Kalender: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Ausgabe 27.1900 (Public Domain)

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Kostenanschlag machen, der sich auf ungefähr 6 Millionen Mark 
beläuft. Dann wird die Stadtverordnetenversammlung sehen, wie sie 
das billiger machen kann, und sie wird auf den Gedanken zurück 
kommen, den die Minderheit im Ausschuß vertreten hat, und dem auch 
der Magistrat zugestimmt hat, nämlich eine Erweiterung des jetzigen 
Hospitals vorzunehmen. Herr Kollege Schulz hat seine Klagen dar 
auf gerichtet, daß das Hospital ans der Pallisadenstraße überhaupt 
verschwinden müsse, indem man meinte, daß dadurch die Gegend 
unterbunden werbe. Ich muß wirklich gestehen, daß ich mir nicht 
denken kann, daß, wenn das Hospital verschwindet, dann ein lebhafter 
Verkehr durch die Pallisadenstraße fluthen ivürde. Ich glaube, die 
alten Frauen in dem Hospital halten sich in der Regel auf der 
Rückseite des Gebäudes auf und sehen nicht zum Fenster hinaus, 
schon deshalb nicht, weil dort die Korridore liegen. Ich glaube also 
nicht, daß jemand sich dadurch abschrecken läßt, dorthin zu gehen, iveil 
die Insassen des Hospitals an den Fenstern sind. 
Was das Gebäude selbst anlangt, so hat Herr Kollege Schulz 
zugegeben, daß es noch in baulichen Würden ist. Das Haus ist 
jünger als ich selbst, es steht selbst zirka 50 Jahre und ist seiner Zeit 
als ein Musterbau hergestellt worden nach einem Preisausschreiben. 
Nach meinen Erfahrungen — ich bin Jahre lang Hauskurator 
gewesen — ist es mit Ausnahme des Putzes tu seinen Mauern vor 
züglich gebaut. 
Meine Herren, was nun den Verkauf des Hospitalgrundstückes 
betrifft, so hat Herr Kollege Schulz gesagt, daß er viele Leute im 
Osten kenne, die 250 M für das Quadratmeter bezahlen würden. 
Das freut mich sehr; denn dadurch käme der Magistrat aus einer 
sehr dringenden Lage heraus. Wenn Sie das Kommunalblatt fleißig 
stndiren — und das ist ja der Fall — so werden Sie sehen, daß 
der Magistrat schon seit Monaten und, ich glaube, noch länger ein 
Grundstück in der Pallisadenstraße ansbietet, und ich habe gehört, 
daß sich überhaupt kein Käufer findet, daß niemand fragt: ivas kostet 
es? Es würde also sehr angenehm sein, wenn Herr Schulz die 
Adressen der Leute, die das Grundstück kaufen wollen, dem betreffenden 
Dezernenten einreichen wollte. Meine Herren, wenn das Hospital 
dort abgerissen wird, was wird an die Stelle kommen? Mieths 
kasernen! Halten Sie das für etwas so Schönes gegenüber dem 
jetzigen Zustande? Gegenwärtig haben Sie dort einen großen, 
schönen Garten, der sich sehr Vortheilhast präsentirt. Nmt mag ja 
Mancher die Miethskasernen schöner finden; ich finde einen Garten 
mitten in dem Häusermeer des Ostens entschieden schöner. Daß er 
den Insassen des Hospitals nichts schadet, geht doch daraus hervor, 
daß Sie die Vorlage haben, wonach die alten Leute nicht sterben; es 
ist also der Beweis dadurch gegeben, daß die Luft dort sehr gut ist. 
Wir haben immer einige Personen darin, die über 70 Jahre ait sind. 
Also nach dieser Richtung hin liegt absolut kein Grund vor, das 
Hospital zu verlegen. 
