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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

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nur eine ganz nebensächliche Rolle. Das erhaltene Raumbild 
ist nach wie vor das mittelalterliche, wenn sich auch gotische 
Bürgerhäuser nur ganz ausnahmsweise bis in die Gegenwart 
gerettet haben. Wie in den besten Zeiten des Mittelalters aber 
die Straßenfronten unserer Ostseestädte einmal ausgesehen, ver 
mittelt uns sehr schön ein alter Stadtprospekt von Rostock, von 
dem in Abbildung 30 ein Ausschnitt wiedergegeben. Diese 
monumentalen Steinhäuser haben selbstverständlich auch noch 
Vorgänger in Holzfachwerk gehabt. Ein Beispiel hierfür ist in 
Abbildung 31 zu rekonstruieren versucht. Der Ersatz solcher 
Holzhäuser durch Steinfassaden ist aber im Nordosten Deutsch 
lands infolge des so handlichen praktischen Backsteinmaterials 
viel früher und viel durchgreifender vor sich gegangen als in den 
westlichen und südlichen Landesteilen. 
Ebenso wie die gleichmäßige Reihung solcher in alter Form 
gegebenen Einheiten die Grundlage der Rekonstruktion unserer 
Stadtsilhouetten bildete, sei zum Schluß (Abb. l) noch der 
Versuch gezeigt, ein altes inneres Raumbild der Stadt in seiner 
ursprünglichen Fassung vor Augen zu führen. Dazu ist das 
Schönste gewählt, was das mittelalterliche Danzig wohl über 
haupt aufzuweisen gehabt hätte, wenn diese Raumschöpfung 
jemals ganz im Sinne des damals am Werke befindlichen Archi 
tekten zur Vollendung gelangt wäre. Es handelt sich um den 
Zug der Daramstraße mit ihrem monumentalen axialen Abschluß 
durch den Bau des hohen Querschifies der Marienkirche. Während 
der Ostabschluß dieses Kirchenbaues ebenso wie die Südfront 
seines Querschiffes (Abb. 27, 28) entsprechend der inneren drei- 
schiffigen Hallenentwicklung obere Bekrönungen durch drei 
nebeneinander gestellte Giebel mit flankierenden Turmaufbauten 
erhalten haben, die mit ihrer reichen Durchbildung in so charak 
teristischem Gegensatz zur einfachen Flächigkeit ihres Unter 
baues stehen, ist für die Nordwand des Querschiffes nur eine 
Teillösung zustande gekommen. Hier muß damals irgend etwas 
im Wege gewesen sein (angeblich ein Pfarrhaus, dessen Be 
seitigung nicht durchgesetzt werden konnte), wodurch der Aus 
bau des Östlichen Seitenschiffes im nördlichen Querschiffteil bis 
zu dessen geplanter Abschlußwand nicht möglich war. So blieb 
diese architektonisch ein Torso (Abb. 29), indem nur der mittlere 
und westliche Giebel zur Ausführung gelangen konnte und der 
flankierende Ostturm einfach an diese Gruppe herangeschoben 
werden mußte. Gern ist der Architektenkollege von damals 
sicher nicht an diese Notlösung herangegangen, aber wir wissen 
ja, wie oft sich auch noch heute Ähnliches ereignen kann, ln 
unserem Bilde (Abb. 1) ist nun diesem Übelstande nachträglich 
abgeholfen und die Querschiffswand in ihrem vervollständigten 
Aufbau eingetragen, mit depi Ergebnis, daß ein Raumbild 
vollendetester Art vor uns steht, wie sicher niemals ein besseres 
geschaffen wurde. Professor Otto Kloeppel, Danzig. 
Die Abbildungen i, 10, 12 und 31 zeichnete Dipl.-Ing. Kotli, 
DIE FRAUENGASSE IN DANZIG ALS ARCHITEKTURMUSEUM 
VON ALBERT CARSTEN, DANZIG 
Die Verhandlungen auf dem diesjährigen Tage für Denkmal 
pflege und Heimatschutz mußten mit ihrer programmatischen 
Signatur: „Altstadt und Neuzeit“ für Danzig von größtem 
Interesse sein. Die Bestrebungen zur Erhaltung des alten Stadt 
bildes und im besonderen des Giebelrhythmus in den Straßen 
zügen, begegnen sich hier öfter und vielleicht auch schärfer als 
anderen Ortes mit den Forderungen der neuzeitlichen Verkehrs 
und Wohnverhältnisse. Man wird sich bei der immer energischer 
vorwärtsschreitenden Umwandlung der alten Rechtstadt in ein 
Geschäftsviertel klar werden müssen, welche Teile unter allen 
Umständen vor einschneidenden Veränderungen geschützt 
werden müssen, und wo andererseits weniger Wichtiges zugunsten 
berechtigter Ansprüche unserer Zeit geopfert werden muß. 
Hierfür gibt die Stadt Brüssel ein vorbildliches Beispiel. Dort 
hat man den Marktplatz als ein noli me tangere vor jeder Ver 
änderung an den alten, ihn umsäumenden Bauwerken bewahrt 
und die Einmündungen der angrenzenden Straßenzüge ebenfalls 
in den Denkmalschutz einbezogen. Dafür haben sich dann 
andere weniger bedeutsame Teile der alten Stadt Veränderungen, 
die durch die neuzeitlichen Verhältnisse bedingt waren, gefallen 
lassen müssen. Ähnlich müßte auch in Danzig vorgegangen 
werden. Hier kommt in erster Linie die zur Hauptgeschäfts 
straße gewordene Langgasse und der durch das Rathaus mit ihr 
zu einer Einheit verbundene Langemarkt in Betracht. Auf das 
Danziger Forum hat sich bereits die schützende und geschickte 
Hand des Denkmalpflegers gebreitet; sie muß auch in der 
Langgasse stark genug sein, um Entstellungen aus früherer 
Zeit zu beseitigen und das Eindringen neumodisch aufgezäumter 
Baugebilde in diesem mit den schönsten alten Patrizierhäusern 
besetzten Straßenzuge zu verhindern. Von der behaglichen 
Wohnstraße, wie sie J. C. Schultz in seinen aus den fünfziger 
und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammenden 
Radierungen schildert, ist freilich wenig genug übrig geblieben. 
Dagegen hat ein Teil der schmalen, der Langgasse parallel 
laufenden Straßenzüge besonders in ihren unteren Teilen nach 
der Mottlau zu das ursprüngliche Aussehen auch heute noch in
	        
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