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Volume No 27, 2. Juli 1836

Full text : Berliner politisches Wochenblatt (Public Domain) Ausgabe 1836 (Public Domain)

tut  also  begünstigte  Ueberlänfer  in  ihren  Reihe»  sehen  sollen, ­
  und  welche  Garantie  Don  Carlo»  habe,  daß  Leute,  die
unter  solchen  Umständen  seine  Sache  ergreifen,  dieselbe  nicht
ebenfalls  verrathen  werden,  wen»  man  ihnen  von  anderer
Seite  wiederum  Vortheile  bietet-Nachdem
  Generäl  Seoaue  das  Portefeuille  des  Kriegs
im  Madrider  Cabinet  abgelehnt  hat,  ist  es  dem  General
Mcndez  Vigo  verliehe».worden,  und  man  weiß  noch  immer ­
  nicht  ob  Aguirre  Solarte  geneigt  sey,  die  Last  der  ihm
übertragenen  Finanzverwaltung  zu  tragen.  Unterdessen  ist
sein  einstweiliger  Stellvertreter  durch  ein  Decret  der  Regentin ­
  angewiesen  worden,  ei»  Dritkheil  der  bisher  zinslosen ­
  oder  mit  Papierzu  verzinsenden  (sogenannten  i,incrcn)  Schuld,
im  Betrage  von  mehr  als  neunzig  Millionen  Thaler  dergestalt  zu
consolidiren,  daß  de»  Inhabern  dafür  im  Verhältniße  vcn  50  :
100,  Obligationen  verabreicht  werde»,  welche  fünf  Procent
Zinsen  haaren  Geldes  tragen.  Dadurch  ist  die  frühere  Bestimmung, ­
  den  BörsencourS  des  Monat  Juni  zur  Grundlage ­
  zu  nehmen,  offenbar  zu  Gunsten  der  Gläubiger  abgeändert, ­
  indeß  dürfte  cs  schwerlich  ein  Irrthum  seyn,  weiiii
man  in  der  ganzen  Operation  nichts  sieht,  als  de»  schwache»
Versuch,  dem  'öffentlichen  Credit  etwas  aufzuhelfen,  was  um
so  nöthiger  erscheinen  mochte,  da  das  Fortgehen  der  RegierungSmaschine
  ohne  neue  Anleihen  ganz  undenkbar  ist.  Wirklich ­
  sollen  bereits  Agenten  nach  London  abgegangen  seyn,
um  Leute  aufzusuchen,  denen  der  Muth  zu  dem  gewagte»
Geschäfte  nicht  fehlt,  ein  Darlehn  von  etwa  zwanzig  Millionen ­
  Thalern  zu  gewähren;  die  englische»  Capitalisten,
welche  sich  bereits  so  tief  in  die  Revolutionirung  der  Halbinsel ­
  eingelassen,  könnten  aber  nachgrabe  bedenklich  werden,
und  cS  spricht  für  die  Wünsche  der  Madrider  Regierung
nichts  als  die  Ansicht,  daß  mit  ihrem  Falle  alle  frühere»
Einlage»  in  diesem  grauenvollen  Spiele  verloren  seyen.  Der
angeblich  über  alles  Erwarten  vortheilhafte  Verkauf  einiger
„Nakionalgüter,"  wird  auf  die  gewitzigten  Geldmänncr
schwerlich  Eindruck  mache»,  wenn  nicht  eine  lange  Reihe
gleich  günstiger  Veräußerungen  folgt,  denn  einzelne  Fälle
beim  Beginn  der  Procedur  können  auch  durch  geschickte  Auswahl, ­