Wenn ans die Große Frankfurterstraße hingewiesen wird, die sich 
heute sehr stark entwickelt hat, so könnte man ja auch auf die Linden 
hinweisen; denn es ist bekannt, daß die Häuser an der Südseite der 
Linden werthvoller sind als die an der Nordseite, daß jedenfalls der 
Verkehr auf der Südseite bedeutender ist. Von der Frankfurterstraße 
ist es ja klar, daß es dort auch so sein muß; bettn die Verlängerung 
der eigentlichen alten Frankfurterstraße ist nicht auf der Nordseite, 
sondern der Verkebr geht ans ganz natürlichen Gründen nach dem 
Süden. Wenn also schon im Norden der Frankfurterstraße das 
Terrain so viel billiger ist als im Süden, wie ist es dann in der 
Pallisadenstraße? Man hat nun gesagt: das Hans des Hospital 
grundstückes hat nur einen Durchgang nach der Großen Frankfurter- 
straße. nach der Nordseite, und ein Theil dieses Durchganges gehört 
der Schulverwaltung, und wir müssen ihn herausgeben, wir sind 
angewiesen auf das Nikolausbürgerhospital und auf andere 
Stiftungen. Das Nikolausbürgerhospital steht nicht mit dem 
Friedrich Wilhelmshospital in Verbindung. Dieses ist ein Armen- 
institut, die anderen Gebäude sind Wohlthätigkeitsanstalten. Wenn 
das Nikolausbürgerhospital verkauft wird, so wird dafür an einer 
anderen Stelle ein größeres Gebäude errichtet. Das hat aber mit 
diesem Grundstück in der Pallisadenstraße gar nichts zu thun, und 
wir haben darauf gar keinen Einfluß. Das kamt uns also nicht 
bestimmen, einett Antrag anzunehmen, dieses Grundstück zu verkaufen. 
Meine Herren, die ganze Erregung ist hervorgerufen worden 
dadurch, das; der Magistrat vorschlägt, einen Erweiterungsbau vor 
zunehmen. Da muß ich nun gestehen, das; das für einige Besitzer in 
der Lebnserstraße, deren Hättserrückseiien an das Hospital grenzen, 
unangenehm sein mag. Aber weint wir für 250 M verkaufen, daun 
werden doch wahrscheinlich größere Mauern aufgeführt, und iver kann 
dann die Eigenthümer hindern, auch die Höfe mit großen Mauern 
einzuschließen? Unsere Bauverwaltung hat aber darauf Rücksicht 
genommen; die Höfe in der Lebuserstraße sind nicht für uns aus 
gespart, so daß das also wegfällt. 
Die Hauptsache aber, meine Herren, bleibt doch natürlich der 
Kostenpunkt und die Frage der Verwaltung. Wenn hier von 1 Million 
die Rede ist, so ist das nicht richtig. Denn das hat auch der Herr 
Referent zugegeben, daß wir das Grundstück in der Pallisadenstraße 
nicht aufgeben können. Daraus ergiebt sich aber die absolute Noth 
wendigkeit, dort einen Bau für das Wirthschaftsgebäude vorzunehmen. 
Das Wirthschaftsgebäude ist schlecht, es leidet sehr an Schwamm. 
Die Dampfröhren, die später dort eingeführt worden sind, gehen unter 
den Balken durch. Das jetzige Gebäude reicht für die Bedürfnisse 
nicht ans, es ist nur eine Scheune. Der Kostenanschlag, der vorliegt, 
ist mit ungefähr 400 000 M veranschlagt, sogar noch mit etwas mehr, 
sodaß der eigentliche Flügel des Hospitals nur 500 000 M kostet. Ich 
glaube, daß wir ans diese Weise implicite dazu kommen, den Gedanken, 
der angeregt ist, zu beseitigen, das Gebäude nach Buch zu verlegen 
oder gar nach Osdorf. Matt hat dann von dem Pavillonsystem 
gesprochen. Das würde die Verwaltung bei einem Hospital sehr 
erschweren und wäre auch außerordentlich schwer. Ich habe alle 
Jahre das Vergnügen, die Sache im Etat zu sehen, und danach stellt 
sich der Unterschied zwischen dem Hospital in der Fröbelstraße und 
dem in der Pallisadenstraße recht hoch. Wir können uns das nur 
damit erklären, daß wir dort nicht das Pavillonsystem, sondern das 
konzentrirte System haben. 
Meine Herren, ich finde in manchen Ausführungen eine gewisse 
Uebertreibung. Ich kann nicht sagen, daß das Hospital den Wohl 
stand einer ganzen Stadtgegend so untergraben kann, und möchte Sie 
deshalb bitten, den Ausschußantrag abzulehnen und den Magistrats 
antrag anzunehmen. Ick) bin auch nicht dafür, die Sache wegen des 
Kostenattschlages nochmals an den Ausschuß zurückzuverweisen. Wir 
haben so oft schon versucht, etwas davon herunterzuhandeln; erreicht 
haben wir nie etwas, weil man eben die Verhältnisse nicht voraus 
sehen kann. Ich glaube, Sie dienen mit der Annahme des Magistrats 
antrages den Interessen der Anstalt und vor Allem den Interessen 
der Stadt. 
