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Full text: Rahel / Varnhagen, Rahel (Public Domain)

zu geistigen. Da bin ich ganz gewiß. Der Geist ist wie Sonne; 
sie ist immer da; beleben aber kann sie nur was da ist. — Grüßen 
Sie Oelsner von mir; und zeigen Sie ihm, was ich Ihnen eben über 
Mad. de Sta& sagte: er kennt mich in dergleichen. Kann ich, so 
schick’ ich Ihnen den Tauler *) durch Graf M. im December. — 
An M. Th. Robert, in Berlin, 
Karlsruhe, den 5. December 1818. 
— — Ich möchte dir doch gar zu gerne bei dieser Gelegenheit 
sagen, wie ich über Religion denke: weil ich ein Drängen habe, 
bei diesen tiefen und umfassenden Gegenständen, den wenigen 
Menschen, mit denen ich eigentlich rede, kein Geheimniß 
zu sein, und besonders ihnen nicht gar ein falsches Bild von meiner 
innern Gedankentafel zu lassen. Ich war gestern besonders gegen 
eine gewisse Art von Religiosität sehr aufgebracht, weil ich eben 
gestern viel in einem ganz neu erschienenen Buche von F. las. 
Dort spricht dieser Gelehrte, als hätte er dem lieben Gott in die 
Karte gesehn, und wäre zu allem geistigen Anfang durch bloße 
Frommheit gekommen, und setzt diesen in die Sünde... Ist aber 
tiefsinnig, geistreich und scharfsinnig genug, um sich häufig, auf 
jeder Seite könnt’ ich sagen, zu widersprechen. Zum Beispiel, be- 
hauptet sein guter Verstand, neben seinem willkürlich-eitel-stolz- 
oberflächlich-demüthigen Setzen seiner Sünde, daß Schuld 
aufhören könne, und man immer von neuem wieder unschuldig 
würde. So phantasirt er, geistvoll, unwahr, tiefsinnig, fade, das 
ganze Buch hindurch; schlägt an alle Geistesgränzen an, braucht 
Wissenschaft und Systeme aller Art, und — bringt mich in einen 
wahren Ärger! Solch kluger Mann! Solche Gaben, solche 
Hervorbringungen des Denkens, so seicht zu verschleudern, mit 
aller Emphase der Wahrheit, und dem Schein des Ergriffenseins! — 
Was zwingt einen menschlichen Geist, eine Sünde anzunehmen, 
durch die wir hier sein sollen? Neben einem lieben Gott! das 
heißt neben einem Geiste, der alles begreift, sich, uns, alle Noth- 
wendigkeit, alles Dasein, alle Verhältnisse; und den durchaus wir 
nicht begreifen, weil wir nichts evidenter wissen als unsre Gränzen; 
den wir nur durch eine uns eingegebene Gabe voraussetzen müssen, 
nämlich durch unsres eignen Geistes Fähigkeit, uns unendliche 
*) Berühmter deutscher Mystiker des Mittelalters, 
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