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Band No. I. Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin pro 1876 (Haupt-Verwaltungsbericht)

Volltext : Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin (Public Domain) Ausgabe 1876 (Public Domain)

gegenüber  den  schwierigen  Verhältnissen  des  JahreS  1875,  dem  Einfluß ­
  der  beginnenden  Geschäftsstille  und  im  Zusammenhange  damit,  dem
Rückgänge  der  Wohlhabcnhcitsverhältniffe  eines  großen  Theils  der  Bevölkerung, ­
  Schwierigkeiten,  welche  durch  den  Wegfall  einer  bedeutenden  Einnahmequelle ­
  unserer  Stadt,  der  Mahl-  und  Schlachtsteuer,  gesteigert  wurden, ­
  müssen  die  Resultate  der  städtischen  Verwaltung  sehr  befriedigend
genannt  werden.  Denn  auf  den  verschiedensten  Gebieten  derselben  fand
nicht  nur  eine  gedeihliche  Fortentwickelung  der  städtischen  Anstalten  und
Einrichtungen  statt,  sondern  für  die  wichtigsten  Aufgaben  der  Communal»
Verwaltung,  namentlich  in  der  Erweiterung  der  städtischen  Schulanstalten
und  der  Ausdehnung  der  Canalisirungs-  und  Wasserversorgungs-Arbeiten
sind  gerade  in  diesem  Jahre  recht  bedeutende  Fortschritte  zu  verzeichnen,
ohne  daß  deshalb  eine  erheblich  höhere  Inanspruchnahme  der  Einwohnerschaft ­
  erforderlich  gewesen  wäre.  Die  wesentlichsten  dieser  Fortschritte  und
die  Aenderungen,  welche  in  den  einzelnen  Berwaltungszweigen  vorgekommen
sind,  werden  in  den  bezüglichen  Specialberichten  erwähnt.
Im  Personalbestand  der  städtischen  Behörden  traten  im  Jahre  1875
folgende  Veränderungen  ein:  Beim  Magistratscollegium  schied  der  Stadtschulrath ­
  Hofmann  aus  (er  war  zum  Director  des  Berlinischen  Gymnasiums ­
  ernannt);  neu  traten  ein  die  Herren  Stadträthe  Hermes,
Hahn,  Wolfs,  Walcker,  Romstädt.  Zum  Ehrenbürger  wurde  durch
Beschluß  beider  städtischen  Behörden  der  frühere  Stadtverordneten-Vorsteher
  Herr  Kochhann  ernannt,  zu  Stadtältesten  die  bisherigen  Stadträrhe
  vr.  Noht,  Krug,  Schneider,  Friedberg  und  vr.  Hosmann.
Bei  der  Stadtverordneten-Versammlung  schieden  aus  die  Herren  Stadtverordneten ­
  Gneist,  Wedding,  Rust,  Sonntag,  Halske,  Koch.
Hann,  Rosenthal,  Wilhelm:,  Büttner,  Schneitler,  Romst-ädt;
durch  den  Tod  verlor  die  Versammlung  zwei  Mitglieder,  die  Herren  vr.
Göschen  und  Winsch.  —  Neu  traten  in  die  Versammlung  ein  die
Herren  Stadtverordneten  Paulsen,  Eger,  Leddihn,  Liebermann,
Jacobs,  Jürst,  Roeseler,  Schnitze,  vr.  Kosmann,  Solf,
Gericke,  Kühn,  vr.  Langcrhans,  Hartmann.  Im  Jahre  1875
fanden  48  öffentliche  und  35  nicht  öffentliche  Sitzungen  der  Stadtverordneten-Versammlung ­
  statt.  —  Die  Zahl  der  eingegangenen  Sachen  betrug
2616,  von  denen  111  unerledigt  blieben,  darunter  43  Wahlsachen.  —
Zur  Vorberathung  einzelner  Angelegenheiten  wurden  von  der  Stadtverordneten-Versammlung ­
  gewählt  34  Ausschüffc  und  zwar  27  aus  der  Mitte
der  Versammlung  und  7  gemischte  Deputationen.
