung der 
III. Anstalt (in Bucht namentlich des dort als besondere Abteilung 
hergestellten Verwahrungshauses verbundenen Verteilung derartiger 
Elemente erwartet werden. 
Gröbliche Unvorsichtigkeit freilich wie in dem Falle eines bekannten 
Hochstaplers macht jede Vorschrift wirkungslos. 
Hier hatte eine der vier Nachtwachen des Ueberwachungshauses 
gegen die ausdrückliche, auch schriftlich gegebenen Anweisung ohne 
Herbeirufung des nächsten Postens den Kranken aus dem für die 
Nacht ihm zugewiesenen Einzelzimmer herausgelassen, war von hinten 
mit der Decke umhüllt, durch Druck derselben auf das Gesicht bewußt- 
los gemacht, und der Schlüssel beraubt worden. 
Aber auch wo, wie aus den gewöhnlichen Häusern, eine so er- 
hebliche Gefährdung nicht in Frage kommt, ist allmählich das ältere 
Personal etwas zahlreicher und damit die Behandluug zuverlässiger 
geworden. 
Im Verhältnis zu den geschilderten Schwierigkeiten und grobe 
Verstöße bei einzelnen Personen nicht allzuhäufig zu rügen gewesen. 
Die erforderlichen Leistungen des Personals können nur gewonnen 
werden, wenn in der steten Sorgfalt, daß dem Einzelnen nicht zu viel 
zugemutet wird, daß stets ältere Kräfte den jüngeren zur Seite stehen 
und daß einerseits die schwierige Arbeit des Pflegers auch genügend 
anerkannt wird, andererseits ungeeignete Personen, die Schaden stiften 
können, alsbald entfernt werden, alle Kräfte zusammenwirken. 
Mehrere wichtige bauliche Verbesserungen wurden im Laufe des 
Jahres fertiggestellt, nämlich abgesehen von dem vor dem Eingänge 
gelegenen erwähnten Wohnhause für 4 verheiratete Angestellte ein 
neues Desinfektionsgebäude und die Erweiterung der Abwasch- und. 
Gemüseputzräume der Küche. 
Tie vermehrte Verwendung von Dauerbädern wurde durch Ver 
vollständigung der Einrichtungen ermöglicht. 
Eine Anzahl Selbstmordversuche bei Männern und Frauen 
konnten rechtzeitig vereitelt werden. 
Von erheblicheren Verletzungen wäre eine Verrenkung, die sich 
ein Kranker durch scherzhaftes Ringen mit einem anderen zuzog, 
zu erwähnen. 
Aus der Anstalt hatten' sich eigenmächtig 206 Männer und 
17 Frauen entfcrm, welche fast durchweg in den offenen und den 
Landhäusern sich befanden. 19 Männer und 3 Frauen kehrten von 
selbst zurück, 80 Männer und 9 Frauen wurden seitens der Polizei 
der Anstalt wieder zugeführt, während die übrigen 107 Männer und 
5 Frauen als entlassen angesehen wurden. 
Dauernd bettlägerig k. wie Verwaltungsbericht 1902: 
78 Männer, 54 Frauen. 
Mit Bettruhe re 66 - 145 
Die Zahl der in Einzelräumen vorübergehend befindlichen ist 
gegen früher noch verringert. Abgesehen von mehreren oft bestraften, 
zu Ausbrüchen und Gewalttätigkeiten geneigten, ihre Umgebung ge 
fährdenden Kranken, die lediglich aus Gründen der Sicherheit, nicht 
wegen unruhigen Verhaltens in Einzelräumen bleiben mußten, sind 
Isolierungen nur sehr selten vorgekommen und nicht über einige 
Stunden ausgedehnt worden. 
Beschäftigt konnten täglich durchschnittlich 371 Männer und 
190 Frauen werden. 
Am Gottesdienste nahmen durchschnittlich teil 90 Männer, 
54 Frauen, an den Gesangsübungen 21 Männer, 13 Frauen, und 
an den geselligen Abenden durchschnittlich 175 Männer, 80 Frauen. 
