gegenüber den schwierigen Verhältnissen des JahreS 1875, dem Einfluß
der beginnenden Geschäftsstille und im Zusammenhange damit, dem
Rückgänge der Wohlhabcnhcitsverhältniffe eines großen Theils der Bevölkerung,
Schwierigkeiten, welche durch den Wegfall einer bedeutenden Einnahmequelle
unserer Stadt, der Mahl- und Schlachtsteuer, gesteigert wurden,
müssen die Resultate der städtischen Verwaltung sehr befriedigend
genannt werden. Denn auf den verschiedensten Gebieten derselben fand
nicht nur eine gedeihliche Fortentwickelung der städtischen Anstalten und
Einrichtungen statt, sondern für die wichtigsten Aufgaben der Communal»
Verwaltung, namentlich in der Erweiterung der städtischen Schulanstalten
und der Ausdehnung der Canalisirungs- und Wasserversorgungs-Arbeiten
sind gerade in diesem Jahre recht bedeutende Fortschritte zu verzeichnen,
ohne daß deshalb eine erheblich höhere Inanspruchnahme der Einwohnerschaft
erforderlich gewesen wäre. Die wesentlichsten dieser Fortschritte und
die Aenderungen, welche in den einzelnen Berwaltungszweigen vorgekommen
sind, werden in den bezüglichen Specialberichten erwähnt.
Im Personalbestand der städtischen Behörden traten im Jahre 1875
folgende Veränderungen ein: Beim Magistratscollegium schied der Stadtschulrath
Hofmann aus (er war zum Director des Berlinischen Gymnasiums
ernannt); neu traten ein die Herren Stadträthe Hermes,
Hahn, Wolfs, Walcker, Romstädt. Zum Ehrenbürger wurde durch
Beschluß beider städtischen Behörden der frühere Stadtverordneten-Vorsteher
Herr Kochhann ernannt, zu Stadtältesten die bisherigen Stadträrhe
vr. Noht, Krug, Schneider, Friedberg und vr. Hosmann.
Bei der Stadtverordneten-Versammlung schieden aus die Herren Stadtverordneten
Gneist, Wedding, Rust, Sonntag, Halske, Koch.
Hann, Rosenthal, Wilhelm:, Büttner, Schneitler, Romst-ädt;
durch den Tod verlor die Versammlung zwei Mitglieder, die Herren vr.
Göschen und Winsch. — Neu traten in die Versammlung ein die
Herren Stadtverordneten Paulsen, Eger, Leddihn, Liebermann,
Jacobs, Jürst, Roeseler, Schnitze, vr. Kosmann, Solf,
Gericke, Kühn, vr. Langcrhans, Hartmann. Im Jahre 1875
fanden 48 öffentliche und 35 nicht öffentliche Sitzungen der Stadtverordneten-Versammlung
statt. — Die Zahl der eingegangenen Sachen betrug
2616, von denen 111 unerledigt blieben, darunter 43 Wahlsachen. —
Zur Vorberathung einzelner Angelegenheiten wurden von der Stadtverordneten-Versammlung
gewählt 34 Ausschüffc und zwar 27 aus der Mitte
der Versammlung und 7 gemischte Deputationen.
Die Verhandlungen über die Bildung einer Provinz Berlin und über
die neue Städteordnung waren während dieses Jahres im Gange, haben
jedoch in den gesetzgebenden Factoren zu einem Resultat nicht geführt. —
Als ein wichtiges Ereigniß für die ganze Stadt im Jahre 1875 ist die
Ermittelung der Einwohnerzahl und ihrer Eigenschaften durch die Zählung
am I. December anzusehen. Die Ausführung geschah mittelst Individual»
Zählkarten, auf welchen nach Alter und Geschlecht, Civilstand, Religionsbekenntniß,
Staatsangehörigkeit, Wohn- und Geburtsort, Jahr des Zuzuges,
Berufsstand und Arbeitsstellung jedes einzelnen Anwesenden gefragt wurde.
