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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

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um eine Spekulation handle. Hierauf erwiderte Herr Locheur, 
der gegenwärtige Arbeitsminister, daß die Verbände der Bau 
unternehmer usw. das formelle Versprechen gegeben hätten, 
in keiner Weise die augenblicklichen Preise zu erhöhen. Im 
übrigen sei die Regierung in der Lage, die Verwirklichung des 
Projektes im Notfall zu verlangsamen und damit der Spekulation 
einen Damm entgegenzusetzen. Schließlich sei die Verwendung 
von Sachlieferungen bei Aufhebung des Zolles für den Fall zu 
hoher heimischer Preise vorgesehen. 
Gekennzeichnet ist das Projekt Loucheur vor allem dadurch, 
daß der Mieter der zu errichtenden Wohnungen oder Einfamilien 
häuser deren Besitzer werden kann. Wie bekannt, bestehen 
in Frankreich schon seit Jahren die „Ämter für billige Woh 
nungen“, die staatlich unterstützt werden (Gesetz Ribot), deren 
Tätigkeit aber immer mehr nachließ, weil die Wohnungen eben 
doch zu teuer zu stehen kamen und weil der Mieter, dachte er 
an den Erwerb der Wohnung, jährlich mindestens 2300 Franken 
zu entrichten hatte, was für einen Arbeiter unmöglich war. 
Nach dem neuen Projekt soll zum Beispiel ein Arbeiter, der 
Vater von vier Kindern ist und in der Provinz lebt, zur Er 
werbung seines Eigenhauses jährlich nicht mehr als 1400 bis 
1500 Franken zu entrichten haben. 
Die Beihilfe des Staates ist für billige Wohnungen dreifach 
stärker als jene für Wohnungen mit mittleren Mieten. Dies 
Verhältnis wurde bei der Diskussion mehrfach als unrichtig 
bezeichnet; es wurde darauf hingewiesen, daß die Kleinbürger, 
die Kleinrentner und vor allem die Angehörigen der freien 
Berufe und die sogenannten Intellektuellen unter den Folgen 
des Krieges weit mehr gelitten hätten als etwa die Arbeiter. 
Dr. M. Uebelhör, Paris 
Der französische Arbeitsminister hat inzwischen verschiedene 
seiner Mitarbeiter nach Westdeutschland geschickt, um sie das 
deutsche Siedlungswesen studieren zu lassen. Auf die von ihnen 
an Loucheur eingereichten Berichte werden wir später eingehen. 
Wir hoffen, daß sich Deutschland an dem großzügigen fran 
zösischen Wohnungsbauprogramm ein Beispiel nimmt. 
Wie cs um das Bauprogramm der Stadt Berlin steht, ist im 
vorigen Hefte des „Städtebau“ (vgl. S. 204) auseinandergesetzt. 
Inzwischen war das Gerücht verbreitet worden, daß der neue 
Leiter des Dezernats fürWohnungs-und Siedlungswesen, Stadtrat 
Czeminski, die Äußerung getan habe, es würden im Jahre 1929 
in Berlin zehnmal so viel Wohnungen errichtet werden, als dies 
im Jahre 1928 der Fall war. Daß eine solcheÄußerung natürlich 
nicht gefallen ist, brauchte nicht erst besonders bekanntgegeben 
zu werden. Wohl in der Annahme, daß es trotz aller Erfahrungen 
immer noch Optimisten in Berlin gibt, hat man die angebliche 
Äußerung sicherheitshalber doch dementiert. 
Eine Reihe von Tageszeitungen hat zu dem Problem der 
Berliner Wohnungsnot Stellung genommen und das „völlige 
Versagen der Berliner Stadtverwaltung“ in scharfen Worten 
gerügt. So schreibt der „Montag Morgen“ vom 16. Juli: 
„ . . . Die Empörung über das grenzenlose Wohnungselend 
in der Hauptstadt der Republik wendet sich mit Recht gegen 
die Amtsstuben des Magistrats. . . . Wir können es durchaus 
verstehen, wenn, der Oberbürgermeister von Berlin davon spricht, 
daß man sich zu einem , Schritt der Verzweiflung* aufraffen 
müsse. Wir können es aber nicht verstehen, daß seine Ver 
zweiflungsschritte so klein abgemessen sind, wie er es beabsichtigt. 