Die Gesamtzahl der Besucher von männlichen Kranken betrug 
19 320 gegen 16 924 des Vorjahres, die der weiblichen Kranken 
7 676 gegen 5 691 im Jahre 1902, in Summe 26 996. 
Von den zahlreichen Personen, welche sich freiwillig und ohne 
Ueberweisung zum ersten Male oder nach früherer Behandlung hier- 
selbst zur Aufnahme in die Anstalt meldeten, mußten fast die doppelte 
Anzahl gegen das Vorjahr: 82 (1902 44) zurückgewiesen werden, 
weil die Notwendigkeit der Aufnahme zur Vermeidung von Gesundheits- 
gesährdung ärztlicherseits nicht ohne weiteres hatte bescheinigt werden 
können. 
Auch in diesem Berichtsjahre wurde die Anstalt vielfach von 
einzelnen Personen, von Kommissionen und verschiedenen Gesellschaften 
besucht, die ihre Einrichtungen kennen zu lernen beabsichtigten. 
Allgemeiner Bericht. 
In der Zeit vom 1. April 1903 bis 31. März 1904 war die 
Gesamtbewegung: 
1903 
Männer 
! Frauen 
Personen 
A. Anstalt. 
Bestand am 31. März 1903 . . . 
667 
504 
1171 
Zugang bis 31. März 1904 . . . 
1654 
457 
2111 
zusammen 
2 321 
961 
3 282 
Abgang bis 31. März 1904 . . . 
1 629 
466 
2 095 
Bestand am 31. März 1904 . . . 
692 
495 
1187 
B. Familienpflege. 
Bestand am 31. März 1903 . . . 
99 
90 
189 
Zugang bis 31. März 1904 . . . 
70 
34 
104 
zusammen 
169 
124 
293 
Abgang bis 31. März 1904 . . . 
63 
47 
110 
Bestand am 31. März 1904 . . . 
106 
77 
183 
C. An Privatanstalten abgegeben. 
Bestand am 31. März 1903 . . . 
329 
245 
574 
Zugang bis 31. März 1904 . . . 
125 
73 
198 
zusammen 
454 
318 
772 
Abgang bis 31. März 1904 . . . 
112 ! 
49 
161 
Bestand am 31. März 1904 . . . 
342 
269 
611 
Gesamtbcstand am 31. März 1904. 
A. in der Anstalt 
692 
495 
1187 
B. - - Familienpflege .... 
106 
77 
188 
C. - Privatanstalten 
342 I 
269 
611 
zusammen 
1140 ! 
841 | 
1981 
Nach der Krankheitsforni gliedert sich die Bewegung in der Anstalt in folgender Weise: 
1903 
Einfache 
Seelenstörung 
Paralytische 
Seelenstörung 
Scelenstörung 
mit Epilepsie 
Idiotie und 
Imbezillität 
Delirium 
potatorum 
Nicht nachweis 
bar geisteskrank 
Zusammen 
M. 
Fr- 
Sa. 
M. | 
Fr. Sa, 
M. | 
Fr- 
Sa. 
M, | 
Fr- 
1 Sa. 
M. 
Fr- 
i Sa. 
M. ! Fr. ! Sa. 
M. 
Fr- 
Sa. 
Bestand am 31. März 1903 
463 
392 
855 
61 
51 112 
jel 
15 
61 
97 
44 
141 
2 
2 
667 
504 
1171 
Zugang bis 31. März 1904 
1256 
305 
1561 
104 
63 167 
175| 
35 
210 
llöj 
46 
161 
2 
8 
10 
2 1 2 
1 654 
457 
2111 
zusammen 
1719 
697 
2416 
1651 
1141 279 
221 
50 
271 
212! 
90 
302 
2 
10 
12 
2| — 1 2 
2 321 
961 
3 282 
Abgang bis 31.März 1904 
1188 
318)1 506 
12S( 
52) 175 
184j 
39 
223 
1301 
49 
179 
2 
8 
10 
2 — 2 
1629 
466 
2095 
Bestand am 31, März 1904 
631 
379 
910 
421 
62 1 104 
37| 
11 
48 
82 j 
41 
123 
2 
4 
-1 -l -1 
692 
495|l 187
	        
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