— Neben diesen Zählkarten wurden auch Verzeichnisse der An- und Abwesenden
nebst Angabe des Verhältnisses zum Haushaltungsvorstand hier
ebenso wie im ganzen Staat aufgestellt; dazu traten noch Wohnungsund
Grundstückskarten, welche für die diesmalige Aufnahme gleichfalls
beschlossen waren. ,Mit dieser Volkszählung wurde die Aufnahme einer
Gewerbestatistik für 'das ganze Reich verbunden, welche sich auf die Zahl
der in den einzelnen Gewerbebetrieben beschäftigten Personen nach bestimmten
Unterabthcilungen, sowie die Zahl und Art der Motoren und Arbeitsvorrichtungen
in jedem Haupterwerbszweige bezog.
Behufs Ausführung der Volks- und Gewerbczählung wurde durch
Beschluß der Communalbehörden vom 3./9. September eine gemischte
Commission, bestehend aus 4 Magistratsmitgliedern und 8 Stadtverordneten,
niedergesetzt, welche unter Hinzuziehung des vom König!. Polizei-Präsidium
ernannten Commiffars, Regierungsrath Tellemann, und des
Direktors des städtischen statistischen Büreaus, die Ausführung sämmtlicher
BolkSzählungs-Arbeiten sofort übernahm. Die Commission trat am 22.
Dctober zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Das geeignete Zählpersonal
wurde dadurch gewonnen, daß außer 60 Revierdeputirten und ebenso viel
Stellvertretern derselben aus der Bürgerschaft noch hinzutraten 2329 DistriktScommiffarien
und 10,253 Zählungsrevisoren, — gegen 6006 bei der
Zählung von 1864, 6685 bei der von 1867 und 7000 bei der von 1871.
Im Durchschnitt kamen bei dieser Zählung auf einen Zähler 1,7 Häuser,
20,7 Haushaltungen und 93 Einwohner. Nur die Schiffsbevölkerung
wurde Seitens des Polizei-Präsidiums gezählt.
Die Kosten der eigentlichen Ausführung stellten sich auf 19,335 Mk.
(darunter für Drucksachen (Formulare) 4469 Alk., Büreaukostcn der Volkszählungsabtheilung
874 Mk., Diäten für das Personal der Volkszählungsabtheilung
4175 Mk., Jvsertionskosten 1044 Mk. rc.). — Bis zum Schluß
des Jahre« waren für die Volkszählung überhaupt verausgabt 22,022
Mark (darunter an Diäten für Hülssarbeiter 7254 Mk.). Die Prüfung
der Richtigkeit der Zählungsmaterialien nahm die Zeit bis zum 15. April
1876 in Anspruch; in Folge dessen sind seit dem 1. Januar 1876 über-Haupt
23,878 Mk. Kosten (darunter für HülfSarbeiter 21,346 Mk.) entstanden.
Die Kosten der Volkszählung bis zum 15. April berechnen sich
also auf im Ganzen 45,900 Mk.
WaS das Resultat der Zählung anlangt, so ist zu bemerken, daß.
nachdem das vorläufige Resultat durch Rückfrage beim Zählpersonal am
5. December mit einer Kopfzahl von 964,755 publicirt war, nach Eingang
der Zählungsmaterialien aus den Controllisten die Einwohnerzahl
durch daS Büreau genauer festgestellt und für sämmtliche Stadtbezirke durch
Nr. 1 deS CommunalblattS für 1876 bekannt gemacht wurde.
Die ermittelte Zahl betrug: 968,634 (486,778 männlich, 481,856
weiblich), während die später festgestellte definitive Berechnung 966,858 Seelen,
nämlich 485,655 männlich, 481,203 weiblich, ergab. Diese letzte Feststellung
der Bcvölkerungszahl konnte erst nach der vollständigen Durcharbeitung
der Jndividual-Zählkarten stattfinden. — Zur Erledigung der
sehr zahlreichen Recherchen (20,809 gegen 5334 bei der vorigen Zählung)
mußten auch diesmal dem Königlichen Polizei-Prästdium die unvollständigen
Karten übermittelt werden.
Die hinsichtlich der Bewegung der Bevölkerung auf Grund der Zählkarten
der Standesämter aufgestellten wöchentlichen und monatlichen Uebersichten
haben vom 1. Januar 1876 ab erhebliche Aenderungen erfahren.
