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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 23.1928 (Public Domain)

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Richtungen, denen man es unmöglich allen recht 
machen kann. Im Sinne des vorschwebenden Ziels 
kommen dabei wohl in der Hauptsache drei Kate- 
gorien von Architekten in Frage: der altmodische, 
der moderne und der neumodische Architekt. 
Der altmodische Architekt mit seiner Abneigung 
gegen alles Neue, mit seiner falschen Auffassung 
vom Wesen raumkünstlerischen Gestaltens und seiner 
rein äußerlichen Vorliebe für eine bestimmte histo 
rische Formensprache war unserm alten Stadtbilde 
einmal sehr gefährlich, ist es heute wohl aber kaum 
noch. 
Modern ist zu allen Zeiten der wirklich verständige 
Architekt gewesen. Er begrüßt mit Freuden alle 
neuen Aufgaben, Baustoffe und Konstruktionen, die 
ihm neue Möglichkeiten zu raumkünstlerischer Be 
tätigung eröffnen. Er weiß, daß Baukunst Raumkunst 
ist und ihre Gesetze ewige sind, so daß es in diesem 
Sinne nichts grundsätzlich Neues geben kann. Er 
weiß, daß die Formen nur Ausdrucksmittel gleich 
der Sprache, also gegenüber dem auszudrückenden 
Gedanken etwas verhältnismäßig Nebensächliches 
bedeuten. So ist er allen Experimenten, die ihn 
vom Wesentlichen seiner Aufgabe ablenken könnten, 
wenig zugeneigt. Mit ihm wird der Konservator 
immer zu einer Verständigung kommen, er wird 
sogar sein bester Helfer sein. 
Ganz anders dagegen der neumodische Architekt. 
Er ist der Mann der großen Worte. Die ganze künst 
lerische Vergangenheit der Jahrtausende bedeutet für 
ihn nur eine Vorbereitung auf seine eigene über 
wältigende Tat. Aber diese überwältigende Tat ist 
mindestens alle fünf Jahre eine ganz andere, und das 
Neue, das noch nie Dagewesene, die Sensation, ist 
ihm die Hauptsache. Mit welchen Mitteln er dieses 
Neue erreicht, bleibt ihm vollkommen gleichgültig, 
und so auch alle ewigen Gesetze der Raumkunst, Heute 
gefällt er sich in der Häufung merkwürdigster 
Formenphantasien, und morgen lehnt er jede Form 
ab und jongliert ausschließlich mit kubischen Massen. 
Mit einer solchen Einstellung wird eine konserva- 
torische Zielsetzung selbstverständlich niemals Zu 
sammengehen können. 
Wollen wir nun den 
schweren Kampf um Er 
haltung unseres alten Stadt 
bildes mit einer solchen 
mannigfaltigen Gegnerschaft 
aufnehmen, so ist das erste 
Erfordernis, daß wir wissen, 
was wir wollen, das heißt, 
daß wir uns über die wirk 
lich wesentlichen Grund 
lagen der guten Wirkung der 
historischen Stadtanlagen 
auch vollkommen klar sind. 
Dieses Wesentliche wurde 
solange unter der forma 
listischen Brille des neun 
zehnten Jahrhunderts ganz 
falsch gesehen. Es war jene 
Zeit, wo man für jede 
Stadt ihren besonderen Stil 
konstruierte, das heißt die 
jenige historische Stilperiode, 
Abb. 9 / Danzig / Der 
Milchkannenturm mit 
neuer Brücke nach 
Beseitigung des 
Nebenturmes 
Abb. io / Danzig / Der Milchkannenturin in seinem heutigen Zustand [ Die Be 
seitigung der beiden Türme wurde von der städtischen Hocbbauverwaltung, diesmal 
aus verkehrstechnischen Gründen, verlangt 
Abb. ii / Danzig / Wie es aussehen würde, wenn man den Milchkannenturm beseitigte 
Der künstlerisch notwendige Raumabschluß ginge in diesem Falle verloren. Das 
Durcheinander der Bebauung käme doppelt stark zum Bewußtsein 
Abb. 12 / Danzig / Der Milchkannenturm mit neuer Brücke und einheitlichem 
Hintergrund f Architekt: Prof. 0. Kloeppel, Danzig
	        
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