Die  Verhandlungen  über  die  Bildung  einer  Provinz  Berlin  und  über
die  neue  Städteordnung  waren  während  dieses  Jahres  im  Gange,  haben
jedoch  in  den  gesetzgebenden  Factoren  zu  einem  Resultat  nicht  geführt.  —
Als  ein  wichtiges  Ereigniß  für  die  ganze  Stadt  im  Jahre  1875  ist  die
Ermittelung  der  Einwohnerzahl  und  ihrer  Eigenschaften  durch  die  Zählung
am  I.  December  anzusehen.  Die  Ausführung  geschah  mittelst  Individual»
Zählkarten,  auf  welchen  nach  Alter  und  Geschlecht,  Civilstand,  Religionsbekenntniß, ­
  Staatsangehörigkeit,  Wohn-  und  Geburtsort,  Jahr  des  Zuzuges,
Berufsstand  und  Arbeitsstellung  jedes  einzelnen  Anwesenden  gefragt  wurde.
—  Neben  diesen  Zählkarten  wurden  auch  Verzeichnisse  der  An-  und  Abwesenden ­
  nebst  Angabe  des  Verhältnisses  zum  Haushaltungsvorstand  hier
ebenso  wie  im  ganzen  Staat  aufgestellt;  dazu  traten  noch  Wohnungsund
  Grundstückskarten,  welche  für  die  diesmalige  Aufnahme  gleichfalls
beschlossen  waren.  ,Mit  dieser  Volkszählung  wurde  die  Aufnahme  einer
Gewerbestatistik  für  'das  ganze  Reich  verbunden,  welche  sich  auf  die  Zahl
der  in  den  einzelnen  Gewerbebetrieben  beschäftigten  Personen  nach  bestimmten ­
  Unterabthcilungen,  sowie  die  Zahl  und  Art  der  Motoren  und  Arbeitsvorrichtungen
  in  jedem  Haupterwerbszweige  bezog.
Behufs  Ausführung  der  Volks-  und  Gewerbczählung  wurde  durch
Beschluß  der  Communalbehörden  vom  3./9.  September  eine  gemischte
Commission,  bestehend  aus  4  Magistratsmitgliedern  und  8  Stadtverordneten, ­
  niedergesetzt,  welche  unter  Hinzuziehung  des  vom  König!.  Polizei-Präsidium
  ernannten  Commiffars,  Regierungsrath  Tellemann,  und  des
Direktors  des  städtischen  statistischen  Büreaus,  die  Ausführung  sämmtlicher
BolkSzählungs-Arbeiten  sofort  übernahm.  Die  Commission  trat  am  22.
Dctober  zu  ihrer  ersten  Sitzung  zusammen.  Das  geeignete  Zählpersonal
wurde  dadurch  gewonnen,  daß  außer  60  Revierdeputirten  und  ebenso  viel
Stellvertretern  derselben  aus  der  Bürgerschaft  noch  hinzutraten  2329  DistriktScommiffarien
  und  10,253  Zählungsrevisoren,  —  gegen  6006  bei  der
Zählung  von  1864,  6685  bei  der  von  1867  und  7000  bei  der  von  1871.
Im  Durchschnitt  kamen  bei  dieser  Zählung  auf  einen  Zähler  1,7  Häuser,
20,7  Haushaltungen  und  93  Einwohner.  Nur  die  Schiffsbevölkerung
wurde  Seitens  des  Polizei-Präsidiums  gezählt.
Die  Kosten  der  eigentlichen  Ausführung  stellten  sich  auf  19,335  Mk.
