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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

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FLUCHTLINIENPLAN 
FÜR DAS GELÄNDE ZWISCHEN 
vom Rhythmus, von der Spannung zwischen Masse und Domi 
nante. Der Städtebau ist deshalb auf feinere Abstufungen ange 
wiesen, als sie der bislang übliche Bauzonenplan mit seiner Ein 
förmigkeit ganzer Stadtviertel und starrer Verkuppelung von 
Straßenbreite und Haushöhe bietet. Deshalb ist der „Aufbau 
plan“ seit Jahrzehnten die Sehnsucht des Städtebauers; Wagner- 
Speyer und viele andere haben ihn mit Eifer und guten Gründen 
gefordert. Und das Ergebnis dieser Forderungen: Der § 15 
Abs, 2 des Entwurfes zum preuß. Städtebaugesetz: „Den Be 
bauungsplänen sollen in der Regel Aufbaupläne vorausgehen. 
Sie sind nicht rechtsverbindlich . , und als magere Ergänzung 
dazu die Neufassung des Vcrunstaltungsparagraphen in § 42 des 
gleichen Gesetzes, der aber wieder im wesentlichen nur besondere 
„Teile von Ortschaften“ gegen Verunstaltung schützt, anstatt 
die wirkliche Gestaltung des Stadtganzen zu ermöglichen und da 
mit die an sich wunderliche Unterscheidung zwischen geschützten 
und ungeschützten Gebieten verewigt. Damit ist nichts gewonnen. 
Nun ist es klar, daß es nicht möglich und auch gar nicht er 
wünscht sein kann, diesen Aufbauplan im Sinne des Gesetzes, 
der jeden einzelnen Baukörper in Grundfläche und Höhe enthält, 
durch Polizeiverordnung oder Ortssatzung rechtsverbindlich als 
Modellplan festzulegcn. Wohl aber ist ein Zwischending zwischen 
Fluchtlinienplan und dem in die Einzelheiten gehenden Modell 
plan möglich, mit dem mit einem Schlage die oben genannten 
Lücken in den heute vorhandenen zwingenden Gestaltungs 
mitteln geschlossen und darüber hinaus jede gewünschte Be 
lebung in der Eintönigkeit des Zonenplanes erreicht werden kann. 
Wie etwa ein solcher Plan aussehen muß, wird hier an einem 
Beispiel (Abb. 3) gezeigt, und sei kurz erläutert: 
Wie ein Vergleich mit Abb. 1, dem zuerst entworfenen, bis 
in die Einzelheiten gehenden Wunschplan zeigt, sind die für die 
städtebauliche Gesamtwirkung wesentlichen Unterscheidungen 
bezüglich Bauart und Bauhöhe durch ganz einfache Zeichen 
gebung festgelegt. Drei Stricharten für offene, gruppenweise und 
geschlossene Bauart in Verbindung mit vier bis fünf Farben, 
die in der Abbildung leider nur durch graue Töne wiederzugeben 
sind, genügen völlig, um das Wichtigste festzulegen. Ein Ab 
setzen dieser Linien bedeutet pflichtmäßiges Aussetzen der Be 
bauung in Form eines Wiehes, oder auf größere Strecken (z. B. 
Offenlassen der kurzen Seiten von langgestreckten, nur an den 
Längsseiten zu bebauenden Blocks), Ergänzt werden diese Grund- 
Abb. 2 / Fluchtlinienplan, auf 
ALT-GINNHEIM UND AM Grund des FluchtUniengesetzes fest- 
SCHWALBENSCHWANZ geeilt, enthält die Straßen- und 
Baufluchtlinien, läßt aber die Höhe 
. und Art der Bebauung offen, ist 
also nur eine zweidimensionale und 
damit völlig unzureichende Unter 
lage für die bauliche Erschließung. 
Zeichen durch qucrgestellte Striche 
die die Stellen bezeichnen, wo 
Seitenflügel aus wirtschaftlichen 
Gründen (besonders große Grund 
stückstiefe) zulässig oder aus 
städtebaulichen Erwägungen er 
wünscht sind, während diese im 
übrigen in neueren Bauordnungen 
meist grundsätzlich verboten 
werden dürften. Doppellinicn 
deuten ausnahmsweise zulässige 
Hinterhausbebauung an. Auch 
für diese Seiten- und Hinter 
gebäude sind die Höhen ohne 
weiteres durch die jeweilige Farb 
gebung und rein aus den örtlichen Gegebenheiten oder Ge 
staltungsgründen festzulegen. Schließlich läßt sich noch durch 
auf die Baulinien gesetzten Meterzahlen die einheitliche Haustiefe 
streckenweise festlegen, die nur nach vorheriger Sicherung für 
ganze Gruppen- oder Reihenteile oder nach einheitlichem Rhyth 
mus über-resp. unterschritten werden darf, womit die Verwendung 
von hinteren Baufluchtlinien im Fluchtlinienplan, die ihn nur ver 
wickelter macht, entbehrlich wird. Natürlich ist als Ergänzung 
durch die Bauordnung das Zurückbleiben hinter der Fluchtlinie 
nur in begründeten Fällen und nur dann, wenn sie dem Sinne des 
Planes nicht zuwiderlaufen, zu gestatten. Die angegebenen Ge 
schoßzahlen sind nicht nur als Höchst-, sondern auch als Mindest- 
zahlen festzulegen, während für solche Stellen, die als beherr 
schende Betonungen besondere Höhe erhalten sollen, nicht von 
vornherein zwingende Angaben gemacht werden sollten. 
Gelingt cs, diesen Aufbauplan in der vorgeschlagenen Form 
zur Grundlage städtebaulicher Verwirklichung zu machen und 
seine Festlegung durch Polizeiverordnung zugleich mit der Fest 
stellung des Fluchtlinienplanes zu erreichen — es sind Anzeichen 
vorhanden, daß dies gelingen wird — so werden wir einen ge 
waltigen Schritt weiter gekommen sein. Dann wird die schöpfe 
rische Leistung der Stadtplanung, da wo sie schon zu einiger 
Reife gekommen ist, nicht so oft durch Willkür und Unverständnis 
des Einzelnen zum Scheitern verurteilt sein. 
Daß hierzu nicht nur erhebliche Widerstände eben dieser 
Vielzahl von Bau- und Bodeninteressenten zu überwinden, son 
dern auch manche sachlichen Schwierigkeiten und Bedenken 
aufzulösen sein werden, ist klar. Drei Einwände insbesondere 
dürften sogleich gemacht werden: 
1, wird das Bedenken laut werden, daß durch den Aufbauplan 
der frei schaffende Architekt in ungebührlichem Maße geknebelt 
und die lebendige Fortentwicklung der künstlerischen Gestal 
tungsgrundsätze durch Festlegung des Entwurfes auf lange Frist 
unterbunden werden könnte. Dazu ist zu sagen, daß kulturell 
höherstehende Zeiten ebenfalls diesen Zwang, oft in noch viel 
schärferer Form ausgeübt haben und zwar mit bestem Erfolg. 
Nur Zeiten kulturellen und gesellschaftlichen Gleichgewichtes 
haben auf eine solche Regelung der Bautätigkeit verzichten 
können und trotzdem städtebaulich Wertvolles hinterlassen. 
Ein übertriebener Individualismus war noch immer Feind des 
Städtebaues als kollektiver Leistung. Und das zweite an sich
	        
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