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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

tete“. 1 ) Oder ein späteres Beispiel: Die grundlegende Forderung 
der Preisträger im Wettbewerb für den Bebauungsplan von Groß- 
Berlin 1910, nämlich die notwendige Schienenverbindung zwischen 
Kopfbahnhöfen im Norden und Süden Berlins, blieb unausgeführt, 
weil Stadtbaurat Krause und seine ebenso hartnäckigen Kollegen 
in der Eisenbahnverwaltung diese täglich dringender werdende 
Forderung der Fachleute „als literarischen Staub werteten“. Noch 
ein Beispiel, von heute: Obgleich alle Sachverständigen das 
Friedrichs-Forum und die Oper Knobelsdorffs zu retten versuchten, 
ist die heilloseste Verschandelung dieser historischen Denkmäler 
mit sündhaftem Geldaufwande rücksichtslos durch geführt worden. 
Warum P Weil ein Oberbaurat die Forderungen der Sachverstän 
digen „als literarischen Staub werteteund weil das Sprichwort 
meist wahr bleibt: „Wem Gott ein Amt gibt, dem nimmt er auch 
den Verstand.“ So muß wohl auch zu Ehren der städtebaulichen 
Berliner Tradition die unvermeidliche Forderung, daß die Bau- 
Ausstellung 1930 nicht auf einen Fetzen Landes gedrängt werden 
soll, der vom Reißbrett Stadtbaurat Wagner’s fiel, selbstverständlich 
unerfüllt bleiben, weil der regierende Stadtbaurat sie „nur als 
literarischen Staub werten kann“. 
Da Wagner so als Stadtbaurat und Preisrichter vielleicht das 
ihm überlieferte Heft treu und fest in der Hand zu halten vermag, 
muß ich mich der Mühe unterziehen, auf die Gründe näher einzu 
gehen, die er für sein „Sträuben“ vorbringt. 
1. Stadtbaurat Wagner behauptet, unser Aufruf „entbehre alle 
für die Abgabe eines sachverständigen Urteils erforderlichen 
Unterlagen und Erläuterungen“. Er weiß nicht, daß diese Un 
terlagen zum Teil bereits durch den Wettbewerb von 1923 geliefert 
und in „ Wasmuths Monatsheften“ (1926, S. 44—58, 192'], S. 103) 
und „Städtebau“ (1926, S. I, 21, 46) von Professor Heiligenthal 
ausführlich besprochen wurden, und daß diese Unterlagen sich 
zum Teil auch aus einem Studium seines veröffentlichten Preis 
richter-Projektes gewonnen werden können. Daß man sich „von 
kompetenter Stelle die Informationen einholen“ könne, wie Preis 
richter Wagner die Ausgestaltung dem Wettbewerb freigegebenen 
Geländes wünscht, wagten wir allerdings nicht vorauszusehen. 
2. Ob der Pachtvertrag für die Avus-Schleife im Jahre 1930 
oder 1950 abläuft, darf nichts daran ändern, daß bei großzügiger 
Planung das Schleifengelände einbezogen werden muß. Da es 
sich bei der als Dauerausstellung gedachten Bau-Ausstellung 1930 
um eine sehr kostspielige Angelegenheit handelt, mit der Berlin auf 
viele Jahre hinaus Ehre ei nie gen soll, kann man sich ja sogar 
vorstellen, daß ein geschäftstüchtiger Stadtbaurat die Verlegung 
der Avus-Schleife schon etwas vor Ablauf des Pachtvertrages durch 
setzt. Das alles ist so selbstverständlich, daß Wagner selbst in 
seinem eigenen Preisrichter-Entwürfe (Abb, 3) das Gelände der 
Avus-Schleife in die Planung einbezog. Diese selbstverständliche 
Freiheit will er seinen nichtbeamteten Kollegen, die sich im Wett 
bewerb wie üblich vergebens abmühen sollen, verbieten? 
3. Stadtbaurat Wagner erklärt, es sei „von niemand in Erwägung 
gezogen worden, neben dem künstlichen Berg (im Südwesten des 
Ausstellungsgeländes) ein Vergnügungsviertel zu planen“. Er 
scheint selber daran zu zweifeln, daß der Park, den sein Preis 
richter-Entwurf neben diesem künstlichen Berge vor schlägt, irgend 
jemandem Vergnügen bereiten wird. 
4. Dem Stadtbaurat Wagner „ist es völlig unverständlich, wie 
eine Verbindung der alten Automobilhallen mit dem eigentlichen 
Messegelände zu denken ist“. Wenn Stadtbaurat Wagner die 
internationale Ausstellung 1926 in Paris studiert oder nicht ver 
gessen hätte, würde er sich erinnern, daß dort in engem Zusammen- 
*) Die Einzelheiten und furchtbaren Folgen dieses baurätlichen 
Kampfes gegen den gesunden Menschenverstand habe ich Im Auf 
träge des Arbeits-Ausschusses der Allgemeinen Stödtebau-Ausstellung 
eingehend geschildert. (Vgl. den ersten Band meines Buches „Städte 
bau“ 5 Verlag Ernst Wasmuth A.-G., Berlin 1911.) 
Abb. 4 / Der Entwurf für das Berliner Messegelände, den der Preis 
richter Stadtbaurat Wagner während des (für einen Teil dieses Geländes) 
laufenden Wettbewerbs in der ,, Vossichen Zeitung“ veröffentlichen ließ. 
Abb. 4 / Der Entwurf, den Wagners Vorgänger, R, Heiligenthal, in 
„Städtebau“ (ig2y, S. ny) veröffentlichte, und der die Höhenkurven 
(vgl. Abb. 5) un d Profile (vgl. Abb. 6) sehr viel sorgfältiger berück 
sichtigt als der Entwurf Wagners. Heiligenthal vermied die breiten 
Achsialentwicklungen, die parallel zu den Höhenkurven laufen und 
sehr kostspielige Geländebewegungen erfordern oder schiefschultrig wirken. 
hange mit den umfangreichen Bauten, die für den Ausstellungs 
sommer errichtet wurden, auch sehr umfangreiche Darbietungen 
in den alten Hallen des Grand Palais zur Ausstellung kamen. 
Selbst wenn in Berlin die vorhandenen „alten Automobil-Hallen“ 
etwa deswegen „für Ausstellungszwecke in Zukunft kaum noch 
in Frage kommen“ (wie Wagner sich ausdrückt), weil gelegentlich 
oder laufend Messen darin abgehalten werden sollen, die nicht immer 
mit dem Gedanken der Bau-Aus Stellung eng verwandt sind, selbst 
dann ist nicht abzusehen, warum sie nicht „mit dem eigent 
lichen Messegelände“ verbunden werden müssen, von dem Baurat 
Wagner spricht. Oder will er die „alten Automobilhallen“ abreißen? 
5. Auf Wagners liebenswürdige Zweifel an meiner Vertrautheit mit 
Weltausstellungen kann ich nur antworten durch einen Hinweis 
auf meine Veröffentlichung über Amerikanische Weltausstellungen*), 
l ) In dem Bande „Amerikanische Architektur und Stadtbaukunst“. 
760 Abbildungen, ausgewählt und erläutert von Werner Hegemann. 
Verlag Ernst Wasmuth A.-G., 2. Aufl., 1927, S- 71 ff.
	        
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