(darunter  für  Drucksachen  (Formulare)  4469  Alk.,  Büreaukostcn  der  Volkszählungsabtheilung ­
  874  Mk.,  Diäten  für  das  Personal  der  Volkszählungsabtheilung
  4175  Mk.,  Jvsertionskosten  1044  Mk.  rc.).  —  Bis  zum  Schluß
des  Jahre«  waren  für  die  Volkszählung  überhaupt  verausgabt  22,022
Mark  (darunter  an  Diäten  für  Hülssarbeiter  7254  Mk.).  Die  Prüfung
der  Richtigkeit  der  Zählungsmaterialien  nahm  die  Zeit  bis  zum  15.  April

1876  in  Anspruch;  in  Folge  dessen  sind  seit  dem  1.  Januar  1876  über-Haupt
  23,878  Mk.  Kosten  (darunter  für  HülfSarbeiter  21,346  Mk.)  entstanden. ­
  Die  Kosten  der  Volkszählung  bis  zum  15.  April  berechnen  sich
also  auf  im  Ganzen  45,900  Mk.
WaS  das  Resultat  der  Zählung  anlangt,  so  ist  zu  bemerken,  daß.
nachdem  das  vorläufige  Resultat  durch  Rückfrage  beim  Zählpersonal  am
5.  December  mit  einer  Kopfzahl  von  964,755  publicirt  war,  nach  Eingang ­
  der  Zählungsmaterialien  aus  den  Controllisten  die  Einwohnerzahl
durch  daS  Büreau  genauer  festgestellt  und  für  sämmtliche  Stadtbezirke  durch
Nr.  1  deS  CommunalblattS  für  1876  bekannt  gemacht  wurde.
Die  ermittelte  Zahl  betrug:  968,634  (486,778  männlich,  481,856
weiblich),  während  die  später  festgestellte  definitive  Berechnung  966,858  Seelen,
nämlich  485,655  männlich,  481,203  weiblich,  ergab.  Diese  letzte  Feststellung
  der  Bcvölkerungszahl  konnte  erst  nach  der  vollständigen  Durcharbeitung ­
  der  Jndividual-Zählkarten  stattfinden.  —  Zur  Erledigung  der
sehr  zahlreichen  Recherchen  (20,809  gegen  5334  bei  der  vorigen  Zählung)
mußten  auch  diesmal  dem  Königlichen  Polizei-Prästdium  die  unvollständigen ­
  Karten  übermittelt  werden.
Die  hinsichtlich  der  Bewegung  der  Bevölkerung  auf  Grund  der  Zählkarten ­
  der  Standesämter  aufgestellten  wöchentlichen  und  monatlichen  Uebersichten ­
  haben  vom  1.  Januar  1876  ab  erhebliche  Aenderungen  erfahren.
Die  Zahl  der  standesamtlichen  Eintragungen  betrug  im  Jahre  1875  88,430,
und  zwar  14,535  Eheschließungen,  42,708  Geburtcnfälle  (40,860  Lebendgeborene
  und  1818  Todtgeboreae),  31,187  Sterbefälle.  Die  Bearbeitung
aller  standesamtlichen  Aufzeichnungen  geschah  durch  das  statistische  Büreau,
und  zwar  bis  Ende  des  Jahres  1875  nach  der  Zeit  der  Eintragung;
fortab  wird  sie  aber  nach  dem  Datum  des  Falls  gemacht,  was  auch  für
die  Hauptergebniffe  pro  1875  nachträglich  geschieht;  ferner  werden  die
Karten  der  Sterbefälle  hinsichtlich  der  Todesursache  nach  den  polizeilichen
Todtenscheinen  rcctificirt.  —  Die  Leitung  des  statistischen  Büreau«  ging
Ende  Juni  auf  den  Regierungsrath  Böckh,  das  älteste  Mitglied  des
Königl.  Preuß.  statistischen  Büreaus,  über.  —  Die  Deputation  für  Statistik
hat  für  das  Jahr  1875  zum  eisten  Mal  einen  Bericht  veröffentlicht.  Nach
demselben  erstreckte  sich  die  Thätigkeit  des  Büreaus  vornehmlich  auf  die
Sammlung  und  systematische  Ordnung  alles  auf  die  Stadt  und  insbesondere
deren  Verwaltung  bezüglichen  Materials,  sowie  aus  die  Bewegung  der
Bevölkerung.  In  letzterem  Punkte  ist  eine  Erweiterung  der  Arbeiten  insofern
eingetreten,  als  seit  dem  November  die  bisher  ausschließlich  beim  Königlichen ­
  Polizeipräsidium  bearbeitete  Sterblichkeitsstatistik,  sowie  die  Listen
der  An-  und  Abmeldungen  vom  städtischen  statistischen  Büreau  übernommen
worden  sind,  woselbst  auch  die  früher  vom  Königlichen  Polizeipräsidium
geführten  Hausmortalitätstabellen  vom  Juni  1875  ab  auf  dem  Laufenden
erhalten  werden.
