Publication:
1877
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-12808149
Path:

Verwaltungs-Bericht
des
Magistrats zu Gerlin
pro
1 8 7 6.
JV Xa.
Bericht
über
die Verwaltung des städtischen Baracken-Lazareths zu Moabit.
DaS Baracken-Lazareth besteht aus einem Verwaltungsgebäude, einer
Kochküche, einer Waschküche, einem Maschinenhause, einem DeSinfectionS-
hause, einem Portierhause, zwei Schuppen, einem Leichenhause und 24 Ba
racken, von denen letzteren 16 im Jahre 1872, und zwar zusammen mit
den Wirthschastsgebäuden, in der Zeit vom 1. Januar bis zum 1. April,
die übrigen 8 im Sommer 1873 erbaut sind.
Die Baracken sind in Form eines langgezogenen Hufeisens aufgestellt,
dessen offene Seite von dem Maschinenhause geschlossen wird, und bedecken
mit den Wirthschastsgebäuden zusammen einen Flächenraum von ca. 30
Morgen Land. Die Heizung der Baracken, sowie der Betrieb in der
Koch- und Waschküche erfolgt vom Maschinenhause au-4 durch Dampf,
welcher in zwei Meter unter der Erdoberfläche verlaufenden Röhren den
betreffenden Gebäuden zugeführt wird. Der die Baracken versorgende Theil
der Dampfleitung, der zur Heizung sowie zur Herstellung des warmen
Badewasiers bestimmt ist, umkreist, vom Maschinenhause ausgehend, in
einem starken Hauptstrange die Baracken auf ihrer Rückseite, wobei er einer
jeden durch Zweigröhren den nöthigen Dampf abgiebt. Von drei zu drei
Baracken befindet sich im Hauptrohr ein Schieber, dessen Schluß ein weiteres
Vordringen deS Dampfes verhindert; sollen also die vom Maschinenhause
am weitesten entfernten Baracken mit Dampf versorgt werden, so ist es
Nothwendig, daS gesammte Hauptrohr, welches einen Durchmesser von
4 Zoll im Lichten hat, zuvor mit Dampf anzufüllen. Ehe der Dampf
in den letzten Baracken mit dem zur Heizung nöthigen Hitzegrad einströmt,
muß er zuvor die Wandungen deS Hauptrohres und auch noch einen Theil
tes daffelbe umgebenden Erdreichs erwärmen, da bei seiner Berührung mit
den kalten Seitcnwänden ein großer Theil des Dampfes zu Wasser con-
densirt und dadurch sein Wärmegrad heruntergedrückt wird. Es ist also
klar, daß ein um so größeres Volumen Dampf erzeugt und ein um so
höherer Atmosphärendruck erzielt, d. h. die Heizung selbst eine bedeutend
kostspieligere werden muß, je weiter die mit Dampf zu versorgende Baracke
vom Maschinenhause entfernt ist.
Bei der am 11. Mai 1872 erfolgten Eröffnung des Lazareths wur
den zunächst diejenigen kranken Kinder aufgenommen, welche, den im Ar
beitshause untergebrachten obdachlosen Familien angehörig, im Lazareth des
Arbeitshauses keinen Raum fanden. Die Gesamwtzahl der bis Mitte
September c. a. recipirten Patienten betrug 140. Im Hallst des Jahres
1872 trat der Unterleibstyphus in solchem Maße in Berlin auf, daß die
Charils, der bisher die städtischen Kranken überwiesen wurden, in kurzer
Zeit überfüllt war und es nothwendig wurde, auch das Baracken-Lazareth
mit erwachsenen Kranken zu belegen. Wie groß damals der Andrang
war, geht daraus hervor, daß in der kurzen Zeit von drei Monaten bis
zum Schluffe des Jahres 1872 nicht weniger als 463 Kranke hier auf
genommen wurden, und daß an einem einzigen Tage — dem 15. October
1872 — 60 Kranke Aufnahme fanden. Noch überfüllter wurde das La-
zareth, als im darauf folgenden Jahre im Monat Januar die Febris re-
cnrrens und im Februar der Flecktyphus epidemisch auftraten. In kllr-
^sier Zeit waren sämmtliche Baracken (damals 16 an der Zahl) mit
»ranken belegt und wurde eS nöthig, alle irgendwie zur Aufnahme von
»ranken geeigneten Räumlichkeiten, wie z. B. die großen Trockensäle in
Mit Nr. So. de« Somm.-BI. 1871 aurgcgebe«.