Böß will, um das schreiende Wohnungselend zu mildern, mutig 
zu dem Mittel der Etatsüberschreitung greifen. Er will in diesem 
Jahre den Magistrat dazu bewegen, io Millionen Mark herzu 
geben, um damit den Wohnungsbau zu fördern. Er denkt, 
diese 10 Millionen Mark durch Steuererhöhungen wieder herein 
bringen zu können. So gewaltig sich die Summe von 10 Millionen 
Mark anhört, so verschwindend klein ist sie an dem tatsächlichen 
Bedarf gemessen. Mit 10 Millionen Mark sind, wenn man die 
Methoden der Berliner Wohnungsfürsorge-Gesellschaft anwendet, 
etwa eintausend Wohnungen zu errichten. 600 davon werden 
im besten Falle Kleinwohnungen sein und auch die werden noch 
eine monatliche Miete von 60 Mark kosten. 600 Elenden wird 
man also ein zweifelhaftes Glück bereiten und 250000 werden 
weiter elend sein.“ 
Jetzt wird bekannt, daß Oberbürgermeister Böß den Versuch 
machen will, statt der vorgesehenen 10 Millionen Mark für ein 
Zusatzprogramm im Jahre 1928 sich 15 Millionen Mark be 
willigen zu lassen. 
Das „Berliner Tageblatt“ vom 17. Juli 1928 (Nr. 333) schreibt 
unter der Überschrift: „Schwere Mängel der deutschen Bau 
politik“ unter anderem; 
„ . . . Auch der lebhafteste Bewunderer der sozialdemokra 
tischen Politik in Preußen und in Berlin wird nicht behaupten 
können, daß die Sozialdemokratische Partei auf diesem Gebiet 
Bewunderungswertes geleistet hat. .. 
Heute wohnen 22000 Berliner Familien in Kellerwohnungen, 
16500 in Mansarden- und 47000 Familien in Wohnungen, die 
weder einen Abort noch eine Wasserleitung haben. Die Unzahl 
der Behelfswohnungen sind dabei gar nicht eingerechnet. Wenn 
das neue Berliner Wohnungsbauprogramm für 1928 den Bau 
von nur 24000 bis 25000 Wohnungen vorsieht, so wird damit 
nur ein Bruchteil der Zahl der Wohnungssuchenden befriedigt, 
die aus der Provinz zuziehen. Was geschehen muß, um diesem 
Elend zu steuern, zeigt das französische Beispiel. G. M. 
GRÜNDUNG EINES INTERNATIONALEN VERBANDES 
FÜR WOHNUNGSWESEN 
Seit Jahren wurde zwischen dem „Internationalen Verband 
für Wohnungswesen und Städtebau“ und den Wohnungsrefor- 
mern über die Gründung einer selbständig arbeitenden Woh 
nungssektion im Rahmen dieses Verbandes verhandelt. Da der 
Verbandsrat bei seiner Sitzung in Paris am 1. Juli 1928 zu keiner 
Entscheidung kam, glaubten die Wohnungsreformer, diese neue 
Verzögerung im Interesse ihrer Bestrebungen nicht mitmachen 
zu dürfen und gründeten einen neuen „Internationalen Verband 
für Wohnungswesen“. 
Man beschloß, die geeigneten Mittel zu suchen, um zu einer 
erfolgreichen und freundschaftlichen Zusammenarbeit mit dem 
„InternationalenVerband für Wohnungswesen und Städtebau“ zu 
gelangen. Es ist bestimmt zu erwarten, daß der Sitz des Sekreta 
riates nach Deutschland verlegt wird, wenn hierfür die unerläß 
lichen .Voraussetzungen geschaffen werden können. Hierzu be 
stehen die besten Aussichten, da in den Kreisen der deutschen 
Wohnungsreformer der lebhafte Wunsch besteht, diese wichtige 
internationale Zentralstelle für Deutschland zu sichern. 
Auskünfte über den neuen Verband erteilt das Generalsekreta 
riat (Adresse bis auf weiteres: Wien XVII, Nachreihengasse 48). 
BUND DEUTSCHER BODENREFORMER 
Der 32. Bundestag des Bundes Deutscher Bodenreforraer 
findet vom 28. September bis 1. Oktober in Koblenz a. Rhein 
statt. Man wird sich um zwei Fragen besonders mühen, um die 
Fragen des Bodenreform- und Steuervereinheitlichungsgesetzes 
und um die des Eigentums. Auf dieser Tagung wird übrigens 
auch Adolf Damaschke einen Vortrag halten über „Bodenreform 
arbeit, Aufgaben. Unsere Stellung zum Bodenreformgesetz und 
zum Steuervereinheitlichungsgesetz“. 
Als Herausgeber verantwortlich; Architekt Werner Hegexnann — Verlag von EmstWasmuth A.-G., Berlin W 8, Markgraienstraßejl 
<9 Presse: Dr. Selle-Eysler A.-G., Berlin W29, Zossener Straße 55
	        
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