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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

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Abb. 3 j Cbristopher Wrens Plan für London nach dem großen Brande von 1666 j Vgl. Text S. 34 und Abb. 9 bis. 11 
Eine weitere Eigenschaft, die sehr ins Gewicht fiel, war seine 
Vorliebe zu großzügigem Schaffen; die war unter den rein 
bürgerlichen Kolonisten selten zu finden. Wahrscheinlich war 
es diese Großzügigkeit, die für seine Wahl durch den hoch' 
sinnigen und w'eitschauenden Präsidenten Washington ent 
scheidend war. 
L’Enfants Mangel an Schulung und Erfahrung wurde dadurch 
wettgemacht, daß sein lebhafter ’ Geist von den damals herr 
schenden französischen und amerikanischen Anschauungen vom 
Städtebau erfüllt war. Jcffcrson, der weitgereiste Staats 
sekretär, der selbst ein Architekt von bemerkenswerten Fähig 
keiten war, überließ ihm leihweise eine Sammlung europäischer 
Stadtpläne; aber L’Enfants Hauptstütze muß seine eigene große 
Sammlung einschlägiger Bücher und Stiche gewesen sein. Diese 
Sammlung wurde mit zahlreichen Skizzen für den neuen Stadt 
plan und dessen Teilpläne neun Monate, nachdem L’Enfant mit 
der Arbeit begonnen hätte, gestohlen. Er selbst wurde drei 
Monate später verabschiedet und zwischen ihm und den Behörden 
traten nie wieder engere Beziehungen auf. In der Folge befaßte 
sich L’Enfant fast gar nicht mehr mit Entwurfsarbeiten, hinter 
ließ auch keinerlei Aufzeichnungen über seine Arbeit in Washing 
ton und jene ganze Epoche ist später nicht genügend durch 
forscht worden. Verschiedene Feuersbrünste, so u. a. die Ver 
brennung des Capitols durch die Engländer im Jahre 1814, haben 
zweifellos zahlreiche Urkunden vernichtet. Daher vermag tat 
sächlich nur das Studium des ausgeführten Planes selbst auf 
die Quellen und Vorbilder zurückzuführen, die ihm zugrundc- 
liegen mögen. 
Die auffallende Ähnlichkeit zwischen dem Plan L’Enfants für 
Washington und dem Plan von Versailles hat zu der allgemeinen 
Annahme einer Abhängigkeit des ersteren von diesem geführt, 
ln der Absicht, den Stammbaum des Planes für Washington ein 
gehender und genauer zu untersuchen, habe ich vor allem nach 
anderen möglichen Vorbildern außer Versailles geforscht, und 
ferner versucht, die Ähnlichkeiten zwischen dem Plan von 
L’Enfant und dem für Versailles möglichst genau zu ermitteln. 
Für die Untersuchungen erstcrer Art ist es mir gelungen, 
eine sehr wichtige Quelle in einem Plan für den Wiederaufbau 
von London nach der Feuersbrunst von 1666 Zu entdecken. Es 
handelt sich nicht um den allbekannten Plan von Wren, (Abb. 3), 
sondern um eine vergessene Planskizze von John Evelyn (Abb. 8). 
Evelyn war ein typischer Edelmann und Gelehrter seiner Zeit. 
Er war weit gereist, schrieb über Gartenkunst und war Mit 
glied des ersten Planungsausschusses für London. Noch während 
das Feuer wütete, entwarf Evelyn eine schematische Skizze, die 
stark an die königlichen Parks von Greenwich und Hampton 
Court erinnert (Abb, 4). Später, als dieser Plan abgelehnt 
war, stellte er zwei weitere weniger ideale Pläne auf. Ich glaube 
nun, daß L’Enfant den zweiten dieser Pläne besaß und benutzte 
(alle drei Pläne Evelyns wurden in London 1748 veröffentlicht 
und erschienen 1789 in zweiter Auflage). Ihm mag L’Enfant 
wohl den Grundzug seiner Planung verdanken: Die Verwendung 
diagonaler Straßen in Verbindung mit einem Schachbrettsystem 
und ebenso vielleicht den Gedanken, schnurgerade Straßen quer 
durch die Stadt für den wichtigsten Durchgangsverkehr zu 
legen (Abb. 6, 7 und 14). 
Vgl. Text S. 54 
und die Abbildungen 5 bis 8 
\ 
Abb. 4 f John Evelyns 
erster Entwurf für London 
nach dem großen Brande 
von j666
	        
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