(Bravo!) 
Stadtverordneter Perls: Die Mehrheit des Ausschusses, die 
Ihnen empfiehlt, die Magistratsvorlage abzulehnen, hat nicht die 
von Herrit Kollegen Dr. Gerstenberg soeben ausgesprochene Meinung 
gehabt, als ob wir durch die Verhinderung des Erweiterungsbaues 
gewissermaßen den Wohlstand einer ganzen Gegend begründen 
könnten. Davon ist keine Rede. Wir meinen aber, daß, wenn wir 
die bescheidene Forderung aufstellen, zunächst einmal die Erweiterung 
nicht vorzunehmen und im Uebrigeu Alles beim Alten zu lassen, wir 
dann in keiner Weise etwas Anderes thun, als was auch in anderen 
Stadtgegenden in dieser Beziehung längst geschehen ist. Wenn Herr 
Dr. Gerstenberg von den Rücksichten auf die Interessen des Ostens 
sprach, so wollen wir das Interesse doch einmal dadurch bethätigen, 
daß wir einem Theil des Ostens Stifte und Licht und Leben schaffen 
und ihn davor schützen, daß ihm Lust und Licht und Leben geraubt 
wird. 
(Sehr richtig!) 
Wenn Herr Kollege Dr. Gerstenberg sagt, daß durch die Pallisaden 
straße der Verkehr nicht alsbald flnthen werde, so wollen wir auch 
nicht so weit gehen, eine so frappante Wirkung anzunehmen. Aber 
wir können wohl so weit gehen, zu sagen, daß die todte Straße dort 
einigermaßen belebt werden würde. Wir brauchen uns auch nicht 
vor den Miethskasernen, die dort entstehen würden, zu fürchten. 
Jedenfalls brauchen wir ästhetische Gründe nicht allein maßgebend 
sein zu lassen, sondern es mutz eben für jenen Stadttheil etwas mehr 
Leben geschaffen werden, um seine wirthschaftliche Entwickelungs- 
fähigkeit zu erhöhen. Aber auch wenn wir dort Miethskasernen 
schaffen, so schaffen wir zugleich Erwerbsgelegenheit in jener Gegend 
für Gewerbetreibende und für Kaufleute. 
Wenn Herr Kollege Dr. Gerstenberg so großes Gewicht darauf 
gelegt hat, daß die alten Damen dort sich wohl fühlen, daß es ihnen 
gut geht, daß sie 90 Jahre alt werden, so haben wir die Erwartung, 
daß es ihnen ebenso gut gehen wird, wenn sie nach Buch übersiedeln. 
Wir würden aber dadurch unserer werkthätigeu Bevölkerung des 
Ostens zugleich eine größere Entwickelung sichern und ihr die 
Möglichkeit geben, ihren Gewerben erfolgreicher nachzugehen. Des 
halb bitten wir Sie, dem Ausschußautrage zuzustimmen und nichts 
zu thun, wodurch der in diesem Theile besonders vernachlässigte Osten 
noch einen weiteren Nachtheil erfährt. 
(Bravo!) 
Stadtverordneter Singer: Meine Herren, ich glaube, das 
ist eine Frage, die weniger nach den Interessen der einzelnen Stadt- 
theile entschieden werden muß als nach dem Interesse derjenigen 
Personen, um die es sich in der Vorlage handelt. Wir haben in der 
bisherigen Diskussion viel von den einzelnen Stadlgegeuden gehört; 
wir haben gehört, daß die Interessen des Ostens es unweigerlich ver 
langen, daß die Anstalt von dort wegkommt. Ich habe in der bis 
herigen Diskussion die Gründe vermißt, die meine Freunde und mich 
bestimmen, für den Ausschußantrag zu stimmen, und deshalb will ich 
mir erlauben, das kurz nachzuholen. 
Uns ist die Gegend, um die es sich hierbei handelt — ich will 
nicht sagen gleichgiltig, denn wir haben für alle Stadttheile dasselbe 
Interesse; aber das lokale Interesse des einzelnen Stadttheils 
kann uns nicht bestimmen als alleiniges Motiv, um danach unsere 
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