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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

heutigen Wirtschaftsform gibt. An eine Auffrischung der Stände 
vertretung im früheren Sinne, die an sich eine folgerichtige Er 
scheinung des Feudalsystems im reinen Agrarstaat war, darf 
dabei natürlich nicht gedacht werden. 
Sodann ist die Rechtsstellung des Kreistages zu diesem neuen 
Kreisausschuß so zu regeln, daß der beweglichere Kreisausschuß 
stetiger arbeiten kann. Der Kreisausschuß muß beschränktes 
Legislaturorgan werden und der Kreistag darf nicht in seine 
Arbeit eingreifen. Er gibt lediglich Aufträge mit bestimmten 
Richtlinien wie die Verbandsversammlung an den Verbands- 
ausschuß. — Überhaupt empfiehlt es sich, die Zusammensetzung 
der Großkreiskörperschaften, ähnlich wie die der Verbands 
versammlung und des Verbandsausschusses beim Sicdlungs- 
verband Ruhrkohlenbezirk, zu wählen. 
Aufgaben der Zentralverwaltung wären: Verkehr, Erholungs 
stätten, Kulturstätten, Gesundheitswesen, Siedlungswesen, Bo 
denpolitik, Ansiedlungsgenehmigung, Kreiswirtschaftsplan, so 
weit sic im Interesse des ganzen Kreises liegen. 
Nun ist noch zu erwägen, ob der vorstehend skizzierte Gedanke 
des Großkreises überall anwendbar ist ? 
Das ist nicht der Fall, Ebenso wie es heute vom siedlungs 
technischen Standpunkte aus mißgestaltete Stadtkreise in Menge 
gibt, die kaum jemals zu einem wirklich einwandfreien Stadt 
organismus zusammengefügt werden können, gibt es auch der 
artige Landkreise. Dies liegt daran, daß man bisher der siedlungs 
technischen Seite, die stark von bestimmten Verkehrsverhältnissen 
und Wirtschaftsverhältnissen abhängig ist, fast gar keine Auf 
merksamkeit gewidmet und die Landkreise lediglich als Aus 
beutungsobjekt der Stadtkreise betrachtet hat und ihr plan 
mäßiger Aufbau unbekannt war. 
Als ich im Jahre 1921 den planmäßigen Aufbau der Landkreise 
des Ruhrkohlenbezirks auf Grund eines mit allen Teilen der 
Industrie, des Bergbaues, der Landwirtschaft, der Gemeinden und 
Behörden erörterten Planes vorschlug, fand dieser Gedanke bei 
den Landräten außerordentlichen Anklang, weil man hoffte, 
hiermit auf einen Schlag zu einer dauernd ungestörten Land 
kreiswirtschaft kommen zu können. Aber zunächst verblieb es 
nur dabei, daß die Landkreise des Ruhrkohlenbezirks sich von 
dem Ruhrsiedlungsverband derartige Wirtschaftspläne auf 
stellen ließen, die durch eine Baupolizeiverordnung des Verbands 
direktors oder des Landrats nach Anhörung des Verbands 
ausschusses gesichert wurden. In den anderen Kreisen Heß man, 
wie üblich, die Entwicklung kommen und werden, wie sie wollte. 
Erst nach und nach im Laufe der Jahre faßte dieser Gedanke 
zunächst in der nächsten Umgebung des Verbandsgebietes, dann 
in anderen Teilen des industrialisierten Deutschlands Fuß. Heute 
ist er fast schon Allgemeingut geworden und wird bereits von 
einzelnen Oberbürgermeistern als städtefeindlich bekämpft und 
unter Anführung von Beispielen für undurchführbar erklärt. Ich 
BÜCHERSCHAU 
Damaschke, Adolf. „Aus meinem Leben“. Verlag Reimar 
Hobbing, Berlin. Oktav-Format. 348 Seiten und 1 Titelbild. 