Die Zahl der standesamtlichen Eintragungen betrug im Jahre 1875 88,430,
und zwar 14,535 Eheschließungen, 42,708 Geburtcnfälle (40,860 Lebendgeborene
und 1818 Todtgeboreae), 31,187 Sterbefälle. Die Bearbeitung
aller standesamtlichen Aufzeichnungen geschah durch das statistische Büreau,
und zwar bis Ende des Jahres 1875 nach der Zeit der Eintragung;
fortab wird sie aber nach dem Datum des Falls gemacht, was auch für
die Hauptergebniffe pro 1875 nachträglich geschieht; ferner werden die
Karten der Sterbefälle hinsichtlich der Todesursache nach den polizeilichen
Todtenscheinen rcctificirt. — Die Leitung des statistischen Büreau« ging
Ende Juni auf den Regierungsrath Böckh, das älteste Mitglied des
Königl. Preuß. statistischen Büreaus, über. — Die Deputation für Statistik
hat für das Jahr 1875 zum eisten Mal einen Bericht veröffentlicht. Nach
demselben erstreckte sich die Thätigkeit des Büreaus vornehmlich auf die
Sammlung und systematische Ordnung alles auf die Stadt und insbesondere
deren Verwaltung bezüglichen Materials, sowie aus die Bewegung der
Bevölkerung. In letzterem Punkte ist eine Erweiterung der Arbeiten insofern
eingetreten, als seit dem November die bisher ausschließlich beim Königlichen
Polizeipräsidium bearbeitete Sterblichkeitsstatistik, sowie die Listen
der An- und Abmeldungen vom städtischen statistischen Büreau übernommen
worden sind, woselbst auch die früher vom Königlichen Polizeipräsidium
geführten Hausmortalitätstabellen vom Juni 1875 ab auf dem Laufenden
erhalten werden.
I.
Die städtische Grundeigenthums-Deputation hat auch im
Jahre 1875 die bisher schon zu ihrem Reffort gehörigen Verwaltung«-geschäfte,
welche aber nach manchen Richtungen hm eine Erweiterung erfahren
haben, erledigt. Namentlich hat sie sich auch wiederholt mit der
Frage beschäftigt, in welcher Weise der städtische Besitz nutzbarer gemacht,
und gewisse werthvollcre, für städtische Zwecke nicht verwendbare Grundstücke
Vortheilhaft veräußert werden können.
Außerordentliche Geschäfte lagen ihr nicht häufig vor. Die Verhandlungen
wegen Constituirung der Colonie Treptow mit Marienthal und
den Lohmühlen zu einer selbständigen Landgemeinde haben schließlich zur
Vereinbarung eines Receß-Entwurfes geführt, auf Grund deffen im Jahre
1876 die Gemeinde ins Leben getreten ist. Dagegen haben die Verhandlungen
über die Bildung einer Gemeinde Rummelsburg noch nicht beginnen
können, obwohl diese Gemeinde mit einer viel größeren Bevölkerung in»
Leben treten könnte als Treptow. An Privatpersonen sind in dem bezeichneten
Jahre zusammen zehn Grundstücke für 893,907 Mark verkauft
worden. Der Erlös ist dem GrundstückS-ErwerbungS-FondS zugeflossen.
An Miethen von den städtischen mit Gebäuden versehenen Grund,
stücken innerhalb der Stadt sind im Jahre 1875 197,753 Mk. 29 Pf.
erwachsen, wovon indeß am Schluffe des Jahres 1407 Mk. 47 Pf. Rest
blieben. Im Jahre 1874 betrugen die Einnahmen nur 168,567 Mk.
69 Pf., mithin war pro 1875 eine Mehreinnahme von 29,186 Mk.,
welche sich, da durch den Verkauf des Hauses Joachimstr. 1 ein Miethüausfall
entstanden ist, überhaupt aus 30,196 Mk. berechnet.
Die Holz- und Lagerstätten haben im Jahre 1875, obwohl einzelne
Parzellen als Bauplätze ausgelegt und veräußert worden sind, an Miethe
107,284 Mk.
also gegen 1874 ein PluS von 8,053 •
ergeben.
Der von verschiedenen, von dem ehemaligen Koppenkirchhof abgezweigten
Grundstücken an die Stadtgemeinde zu entrichtende Zins betrug im
Jahre 1875 noch 250 Mk. 90 Pf. Derselbe wird auf Grund eines vor
mehreren Jahren gefaßten Gemeindebeschluffes nach und nach zur Ablösung
gebracht.