  niedere  Tape»  und  andere  kleine  Hülfsmittel  künstlich
erzeugt  werden,  und  durch  solche  Taschenspieler-Stücke  lassen
sich  wenigstens  die  Heroen  der  Börse  nicht  mehr  täusche».
Dagegen  muß  der  bornirtc  Liberalismus,  welcher  Mendizabals
  angebliche  Wunder  ohne  Prüfung  anstaunte,  und  cS
höchst  übel  vermerkte,  wenn  derselbe  von  Ander»  für  einen
ungewöhnlich  dreiste»  Charlatan  erklärt  ward,  sich  aufs  bitterste ­
  entzaubert  fühle»,  wenn  er  jetzt  vernimmt,  in  welcher
Weise  der  mosaische  Staatskünstler  seine  Zaubereien  möglich
gemacht.  Es  ergicbt  sich  nämlich,  daß  er  für  ungefähr  zwei
und  zwanzig  Millionen  Thaler  Obligationen  der  auswärtige» ­
  Schuld  unter  der  Hand  in  London  und  Paris  verkauft,
etwas  über  sechs  Millionen  auf  verschiedene  Erträge  anticipirt,
  und  für  drei  Millionen  Thaler  noch  nicht  bezahlte
Wechsel  ausgestellt  hat.  Obwohl  diese  Manöver  schwerlich
die  Hälfte  des  nominellen  Betrages  gewährt  haben  mögen,
so  erklärt  sich  doch  dadurch  Vieles,  namentlich  die  Zinszahlung ­
  am  1.  Mai  d.  I.;  auch  überraschen  sie  uns  keineswegs, ­
  denn  einmahl  ist  die  Unmöglichkeit  klar,  Etwas  aus
Nichts  zu  machen,  und  dann  sind  wir  stets  der  Ueberzeugung ­
  gewesen,  daß  Mcndizabal  kein  Mittel,  auch  das  unrechtlichste ­
  und  schmuzigste  nicht,  verschmähen  werde,  seine  lächerlichen ­
  Verheißungen  scheinbar  zu  erfüllen,  und  sich  möglichst ­
  lange  in  einer  Stellung  zu  erhalten,  die  er  um  der
Ehre  Spaniens  willen  niemals  hätte  erreichen  sollen.
Die  Budgets-Verhandlungen  der  französischen  Deputirten
  sind  in  immer  steigender  Gangart  zum  Ziele  gelangt, ­
  so  daß  man  öfter  lebhaft  an  die  wachsende  Geschwindigkeit ­
  fallender  Körper  erinnert  wurde.  Ungeachtet  dieser
Eile  gelang  es  dem  Grafen  La  Rochefoucault,  den  ehrenhaften ­
  Beschluß  durchzusetzen,  daß  vom  1.  Januar  1838  ab,
alle  öffentlichen  Spielhauscr  zu  Paris  unterdrückt  werden
sollen,  und  der  Finanzminister  machte  vergebliche  Anstrengungen,die ­
  5;  Mill.  Franken  zu  retten,  welche  der  Staatscaffe
aus  deren  Verpachtung  zufließe»;  wenn  ibm  dabei  die  Bemerkung ­
  entfiel,  das  Schließen  der  Spielhäuser  könne  vielleicht ­
  die  Fremden  von  Paris  verscheuche»,  so  war  dieß  weder ­
  schmeichelhaft  für  die  „Hauptstadt  der  Civilisation,"  noch
für  die  Ausländer,  die  dahin  wandern,  und  vielleicht  eines
Staatsmannes  unwürdig,  selbst  wenn  er  nicht  Franzosen  adminiflrirte,
  sondern  nur  Hnyerboräer  oder  Hottentotten.