Preis kartoniert Mk. 6,—, in Leinen gebunden Mk. 7,50 
Unter den Selbstbiographien, die in letzter Zeit veröffcntHcht 
worden sind, sind die Lebcnserinnerungen des Führers der 
deutschen Bodenreformbewegung Adolf Damaschke von be 
sonderer Art. Eine der vom deutschen Volke meist geehrten 
Persönlichkeiten, von den Universitäten Berlin, Gießen und 
Münster mit dem Ehrendoktorat für Medizin, Theologie und 
Rechtswissenschaft ausgezeichnet, — eine Persönlichkeit, die es 
muß zugeben, daß er nicht überall durchführbar ist. Einmal dort, 
wo in Landkreisen die Stadtkreiswirtschaft bereits zu sehr fort 
geschritten ist, wie z. B. in dem sogenannten „oberen 4 * Kreis 
Solingen, in dem bereits fünf Städte eng gelagert in mehr oder 
weniger fortgeschrittener „Stadtkreiswirtschaft“ begriffen sind, 
ferner dort, wo ein Landkreis infolge seiner dauernden Zer 
stückelung eine für eine geordnete planmäßige Landkreiswirt 
schaft unmögliche Form erhalten hat, wie z. B. der Landkreis 
Essen. Aus diesem Grunde mußte ich zu der Forderung der 
Rationalisierung der Stadt- und Landkreise kommen, wie ich 
sie in meinem Gutachten über die Städtevereinigung im SoHnger 
Bezirk skizziert habe. Ebenso wie die Stadt braucht der Land 
kreis eine zweckmäßig gelegene, zweckmäßig gestaltete Fläche 
von genügender Ausdehnung mit der erforderlichen Wirtschafts 
und Steueikraft, um nach einem aus seinen eigenen Entwicklungs 
bedingungen sich ergebenden wohlüberlegten Wirtschaftsplan 
aufgebaut werden zu können. Seine innere Struktur darf auch 
nicht bereits zu stark stadtwirtschaftlich geworden sein. 
Wenn ich den industrialisierten Kreis, den Großkreis, als beste 
Wirtschaftszelle des Staates bezeichnet habe, so dürfte dieses 
durch die vorstehenden Ausführungen belegt sein. Hiermit 
will ich aber nicht verlangen, daß von nun ab jeder Landkreis 
als Großkreis gestaltet werden soll. Das wäre eine unnötige 
Überspannung. So wie es Klein- und Mittelstädte gibt, die keinen 
Bauzonenplan brauchen, gibt es sicherlich Landkreise, die keinen 
Wirtschaftsplan brauchen, auch wenn irgendwo eine Industrie Platz 
gegriffen hat, Notwendig wird es wohl in der Regel erst dann, 
wenn großindustrielle Anlagen oder Bergbau in Betracht kommen. 
Deutschland wird immer dichter besiedelt werden, einmal durch 
Erweiterung der Großstädte, dann durch dichtere Besiedlung 
der Landkreise. Ich glaube gezeigt zu haben, daß die Besiedlung 
der Landkreise in Form der Landesplanung die beste, bilhgste 
und 'zweckmäßigste Siedlungsform ist, die auch der deutschen 
Volkswirtschaft am besten dient. Ob die Auflockerung der 
Großstädte in der wünschenswerten Form in Zukunft gelingen 
wird, ist eine offene Frage, ja sogar eine Machtfrage. Die Auf 
lockerung der Landkreise ist gegeben und liefert die bessere 
Siedlungsform. Aus diesem Grunde hat die Frage, ob jetzt 
unserem deutschen Siedlungswesen ein historischer Wendepunkt 
bereitet werden kann, einen tiefgreifenden Sinn, Die Groß 
stadtfanatiker werden diesen Sinn nicht erkennen oder aner 
kennen wollen. Aber man kann weder eine Rationalisierung noch 
eine Verwaltungsreform durchführen, wenn man sich an über 
lieferte Formen und Gesetze anklammert, die dem inneren Wesen 
des Zeitgeistes widersprechen, und letzten Endes muß doch das 
Wohl des gesamten Volkes maßgebend sein, nicht der Macht 
wille einzelner unter Schädigung des Volksganzen. 
Dt. Robert Schmidt, Essen 
Direktor des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk 
(VGL, SEITE 77) 
verstanden hat, auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik beste 
Köpfe fast aller politischen Parteien von der Rechten bis zur 
Linken unter einer Fahne, der Fahne der Bodenreform, zu 
sammeln und beieinander zu halten, schildert ihren Lebenslauf 
so lebhaft, daß der Leser sich fast unmittelbar in das seelische 
Erleben, von dem der Verfasser bei der Niederschrift bewegt 
war, mit hineingezogen fühlt. Man kann diesem Buch, worin 
ein Stück deutsche Kulturgeschichte aufgerollt ist, auch im 
Interesse der staatsbürgerlichen Erziehung weite Verbreitung 
wünschen.
	        
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