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Volume No. 19. Bericht der Deputation für die städtische Irrenpflege

Full text: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Issue 1900 (Public Domain)

Nr. 19. Städtische Irrenanstalten. 
28 
II. Bericht über die Irrenanstalt Herzberge in Lichtenberg 
Von dem ärztlichen Personal schieden aus: 
1. am 1. April 1900 Assistenzarzt Dr. Otto Meyer, um sich in 
Lübeck als Arzt für Nervenkranke niederzulassen, 
2. am 1. Mai 1900 Volontärarzt Dr. Marcus, 
8. am 19. Juli 1900 Volontärarzt Dr. Witte. 
Es traten ein: 
1. am 22. Mai 1900 Dr. Reis, bisher an der psychiatrischen 
Klinik in Heidelberg, als Assistenzarzt, 
2. am 10. Juli 1900 Dr. Rosse und 
3. am 1. Oktober 1900 Dr. Bloch, die letzteren beiden Herren 
als Volontärärzte. 
Das Büreanpersonal ist um eine Stelle vermehrt worden, da die 
Fülle der Arbeiten von den bisherigen Beamten nicht mehr bewältig! 
werden konnte. Es werden jetzt 8 Beamte und 1 Kanzlist hier 
beschäftigt. 
Der Bestand des Pflegepersonals betrug am 31. März 1900: 
100 Pfleger, 79 Pflegerinnen, 
Zugang .112 48 - 
zusammen 212 Pfleger, 127 Pflegerinnen. 
Abgang 103 46 - 
Bestand am 31. März 1901. . . 109 Pfleger, 81 Pflegerinnen. 
Der Bestand übersteigt den des Vorjahres um 9 Pfleger und 
2 Pflegerinnen. Dieser höhere Bestand namentlich beim männlichen 
Personal war hauptsächlich wegen der hohen Zahl der bestraften 
Kranken und der danach erforderlichen grötzeren Beanspruchung des 
Pflegepersonals nothwendig geworden. 
Das Ueberwachungshaus konnte die Zahl der hierher über- 
wiesenen mit dem Strafgesetz häufig in Konflikt gerathenen Kranken 
nicht mehr fassen, da uns eine Abgabe dieser Kranken an Privat 
anstalten in Folge behördlichen Einspruchs versagt ist. 
Es muß deshalb eine Anzahl derartiger Kranker im Aufnahme 
hause, als dem einzigen noch mit Sicherheitsvorrichtungen versehenen, 
belafien werden. Dies führt zu den erheblichsten Unzuträglichkeiten; 
es mußten, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, mehr Pfleger ein 
gestellt werden. Gleichwohl ist das Zusammensein dieser Kranken mit 
den übrigen auf die Dauer nicht angängig und sind deshalb von den 
städtischen Behörden die Mittel gewährt worden, um das Ueber 
wachungshaus durch Anbau thunlichst zu vergrößern. 
Eine Anzahl von Pflegern mußte wegen Dienstvergehen ohne 
Jnnehaltung der sonst vorgeschriebenen Kündigungsfrist entlaffen 
werden. 
Ein Pfleger, der von feinem Urlaub zurückkehrend, einem Kranken, 
der im Begriffe war, sich aus der Anstalt zu entfernen, mit seinem 
Spazierstock mehrere Schläge über Kopf und Rücken gab, wurde zu 
zu einer Haftstrafe verurtheilt. 
Der Unterrichts- und der Fortbildnngskursus ist auch in 
diesem Jahre von dem ersten Assistenzarzt Dr. Kaplan geleitet 
worden. Namentlich fördert die Besprechung bestimmter Krankheits- 
zeichen, die an einzelnen geeigneten Kranken vorgeführt werden, 
ungemein das Verständniß des Pflegepersonals für seine Aufgabe. 
Es entwickelt sich so eine viel bessere Anschauung des Wesens 
der Kranken, ihrer Eigenheiten, ihrer äußeren Erscheinung, 
ihrer Handlungen, und Fähigkeiten, ihrer Wünsche und Bedürfniffc. 
Es wird auf Grund der richtigeren Auffassung des an den Kranken 
Wahrgenonimcnen dem Pflegepersonal seine Aufgabe zweifellos er 
leichtert, ja gegenüber manchen Kranken das Innehalten der Selbst 
beherrschung und das theilnahmsvolle, aber ruhige Auftreten erst 
ermöglicht. 
Im Fortbildungskurse läßt sich auf der inzwischen erlangten Er- 
fahrung weiterbauen, um namentlich dem jüngeren Personale stets 
wirklich einsichtige und erprobte Pfleger zur Seite stellen zu können. 
Ohne durchgreifende Ausbildung der Pfleger in dieser Hinsicht wird 
eine genügende Fürsorge für die Kranken nicht erzielt. Freilich ist 
nicht jeder Pfleger auch für solche Ausbildung geeignet. Hoffen wir. 
daß der Durchschnitt sich von Jahr zu Jahr heben möge. 