I.
Die  städtische  Grundeigenthums-Deputation  hat  auch  im
Jahre  1875  die  bisher  schon  zu  ihrem  Reffort  gehörigen  Verwaltung«-geschäfte,
  welche  aber  nach  manchen  Richtungen  hm  eine  Erweiterung  erfahren ­
  haben,  erledigt.  Namentlich  hat  sie  sich  auch  wiederholt  mit  der
Frage  beschäftigt,  in  welcher  Weise  der  städtische  Besitz  nutzbarer  gemacht,
und  gewisse  werthvollcre,  für  städtische  Zwecke  nicht  verwendbare  Grundstücke
  Vortheilhaft  veräußert  werden  können.
Außerordentliche  Geschäfte  lagen  ihr  nicht  häufig  vor.  Die  Verhandlungen ­
  wegen  Constituirung  der  Colonie  Treptow  mit  Marienthal  und
den  Lohmühlen  zu  einer  selbständigen  Landgemeinde  haben  schließlich  zur
Vereinbarung  eines  Receß-Entwurfes  geführt,  auf  Grund  deffen  im  Jahre
1876  die  Gemeinde  ins  Leben  getreten  ist.  Dagegen  haben  die  Verhandlungen ­
  über  die  Bildung  einer  Gemeinde  Rummelsburg  noch  nicht  beginnen
können,  obwohl  diese  Gemeinde  mit  einer  viel  größeren  Bevölkerung  in»
Leben  treten  könnte  als  Treptow.  An  Privatpersonen  sind  in  dem  bezeichneten ­
  Jahre  zusammen  zehn  Grundstücke  für  893,907  Mark  verkauft
worden.  Der  Erlös  ist  dem  GrundstückS-ErwerbungS-FondS  zugeflossen.
An  Miethen  von  den  städtischen  mit  Gebäuden  versehenen  Grund,
stücken  innerhalb  der  Stadt  sind  im  Jahre  1875  197,753  Mk.  29  Pf.
erwachsen,  wovon  indeß  am  Schluffe  des  Jahres  1407  Mk.  47  Pf.  Rest
blieben.  Im  Jahre  1874  betrugen  die  Einnahmen  nur  168,567  Mk.
69  Pf.,  mithin  war  pro  1875  eine  Mehreinnahme  von  29,186  Mk.,
welche  sich,  da  durch  den  Verkauf  des  Hauses  Joachimstr.  1  ein  Miethüausfall
  entstanden  ist,  überhaupt  aus  30,196  Mk.  berechnet.
Die  Holz-  und  Lagerstätten  haben  im  Jahre  1875,  obwohl  einzelne
Parzellen  als  Bauplätze  ausgelegt  und  veräußert  worden  sind,  an  Miethe
107,284  Mk.
also  gegen  1874  ein  PluS  von  8,053  •
ergeben.
Der  von  verschiedenen,  von  dem  ehemaligen  Koppenkirchhof  abgezweigten ­
  Grundstücken  an  die  Stadtgemeinde  zu  entrichtende  Zins  betrug  im
Jahre  1875  noch  250  Mk.  90  Pf.  Derselbe  wird  auf  Grund  eines  vor
mehreren  Jahren  gefaßten  Gemeindebeschluffes  nach  und  nach  zur  Ablösung
gebracht.
            
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