der Waschküche, zu Krankenstuben einzurichten; betrug doch der höchste
Bestand am 12. April 562 Patienten, während sämmtliche 16 Baracken
(die Baracke für 30 Betten berechnet) zur Aufnahme von nur 480 Kran
ken bestimmt waren. Bei dem plötzlichen Andränge (beim Beginn kamen
20—34 Patienten täglich) und bei der Uebelfüllung sämmtlicher übrigen
Krankenhäuser wären der Stadt sicherlich enorme Unkosten für die Unter
bringung aller Kranken erwachsen, wenn sie nicht daS Baracken-Lazareth
befeffen hätte. Im Ganzen wurden hier im Jahre 1873 1515 Patienten
behandelt. Während des Jahres 1874 war das Lazareth nur in den
ersten Monaten belegt und betrug die Gesamwtzahl der Kranken nur 32.
Bis zum August 1875 stand daS Lazareth vollständig leer, in den letzten
5 Monaten dieses Jahres wurden noch 315 Patienten aufgenommen, so
daß im Ganzen bis zum 1. Januar 1876 im diesseitigen La
zarelh 2465 Kranke behandelt worden sind.
Im vergangenen EtatSjahre sind Etats - Ueberschreitungen vorgekom
men, deren Motivirung die erste Aufgabe dieses Berichtes bilden soll. Die
Mehrausgaben sind bedingt theils durch bauliche, theils durch Witte-
rungS- und sanitäre Verhältnisse.
Laut Communalbeschluß sollte das Lazareth im Jahre 1876 mit
durchschnittlich täglich 150 Kranken belegt werden, mit der Maßgabe,
öfters in der Belegung der einzelnen Baracken zu wechseln und so nach
und nach jede Baracke in Benutzung zu ziehen, eine Maßregel, welche um
so mehr geboten war, als bei der leichten Bauart der Baracken (in Fach
werk mit einem halben Stein Breite) und bei der mangelhaften Bau-
Ausführung eines großen Theiles derselben (2/, wurden in der Zeit vom
1. Januar bis 1. April 1872 in großer Hast erbaut), ein vollständiger
Verfall derselben zu befürchten stand, wenn nicht durch ihre Belegung für
genaue Reinigung rc. gesorgt wurde. Es wurde also nothwendig, auch
die entfernteren Baracken zu belegen, und hierdurch wurden wieder die
Heizungskosten derartig vergrößert, daß auch bei stärkerer Belegung des
Lazareths die Unkosten im Verhältniß nicht viel mehr betragen, für den
einzelnen Kranken sich also bedeutend billiger gestellt haben würden.
Bei der leichten Bauart unserer Lazarethgebäude ist eS ferner leicht
erklärlich, daß sich nie ein auch nur annähernd genauer Etat für bauliche
Reparaturen u. s. w. aufstellen läßt, da derselbe von Jahr zu Jahr immer
größere Ausdehnung erfahren muß, wenn nicht durch vollständige Belegung
des Lazareths, Verlegung des Maschinenhause« in die Mitte der zu hei
zenden Circumferenz (also radiär von ihm ausgehender Dampfleitung)
und gründliche Reparatur unserer Baulichkeiten wenigstens annähernd
normale Verhältniffe geschaffen werden.
Alle diese durch die Art unserer BaulichkcitSverhältniffe bedingten
Unkosten konnten bei der Aufstellung deS vorjährigen Etats nicht genügend
im Voraus taxirt werden.
Eine gänzlich unvorhergesehene und bedeutende Mehrausgabe wurde
ferner durch die ungünstigen WitterungSoerhältniffc des Vorjahres bedingt:
wie überall, so hat auch in unserem Lazareth das Grundwasser seine ver-
heerendc Wirkung geäußert. Ich habe schon oben bemerkt, daß die zur
Dampfleitung dienenden Röhren sich 2 Meter unterhalb der Erdoberfläche
befinden, es durste also kein Wunder nehmen, wenn bei dem steten Steigen
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