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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

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Abb, i und 2 I Die Parochialstraße in Berlin im Jahre 1831 (links) und ig2j (rechts) 
Nach: 50 Jahre Berliner Siadtentwässerung 
BERLINER STADTENTWÄSSERUNG 
Im Aufträge des Magistrats Berlin haben Stadtbaurat Hermann 
Hahn und Magistrats-Oberhaurat Fritz Langbein im Verlage von 
Alfred Metzner, Berlin, einen mit Abbildungen und Planbeilagen 
versehenen Sammelband von über 500 Seiten „Fünfzig Jahre 
Berliner Stadtentwässerung 1878—1928“ her aus ge gehen. 
Mit dem Wachstum Berlins entwickelten sich vor Einführung 
der Kanalisation Zustände, deren ekelerregende Unhaltbarkeit 
in zeitgenössischen Berichten vielfach geschildert wurde. Weder 
erfolgte eine Spülung der offenen, nur vor den Hauseingängen 
überbrückten Rinnsteine (Abb. 1), noch bestand eine verantwort 
liche Behörde für die Straßenreinigung. Trotz dieser Verhältnisse 
verfielen Anregungen zur Verbesserung, wie ein erster 1816 ernst 
haft geprüfter Vorschlag des „Bauschreibers“ Dedickc aus Leipzig 
aus technischen oder finanziellen Gründen immer wieder der 
Ablehnung, bis schließlich 1860 der Geheime Baurat Wiebe mit 
der Aufstellung eines Kanalisationsentwurfes für Berlin beauf 
tragt wurde. Auf Grund seiner im gleichen Jahre unternommenen 
Reise zum Studium der Entwässerungsanlagen von Hamburg, 
Paris, London usw. legte Wiebe den hier in Abbildung 3 in 
seinen Grundzügen dargestellten Entwurf vor, der sich auf eine 
Fläche von 2553 ha erstreckte. Dieser Entwurf entfesselte leb 
hafte Erörterungen, und die Stadt konnte sich zur Annahme des 
Wiebe’schen Planes nicht entschließen. Unter dem Vorsitz Ru 
dolf Virchows wurde schließlich 1867 eine Deputation eingesetzt, 
der ein eigenes Büro zur Verfügung stand, und dessen Leitung 
1869 Stadtbaurat Hobrecht aus Stettin übernahm, der als Mit 
arbeiter Wiebes an der Studienreise von 1860 teilgenommen 
hatte. Der Generalbericht Virchows wurde Ende 1872 erstattet; 
Hobrecht legte einen neuen Entwurf vor (Abb. 8). 
„Dieser Entwurf sah zwölf voneinander unabhängige Ent 
wässerungsgebiete vor, von Hobrecht ,Radialsysteme* genannt, 
in denen die häuslichen Brauchwässer und das Regenwasser 
gemeinsam in Gcfällsleitungen aus Mauerwerk oder Steinzeug 
je einem Pumpwerke zufließen, das sic mittels eiserner Druck 
rohre nach den Rieselfeldern befördert. Die Grenzen der zwölf 
Entwässerungssysteme (vgl. Abb. 8) waren den topographischen 
und hydrologischen Eigenschaften des Grund und Bodens an 
gepaßt . . . Die Aufteilung der rund 6000 ha großen Stadt 
fläche in zwölf Einzclgcbiete ermöglichte im Gegensatz zu der 
Wiebe’schen Lösung (Abb. 3) eine höchst günstige Ausnutzung 
der natürlichen Gcfällsverhältnisse. Der . . . Entwurf wies so 
wohl in technischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht so er 
hebliche Vorzüge auf, daß die städtischen Behörden seine sofortige 
Ausführung beschlossen. Demzufolge wurde noch in demselben 
Jahre mit dem Bau des Radialsystems III begonnen, dem 1875 
die Systeme I, 11, IV und V, 1880 die Systeme VI und VII, 
1882 das System X, 1886 die Systeme VIII und’XTI, 1887 das 
System IX und 1907 das System XI folgten.“ x ) 
Obwohl das von Hobrecht zur Durchführung gebrachte Misch- 
system, d. h. die gemeinsame Abführung von Regen- und Brauch 
wasser, sich seit der Inbetriebsetzung des ersten Radialsystcms 
am 1. Januar 1878 bewährt hat, führten vor der Bildung von 
Groß-Berlin (1920) die Nachbargemeinden nur zum Teil das 
gleiche Verfahren ein; andere entschlossen sich hauptsächlich 
aus wirtschaftlichen Gründen für das Trennsystem. Denn die 
Herstellung des Trennsystems wird „stets billiger als die des 
Mischsystems .... wenn man in der Lage ist, das Regenwasser 
vorläufig zum Teil oberirdisch und zum Teil durch nur wenige, 
möglichst kurze unterirdische Leitungen der nächsten Vorflut 
zuzuführen“ (S. 39). 
Nach den verschiedenen Systemen waren bis 1920 von der 
87 000 ha großen Stadtfläche insgesamt etwa 22 000 ha kanali- 
x ) Langbein, Fritz: Die Stadtcntwässcrung in: Probleme der 
neuen Stadt Berlin 1926. S. 348 ff.
	        
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