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Periodical volume Bevölkerung

Full text: Berliner statistisches Jahrbuch Issue 1854

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mit einem entzündlichen Fieber auftretenden Entzündungen der einzelnen 
Organe unter der allgemeinen Bezeichnung des begleitenden Fiebers aufzu 
führen, anstatt genauer auf das örtliche Leiden, wodurch das Fieber veran 
lasst war, einzugehen. So ging es namentlich mit der Hirnentzündung, der 
Gehimhöhlenwassersucht und mit der häutigen Bräune, Krankheiten, die erst 
im gegenwärtigen Jahrhundert den Aerzten genauer bekannt geworden sind; 
aber auch Entzündungen, die die Wissenschaft schon kannte, wie die Ent 
zündung der Athmungs-Organe, sind in der Kegel als entzündliche Fieber 
bezeichnet worden. Einen anderen Theil der tödtlichen Entzündungen aber 
muss man unter der ganz unwissenschaftlichen Kubrik „Zahnen“ suchen, 
weil leider nicht nur Laien, sondern selbst Aerzte, letztere allerdings da 
mals mehr als jetzt, die meisten Krankheiten der Kinder in den ersten Le 
bensjahren dem Zahnen zuschrieben. So liegt cs der;n zum Theil an den 
Aerzten selbst, wenn die früher vorgekommenen Entzündungen in den Tod- 
tenlisten selten mit dem rechten Namen bezeichnet worden sind; es liegt 
aber auch zum anderen Theile daran, dass die früheren Todtenlisten nicht 
wie gegenwärtig auf Grund ärztlicher Todtenscheine, sondern auf Grund 
der Angaben, die die Hinterbliebenen dem Geistlichen bei Meldung des To 
desfalles machten, geführt worden sind. Berücksichtigt man alle diese Um 
stände, so wird man, um zu einem richtigen Urtheile zu gelangen, die be 
treffenden Krankheiten in Eine Gruppe zusammenfassen müssen. Man findet 
dann, dass 
von 1785—1794 von 1835 — 1854 
am Zahnen 78 pro Mille 23 pro Mille 
an entzündlichen, rheumatischen, ka 
tarrhalischen und Wechseltiebern 
und an Katarrhen 43 - 4 
an Entzündungen 2 99 
in Summa 123 pro Mille 126 pro Mille 
starben, und dass sonach Entzündungen und entzündliche Krankheiten über 
haupt in ihrer Frequenz als Todesursachen zwischen den beiden genannten 
Zeiträumen sehr unwesentlich differiren. 
Die Zunahme von Scharlach und Masern wird theilweise ausgeglichen 
durch die Abnahme des Frieselausschlags. Die Unterscheidung solcher Aus 
schläge hat oft ihre Schwierigkeit, zumal für den Laien. 
Von Bedeutung aber ist die Zunahme der durchfallartigen Krankheiten, 
zu denen insbesondere neuerlich die Cholera mit ihren grossen Kontingen 
ten an Sterbefällen hinzugetreten ist. 
Die Zunahme tödtlicher ünglücksfiille findet sich erklärt durch die 
enorme Steigerung des Verkehres. 
Endlich die Zunahme der Selbstmorde von 1 auf 7 pro Mille ist leider 
nur als Zeichen der Verschlechterung der socialen Zustände zu deuten. 
Mag man auch annehmen, dass in der früheren Zeit die Selbstmordfälle aus 
Rücksicht auf die grössere Schande, die dem Selbstmorde beigclegt ward, 
und vorzüglich auf das entehrende Begräbniss dos Selbstmörders häufiger 
verheimlicht wurden, dass dies auch wegen des Mangels ärztlicher Leichen 
schau damals eher möglich war, als jetzt, und dass also auch damals schon 
die Zahl der Selbstmorde grösser gewesen sein mag, als die Todtenlisten 
ergeben, so ist doch die grosso Zunahme der Selbstmorde ausser allem 
Zweifel. 
Seltener gewordene Todesursachen sind: Pocken, Krämpfe, Wasser 
süchten, Schwindsüchten und Abzehrungen, das sogenannte Zahnen, die 
entzündlichen Fieber, Wechselfieber, die Ruhr und das Friesel. Von den 
entzündlichen Fiebern, dem Friesel und dem Zahnen ist oben bereits die
        
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