Anders  verhält  es  sich  mit  der  Einwendunq:  daß  die
Spielwuth  nunmehr  auf  ungleich  nachtheiligere  Weise  heimlich ­
  Befriedigung  suchen  werde,  denn  hierin  liegt  wirklich  etwas ­
  Wahres.  Allein  abgesehen  davon,  daß  die  bisher  zur
Ueberwachung  des  öffentliche»  Spiels  verwendet  gewesenen
Polizeikräfte  disponibel  werden,  und  überhaupt  eine  so  thätige ­
  und  zahlreiche  Polizei  wie  die  Pariser,  auch  in  dieser
Hinsicht  sehr  viel  leisten  kann,  —  so  darf  man  von  keiner
Regierung  das  Unmögliche  fordern,  sondern  nur,  daß  sie  das
Erreichbare  versuche,  und  vor  Allem  die  öffentliche  Moral
nicht  verletzen  lasse.  Die  Verpachtung  des  Rechts  zu  Hazardspiele»
  war  aber  eine  solche  Verletzung,  und  der  desfallsige
  Beschluß  der  Kammer  ist  ein  Triumph  für  die  Sittlichkeit. ­

Beim  Voranschläge  der  Ausgaben  ist  der  gallischen
Leichtigkeit  der  Fall  begegnet,  daß  die  bewilligte  Hauptsumme,
  welche  das  Büreau  der  Deputirten-  Kammer  ermittelt ­
  hat,  die  von  den»  Ministerium  berechnete  um  fünf  und
zwanzigtausend  Franken  übersteigt.  Welche  Rechnung  aber
auch  die  richtige  sey,  das  Ausgabe-Budget  beträgt  ämmer
über  102/  Millionen  Franken,  wozu  noch  ein  kleines  budget
  annexe  mit  2,850,000  Franken  kommt;  die  Einnahmen ­
  waren  nur  zu  1,012,336,000  Franken  veranschlagt,
wodurch  man  sich  veranlasst  fand,  in  möglichster  Schnelle
und  ohne  viele  Worte  eine  Erhöhung  der  Grund-,  Mobiliar-, ­
  Thür-  und  Fcnstersteuer  zu  bewilligen,  so  daß
nur  ein  Deficit  von  wenig  mehr  als  zwei  Millionen
bleibt.*)  Ein  Deficit  in  dem  Voranschläge,  im
tiefen  Frieden,  sechs  Jahre  »ach  der  glorreichen  Revolution,
und  vier  Jahre  nachdem  inan  das  sogenannte  Normal-Budget ­
  versprochen  und  versucht!  Fürwahr,  es  scheint  für  die
Franzosen  einiger  Grund  vorhanden,  nachdenklich  zu  werden,
oder  was  ihrer  Gemüthsruhe  vielleicht  noch  zuträglicher  wäre,
mit  dem  Schwamme  der  Vergessenheit  über  die  Versprechungen ­
  wegzugehen,  welche  das  Ergebniß  der  großen  Woche
ihnen  gemacht;  mögen  sie  sich  mit  den  Worten  eines  erhabene» ­
  Geschichtschreibers  trösten:  lcs  sottises  des  peres
sont  perdus  pour  leurs  eni'ans:  ii  saut  que  cbaquc
generation  fasse  les  sienues.
Nachdem  die  Deputirten  seit  dem  17.  d.  Mts.,  wo
die  Berathungen  über  das  Budget  endeten,  größtentheils  zerstäubt ­
  sind,  würde  cs  unmöglich  seyn,  für  den  Fall,  daß  die
Pairs  nur  die  mindeste  Aenderung  daran  machten,  eine  Versammlung ­
  der  zweiten  Kammer  zusammen  zu  bringen,  welche
die  zu  Beschlußnahmen  erforderliche  Kopfzahl  enthielte.  Die
„edlen  Pairs  sind  daher  abermals,  wie  in  früheren  Jahren
genöthigt,  das  Budget  ohne  alle  Modification  anzunehmen,
wenn  der  „Staat"  nicht  am  finanziellen  Schlagfluß  sterben ­
  soll,  und  hätten  deshalb  einigen  Grund  über  solche
Herabwürdigung  zu  klagen,  wofür  ihr  peinliches  Richteramt
und  der  dazu  bewilligte  neue  Saal  schwerlich  genügende
Entschädigung  gewähren.  Auch  machte  ein  Mitglied  der  hohen ­
  Kammer  den  Versuch,  seine  Standesgenosscn  zum  Widerstände ­
  gegen  jene  Behandlungßweise  anzufeuern,  allein  sie
haben  auch  diese  Gelegenheit  benutzt,  um  denjenigen,  welche
cs  »och  nicht  wissen  sollten,  zu  zeigen,  welch  ungeheure  Kluft
zwischen  ihnen  und  der  englischen  Paine  befestigt  ist.  Eben
so  vergeblich  waren  die  Anstrengungen  des  Marquis  von
Dreur-Breze,  z„  beweisen,  daß  die  zu  den  Festlichkeiten  der
Julitage  verlangte  Summe,  eine  wahrhafte  Aufmunterung
zur  Rebellion,  und  ihre  Bewilligung  der  öffentlichen  Sittlichkeit ­
  entgegen  sey;  man  votirte  die  (höchst  bescheiden)  geforderten ­
  zweimahl  hunderttausend  Franken,  wobei  das  Ministerium ­
  zu  erkennen  gab,  daß  die  Feier  der  großen  Woche
alljährlich  wiederholt  werden  solle.  Wir  finde»  das  seinem
Standpunkte  nach  vollkommen  begreiflich,  und  so  werde»
denn  jene  trübseligen  Feste  fortdauern,  so  lange  man  noch
Gelder  dazu  bewilligt,  oder  nicht  etwa  die  Feier  einer  noch
größeren  Woche  sie  verdrängt,  deren  Möglichkeit  Niemand
zu  leugnen  wagen  möchte.

*)  Um  die  Cvnfuston  vollständig  zu  machen,  ist  nachher  noch
«ine  bedeutende  Differenz  in  der  Hauptfumme  des  Einnahme-Budgets ­
  zum  Vorschein  gekommen;  da«  Sitzungsprotokoll  nämlich
bezeichnet  dieselbe  zu  l,027,572,203  Franken,  während  das  amtliche ­
  Blatt  der  Regierung,  der  Moniteur,  nur  1,612,000,006  Fr.
ongiebt.
            
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