Die Gesundheitsverhältnisse waren, soweit es sich um körper 
liche Erkrankungen handelt, günstige. Von epidemisch auftretenden 
Krankheiten ist die Anstalt, abgesehen von einigen Erystpelerkrankungen 
verschont geblieben. 
Selbstmorde waren auch in diesem Jahre nicht zu verzeichnen. 
12 Selbstmordversuche — 5 bei den Männern und 7 bei den Frauen — 
konnten rechtzeittg vereitelt werden. 
Ein mehrfach bestrafter Kranker, der bei einem Fluchtversuch aus 
dem I. Stockwerk sich herabließ, zog sich einen bald heilenden Knöchel 
bruch zu. Weitere Unglücksfälle waren nicht zu verzeichnen. 
Aus der Anstalt entfernten sich zeitweise eigenmächtig 228 Männer 
und 24 Frauen, fast alle aus den offenen Häusern und den Land 
häusern. Hiervon kehrten 25 Männer und 1 Frau alsbald zurück. 
Durch die Polizeibehörde wurden 63 Männer und 9 Frauen zurück 
geführt. die übrigen wurden entlassen. 
Dauernd völlig bettlägerig und zwar vorzugsweise wegen 
Störungen auf körperlichem Gebiet waren durchschnittlich täglich 
80 Männer und 30 Frauen. Mit Bettruhe wurden außerdem wegen 
ihres psychischen Zustandes täglich durchschnittlich 46 Männer und 
123 Frauen behandelt. 
In Einzelräumen waren durchschnittlich täglich 2,4 Männer und 
8 Frauen, die meisten von ihnen jedoch nur auf einige Stunden 
täglich untergebracht. Es ist dabei abgesehen von Absonderungen 
ruhiger und geordneter Kranker wegen Ansteckungsgefahr (akuter In 
fektionskrankheiten, Tuberkulose, Phlegmonen, Lues jc.) oder Besonder- 
heilen (entstellender Krebsleiden, Hautkrankheiten) oder der einzelner 
Gewohnheitsverbrecher, die nicht wegen störender Erregung, sondern 
nur zur Sicherheit gegen Entweichung zeitweilig in einem Einzel- 
zimmer mit gewöhnlicher Einrichtung belassen werden mußten. Die 
Zahl der Absonderungen wegen störender Erregung der Kranken ist 
im Ganzen gegen früher namentlich auf der Frauenseite noch ettvas 
vermindert. Die Zuführung von Alkoholisiert zum Theil im Delirium 
tremens steht einer weiteren Herabminderung der erfreulich niedrigen 
Zahl des Männerbestandes 0,3° v. H. entgegen. 
Beschäftigt konnten 354 Männer und 195 Frauen werden. 
Am Gottesdienste nahmen Theil durchschnittlich: 
87 Männer, 45 Frauen, 
am Gesänge 14 - 11 
an den geselligen Abenden . . 212 - 60 
Die Gesammtzahl der Besucher belief sich bei den Männern auf 
9852 und bei den Frauen aus 4 707. Die größeren geselligen Ver 
anstaltungen etwa alle 6 Wochen wurden gern besucht. An solchen 
Abenden erhallen die Kranken Thee mit Gebäck und Limonade. Es 
wurden Musikvorträgc gehalten und Theaterstücke gespielt, die von dem 
mit der Leitung des Gesanges betrauten Lehrer eingeübt waren. 
Die llnterhaltungsbibliothek hatte am Schluß des Berichtsjahres 
einen Bestand von 2 393 Büchern und wurde von den Kranken und 
Personal stark in Anspruch genommen. Die Musikaliensammlung 
wurde durch Ankauf und Geschenke vergrößert. Eine ehemalige 
Kranke hat der Anstalt eine Anzahl Bilder und Kupferstiche zum 
Geschenk gemacht. 
Von früher hier behandelten Kranken wurden während des 
Berichtsjahres 43 Männer, 17 Frauen in die Anstalt Dalldorf und 
7 Männer in die Anstalt Wuhlgarten aufgenommen. 
Von den Personen, die sich fteiwillig ohne eine Ueberweisung zur 
Aufnahme meldeten, mußten elf zurückgewiesen werden, weil die Noth 
wendigkeit der Aufnahme ärztlicherseits nicht ohne Weiteres festgestellt 
werden konnte. 
Die Anstalt wurde auch in diesem Jahre vielfach zur Besichtigung 
ihrer Einrichtungen von einzelnen Personen, Kommissionen, Vereinen 
und Gesellschaften besucht. 
Allgemeiner Bericht. 
In der Zeit vom 1. April 1900 bis 31. März 1901 war die 
Gesammtbcwegung folgende: 
1900 
Männer 
Frauen Personen 
A. Anstalt. 
Bestand am 31. März 1900 . . . 
675 
494 1 169 
Zugang bis 31. März 1901 . . . 
974 
381 j 1355 
zusammen 
1649 
875 | 2 524 
Abgang 1900 
986 
380 1 1 366 
Bestand am 31. März 1901 ... 
663 
495 ' 1158
	        
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