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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

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CHRONIK 
RANDGLOSSEN ZUM HEUTIGEN STÄDTEBAU 
Wir entnehmen dem Schreiben eines Städtebauers folgende 
Bemerkungen, nachdem wir den Ferfasser gebeten haben, durch 
die beigedruckten Handskizzen das Gesagte zu verdeutlichen. 
Die Schriftleitung 
. . . Mir scheint, der Verkehr hat uns überrumpelt. Die Straße, 
ich meine hier die große Verkehrsstraße im Außengebiet unserer 
Großstädte, hat ihre Funktion verändert, aber unsere architek 
tonische und gefühlsmäßige Einstellung zu ihr, die aus ganz 
anderen Zeitläuften stammt, ist stehen geblieben. Diese Aus 
fallstraße hat nur noch die Aufgabe der Verbindung, sie ist eine 
Art Gleiskörper für schienenlose und schienengebundene Fahr 
zeuge geworden, und sollte danach gestaltet werden, aber wir 
halten immer noch krampfhaft fest am Begriff Straßen-„Raum“, 
suchen die Straßen-,,Wand“ zu retten und sehen nicht, daß 
wh dabei neuen Wein in alte Schläuche füllen. Das ginge noch 
gelände gleichzeitig oder in kurzer Folge erschließen kann, 
so kann mich doch kein Rechenexempel zwingen, die vier- 
bis fünfgeschossige Bauweise dahin zu verlegen, wo das Wohnen 
am ruhelosesten und unhygienischsten ist, also an die Ausfall 
straßen, sondern ich werde sie, vorausgesetzt, daß der Boden 
preis teilweise zu solcher Geschoßhäufung zwingt, dahin legen, 
wo die Bedingungen am günstigsten sind, wo Ruhe nach der 
Tagesarbeit noch möglich ist, also unmittelbar an den Rand 
der benachbarten Grünflächen. Die Kosten der Verkehrsstraßc 
werden von der ganzen Wohnbaufläche anteilig übernommen, 
denn jedermann hat das Interesse an der schnellen Verkehrs- 
verraittlung zwischen Wohn- und Arbeitsstätte. Daß ich dabei 
durch die Entlastung von dem Lokalverkehr den Verkehrswert 
der Hauptstraße wesentlich steigere, ist ein Nebenerfolg. Die 
Verkehrsstraße würde dann nur noch von Garagen und ähnlichen 
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an, wo es sich um wirkliche Geschäftsstraßen handelt, wo Läden 
und Büros bereit sind, vielgeschossige Häuser bis zum Dach 
auszufüllen. Aber auch das ist ja meist ein Irrtum: Diese 
Straßenbänder, die City und Vorort verbinden, zu früher nicht 
gekannten Längen sich auswachsend, werden immer mehr auf- 
horen, Geschäftsstraßen zu sein. Einige Läden zu ebener Erde 
ja, aber die Büros und Großgeschäfte konzentrieren sich in der 
City und allenfalls in einigen Nebenzentren; und was bleibt, 
um die Stützmauern dieser Verkehrsschluchten auszufüllen ? 
Die Wohnungen —- die Wohnungen für die minderbemittelten 
Schichten; die anderen sind schon nach und nach auf den 
Geschmack gekommen und flüchten in die grünen Vorstädte. 
Die Straßenbreite wächst, jedes Verkehrsmittel beansprucht 
(mit Recht) seine eigene Fahrbahn, und die Häuserwände 
wachsen mit —, denn wir halten fest am „Raum“ und wollen 
durch unsere Verkehrsstraßen imponieren. Aber um die Menschen, 
die in diesen Häusern wohnen sollen, die bald nicht mehr wissen 
werden, was „Stille“ ist und was ausruhen heißt, kümmern wir 
uns nicht. Ihnen bleibt, solange die Wohnungsnot besteht, 
keine Wahl, als unterzukriechen, nur weil — — die Straße 
bezahlt sein will, weil „die Straßenanliegerkosten zur Geschoß 
häufung zwingen“. Aber mir scheint, hier steckt ein Denk 
fehler. Wir denken zu gewohnheitsmäßig, und nur eben darauf 
wollte ich verweisen, nicht gleich das ganze schwere Problem 
in ein paar Briefzeilen lösen. Mir scheint die These von der 
zwangsläufigen Abhängigkeit der Geschoßzahl von den Straßen 
kosten war richtig, als jedes Haus oder jeder kleine Block für 
sich, jeder von einem anderen Privaten gebaut wurde. Sie 
kann- nicht mehr richtig sein, wenn ganze Stadtteile aus einer 
Hand erstellt, oder ihre Erstellung auch nur von einer, nämlich 
der öffentlichen Hand dirigiert und finanziert wird. Wenn ich 
beiderseits einer Ausfallstraße auf einige loo m Tiefe das Bau 
niedrigen Hauszeilen oder auch nur von Gartenzeilen begleitet 
sein. Wir werden keine Veranlassung haben, der Monumental 
straße alten Stils eine Träne nachzuweinen; sie wird in der 
City, vielleicht noch in ganz anderen Maßstäben als wir in 
Europa sie gewohnt waren, ihre Rolle spielen, zum Stolz des 
Bürgers und zur Freude des Architekten. Aber zwischen Amster 
dam und Haarlem, Berlin und Potsdam, Frankfurt und Escher- 
feld hat sie keine Berechtigung mehr und keine „reformierte 
Mietskaserne“ sollte an solchen Straßen mehr errichtet 
werden dürfen. 
Überhaupt, glaube ich, wird sich der Hausbau immer mehr 
von der Straße frei machen, man wird die Straße vielleicht in 
Zukunft nur noch als den Verkehrsträger betrachten, aber die 
Häuser von ihr befreien, die Wohnungen in die Gärten rücken 
(wenn auch nicht jedes Fahrzeug an jede Haustür heranfahren 
kann, was tut’s ?) und so die Gartenstadt i n der Großstadt 
verwirklichen. 
Aber ich habe Ihre Geduld lange genug in Anspruch genom 
men, vielleicht kann ich gelegentlich etwas systematischer und 
mit rechnerischen Belegen auf die Sache zurückkommen. 
Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener van Z . . . 
BUND DEUTSCHER BODENREFORMER 
Am 17. Oktober hat sich der „Ständige Beirat für Heim 
stättenwesen beim Reichsarbeitsministerium“ über den Text des 
Gesetzentwurfes geeint. Gelingt seine Annahme, so ist wohl 
jeder Mißbrauch mit dem Wohnboden aus unserem Vaterlande 
ausgeschlossen. Die weitere Arbeit für das Gesetz fordert aber 
Mittel, welche der geringe Halbjahresbeitrag von 3,60 Mark 
nicht aufbringt. Die Freunde des Bundes Deutscher Boden 
reformer werden daher gebeten, durch eine besondere Gabe diese 
Arbeit zu ermöglichen. Postscheckkonto: Berlin 3900. 
Als Herausgeber verantwortlich: Architekt Werner Hegemann — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W 8, Markgrafenstraße 31 
® Presse: Dr. Selle-Eysler A.-G., Berlin SW 29, Zossener Straße 55
	        
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